Gescheiterte Flucht

Als protestantischer Rheinländer und Kind zugewanderter Norddeutscher pflege ich eine vertraute Distanz gegenüber dem Karneval. Wirkliches Entkommen ist nahezu unmöglich. Einmal versuchten wir, das merkwürdige Treiben durch einen Ausflug in die Coffee Shops zu umgehen. Allein, als Nachbarstadt Aachens ist das Limburgische Maastricht eine karnevalistische Exklave in den calvinistischen Niederlanden. Auch hier geschlossene Geschäfte und schreiend bunt gekleidete, schreiende Betrunkene, die auch mit guten Rauchwaren nur schwer zu ertragen sind. Also ergibt man sich dem Schicksal, akzeptiert betriebliche und private Feierstunden mit dem nötigen Frohsinn und meidet überdies größere, öffentliche Menschenansammlungen. 

In lokalpatriotischer Routine vergisst man dabei leicht, über den Tellerrand zu schauen. Auch anderswo gibt es vorfastenzeitliche Besäufnisse. Schauen tun wir da natürlich gern auf die Südhalbkugel der Erde, wo im Februar Sommer ist und die Menschen in Bademoden karnevalisieren. Dahin dauert aber der Flug so lange. Viel eher verschlägt einen der Zufall mal in die Zentralschweiz. Hier leben genug Katholiken, um die päpstliche Leibwache mehrfach zu bemannen. Entsprechend enthusiastisch feiern sie hier auch Karneval. Die Kostüme sehen dabei sehr gewöhnlich Rheinländisch aus, viele bunte Clowns und ethnische Minderheiten mit Federschmuck laufen herum. Von Hexen und Dämonen, wie sie manchmal aus Basel und dem Oberrhein vermeldet werden, ist nichts zu sehen. Die öffentlichen Frohsinnsbekundungen finden dabei ebenfalls um zentrale, süßwarenwerfende und politikverunglimpfende Festwagen statt. Aber der Straßenkarneval wird hier noch um eine regionaltypische Spielart ergänzt. Das sogenannte Eintrommeln:

Schon Mittwoch Abend, vor dem rheinischen Weiberdonnerstag, ziehen Spielmannszüge mit Pauken und Trompeten über die Dörfer. Mit vehementester Ausdauer lärmen diese dann die ganze Nacht und den folgenden Tag, eine einzige Melodiezeile. Das Getrommel weckt Tote, vertreibt den Winter und würde jede angreifende Konstanzer Feuerwehr zutiefst demoralisieren. Es wird solange fortgeführt, bis auch der verstockteste Karnevalsmuffel freiwillig zur offiziellen Feier auf dem Markt des Hauptortes erscheint. Oder auf einen Berg flüchtet. 

In der Skihütte, über den Wolken und über allem katholischen Straßenfrohsinn, trifft sich das zwinglianische Bürgertum und bespricht völlig zwanglos am liebsten finanzielle Angelegenheiten.

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Drogen zu verschenken in Berlin

Liebe interessierte Leser!

Auf dem Redaktionssschreibtisch liegen zweieinhalb Freikarten für die Berliner Weinmesse herum. Da können wir aus Termingründen leider nicht hin, da wir morgen schon in die Berge fahren zum Brändetesten.Die Messe findet nächstes Wochenende statt, vom 24. – 26. Februar 2017. Die Karte gilt für einen der Tage.

Auf der Weinmesse stellen diverse Winzer ihre Produkte vor. Sie richtet sich an Gastronomen, aber auch interessierte Privatkonsumenten. Vor ein paar Jahren geriet ich mal zufällig dahin. Völlig nüchtern war das erst etwas beklemmend. Da standen also hinter den Ständen ernst dreinblickende Herrschaften vor ihren Produkten und man dachte, die erwarten jetzt Hektoliterbestellungen oder zumindest einen Wissenstest auf FAZ-Niveau. Bis wir uns zum Stand mit dem Winzersekt durchgemogelt hatten, wo eine resolute Rheingauleiterin flüssige Beredtsamkeit mit Eigenkohlensäure austeilte. Ab dem anderthalbten Glas ist die Messe dann ein großes Vergnügen. Die Freikarten bekommen wir seit dem als Belohnung dafür, daß ich nicht nur einen sauteuren Süßwein bestellte, sondern auch bereitwillig sämtliche Rieslingerzeugnisse des Herstellers durchprobierte und mir die verschiedenen Qualitätsstufen erklären ließ.

