Reinheitsverbot – Montags in der Brauerei

Liebe Leser der Drogenpolitik!
Vielleicht kennt mich der eine oder andere noch, Bernadette Botox, die emsige Redaktionsassistentin der Drogenpolitik. Heute darf und muss ich als Autorin zu Euch sprechen. Ihr werdet keine Geschichte aus meiner Feder lesen, die würden Euch auch langweilen, denn sie handeln überhaupt nicht von Drogen. Meinen guten Namen präsentiere ich hier der Öffentlichkeit zum Schutz unserer Quelle. Denn eine brisante Enthüllungsgeschichte aus dem Milieu organisierter Drogenhändler wurde uns zugespielt. Mehrmals traf ich persönlich im Internet einen jungen Mann, der per ausbeuterischem Vollzeitarbeitsvertrag an eine professionelle Drogenküche gefesselt ist. Seine traumatischen Erlebnisse in der Horrorbrauerei verarbeitete er im folgenden Szenenspiel. Da er Repressionen zu fürchten hat, müssen wir seinen wirklichen Namen und seine Tarnadressen in Moskau und Hong Kong streng geheim halten.
Eure Bernadette Botox

Im Gärkeller
Es ist Montag. Der Lehrling geht bei Arbeitsbeginn zum Braumeister und wird von ihm in den Gär- und Lagerkeller geschickt. Dieser ist nur dem Namen nach ein „Keller“, denn irgendwie heißt so gut wie jeder Arbeitsbereich in einer Brauerei Irgendwas mit „Keller“. Dieser „Keller“ befindet sich im ersten Stock.

Lehrling (L) : „Morgen.“
Geselle (G) : „Aha.“ Pause. „Das Beste hast du schon verpasst. Aber spindel erst einmal das Bier von gestern.“
L: „Ok.“
Spindeln bedeutet den momentanen Vergärungsgrad eines Bieres zu ermitteln.
G: „Und?“
L: „Öhm.“
G: „Lass mal sehen. Scheiße, der ist viel zu niedrig. Da haben die im Sudhaus wieder geschludert. Die Temperatur und die Hefe haben gepasst…“
L: „Haben die zu wenig Wasser dazugeben?“
G: „Eher zu viel. Hier im Sud-Plan steht aber 13,7 Prozent. Das kann aber gar nicht sein. Die haben bestimmt bloß wieder irgendwas reingeschrieben und nach GEFÜHL gebraut.“
L: „Super. Und jetzt?“
G: „Wie jetzt? Nix. Kann ich auch nichts machen.“
L: „Aber Endvergärungsgrad war doch Alkoholgehalt und so. Und wenn der nicht stimmt…“
G: „Ich schreibe dass dann schon so dass es passt.“
L: „Bekommen wir dann nicht Probleme mit dem Zoll?“
G: „Kommt der mir mit dem Zoll. Das merkt keine alte Sau. PASST SCHON.“
L: „Die berühmten letzten Worte.“
G: „Ich glaube das Bier hier drüben müssen wir spunden. Das heißt auf Druck setzen… Obwohl… Ich weiß nicht… Weißt du, entweder haben wir zu wenig CO2 im Bier, oder der Alkohol-Gehalt ist nicht richtig… Was machen wir?“
L: „Ja keine Ahnung.“
G: „Ach, ich schreibe das schon irgendwie richtig… Setz den Tank auf Druck, das halbe Prozent Alk hin oder her… .“

Das Telefon klingelt.

