MDMA – Liebe ist eine Tablette

Extacy ist mir fremd. Ich probierte nur wenig und mochte es nicht. Darüber zu schreiben fiel mir schwer, also ließ ich andere schreiben. Ich hoffe, der Pillen-September hat Euch gefallen. Ich verletzte Prinzipien der drogenpolitik, es ging nicht anders. Eigentlich sollten hier keine Tripberichte stehen, also unreflektierte Protokolle von unmittelbaren Drogenerfahrungen. Die Wirkung von MDMA ist aber, bei euphorischer, alles verherrlichender Grundstimmung ein ungehemmter Blick auf die eigene Psyche. Auch ernstzunehmende Wissenschaftler diskutieren die Droge als möglichen Unterstützer für Therapien. Deshalb erschienen mir Berichte, geschrieben unter Drogeneinfluss, sehr eindringlich und passend.

Ich kann hier nur meine Wikipedia-Recherche referieren. Das Thema ist noch nicht zuende erzählt. Auch das eine typische Wirkung: Nichtaufhörenkönnen. Nichtaufhörenwollen. Es passiert nichts spektakuläres, nur die kleinen Freuden, bekannt aus dem Alltag. Das leichte, befreite Gefühl, wenn man einen schweren Wanderrucksack absetzt. Wenn man zu seinem Lieblingslied durchdreht und die Welt um sich vergisst. Die unendlichen Minuten, wenn man nach der Liebe gemeinsam in den Schlaf gleitet. Alles verstärkt und vor allem unnatürlich verlängert, stundenlang.

Bis in die 80er Jahre war MDMA vollkommen legal erhältlich. Da war die XTC-Pille immer nur aus MDMA. Heute weiß keiner, was man schluckt. Der Schwarzmarkt bietet neben Pillen inzwischen Pulver als reines MDMA. Zu meiner Zeit, so um die Jahrtausendwende hieß es, die Pillen seien ein Gemisch aus MDMA und Amphetamin, also Speed. Das MDMA für die Fröhlichkeit, das Speed für die Energie.

MDMA, 3,4-Methylendioxy-N-Methylamphetamin ist ein Phenylethylamin. Ein Oberbegriff für Moleküle, die aus einer Ringförmigen Phenylgruppe und einer Ethylkette bestehen. Zufälligerweise ähneln sie den Aminosäuren Phenylalanin und Tyrosin. Die benutzt unser Körper gern als Grundlage für Neurotransmitter, also Botenstoffe im Gehirn. Und deshalb, gar nicht so zufällig, bewirken viele dieser Phenylethylamine erstaunliche Effekte. Herr Shulgin, ein Art Papst des therapeutischen Drogengebrauchs, hat viele Phenylethylamine erforscht. 179 verschiedene beschrieb er in einem Buch mit dem seltsamen Titel PIHKAL. Es ist also eigentlich nicht so schlimm, wenn eine Pille mal kein MDMA, sondern irgendwas anderes enthält. Solange man nicht davon stirbt. Richtig giftig sind die Phenylethylamine wohl nicht. Aber man kann sich damit buchstäblich zu Tode freuen. Überhitzung und Wassermangel sind typische Ursachen für Komplikationen.

MDMA ist synthetisch, es kommt so nicht in der Natur vor. Die Firma Merck patentierte es um 1913. Die Drogenwirkung entdeckten aber erst in den 1960ern Shulgin oder seine Schüler. MDMA wird oft aus Piperonal hergestellt. Das ist ein künstliches Aroma der Lebensmittelindustrie. Und war lustigerweise Anlass eines Rechtsstreits zwischen der Firma Ritter Sport und Stiftung Warentest, die dem Schokoladenherteller Etikettenschwindel vorwarf. Das OLG München entschied zugunsten der Industrie, Piperonal ist natürliches Aroma, weil der amerikanische Hersteller das sagt.

