Schöner kochen dank Opium

Von einem Reisenden bekam ich mal ein Gramm Opium aus Indien. Angeblich wird es dort gegessen. Aber geraucht funktioniert es auch. Es war schwarz und hart wie eine Glasscherbe. Wieviel ich nehmen sollte, wusste ich nicht. Also verabredete ich mich mit M zu einem experimentellen Abend. Wir rieben mit dem Messer Krümel von der Opiumscherbe und rauchten die in Selbstgedrehten. Es stank etwas muffig, schmeckte aber nicht unangenehm. Einen Rausch wie von Gras oder Bier verspürten wir nicht. Aber irgendwas war da. Wir versuchten dazu zu kiffen. Das schmeckte schlecht und wirkte nicht. Tabak dagegen schmeckte gut. Auch Rotwein war köstlich und wir wurden nicht betrunken. Ich schmiegte mich gerne an harte, kantige Möbel und konnte lange und bequem verharren. Der Abend verfloss mit angenehm belanglosen Gesprächen. Ich fühlte mich uralt und abgeklärt. Ungefähr ein Viertel das Gramms rauchten wir.

Ein andermal versuchte ich es nachmittags alleine. Zunächst spürte ich wenig. Dann machte ich mir etwas zu Essen. Ich kochte schon immer gerne. Aber oft etwas nervös und unsicher. Wenn die Zwiebeln schon schwarz brieten, musste in Sekunden eine fehlende Zutat vorbereitet werden. Oder das Chaos wuchs mir über den Kopf und landete auf dem Boden. Dieses Mal aber schnitt ich in Ruhe die Zutaten, bereitete Töpfe und Geschirr vor. Ich staunte: Es ist ALLES fertig. Da merkte ich schlagartig die Wirkung des Mohnsaftes. Ich spürte weniger als nichts. All die kleinen Schmerzen der Existenz, ein schief aufgesetztes Knie beim Treppensteigen, das empfindliche Fußgelenk, der vom Rauchen gereizte Hals, ein juckender Mückenstich: Verschwunden, als sei es nie dagewesen. Nur ich im geschmeidigen, zufriedenen Körper. Wer unter Schmerzen leidet, wird bestimmt schnell süchtig. Ich kannte nur Langeweile als Lebensproblem und konnte mit dem Opium nichts anfangen. Das restliche Drittel schenkte ich einem frisch verliebten Pärchen. Ich hatte keinen Partner und die Droge soll schön sein für die Liebe. Seit dem koche ich nicht besser, aber entspannter.

Organisiert kochen

Opium dämpft den Appetit, weckt aber Ordnungssinn und Freude an kontemplativer Bastelei mit gewissenhafter Vorbereitung. Das Ergebnis kann dann zufriedenstellend lecker ausfallen.

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2 Gedanken zu “Schöner kochen dank Opium

  1. Finde es immer wieder schön von Menschen zu lesen oder hören, die aus einmaligem oder seltenem Konsum einer Substanz etwas gewinnen, das ihr Leben bereichert.

    Achso und das mit dem Stress-Kochen kenn ich nur zu gut, insofern freut es mich doppelt 😉

    Gefällt 1 Person

    • Du sprichst einen Interessanten Punkt an: Ich glaube, dass Ausnahmesituationen den Verstand für neue Erkenntnisse öffnen. Also längst nicht nur Drogen, auch fremde Umgebung oder jede schöne oder schockierende Überraschung. Das würde auch erklären, warum gewohnheitsmäßiger Konsum nicht mehr erhellt, sondern nur noch breit macht…

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