Drogenszene to go

gelbe-wartehauschenDer kleine Tiergarten liegt mitten in Moabit. Das ist nicht wirklich ein Park, eher ein länglicher Streifen Grün zwischen den parallel verlaufenden Verkehrsadern Turmstraße und Alt Moabit. Lange Zeit war das ein ziemlich versumpftes und verkommenes Stück Erde. Und zwar ziemlich wortwörtlich, denn Wildwuchs von uralten Bäumen und Buschwerk bildete ein modriges, unübersichtliches Dickicht. Da konnten sich Menschen verstecken, die keine bessere Bleibe fanden, aber auch nicht unbedingt die komplette Existenz ungeschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit ausbreiten wollten. Alteingesessen war die Trinkerszene, die sich praktischerweise im gegenüberliegenden Netto versorgte. Da die Pfandflaschen hier noch nicht von einem Automaten, sondern von Mitarbeitern persönlich entgegengenommen und handschriftlich quittiert werden, ist auch für zwischenmenschlichen Kontakt ausreichend gesorgt. So hätte der kleine Tiergarten in schattiger Harmonie friedlich weiterexistieren können.
Dann aber kam irgendwo jemand auf die Idee, das Gelände zu sanieren. Das alte Gesträuch wurde ausgedünnt, die Spielplätze renoviert und die Wege übersichtlich gestaltet, damit die Bürger wieder einen schönen Park haben. Das stieß nicht überall auf Gegenliebe. Berechtigterweise empörten sich viele über die Vernichtung des alten Baumbestandes. Gefühlte zwei Jahre klebten wütende Protestbriefe entsprechender Initiativen im ganzen Viertel, vorzugsweise natürlich an den gefährdeten Bäumen. Auch die Riesenkiesel waren einen Aufreger wert, rundlich flache Betongebilde, die als völlig unnützer Landschaftsschmuck den Steuerzahler ein erkleckliches Sümmchen kosteten. Manch leisere Stimme sorgte sich auch um die offensichtlich geplante Vertreibung der Marginalisierten. Diese Sorge war aber völlig unbegründet. Die vormals von Büschen verdeckte Trinkerszene entwickelte sich weiter, nach Entfernung der Sichthindernisse eigentlich nur logisch, zur offenen Drogenszene. Mit allem dazugehörigen Ärger und Medienrummel. Die unmittelbare Nähe zum LAGetSi, republikbekannte Erstanlaufstelle für Flüchtlinge, trug nicht unbedingt zur Befriedung des Geländes bei.
Eine sinnvolle und soziale städtebauliche Maßnahme aber ist die Errichtung eines leuchtend gelben Unterstandes, der zusammen mit dem Pissoir gleicher Bauart, rechts im Bild, jetzt ein hübsches Ensemble bildet. Der Unterstand ähnelt einer Bushaltestelle, nur daß die offene Seite nicht zur Straße, sondern zum Parkgelände weist. Da finden die Nutzer bei Wind und Regen ein wenig Schutz. Wir Anwohner aber können nun dort vorbeigehen, unter den Versammelten eine unverbindliche Auswahl treffen und, falls wir noch keinen Trinker im Hause haben, direkt ohne weitere Formalitäten einen mitnehmen.

Advertisements

11 Gedanken zu “Drogenszene to go

  1. Die Altlasten früherer Stadtplanungen mit kleinen und großen Parks zwecks Erholung engen den Spielraum für Investoren unzulässig ein. Immerhin ist mit den in yellow sunshine gehaltenen Aufbauten schon mal ein mutiger Farbklecks im tristen Grün entstanden.

    Gefällt 2 Personen

  2. „Wir Anwohner aber können nun dort vorbeigehen, unter den Versammelten eine unverbindliche Auswahl treffen und, falls wir noch keinen Trinker im Hause haben, direkt ohne weitere Formalitäten einen mitnehmen.“ You made my day! Der Schlusssatz ist erste Sahne! Auch der Rest des Artikels, latürnich…

    Gefällt 1 Person

    • Ich bedanke mich herzlich und freuemich, Dich erfreut zu haben. Noch mehr freut es mich, daß Du das Leitmotiv des Textes sofort zielsicher identifiziert hast. Denn die Idee dazu entstand letzte Woche, als während eines unangenehm penetranten Regens die gesammte Belegschaft dichtgedrängt unter dem Schutzdach stand, wie bestellt und nicht abgholt von einem Bus, der nicht mehr fährt.

      Gefällt 2 Personen

  3. Deine Beschreibung/ kleine Geschichte ist einfach klasse.
    Vor allem der Teil „Alteingesessen war die Trinkerszene, die sich praktischerweise im gegenüberliegenden Netto versorgte. Da die Pfandflaschen hier noch nicht von einem Automaten, sondern von Mitarbeitern persönlich entgegengenommen und handschriftlich quittiert werden, ist auch für zwischenmenschlichen Kontakt ausreichend gesorgt.“ bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Ich hab heute nochmal gezielt nach diesem Beitrag gesucht, weil er mir einfach in Erinnerung geblieben ist und ich ihn nochmal lesen wollte. Deine Art und Weise zu schreiben gefällt mir sehr gut. Daumen hoch.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s