MDMA wirkt als Releaser von Serotonin und anderen Neurotransmittern. Es bewirkt, daß die Gehirnzellen den eigenen Serotoninvorrat vermehrt ausschütten. Die schönsten Beschreibungen der Wirkung fand ich nicht unter „MDMA“, sondern beim Artikel „Serotonin„:

Serotonin, das sich im Zentralnervensystem in den Zellkörpern, den Somata serotoninerger Nervenbahnen in den Raphe-Kernen befindet, deren Axone in alle Teile des Gehirns ausstrahlen, beeinflusst unmittelbar oder mittelbar fast alle Gehirnfunktionen.

Zu den bekanntesten Wirkungen des Serotonins auf das Zentralnervensystem zählen seine Auswirkungen auf die Stimmungslage. Es gibt uns das Gefühl der Gelassenheit, inneren Ruhe und Zufriedenheit. Dabei dämpft es eine ganze Reihe unterschiedlicher Gefühlszustände, insbesondere Angstgefühle, Aggressivität, Kummer und das Hungergefühl.

Also die wahre echte Liebe, die da als Serotonin aus den Gehirnzellen tropft. Eigentlich normale Gefühle, nur ziemlich extrem viel intensiver. Nach dem Trip ist aber erst mal vorbei mit schönen Gefühlen. Das MDMA laugt die Serotoninvorräte aus, daß sie gut 4 Wochen Erholung brauchen. Nicht umsonst gehen depressive Krankheitsbilder oft mit Serotoninmangel einher. Langzeitkonsumenten berichten, ihre Emotionen seien ausgebrannt. Bei häufigem Konsum können die Pillen nicht mehr richtig wirken. Viele konsumieren trotzdem wöchentlich. Nicht nur der Stoff mit der angenehmen Wirkung, auch das Partyumfeld erzeugt eine Art Suchtverhalten. Die betroffenen schleppen sich wie gefühlstote Zombies durch ihren Alltag, einziger Lichtblick ist das Wochenende. Genau wie nichtkonsumierende Arbeitnehmer auch.

rosarot

Menschen, die sich für Extacy-Pillen interessieren, interessieren sich auch für öffentliche Tanzveranstaltungen. Da unterwerfen sie sich freiwillig einer strengen Diktatur von rosaroter, chemischer Liebe.

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Und Ende

katze-verstrahlt

Der Sound zum Text (Warnhinweis: Menschen, die gegen elektronische Musik eine angeborene Abneigung empfinden oder erworbene Vorurteile pflegen, sollten das verlinkte Musikstück auf gar keinen Fall anklicken.) 

Punkt. Jetzt is‘ wohl Schluss. Immer ein trauriger Moment, man wünscht sich zurück, zur allerersten Pille, zurück zu den großen Bassboxen, zwischen die kunterbunten Menschen, zurück in die andere Welt, die vollkommen großartig ist. Naja, es gibt Schlimmeres. Eigentlich darf man sich nicht beklagen, wenn man sich den Luxus leisten kann, für 15 € Eintritt gemeinsam Musik zu zelebrieren. Und den übermäßigen Konsum gewisser Rauschmittel. Rein evolutionsbiologisch ist das alles Andere als lebensnotwendig.

