Dostojewskis Arme Leute: (Kein) Geld verändert das Bewusstsein

„Arme Leute“, der erste Roman von Fjodor Dostojewski ist aus verschiedenen Gründen lesenswert. Mit nicht mal 200 Seiten ist das Buch ein vergleichsweise leichter Klassiker. Man muss keine Angst haben, dass einem ein schwerer Schinken auf den Fuss fällt, wenn man bei der Lektüre einschläft. Wer wach bleibt, dem skizziert der Autor präzise das Bewusstsein als einen hilflosen Spielball der Umwelt. Und das, während Karl Marx grade von seinen studentischen Sauftouren ausnüchterte und 50 Jahre bevor Sigmund Freud einen ansatzweise wissenschaftlichen Blick auf die Psyche versuchte. Dostojewski identifizierte in den 1840er Jahren das Geld als eine der stärksten psychoaktiven Substanzen. Dass eine Überdosis Geld den Charakter verdirbt, war freilich schon seit König Midas Allgemeinplatz. Den Horrortrip der Mittellosigkeit aber malt erst der russische Dichter in düsteren, lebendigen Farben.

Der Briefroman saugt den Leser in die Welt des unterbezahlten Beamten Makar Dewuschkin. Der arme Mann schreibt seiner unerfüllten Liebe, welche auch ab und zu antworten darf. Die extrem subjetkive Perspektive der Briefe macht die Klagen des verängstigten Unterprivilegierten beklemmend eindringlich. Die negative Weltsicht des Dewuschkin überschreitet oft den schmalen Grad zur Depression mit psychotischen und paranoiden Symptomen. Jedes Lachen empfindet er als Spott, er sieht sich von allen bedroht und betrogen. Daraufhin zieht er sich immer mehr zurück, meidet Arbeitskollegen und Mitbewohner. Mißtrauen und Isolation aber verschlimmern seine Stimmung. Die bewusstseinsverändernde Wirkung des Geldes wird umso deutlicher, als Dewuschkin schließlich eine gewisse finanzielle Sicherheit erlangt. Sein von Not getrübter Tunnelblick weitet sich schlagartig. Auf einmal kann er Menschen in die Augen sehen und mit ihnen Lachen. Für Glück und Liebe reicht das Geld dann zwar doch nicht ganz. Wer es aber bis dahin noch nicht wissen wollte, hat spätestens von Dostojewskis Armen Leuten gelernt: Kein Geld macht nicht nur ganz extrem unglücklich. Armut trübt die Wahrnehmung, dass man das Glück gar nicht mehr sehen kann.

Gold

Die Goldmünze ist eine antiquierte Darreichungsform des Geldes. Im Vergleich zu heutigen Finanzprodukten ist das Edelmetall noch sehr niedrig dosiert. Trotzdem kann es enorme Wirkung entfalten. Allein Gerüchte seiner Anwesenheit können Massenhysterie mit fieberartiger Erregung hervorrufen, den sogenannten Goldrausch. Die abgebildete Gedenkmünze ließ der Farmer Kruger zum Namenstag seiner Lieblings-Ziege Rand prägen, einem makellos weißen Tier, das zeitlebens nur auf Afrikaans meckerte.

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