Zigaretten stopfen

Der Kauf eines Vaporizers zum Hanfverdampfen stürzte mich, ich berichtete, in eine mittelschwere Identitätskrise. Hielt ich mich lange Zeit für den großen Kiffer, mußte ich auf einmal feststellen, daß ich nur ein gewöhnlicher Tabaksüchtiger mit etwas ausgefallenem Geschmack bin. Nach einigen Monaten ohne dieses schädliche Suchtmittel erschüttert mich diese Geschichte besonders, welche Katrin Musikhai, die unerschrockene Korrespondentin aus dem Altenheim berichtete:

Meine Erlebnisse im Altenheim

Rauchen ist nicht nur teuer, sondern auch gesundheitsschädlich und macht sowohl körperlich als auch psychisch abhängig. Das sollten genug Gründe sein, um auf das Rauchen zu verzichten. Heute ist es tatsächlich so: die Zahl der Raucher geht zurück. Trotzdem gibt es immer noch Raucher, die „ihre Zigarette“ brauchen.

Herr P. ist einer von ihnen. Damit er sein ganzes Taschengeld, das er Anfang des Monats bekommt, nicht vorzeitig ausgibt und am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig bleibt, werden ihm von der Sozialarbeiterin 15 Zigaretten pro Tag zugeteilt.

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„Ich komme mir vor wie eine Dealerin. Dabei rauche ich selber nicht und halte auch nichts davon!“, Frau Ky. guckt mich ganz unglücklich an. „Aber wir haben das im Team so besprochen. Denn sonst holt er sich Reste aus den Mülleimern“, sie seufzt, „und da weiß man nicht, was er sich da sonst noch so alles fängt.“ Die Zigaretten selber…

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Wenn Wände reden könnten

Mit Mitte zwanzig nahm ich zum ersten Mal chemische Drogen. Es gab eine Party bei der Schwester des Zauberkollegen. Die wohnte in einer Art Kommune in einem besetzten Haus in den Niederlanden. Es ging nicht explizit um Drogen, aber die waren geduldet. Ich glaube, die Holländer hatten ihre wilden Jahre schon in der Jugendzeit und fanden es ganz niedlich, wie wir uns für so etwas normales begeistern konnten. Es gab ein Tipi im Garten und einen ordentlich beschallten Gemeinschaftsraum. Zur Vorbereitung besuchten wir den örtlichen Smartshop. Ich hatte vorher eine äußerst interessante Kräutererfahrung gemacht und wollte gern ähnliches erleben. Der Verkäufer wirkte extrem kompetent. Er sah aus wie Guildo Horn und sprach Deutsch wie Rudi Carell. Er holte ein Päckchen mit vier blauen Tabletten aus seinem Regal. Eine halbe für angeregtes, ausdauerndes Tanzen. Zwei ganze für mystische Erlebnisse. Es wird so eine Art Legal High oder Research Chemical gewesen sein. Was genau, interessierte mich nicht. Der Verkäufer sagte, alle seine Produkte seien ausgiebig auf Unbedenklichkeit getestet: Wir schicken ein paar Astronauten in die Berge, die sollen sich bis zu 10 Teile reinpfeifen und wenn alle gesund wiederkommen, geht das in den Verkauf. Ich hielt das für ein sehr überzeugendes Sicherheitskonzept, folgte brav den Anweisungen und nahm zwei ganze Tabletten. Zuerst war ich extrem agitiert, ich lief planlos in der Gegend herum und fühlte mich überall fehl am Platze, konnte mich nicht in Gespräche integrieren. Irgendwann blieb ich auf der Tanzfläche. Was für Musik lief war mir reichlich egal. Solange ich mich dazu bewegen konnte, ging es mir gut. Ziemlich bald setzte ein mystisches Erlebnis ein. Die längsseitige Wand gegenüber der Fensterfront hielt mir einen Vortrag über Betriebswirtschaft. Sie übermittelte mir damit eine wichtige Botschaft und hielt mich effektiv davon ab, eine kriminelle Karriere als Cannabis-Dealer zu beginnen. Ich besaß damals einen kleinen Vorrat von ziemlich hochwertigem Gras von einem befreundeten Kleinbauern, der damit tatsächlich seinen Lebensunterhalt bestritt. Der Preis war so hoch, daß ich nur mit sehr schlechtem Gewissen da noch ein Marge hätte draufschlagen können, zumal ich nur im engen Freundeskreis verkaufen wollte. Der Bauer nun kam mit dem erwirtschafteten Geld so grade eben über die Runden, da die Liefermenge knapp bemessen war. Die Wand setzte mir auseinander, weitere Geschäfte mit diesem leckeren Grün seien blödsinnig. Da ich sowieso keine Geldsorgen hatte, solle ich es genießen und im Zweifelsfall großzügig teilen. Das alles fand ich richtig. Danach setzte mein Verstand aus, ich hatte einen Filmriß und die nächsten ein bis zwei Stunden verbrachte ich in tanzender Bewußtlosigkeit. Als ich wieder zu mir kam, stützten mich rechts und links je ein Holländer, wir tanzten als letzte im Saal eine Art Kasatschok zu einem wirklich ganz extrem peinlichen Schlager, über den ich hier nicht weiter sprechen möchte. Sie sollten mich wohl schonend aus dem Saal dirigieren, damit der DJ Feierabend machen konnte. Mir war das sehr unangenehm. Ich scheine aber niemand belästigt zu haben, denn im nächsten Jahr wurde ich wieder eingeladen.