Schluss mit Philosophie. Geht auch gar nicht mehr. Nur noch die harten Fakten: die Pillen. Davon habe ich mir seit Freitagabend so 5 Stück gegeben. Was sehr viel ist für mich. Das hätte ich mir vor ein, zwei Jahren nicht zugetraut. Hätte es für meinen sicheren Tod gehalten, oder zumindest die Einweisung. Aber mit regelmäßigem Konsum steigt die Toleranz. Wo anfangs ein Viertel reicht, brauch ich heute eine Ganze für denselben Effekt. Aber wenn der dann da ist, ist es einfach göttlich. Deine optische Wahrnehmung verändert sich, das Bild zittert. Du spürst, erst ganz leise, dann immer aufdringlicher dieses Gefühl in der Brust anfluten, diese vollkommen unbegründete Glückseligkeit. Alles wird dumpf, du hörst wie durch Ohrenwärmer, reagierst langsam. Und irgendwann kommt der Moment, da wird plötzlich alles bewusst, du spürst die Lähmung, wie du immer doofer wirst, das Teil haut rein. Doch bald verschwindet der Matsch in deinem Hirn. Löst sich auf in absolut klare, unmissverständliche Freude und unaufhaltsamen Tatendrang. Du beginnst, wirklich darauf zu scheißen, was andere denken. Du mußt einfach aufspringen, stürzt dich in die Musik, tanzt und tanzt und tanzt… bewegst dich nicht mehr eigenständig, lässt deinen Körper machen, was sich gut anfühlt, versinkst im weichen, harten, perfekten Bass, wirst Eins damit… driftest zwischendurch ab, führst sinnlose Gespräche, umarmst wildfremde Leute… Immer wieder wabern wohlige Schauer über den Rücken, den Nacken hinauf bis über die ganze Kopfhaut, Gänsehaut, mehr davon!
…bis so nach zwei, drei Stunden das nächste Ding geworfen wird. Alles steigert sich, dein Hirn arbeitet auf Hochtouren, pumpt auch die letzten Restchen Serotonin, Noradrenalin und Dopamin in deinen unterversorgten Körper, deine Muskeln und Gelenke leisten Schwerstarbeit und gehorchen dem Rhythmus.

Tja, und irgendwann ist halt Schluss. Serotonin ist alle. Du kommst nach der Party nach Hause, vollkommen geplättet, egal, noch ne Nase, noch n halbes Teil und ca. 568 neue Projekte anfangen, die nie fertig werden. Ziel ist mittlerweile nicht mehr die Freude, die Extase. Nein, Ziel ist jetzt nur noch, nicht runterkommen, sich irgendwie noch mehr verklatschen.

Ungefähr das ist der Status jetzt. Ich sitze auf der Couch, der Fernseher läuft, ich schreibe meinen Blogeintrag und habe noch den Rest vom letzten Teil liegen. Ich weiß, das wird mich nicht mehr euphorisieren, aber nochmal bisschen matschiger machen.

Die Tastatur fängt an sich zu bewegen. Zumindest haben wir eben was gegessen und natürlich viel getrunken, ansonsten geht’s einem richtig scheiße. Mir geht’s grad ganz gut aber ich kann kaum mehr flüssig tippen. Meine Henkersmahlzeit wartet in Form eines trügerischen Stückchens, der letzte Rest der Extase der letzten Nacht.

Schlaf gut. Ich werd’s ganz sicher!

(Dieser Text erschien zuerst hier auf Libras Blog Self im Mai 2015. Das Foto hat Libra eigenhändig aus dem Internet geklaut.)

Das beste Bier der Welt – St. Bernardus Abt 12

Bei meinem belgischen Erweckungserlebnis wurde mir St. Bernardus Abt 12 Empfohlen. Ich merkte mir das, aber rechnete nicht wirklich damit, bald eins zu bekommen. Ein günstiger Zufall jedoch führte mich ins total durchgentrifizierte, aber immer noch rotzedreckige Grenzgebiet von Mitte und Prenzlauerberg. Dank Gentrifizierung macht da an jeder Ecke ein Dealer auf, um die Billigpilssäufer vom Späti zu vergraulen. Da finde ich unverhofft St. Bernardus Abt 12 in der 0.7 l-Champagner-Flasche. Schön und gut. Aber so eine Menge Stoff mit 10% Alkohol kann ich alleine schwer bewältigen. Ich bin froh, wenn ich hier, mit einer Nicht-Konsumentin in partnerschaftsähnlichem Eheverhältnis lebend, Drogenpolitik betreiben darf. Da will ich eigentlich nicht völlig betrunken durch die Wohnung torkeln. Auch wenn Leser anderes von mir erwarten, bin ich nur noch bedingt trinkfest. Aber ich wollte auch nicht auf Besuch warten, mit dem man belgische Brauspezialitäten verkosten kann. Deshalb schuf ich mir die Gelegenheit kurzerhand selbst.
Ich schloss mich zunächst in der Küche ein, mit ’nem großen Stück Rindfleisch, Kartoffeln und Tierfett und machte Steak mit Pommes. Steak kommt gut an bei uns. Und beim Kochen braucht es natürlich ein Glas Bier.

