Vagabund Brauerei und Schankraum

gastraum

Ob es nun der oder das Wedding heißt, interessiert so richtig eigentlich niemanden. Und genau wegen dieser Form von Desinteresse fliegt dieser Bezirk der nördlichen Berliner Innenstadt seit Jahren unter dem Radar von Glamour und Gentrification. Es wohnen im Wedding wahrscheinlich einfach zu viele Leute, die wirklich arbeiten. Ein Szenebezirk entsteht ja erst ab einer gewissen kritischen Masse von kulturell aktiven Nichtstuern. Aber grade im gewaltigen Betonmeer grauer Normalität mit ihren bezahlbaren Mieten existieren zahlreiche, äußerlich unscheinbare Partyinseln aus Studentenwohnheimen, Galerien, kleinen Klubs und der vielen Nachbarschaftskneipen. Immerhin hat eine einzelne Berliner Straße mehr Einwohner als manches Dorf. Und jede Nachbarschaft ernährt genau die Kneipen, welche sie verdient.
Eine sehr angenehme Lokalität im Wedding nun ist die Vagabund Brauerei nahe der U-Bahnstation Seestraße. Darauf wies mich freundlicherweise der Blogger eimaeckel hin, dem ich mit diesem Link hoffentlich gebührend dafür danke. Der Schankraum in der Antwerpener Straße befindet sich ebenerdig in einem Ladengeschäft. Ein Durchbruch erlaubt den Blick auf die kleine Brauanlage im Hinterzimmer. Das Einrichtungskonzept würde ich als pragmatisch zusammengestückelt bezeichnen. Halt Wedding, also nicht so plüschig abgeranzt wie Friedrichshain aber lange nicht so hochglänzend durchgestylt wie im nahen Mitte. Kurz, es ist äußerst gemütlich. Beim Eintreten fühlt man sich wie in einer analog-materialisierten Filterblase voller Gesinnungsgenossen. Hier sind hauptberufliche Bart- und Zopfträger unter sich. Ein modisch ergrauter Jugendlicher baut am Laptop gewissenhaft eine Präsentation und schaut dabei mit einem Auge die Simpsons oder eine Video, wo sich Menschen mit einem riesigen Porzellanpenis prügeln. Aber entgegen aller Vorurteile schauen die meisten Gäste gar nicht auf einen Bildschirm, sondern einander richtig in die Augen, während sie multilingual progressive Ideen austauschen. Und nach dem zweiten Bier fühlt es sich wirklich so an, als sei die Welt ein einziges aufgeklärtes Künstlerviertel und der graue Arbeiterbezirk draußen existiere gar nicht. Denn das Bier ist gut und stark. Vier Sorten selbstgebrautes Faßbier von unterschiedlichem Charakter fließen aus den Hähnen. Wir fanden das IPA am besten. Es weckt den Geist mit fast schon stechend scharfen Kräuteraromen, hat dabei eine fruchtige Vollmundigkeit, die mit süß nur sehr unzureichend beschrieben ist. Ein rundum gelungenes Gebräu. Das Pale Ale wirkt dagegen ein wenig wie der schwächere kleine Bruder. Vom äußerst beliebten Pumpkin Ale nahmen wir eine Kostprobe. Ein gewiß gutes Brauerzeugnis, schmeckt ein wenig wie eine gelungene Kreuzung von hausgemachtem Glühwein mit süffigem Bier. Aber für unseren Geschmack doch zu weich und süß. Das Haferbier probierten wir nicht mehr. Zu sehr genossen wir das schöne, amerikanisch-berlinerische IPA: Denn im Gegensatz zu belgischen Delikatessen oder schwerem Bock ist dies mit 7-Komma-nochwas Prozent ein durchaus ernstzunehmendes Starkbier, dabei aber so frisch und spritzig, daß man den Ernst schnell vergisst und gern ein oder zwei mehr als nötig zu sich nimmt.

tresen

Wie hier abgebildet, gingen für jedes helle Ale immer gut zwei dunkle Kürbisbiere über den Tresen. Das helle fand ich trotzdem leckerer, man muß nicht immer mit dem Bierstrom schwimmen. Es mußten ja uch nicht alle Gäste Zopf und Vollbart tragen.

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12 Gedanken zu “Vagabund Brauerei und Schankraum

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