 

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Manche Wände haben Ohren. Wenn sie aber zu reden anfangen, sollte man ihre Ratschläge lieber erst mal mit dem zuständigen Tablettenhändler besprechen.

Botanik, Krieg und schwarzes Haschisch

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Drogenhanf wird grob in zwei Sorten unterteilt. Die eine macht high, regt Geist und Körper an bis ins manisch-psychotische, die andere macht „platt“, also eher entspannt, still, müde und schläfrig. Diese Eigenschaften werden gemeinhin mit den botanischen Sorten assoziiert, der schlanke hohe Cannabis sativa macht eher high, der gedrungene Cannabis indica macht breit wie seine Blattfinger. Es gibt Leute, die diese pauschale Einteilung anzweifeln. Für uns Konsumenten reicht sie aber, wir rauchen Tagesgras und Zubettgehdröhnung, lateinische Fachbegriffe hin oder her.

Ich bevorzuge eher den anregenden Stoff. Mein Bruder dagegen raucht gern dämpfende Kräuter. Bei Butterfahrten ins niederländische Grenzgebiet interessierte ich mich für neue Züchtungen und war bereit, auch mal mehr auszugeben. Mein Bruder dagegen, sparsam und zielgerichtet, fand schnell seine Lieblingssorte. Im „Kaffeegeschäft“, wie die Niederländer ihre Hanfläden nennen, gab es Schwarzen Afghanen für sensationelle 5 Mark pro Gramm, Standardsorten kosteten etwa 8 bis 12 Mark. Für wenig Geld erhielt man also einen großen Klumpen schwarzer Knete. Die schmeckte charakteristisch würzig, nicht delikat, aber auch nicht schlecht und wirkte zufriedenstellend, gemessen am Preis-Leistungsverhältnis sogar sehr gut. Wir kifften also jeder unser Lieblingskraut und die Welt drehte sich weiter.
In Afghanistan ergriff unterdes eine Miliz die Macht, beauftragt vom lieben Gott ganz persönlich. Die erdreisteten sich dann gleich der ganzen westlichen Welt im allgemeinen und den Rasierapparatherstellern im besonderen den Krieg zu erklären. Ich war und bin natürlich viel zu bekifft für tiefschürfende politische Analysen. Aber da ich, wie schon erwähnt, eher den anregenden Hanf bevorzuge, machte ich mir so meine Gedanken zu dem allen. Natürlich konnte das keiner vorhersehen, es waren ja nur fromme Koranschüler, von unserem NATO-Bündnis als stramm antikommunistische Kämpfer gegen die Sowjetunion ausgebildet und finanziert. Nachdem sie die Sowjetunion aber erfolgreich kaputtgeschossen hatten, wollten sie nicht mehr so viel Koranlesen, sondern lieber weiter Sachen Kaputtschießen. Als die Bärtigen nun Afghanistan eroberten, gab es auf Mal keinen Afghanen für 5 Mark mehr in Holland. Das ist auch logisch und völlig gerecht. Wenn uns einer den Krieg erklärt und Sachen kaputt macht, die wir gern haben, dann kaufen wir dem nicht auch noch sein Haschisch ab. Die freie Weltgemeinschaft rüstete stattdessen zum Krieg, wir mussten in deren Land auch Sachen kaputtschießen, zur Strafe, damit die mal sehen wie das so ist. Und wenn wir da nichts finden, weil schon alles kaputt ist, dann bauen wir ihnen was und schießen das dann kaputt.
Zwei, drei Jahre später zog auch unsere Bundeswehrmacht mit zum großen Verteidigungsangriff. Und ziemlich genau mit dem Tag, als die ersten Bündnistruppen in Afghanistan landeten, gab es wieder schwarzen Afghanen in Holland zu kaufen. Inzwischen kostete der fünf Euro statt fünf Mark, war damit immer noch konkurrenzlos billig, denn alle anderen Preise waren ja auch eins zu eins angepasst worden. Ein Narr wer böses dabei denkt. Aber man darf zumindest vermuten: Die Angebotsvielfalt holländischer Coffeeshops wird am Hindukusch verteidigt.