Das schmeckt vom ersten Schluck an fantastisch. Könnte das beste Dunkelbier der Welt sein. Die Zungenspitze fragt zaghaft: Ist das nicht bißchen süß? Aber der restliche Mund, nein, der ganze Körper jubiliert. Ein volles Getränk, so perfekt komponiert, dass einzelne Geschmacksnoten nur schwer herausstechen. Gleichzeitig sauer, und herb. Dabei weich, rund und bitter wie Kakao. Über allem dieser typische Duft von belgischer Hefe, nicht aufdringlich, sondern fein, ein zarter Sopran vor gutturalem Männerchor. Mit derselben sanften Harmonie breitet sich der Alkohol im Körper aus. Bewußt nehme ich wahr, wie sich die differenzierenden Geschmacksnerven verabschieden. Übrig bleiben nur Heiterkeit und Wohlgeschmack. Ein guter Schluck wandert zur Abrundung in die Soße, was mir kritische Bemerkungen wegen der Bitterkeit einbringt. Für mich schmeckte zu diesem Zeitpunkt alles nur noch gut. Das Steak wurde trotzdem restlos vertilgt, so schlimm bitter kann’s nicht gewesen sein.

Beim zweiten, unter voller Alkoholwirkung genossenen Glas konnte ich die Braukunst nicht mehr würdigen. Gleichwohl stellten sich erstaunliche Geschmackshalluzinationen ein. Mal glaubte ich, ein fruchtiges Weizen zu trinken. Der nächste schluck schmeckte prickelnd erfrischend wie Pils, nur ohne den wässrigen Abgang.

Am nächsten Tag blieb ein hefig-aufgeschwemmter Bierkater. Aber mit so einer positiven Erinnerung, daß ich sogleich zu einem Dealer ging, um Nachschub zu besorgen. Im Verkaufsgespräch bestätigte der Rauschmittelfachverkäufer, Abt 12 sei wirklich das beste Bier der Welt, mit 100 Punkten als perfektes Bier gelistet. Ich frag mich zwar, wer das listet, die Biertrinkergewerkschaft? Die einzig wahren, aussagekräftigen Biertests gibt es doch nur in Blogs. Als Blogger sage ich nun aber: Das ist wirklich eines der besten Biere der Welt.

In der drogenpolitischen Bewertung muss ich kleine Abstriche hinsichtlich des Suchtpotentials machen. Hätte ich ein großes Faß davon, würde ich ab jetzt jeden Tag mit einem Abt 12 beginnen. Aber es kommt in Flaschen. Und da reift es nach. Immer, wenn man am Kühlschrank vorbeikommt und zugreifen will, mahnt das Genießer-Gewissen: Mit jedem Tag, den Du wartest, wird es leckerer! Und so eine eingebaute Mäßigungsfalle ist für eine ordentliche Rauschdroge nun wirklich unpassend.

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Weiterer Minuspunkt ist die irreführende Werbung auf dem Etikett: Beim Anblick eines katholischen Geistlichen aus Belgien, debil grinsend mit Rauschtrank in der Hand, denkt man an pappsüße Plörre, die Minderjährige willenlos macht. Abt 12 ist aber ein total erwachsenes, richtig bitteres Bier, nur für Leute, die echtes Bier mögen.

