Botanik, Krieg und schwarzes Haschisch

unfallvision

Drogenhanf wird grob in zwei Sorten unterteilt. Die eine macht high, regt Geist und Körper an bis ins manisch-psychotische, die andere macht „platt“, also eher entspannt, still, müde und schläfrig. Diese Eigenschaften werden gemeinhin mit den botanischen Sorten assoziiert, der schlanke hohe Cannabis sativa macht eher high, der gedrungene Cannabis indica macht breit wie seine Blattfinger. Es gibt Leute, die diese pauschale Einteilung anzweifeln. Für uns Konsumenten reicht sie aber, wir rauchen Tagesgras und Zubettgehdröhnung, lateinische Fachbegriffe hin oder her.

Ich bevorzuge eher den anregenden Stoff. Mein Bruder dagegen raucht gern dämpfende Kräuter. Bei Butterfahrten ins niederländische Grenzgebiet interessierte ich mich für neue Züchtungen und war bereit, auch mal mehr auszugeben. Mein Bruder dagegen, sparsam und zielgerichtet, fand schnell seine Lieblingssorte. Im „Kaffeegeschäft“, wie die Niederländer ihre Hanfläden nennen, gab es Schwarzen Afghanen für sensationelle 5 Mark pro Gramm, Standardsorten kosteten etwa 8 bis 12 Mark. Für wenig Geld erhielt man also einen großen Klumpen schwarzer Knete. Die schmeckte charakteristisch würzig, nicht delikat, aber auch nicht schlecht und wirkte zufriedenstellend, gemessen am Preis-Leistungsverhältnis sogar sehr gut. Wir kifften also jeder unser Lieblingskraut und die Welt drehte sich weiter.
In Afghanistan ergriff unterdes eine Miliz die Macht, beauftragt vom lieben Gott ganz persönlich. Die erdreisteten sich dann gleich der ganzen westlichen Welt im allgemeinen und den Rasierapparatherstellern im besonderen den Krieg zu erklären. Ich war und bin natürlich viel zu bekifft für tiefschürfende politische Analysen. Aber da ich, wie schon erwähnt, eher den anregenden Hanf bevorzuge, machte ich mir so meine Gedanken zu dem allen. Natürlich konnte das keiner vorhersehen, es waren ja nur fromme Koranschüler, von unserem NATO-Bündnis als stramm antikommunistische Kämpfer gegen die Sowjetunion ausgebildet und finanziert. Nachdem sie die Sowjetunion aber erfolgreich kaputtgeschossen hatten, wollten sie nicht mehr so viel Koranlesen, sondern lieber weiter Sachen Kaputtschießen. Als die Bärtigen nun Afghanistan eroberten, gab es auf Mal keinen Afghanen für 5 Mark mehr in Holland. Das ist auch logisch und völlig gerecht. Wenn uns einer den Krieg erklärt und Sachen kaputt macht, die wir gern haben, dann kaufen wir dem nicht auch noch sein Haschisch ab. Die freie Weltgemeinschaft rüstete stattdessen zum Krieg, wir mussten in deren Land auch Sachen kaputtschießen, zur Strafe, damit die mal sehen wie das so ist. Und wenn wir da nichts finden, weil schon alles kaputt ist, dann bauen wir ihnen was und schießen das dann kaputt.
Zwei, drei Jahre später zog auch unsere Bundeswehrmacht mit zum großen Verteidigungsangriff. Und ziemlich genau mit dem Tag, als die ersten Bündnistruppen in Afghanistan landeten, gab es wieder schwarzen Afghanen in Holland zu kaufen. Inzwischen kostete der fünf Euro statt fünf Mark, war damit immer noch konkurrenzlos billig, denn alle anderen Preise waren ja auch eins zu eins angepasst worden. Ein Narr wer böses dabei denkt. Aber man darf zumindest vermuten: Die Angebotsvielfalt holländischer Coffeeshops wird am Hindukusch verteidigt.

Das alles fällt mir ein, weil ich neulich dieses schöne Video ansah. Da knetet ein afghanischer Bauer wortwörtlich von Hand zu Fuß einen Haufen Hanfharz zu glänzendem schwarzem Haschisch. Untermalt von stimmungsvoller orientalischer Lautenmusik, die man zum Glück leiser drehen kann. Ein aufmerksamer Zuschauer merkt schnell: Rückständigkeit und Ineffizienz beherrschen den ganzen Herstellungsprozess. Arbeitsschutz und Hygiene sind Fremdwörter, das Arbeitsmaterial bereitet jedem ISO-Zertifizierer Atemnot. Und die ganze Zeit sitzt ein Typ daneben, schaut seinem Kumpel bei der Arbeit zu und macht einfach mal gar nichts. So wird das nie was mit der funktionierenden Zivilgesellschaft.

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12 Gedanken zu “Botanik, Krieg und schwarzes Haschisch

  1. Und die ganze Zeit sitzt ein Typ daneben, schaut seinem Kumpel bei der Arbeit zu und macht einfach mal gar nichts

    Der hat vermutlich schon ordentlich was vom eigenen Produkt konsumiert. Hätten die mal viel mehr davon angebaut und es an die Sowjets verteilt und an die Amis und an alle anderen, die sich die Waffe…ähmm…Klinke in die Hand gegeben haben in dem Land seit knapp 40 Jahren.

    Dann hätten die alle breit vom Sofa gegrinst und Afghanistan wäre in jeglicher Hinsicht so fortschrittlich wie es das in den 50er Jahren mal gewesen ist.

    Peace!

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    • Die haben halt lieber Opiate verteilt. Ist mehr Marge drauf und eignet sich wohl bißchen besser für Krieg, wegen totaler Schmerzfreiheit und so. Die Ecke da ist echt interessant in Sachen Weltpolitik. Wär n Punkt für Deine Weltuntergangsszenarien: Wenn der große Onkel ausfällt, wie entwickeln sich dann die ganzen Regionalmächte, die keiner auf’m Schirm hat? Persien wär so’n Kandidat…

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      • In Nahost ist ja unteranderem alles Mist, weil jeder da, egal Europäer, Ami oder Araber, seit Jahrzehnten vergeblich versucht, die Perser kleinzuhalten…?!?
        Bei Brasilien wär ich mir nicht so sicher. Kennste übrigens „Der Krieg am Ende der Welt“ von Vargas Llosa? Seit ich das gelesen hab, interessiert mich keine Tagesmeldung zu militanten religösen Fanatikern mehr.

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  2. „Ich war und bin natürlich viel zu bekifft für tiefschürfende politische Analysen.“ Ich auch nicht, und dabei bin ich nicht mal bekifft. – Der Hindukuschsatz (und seine Schlussfolgerung) ist großartig.

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