Geselle: „Ja. Jetzt? Okay.“ Er legt den Hörer auf und sieht den Lehrling an: „Weißt du was SÄUERN ist?“
L: „Mit Säure putzen?“
G: „Weit gefehlt. SÄUERN bedeutet, dass wir Säure in die Hefe schütten.“
Lehrling, ungläubig: „Du verarscht mich…“
G: „Nee, nee, das ist gut für die Hefe. Hefe hat ja eher die Konsistenz von Joghurt. Wir brauchen sie aber ein wenig flüssiger, damit die ordentlich angärt. Deswegen senken wir den PH-Wert mit der Säure. Außerdem bringen wir noch fremde Bakterien und so um. Geh mal da zu dem Kanister, da ist Schwefelsäure drin.“
L: „Jetzt hör aber auf! Wir können doch keine Schwefelsäure in die Hefe schütten! Die kommt doch später ins Bier!“
G: „98 Prozentige Säure um genau zu sein. 100 Milliliter auf einen Hektorliter. Immer zwei Stunden bevor sie in den Sud kommt. Das macht gar nichts, im Gegenteil. Das hilft. Da kommen dann ja knapp 200 Hektoliter Jungbier dazu. Das merkt keine alte Sau.“
L: „Und das Reinheitsgebot?“
G: „Scheiß auf das Reinheitsgebot… Und wenn wir gerade bei dem Thema sind: Das Bier in dem Gärtank da drüben hat auch zu wenig C02, da setze ich jetzt CO2 aus dem Flüssig-Kohlendioxid-Tank drauf, damit es mehr aufnimmt. Darf man auch nicht. Eigentlich darf nur eigenes CO2 vom Bier verwendet werden.“
L: „Machen nur wir so einen Unsinn?“
G: „Das machen ALLE. Woher nehmen wenn nicht stehlen?“

Sie machen ihre Arbeit: Schütten Schwefelsäure in die Hefe. Die pumpen sie zwei Stunden später in den Bier-Sud. Fertig.

G: „So. Bei dem Tank da drüben lassen wir die Peressigsäure drin. Ich meine, die dünne Filmschicht im Tank. Wir spülen diesmal kein Wasser nach. Und dann lassen wir das Bier rein.“
L: „Müssen wir nicht dafür unterschreiben und Proben davon nehmen, wenn wir ein Lebensmittel in einen Tank lassen? Fliegt das nicht auf?“
G: „Müssten wir. Und die Proben fake ich, wofür gibt es denn einen Wassertank? Da nehme ich die Proben raus und schreibe das so, als wäre das aus dem Tank den ich mit Wasser hätte ausspülen sollen. Wenn die Schwefelsäure schon nichts macht, dann macht die Peressigsäure auch nichts. Hauptsache der Tank ist sauber.“
L: „Aha.“

Der Meister kommt rein, sagt: „Oh weh. Das dunkle Bier können wir nicht verwenden. Da ist was schief gegangen.“
G: „Soll ich eins machen?“
M: „Bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Nimmst einen Kanister.“
G: „Einen großen oder einen kleinen?“
M: „Mir egal.“

Meister ab.

L: „Wie jetzt? Wie macht man denn dunkles Bier mit nem Kanister?“
G: „Da in dem Kanister ist Farbebier. Das schütten wir jetzt oben in den Lagertrank. Siehst du, so ganz dunkles, öliges Zeug ist das.“
L: „Was ist das?“
G: „Gute Frage. Ich glaube sowas wie Bieröl. Auf jeden Fall schütten wir das jetzt ins helle Bier, schon haben wir ein dunkles.“
L: „Und das klappt?“
G: „Sicher.“

Sie schütten Farbe ins Bier.

Danach steht der Geselle wie ein Gott über seinem gefärbten Bier und sagt: „Weißt du, ich arbeite schon seit 20 Jahren in diesem Beruf. Aber weggeschüttet haben wir noch nie ein Bier. Das dunkle Bier das dem Chef nicht passt, wird schon auch noch seine Verwendung finden. Ganz sicher.
So. Gehst mal rüber in den Filterkeller. Ich geh mal eine smoken.“