Text zur Nacht REMIX: Draußen vor der Tür

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„Ich bin froh wenn ich drin bin“, raune ich. „Dieses Anstehen kotzt mich immer total an.““
Sierra: „Ja, Türstehersituationen regen mich auch immer auf. Und dann diese Kerle, die sich wichtig vorkommen, weil sie auf der GÄSTELISTE stehen.“ Er schüttelt den Kopf, äfft einen Proll nach: „Hey, ich kenn‘ den Türsteher. Höhö! Kein Mensch würde sich für Typen wie motherfuckin‘ Türsteher interessieren. Nur weil sie diesen Job haben, kommen sie sich toll vor. Wie bei der Bundeswehr, lauter elende Persönlichkeiten.““

Ich nicke. Ich bin niemals von einem Türsteher abgewiesen worden. Vielleicht, weil ich sehr deutsch aussehe. Vielleicht, weil wir oft total verfrüht in einen Club gehen, wegen der langen Anreise, oder, weil wir dann sicher reinkommen; wenige Türen werden mit der Nacht leichter.

Einmal kam ein Kollege nicht ins Ultraschall in München, weil er mit seinen Schwarzlochaugen einfach zu druffgeschossen aussah. Das war er natürlich auch. Aber gerade das Schall! Diese längst geschlossene Kultinstitution des zerebralen Rausches, wo Techno auf seine Art mit geformt wurde. Zwar nur als bayrischer Ableger, sozusagen Trabantenstadt von Berlin/Frankfurt. Aber genau dort (ja GENAU hier!) hieß es: Sorry! So nicht.“
Nach meinen naiven Vorstellungen sollten Technoclubs ein Zufluchtsort für alle Druffis sein – wo denn sonst, wenn nicht hier? Hier, wo Drogen zwar auch Asozialität und Kaputtness transportieren, aber grade weil man irgendwann total endfertig und glücklich auf einem Sofa sitzt, in der Ecke liegt oder auf der Tanzfläche johlt. Ein Auffangbecken also für alle Verlorenen, Gestrandeten, Verirrten und ihre Freunde.
Wo wenn nicht hier? Und wer, wenn nicht wir?

„“Manche lassen Einen dann doch rein, wenn man betrübt und aussortiert in der Ecke steht“, fährt Sierra spuckend fort, „weil die Mit-leid bekommen. Drauf geschissen auf ihr Mitleid.““
„“Mitleid würdigt Menschen herab.“ nicke ich.
„“Nee mein Freund. Türsteher würdigen Menschen herab. Das hat Techno nicht verdient. Klar, keiner will mit jedem Deppen herumhängen, aber den Faschismus der Coolness kann man auch anders angehen. Wobei: Gegen gute Security hat kein Mensch was. DAFÜR bezahle ich auch. Aber nicht für Selektion.“

Und dann sind wir da. In einem schmucklosen Hausdurchgang versteckt sich die Registratur, mitten im Wohnviertel. Noch in München, aber man fühlt sich wie in einem Vorort. Die Schlange der Wartenden ist weder lang noch kurz. Wir stellen uns an. Brav wie wir sind. Vor uns neben uns, neben und hinter uns die Nachtmenschen. Und natürlich ein paar Trottel die sich vordrängeln.

Noch. Hören wir nichts von der Nacht. Noch. Schweigt der Bass, doch sein Versprechen liegt in der Luft. Herrlich die Anspannung und Aufregung in meinen Fingerspitzen.

