Der Kater

Den Kater traf ich auf einer Urlaubsreise, er war ein Freund von Freunden. Der Fotograf und sein Bruder, der Zeichner, hatten mich eingeladen, im Sommer nach Südfrankreich mitzufahren. Sie hatten einen alten, kleinen Camper mit einer Schlafkoje, ein winziger, umgebauter Minivan aus der Zeit, als es das Wort Minivan im Deutschen noch nicht gab. Damit ging es also quer durch Frankreich über Landstraßen, eine verstörende Nacht voller Joints und Verkehrskreisel, bis an die schnurgrade Atlantikküste zwischen Bordeaux und Biarritz.
Der Kater sah aus wie ein dürrer Kater, sein Grinsen war breiter als sein Gesicht. In meiner Erinnerung sind sogar seine Augen gelb. Aber nicht dämonisch, sondern freundlich, alles dämonische nach innen gekehrt. Nach außen war nur unbändige Fröhlichkeit, seine traurige Seite durfte niemand sehen. Der Kater interessierte sich eigentlich nicht für Drogen. Er brauchte keine Stimulanzien, er brannte aus sich selbst. Aber wenn er fröhlich war, feierte er jedes Fest mit. Seine ansteckende Euphorie schenkte er uns und ich glaube, sie trug die gute Stimmung in diesem Urlaub.

Natürlich passierte nichts übernatürliches. Der französische Staat postiert eben all seine Polizei, uniformiert in allen sieben Nationalfarben an Straßen, um verlotterten Touristen ihr Haschisch wegzunehmen. Und wenn der Suchhund nichts findet, konnte er sich halt nicht entscheiden, welches der zehn Verstecke er zeigen sollte. Und wenn man seinen Pullover in einem Café vergißt und just in dem Moment wo man es bemerkt, einen gleichwertigen in der selben Farbe an einer Gartenmauer hängen sieht, dann ist das wohl der gelösten Ferienstimmung zuzuschreiben.

Natürlich war nicht jeder Tag sonnig und manchmal war der Himmel grau. Der Fotograf und der Zeichner sind besondere Brüder, ihre Lebensentwürfe unterschieden sich grundlegend. Der Fotograf sparte sich sein Leben vom Munde ab. Der Zeichner lebte von der Hand in den Mund. Das kann zu Spannungen führen. Der Kater mochte keine schlechte Stimmung. Er verschwand dann. Die Erkenntnis sickerte nur langsam durch. Zu Mittag bemerkten wir seine Abwesenheit. Irgendwann später sah jemand, daß auch sein Gepäck fehlte. Wir schauten kurz durchs Auto, als wir auch seine Geldbörse nicht fanden, ließen wir es bewenden. Die Brüder wirkten besorgt, aber nicht überrascht. Er mache das wohl so, der Kater. Nach drei Tagen tauchte er wieder auf. Frei und unbeschwert hatte er in den Korkwäldern hinter den Dünen gelebt und nackte Franzosen in ihrem natürlichen Habitat beobachtet.

Frei und unbeschwert lebten wir alle. Wer im Juli ohne Vorbereitung an die französische Küste fährt, findet auch für Geld keine reguläre Unterkunft. Wir schliefen am Strand und der Camper stand auf einem öffentlichen Parkplatz hinter den Dünen. Für Sicherheit sorgte eine stattliche kleine Wagenburg junger, feierfreudiger Briten, mit denen sich auch französische Ordnungshüter nicht anlegen wollten. Die waren sowieso viel zu Beschäftigt, mit Haschischsuchen an Reiserouten.

So trafen wir verschiedene britische Volksstämme. Die Engländer allgemein waren trinkfreudig und wettbegeistert. Dann gab es noch walisische Zwillinge mit einer besonderen Eigenschaft. Kennt noch jemand Herrn Tur Tur, den Scheinriesen aus Michael Endes Jim Knopf, der größer erschien, je weiter er entfernt war? Die blonden Waliserinnen konnten ähnliches: Aus der Ferne betrachtet waren sie extrem attraktiv anzusehen. Den Holzsteg vom Dünenkamm zum Meer hinunter zu schlendern, wenn sie sich bei Sonnenaufgang unter der Stranddusche wuschen, ist eine sehr angenehme Ferienerinnerung.