Im Filterkeller
Im Filterkeller steht ein großer Schichtenfilter mit angeschlossenem EK-Filter. Der Geselle dort ist unglücklich und hält ein Glas mit Bier gegen das Licht: „Ach…“
L: „Was ist denn los?“
G: „Da ist zu viel Sauerstoff im Bier. Und das ist schlecht. Geschmacklich und wegen der Haltbarkeit und so…“
L: „Was sollten wir denn haben?“
G: „Unter 0,1 Prozent. Wir haben aber 0,34 Prozent…. Außerdem ist es viel zu warm…“
L: „Und was machen wir jetzt?“
G: „Was soll ich schon machen. Ich schreibe dass dann schon so…
L: „…Das es passt. Verstehe.“
G: „Ich muss dann eh noch aus dem Pils und aus dem Export irgendwie ein Märzen machen.“
L: „Wie machen?“
G: „Ach, ich lass da ein wenig was zusammen…. Und schmecke das dann ab.“
L: „Werden die Mengen und Sorten denn nicht kontrolliert die du heute filtrierst?“
G: „Und wer kontrolliert das? Ich schreibe dass dann schon so…“

 

Im Flaschenkeller
Die nächste Station ist der Flaschen-KELLER. Hier werden die Glas-Flaschen in einer 4 Meter hohen und 15 Meter langen Waschmaschine gereinigt und danach wieder befüllt. Es ist laut und heiß. Hier arbeiten zwei Gesellen – und ein Hilfsarbeiter.

L: „Wer ist denn der Hilfsarbeiter?“
G1: „Ach, irgend so ein Kerl vom Amt…  Der automatische Bottle-Inspektor ist vorhin verreckt. Jetzt muss der Typ schauen ob die Flaschen auch in Ordnung sind. Ob da kein Metall mehr drin ist, die Flaschen gesprungen sind, Teile davon fehlen und so weiter… Die Kaputten nimmt er raus.“

Eine Flasche schießt innerhalb von 2 Sekunden an dem fremdländisch aussehenden Mann vorbei; jede 2 Sekunden eine Flasche. Um die 20.000 Flaschen in einer Stunde. Der Mann starrt auf die auf einem Förderband vorbei rasenden Flaschen und sieht doch so aus, als würde er durch sie hindurch schauen. Er sortiert auch keine aus. Schwer zu sagen ob er überhaupt eine moralische Verantwortung den kleinen Kindern gegenüber sieht, die später Limonade aus dieser Produktion trinken werden.

G2: „Ich glaube der sieht eh nichts mehr.“
G1: „Normal muss man Leute nach 20 Minuten ablösen. Irgendwann nimmt man nichts mehr wahr.“
L: „Wie lang steht der da schon?“
G2: „Zwei Stunden oder so. Sollte man mal ablösen. Aber wer soll das machen?“
G1: „Hey! Die Flaschenwaschmaschine hat nur 75 Grad! Aber unter 80 ist scheiße! Wir müssen ausschalten und weiter aufheizen! Denk an die Keime!“
G2 „Ich geb dir gleich weiter-aufheizen! Schau mal auf die Uhr! Glaubst du ich habe ewig Zeit?! Die wird schon wieder wärmer… Laufen lassen! Ich bin schon seit 11 Stunden hier. Ich bin auch nur ein Mensch!“

Zum Ende und Abschluss des Tages darf der Lehrling einen alten, liegenden Tank schrubben. Die meisten Tanks in der Brauerei werden vollautomatisch ge-cip-t (gereinigt). Ein paar Alte sind aber noch in Betrieb.

„Das muss schneller gehen!“ brüllt der erste Geselle dieses Tages von außen in den dunklen Behälter, der nur von einer kleinen Lampe erhellt wird, deren Adapter im Rest-Trub steht, der sich am Boden des Tanks angesammelt hat.

L: „Ich kriege hier drinnen aber keine Luft mehr! Hier ist kaum Sauerstoff!“
G1: „Atmen kannst du später! CO2 ist gesund!!!“

Als ihn zuhause seine Mutter fragt, wie sein Arbeitstag war, zuckt der Lehrling nur mit den Schultern: „Ist eigentlich nichts Besonderes passiert.“

bernadette-und-alice

Das Team der Drogenpolitik bei der Enthüllungsarbeit. Alice Wunder hört nichts und sieht gut aus, während ihre Assistentin Bernadette Botox die altmodische Recherchiermaschine alleine bedient, daß die harten Fakten nur so knattern.