„Die Szene hat sich ganz schön verändert“, stellt Sierra fest, als er die Leute begutachtet.
„“Ist ja auch Electro, nicht Minimal“, merkt der schlaue Andi an. Doch Sierra schüttelt nur den Kopf: „Yo, aber das ist es nicht. Bei Electro wird zwar mehr gesoffen und ganz anders gedanct, aber mir fehlt die Drogen- und Feierkultur. Wisst ihr, FRÜHER lagen in der Chilloutzone immer Feierzerstörte, druff wie ein Scheißhaus, aber glücklich. Unerträglich glücklich manchmal, besonders, wenn man selber NICHT druff ist, aber die Menschen waren befreiter.“
„“Es werden halt weniger Drogen genommen“, füge ich hinzu. Auch das lässt Sierra, mit Kippe im Maul, nicht gelten: „Schon noch, aber weniger exzessiv. Früher hieß der Schlachtruf: Abfahrt! Jetzt gibt es keine Abfahrt mehr. Entweder du bist in Berlin, wo das ganze Wochenende auf dem gleichen Level, permanent zerstört, gefeiert wird. Ich weiß, du findest Minimal langweilig.“ Sagt er zu mir. „ODER du bist im Rest der Republik unterwegs, wo selbst Techno politisch korrekt geworden ist. Es darf NUR NICHT AUFFALLEN, dass man druff ist. Das ist nur noch ein Witz. Erst haben wir unsere Freiheit in Clubs und Raucherzonen verlegt und dann schämen wir uns dafür, wenn wir in diesen Freiheitsbereichen unterwegs sind.“ (Merke: „Unterwegssein“ ist ein Wortspiel für Dichtsein)
„“Möglich“, zucke ich die Schultern, „vielleicht liegt es auch am Minimal. Zu extremer Musik muss man sich extrem zerstören. FRÜHER war die Musik extrem.“
Andi: „Das glaubst doch selbst nicht.“…
Noch mal Schulterzucken. „Nö, aber ich finde Minimal langweilig.“
Andi: „Und Electro ist Kirmestechno.“
„Das würde ich nicht bestreiten.…“

Die Schlange trottet voran. Und dann geschieht genau das, was wir vorhin so niedergelabert haben. Manchmal füllt man die Klischees, die man ablehnt, ziemlich schnell selbst aus.

„“Dünnsack? Bist du es?“ ruft es von den Türstehern.
„“Hm?“ Andi dreht sich chemikalisch verstört um und blickt in jede Richtung, außer dahin, wo die Frage herkam. Ich nicke Andis Blick zu den Türstehern. Er guckt hin, lacht ein Lächeln und geht nach vorne. Die Fäuste des Securitys und des Gastes treffen sich. Irgendwas wird gesprochen. Dann werden wir zu ihnen gewunken. Auf die uncoole, trottelige Art. So wie Kinder winken würden, was nicht einer gewissen Sympathie entbehrt. Die Andi-Art also.
„“Ihr seid die Freunde vom Dünnsack?“ fragt uns der bullige, kleine Türke an der Tür. …
Sierra und ich: „Öh“
Der Türsteher: „Ihr könnt auch umsonst rein. Dünnsacks warme Freunde sind auch meine Freunde.“

Vielleicht. Hat Sierra es überhört. Dieses Warme. Vielleicht wollte er es überhören. Ich aber: „Wen nennst du hier warum warm?“
Nebenbei: Ich habe kein Problem, wenn mich jemand für schwul hält. Das kommt nicht zum ersten Mal vor, ich habe mir angewöhnt, das als Kompliment zu sehen. Denn. Im Regelfall werden nur gepflegte Männer mit einer gewissen Goodlooking-Ausstrahlung für homosexuell gehalten.
„Nun ja,“ meint er von unten zu mir mit seinem deutlichen Akzent, „du hängst mit dem Dünnsack rum. Ich sehe dich. Sehe ihn. Da zähle ich Eins und 1 zusammen.“ Er grinst dabei.