Manx wiederum sind eine eigener Stamm. Ihre Heimat, die Isle of Man, ist eine Steueroase. Einfache Bauern betätigen sich mit großem Erfolg im Finanzsektor, ihre Söhne bringen die Überschüsse in den Sommerferien durch. Die Manx wachten gegen 12 Uhr auf. Dann wirkten sie etwa eine Stunde lang erschreckend krank. Bis die erste Schnapsflasche auftauchte und sie voller Energie den nächsten Schabernack planten. Das reichte von lebensgefährlichen Seefahrten mit Luftmatratzen bis zum vollmaskierten Sturm auf die Kneipe, in der sie Hausverbot hatten. Zwei von dreien kamen mit der Taktik am Türsteher vorbei.

Der schönste Urlaub geht vorbei und ich hatte einen neuen Freund gefunden. Wir machten uns keine Sorgen um den Kater, es lief gut. Er besuchte einen fähigen Arzt, bei dem er sich wohlfühlte. Und er traf ein liebes, starkes Mädchen. Als ich sie zusammen traf, hatte ich guten Charras. Bei mir bewirkte das hochreine Harz nurmehr ein Kribbeln hinter der Stirn. Der Kater und seine Freundin aber rauchten wenig. Sie lachten wie die Kinder und wollten direkt auf den Boden sinken. Wir freuten uns mit ihnen. Dann, im November, verdarb ihm etwas die Stimmung und er ging wieder weg. Erst nach Tagen wagten seine Mitbewohner einen Blick in sein Zimmer. Diesmal hatte er Geld und Papiere dagelassen. Er hatte entschieden, daß er sie nicht mehr brauchte.

Raubtier

Betroffene schildern die große Traurigkeit als treuen, schwarzen Hund. Mir als Außenstehendem kam sie eher vor wie eine mächtige Raubkatze. Wenn sie sich zeigt, dann bewundernswert kraftvoll und elegant. Meist jedoch bleibt sie verborgen, irgendwann schlägt sie Beute lautlos in der Dunkelheit.

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17 Gedanken zu “Der Kater

      • Ja. Es ist halt eine Frage der Motivation. Und für Freunde, die sich nicht mehr beschweren können, strengt man sich eben mehr an. Klar, wär schön, wenn’s ohne Mühe immer gut würde. Wie auch immer. Ich werd mir Mühe geben.

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      • Das ist ein schöner Satz „Für Freunde, die sich nicht mehr beschweren können, strengt man sich eben mehr an“.

        Dein Text klang aber gar nicht Mühevoll. Im Gegenteil. Er hat „soul“, vtl würde man im Deutschen“Herz“ sagen, doch das klingt zu kitschig und trifft nicht zu.

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      • Nee, auf deutsch wäre das häßlich. Da müsste dann von Geilheit wegen der Waliserinnen sprechen. Aber Britinnen mit unvollständiger Kosmetikausrüstung sind nun mal aus der Nähe betrachtet ziemlich Gewöhnungsbedürftig. Und ich erwähnte noch gar nicht, die Reise stand unter dem Motto „Kein Dope an Franzacken!“ Das führt dann auch zu, sagen wir mal, Druckstaueffekten, wenn die Franzosen ihre barbusige kleine Schwester zum Fragen vorschicken…

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  1. „….er brannte aus sich selbst.“
    Welch ein Wort
    Antwort auf all jene dunkelnde Kälte
    entkräftende Lichtlosigkeit

    Liebender Alicie danke für den wunderbaren Soff

    Dir Joachim von Herzen
    trunken vom Wein aus dem noch immer gesuchten Becher
    lacht
    Hunde sind Freudentiere
    Ich gehe vor die Hunde
    Mit Ihnen
    Für Dich

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