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25 Gedanken zu “Reinheitsverbot – Montags in der Brauerei

  1. Sehr schön, das Ende passt dazu perfekt.
    Natürlich frage ich mich, ob das überall läuft. Aus Erfahrung weiß ich, dass in Restaurants und Imbissbuden nicht immer die Standards im Bezug auf Sauberkeit und Inhaltsstoffe erfüllt werden, die oftmals zu hoch angesetzt sind.

    Und daher ist es besonders schwer festzustellen, wann denn endgültig die Grenze zur Gefährdung von Menschen überschritten ist.

    Nichtsdestotrotz sind Standards für irgendetwas gut. Vielleicht sollte man sich überlegen wie man die Leute dazu bringt diese einzuhalten, ohne dass alle 2 Wochen der Inspektor kommen muss, der jeden Fettfleck fotografiert als wäre es ein Mordopfer.
    Ist wohl ein menschliches Problem.

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  2. Wunderbare Idee, der Enthullungsroman. Ich kann deine Recherchen bekräftigen. Mein Vater hat 20 Jahre lang flüssiges Co2, das bei uns im Ort aus der Erde gezapft wird, in Brauereien kutschiert. Und wenns mal alle war, ist er eben bei der BASF vorbei gefahren und hat Prozess-Co2, also eigentlich chemischen Abfall, getankt. Deswegen trinke ich gerne Kölsch, da ist ja kaum was Prickelndes drin.

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  3. zwei Dinge fallen mir so spontan nach der Lektüre ein:
    1.: VW und Abgasgrenzwerte
    2.: Tut das Not, dass das hier so rumoxidiert
    frag mich bitte keiner, wie ich darauf komme 🙂
    Im Falle etwaiger Unklarheiten: Suchmaschine anwerfen
    Plöpp + Prost

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      • Dafür schreibt er am Wochenende auch mal ne Enthüllungsreportage. Aber so läuft es doch: Wirklich hochwertig kann man nur für den Hausgebrauch produzieren. Wenn ein Geschäft laufen soll, muß irgendeine Form von Routine rein. Und das bedeutet, über manches liebenswerte Detail einfach drüberbügeln.

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      • Ich wüsste keine Lösung. Hab ne Weile sehr gutes Fleisch gekauft, aber der Produzent und Schlachter und Verkäufer in Personalunion ging nach zwei Jahren auf dem Zahnfleisch. Beste Eier und Geflügel bekommt man nur, wenn’s der Nachbar als Hobby macht. Und wenn Du als Kollege in die Werkstatt kommst, lassen die Mechaniker alles stehen und sorgen dafür, daß nur du mit bestem Material wieder raus gehst. Um als Kunde erste Qualität zu bekommen, müsste man nicht nur abartig viel bezahlen, sondern auch noch unbestimmte Zeit warten können.

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  4. Liebender Alice

    Ja ich kann bestätigen das Du „gut aussiehst“
    Ich hatte ja das Glück Dir schon leibhaftig begegnet zu sein
    An alle Frauen: Er ist bereits vergeben

    Zum Thema

    Es braut sich was in den Kellern der Unbewusstheit zusammen
    Der Gärungsprozess wenn er nicht bald als solcher verwandelt wird
    Führt unweigerlich zu einer Explosion
    Vergärung ist ja ein Zersetztungsprozess
    Altes aufzulösen
    Neuwerdung ermöglichend
    Auch hier gilt
    Die Dosis macht das Gift
    Und Fäulnis vergiftend
    Ist eine Mixtur aus Angst und deren
    Verfallsprodukt der Lügen

    Wohl dem der den Wein der Liebe trinkt
    Immunisiert wird seine Seele all jenes wohl behalten durchleben
    Sein Geist geklärt daraus hervorgen

    Lasst uns die Becher heben
    Auf das Wohl Alices und des Wunderlandes
    Denn wer will schon in der Realität dahinvegitieren
    So die herrlich prächtige Wirklichkeit ruft

    dankend
    Dir Joaquim von Herzen

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