Ich kratze mich mit einem Finger an der Wange, lasse meinen Blick kurz nach oben wandern, dann: „Ich habe eine Freundin. Die ist Prostituierte.“…“
„“Wundert mich nicht.““
Wir Beide: BLICK.
„…“Und die erzählte mir mal, dass unverheiratete, strenggläubige muslimische Männer zu ihr ins Bordell kommen. Erst dachte ich, damit sie dort die Nutten knallen, aber weit gefehlt. Nein.“ Ich lege eine kleine affektierte Kunstpause ein. „Meine Freundin wird dafür bezahlt, dass sie sich einen Gummidildo umschnallt, um es den osmanischen Brüdern von hinten zu besorgen weil… Das nicht gegen den Glauben verstößt…“ Noch mal eine Pause. Wir sehen uns an. Ich ihn von oben. Er mich von unten. Beide legen wir einen coolen Machoblick hin. Dann. Lächeln wir. „Also“, beginne ich wieder, „ich kenne diese Geschichte. Und ich sehe dich, ich zähle 1 und Eins zusammen, und…“
Den Satz lasse ich offen stehen. Wie meinen Mund und fahre mir mit meiner Zunge von links nach rechts darüber und grinse: „Hm!“
Wir: Grinsen uns an.
„Wie heißt du?“ nickt der Türsteher mir zu.
„“Fleming.““
„“Und mein Name ist Taylan.“ Er reicht mir die Hand. Ich nehme sie. „Du scheinst in Ordnung zu sein. Mumm zu haben. Respekt kann man sich verdienen. Was hängst du mit so einem Typen wie dem Dünnsack herum?“
„“Ganz einfach. Er ist ein Freund.“
„“Wirklich?“
Wir sehen Beide zu Andi und Sierra hinüber.
„“Schätze schon. Zu Freunden steht man, egal wie kaputt sie sind.“
„“Ich hoffe mal, Fleming, dass du dich nicht täuschst. Habt noch viel Spaß heute Nacht.“
„“Ich danke dir. Wir sehen uns.“
„“Bestimmt. Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.“

(Redaktionelle Anmerkungen und Nachweise: Diese Szene stammt von gegenvernunft, es handelt sich um einen Remix der Blogbeiträge „Text zur Nacht“ 104, 105, 106 und 107. Die Redaktion von meinedrogenpolitik bedankt sich herzlich für diesen Beitrag zu unserem Pillen-September.
Der Blog Strategien gegen Vernunft handelt von Literatur und elektronischer Musik. Wer wissen möchte, wie die Partynacht begann, sollte den Ur-Text zur Nacht lesen.
Die Textbearbeitung und das Foto sind von Alice Wunder. Die Zeichnung stammt aus einem Film von Mamoru Oshii, noch bis zum 16. Oktober 2016 zu sehen in der Tchoban Foundation, Museum für Architekturzeichnung, Berlin.
)

Serotoninbob Schwammpillenkopf

Den September widmet die drogenpolitik der Fröhlichkeitspille MDMA oder Ecstacy. Mangels ausreichender eigener Erfahrung helfen freundlicherweise andere Autoren. Julietta produzierte diese interessante Skizze über die pharmakologische Wirkung von MDMA, geschrieben unter dem akuten Einfluß der Droge. Eigentlich mag ich keine Tripberichte und Drogenkunst, bevorzuge reflektierte Analysen mit zeitlichem Abstand zur Konsumerfahrung. Aber hier wird die Wirkung sehr stimmig und nachvollziehbar auf den Punkt gebracht.

Mein Dopaminleck

Warum kann man auf Ecstasy alles mit so einer gewaltigen Gelassenheit betrachten? Ganz einfach! -> wegen dem Seritoninüberschuss. Diese chemische Verbindung ist äußert vielfältig. Es ist ein Hormon und ein Botenstoff. Es ist im zentralen Nervensystem, im Darmsystem, im Herz-Kreislaufsystem und im Blut. Also in unseren Körper. Aber nicht nur da ist es zu finden, auch Amöben und Pilze stellen Serotonin her. Zudem kann man es mit der Nahrung aufnehmen. Es kommt mitunter in Tomaten, Walnüssen, Kiwis, Pflaumen und Kakao vor.

Ohne Seritonin wären wir nur sowas wie Zombies, denn dieser Botenstoff erledigt wichtige Aufgaben in Sachen Wahrnehmung. Durch das Serotonin wird unsere Körpertemperatur richtig eingestellt und Schmerzreize werden dem Gehirn gemeldet. Zudem sprudelt es beim Koitushöhepunkt über, was positiv auf die Fruchbarkeit wirkt. Außerdem bestärkt es eine positive Stimmung. Der edle Serotoninritter sorgt für inneren Frieden und bringt Gelassenheit. Während Sero hoch auf seinem Ross Positives bringt, unterdrückt er…

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