Das alles fällt mir ein, weil ich neulich dieses schöne Video ansah. Da knetet ein afghanischer Bauer wortwörtlich von Hand zu Fuß einen Haufen Hanfharz zu glänzendem schwarzem Haschisch. Untermalt von stimmungsvoller orientalischer Lautenmusik, die man zum Glück leiser drehen kann. Ein aufmerksamer Zuschauer merkt schnell: Rückständigkeit und Ineffizienz beherrschen den ganzen Herstellungsprozess. Arbeitsschutz und Hygiene sind Fremdwörter, das Arbeitsmaterial bereitet jedem ISO-Zertifizierer Atemnot. Und die ganze Zeit sitzt ein Typ daneben, schaut seinem Kumpel bei der Arbeit zu und macht einfach mal gar nichts. So wird das nie was mit der funktionierenden Zivilgesellschaft.

Ein neuer Bierblog und drei drogenpolitisch uninteressante Biere

Als erstes möchte ich auf einen wirklich schönen Bierblog aufmerksam machen. Neulich fand ich ihn als Neuzugang in der Liste meiner Follower: thecrownjewelsblog. Der kommt sehr puristisch und formal daher. Für jedes Bier gibt es nur ein Bild des Kronenkorkens und ein paar Informationen in tabellarischer Strenge. In dem knappen Kommentar jedoch entfaltet sich mit viel Witz das Reisetagebuch eines nebenberuflichen Bierverkosters. Diese erfrischende Perspektive nahm ich zum Anlaß, ein paar Gedanken über meine eigenen Bierteskriterien niederzuschreiben.

Ich trinke zum Vergnügen, für das echte Rauschtrinken fehlen mir Jugend, Zeit und Kondition. Trotzdem werden alkoholische Getänke in erster Linie wegen ihrer Wirkung konsumiert. Deshalb hat ein drogenpolitisch hochwertiges Bier in der Regel einen erhöhten Alkoholgehalt. Da hab ich leicht einen im Tee auch wenn ich nur ein Bier vertrage. Weiterhin erwarte ich einen interessanten, charakteristischen Geschmack, der in Erinnerung bleibt. Dieser Geschmack darf ruhig wuchtig und aufdringlich daherkommen. Ich glaube, Fachleute sprechen da von „Körper“. Ich meine damit das Gegenteil von wässrig und dünn. Wenn ich das will, gehe ich in die nette Kneipe um die Ecke wo ich zum Preis eines Craft-Biers zwei Kölsch und ne Pommes kriege. Das mag ich auch, aber man braucht nichts drüber schreiben.

joe-flascheDiese Wässrigkeit nun ist für mich das Problem bei Onkel Joe Breakfast Stout. Ein durchaus interessantes Gebräu mit Konzept und Charakter, von einer Brauerei mit toller Website und interessanter Geschichte. Das Etikett erzählt, daß man die enthaltenen Kakao- und Kaffeebohnen schmecken soll und mit 6,2 % Alkohol ist es auch drogenpolitisch im interessanten Bereich. Allein, der Abgang ist dünn und wässrig und es bleibt nichts zurück. Vielleicht tatsächlich eher ein Frühstücksbier. Aber da hätte ich ja schon mein bewährtes Kölsch.

Alsdann stehen auf der Liste noch zwei durchaus erwähnenswerte Produkte von Fuller’s. Mit normalem Alkoholgehalt fanden die nur wegen des reduzierten Preises den Weg in die Redaktion. Sie starten also mit Handicap, aber verdienen doch eine Erwähnung.

fullers-aleFuller’s ESB Ale
Das Extra Special Bitter Champion Ale ist sehr britisch. Rot wie Prinz Harry und praktisch ohne Kohlensäure schmeckt es erst doch etwas muffig und schal. Aber schon bei Asterix lernten wir ja, die Briten mögen ihre Cervisia lauwarm. Und wenn das preisgekrönte Ale dann ein wenig bei Zimmertemperatur gestanden hat, kommt der würzige Hopfen zur Geltung. Dann wird es rund und durchaus trinkbar. Aber insgesamt eher zahm und unspektakulär.

Fuller’s Black Cab Stout
Diese zurückhaltende Milde zeigt auch das Stout des schwarzen Taxis. Das bekommt ihm aber erstaunlich gut. Es ist seidig und nicht so scharf und kantig wie etwa ein Guinness. Aber alle Aromen eines schönen Stout-Biers sind da, Kaffee und Schokolade, auch dieses typische Pumpernickel, was einen so schön satt macht. Wie wenn der Brite im mondänen Großstadtpub in einem Bildband über die wilde Atlantikküste blättert, bevor er sich wieder den Immobilienpreisen zuwendet. Und dann im butterweich gefederten, schwarzen Taxi zur nächsten Kneipe kutschiert wird.black-cab