Ich bedaure wirklich, da nicht hin zukönnen und möchte die Karten ungern verfalllen lassen. Also werden wir tief in die Portokasse greifen und in eine Briefmarke investieren. Wer bis heute Abend, 20. 02. 2017 einen qualifzierten Kommentar in der Kommentarspalte dieses Artikels abgibt und dazu an nonnenhutmachet(at)gmail.com eine gültige Postadresse übermittelt, bekommt in den nächsten Tagen die Eintrittskarte für zwei und den 50%-Rabattgutschein für eine dritte Weininteressierte Person.

weinmesse

Arabier – eine edler Vogel aus Flandern

ara-im-glasDas Ara Bier bekam ich von Tom, ich berichtete schon, daß die Drogenpolitik einmal mit proBierchen richtiges Bier austauschte. Das Realweltpäckchen enthielt auch diese höchst interessante, belgische Spezialität. Da seit dem auch schon wieder einige Monate ins Land gegangen sind und die Biere immer noch ungeöffnet in meinem Schrank herumstanden, bekam ich langsam ein schlechtes Gewissen. Also öffnete ich eines schönen Abends dann die Flasche mit dem Papagei. Beim Eingießen bildete sich, höchst auffällig, eine enorme Menge Schaum, der einem aber nicht schon aus der Flasche entgegensprudelt, wie das bei manchen belgischen Bieren der Fall ist, sondern als sauberer Zylinder erst im Glas wächst. Die Schaumbildung weist auf starke Aktivität in der Flasche hin und schon bekam ich wieder ein schlechtes Gewissen: Hätte ich die Flasche nicht lieber noch länger nachgären lassen sollen? Es hätte laut Etikett noch mindestens bis Mai liegen können, denn bei den Belgiern ist das MHD mitunter ja eher der Zeitpunkt, ab welchem eine vernünftige Nachreifung beginnt. Aber letztlich sind die Biere ja zum Trinken da. Ich vermute hinter dem Schaumeffekt das refermentierte Bier, das auf dem Etikett als Inhaltstoff ausgewiesen ist. Nach dem sich im Glas die trinkbare Flüssigkeit nun konsolidiert hatte, wollte ich schon wissen, wie es schmeckt. Denn riechen tat es kaum. Beim ersten Schluck breitet sich ein durchaus voller Körper aus, beim zweiten Schluck kommt etwas schärflicher Alkohol durch. Dann herrscht nur noch Bitterkeit, wie von einem sehr trockenen Sekt. Der bunte Vogel auf dem Etikett täuscht, denn er ließ schon an exotische Früchte denken. Das Bier aber ist durchgehend pulvrig herb, wie ein indisches Curry mit viel Kurkuma, aber ohne alle blumigen Aromen. Im flämischen Wikipedia-Artikel steht, die Bitterkeit kommt von der Trockenhopfung. Wenn ich die verwandte, germanische Sprache richtig entziffere, hätte ich mir um die Lagerung keine Sorgen machen müssen, da Arabier nicht nachreift. Auch die Geschichte des Papageienvogels scheint da kurz erklärt, die erschließt sich mir aber mangels Flämischkenntnissen nun aber nicht.

Wenn das Getränk im Glas ein wenig wärmer wird, zeigt sich ein wohlgeformter Körper in einem eleganten, spröden Gewand ohne alle Schnörkel. Ein staubtrockenes, helles Bier, ich vermute, für den herben Geschmack ist auch die Gerste als einziges Getreide verantwortlich, das nicht, wie bei einem Tripel, von Weizen abgerundet wurde. Den beigefügten Zucker setzten wohl die emsigen Hefen komplett um, die mussten ja schließlich die 8 % Alkohol produzieren. Aber anders als manch süffige, dunkle Starkbiere, die zum Schnelltrinken verführen, ist der Ara nicht so ein euphorisches Rauschmittel, sondern eher ein edler, belgischer  Getreidewein, von dem auch nur ein kleines Fläschchen als genußvolle Begleitung für ein deftiges Essen reichen kann.

Voyage avec Alice

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Meine Erfahrungen mit LSD (genauer: 1P-LSD) zu resümieren, wäre in etwa so, als würde ich die Unendlichkeit des Universums beweisen und erklären wollen.

Ich stehe erst am Anfang meiner Psychonautenkarriere. Daher kann jedes Resümee meiner psychedelischen Reisen immer nur der Versuch eines Resümees bleiben. Dennoch will ich es, getreu meiner Lebenseinstellung, nicht unversucht lassen.

Vor einem halben Jahr habe ich gewagt, was ich nicht so schnell zu wagen träumte. Ich legte mir diesen winzigen Papierschnipsel unter die Zunge, begab mich in die Höhle des Löwen und fand heraus, dass es gar keine Höhle war, sondern das Tor zu einer ganz neuen Wahrnehmung der Welt und meiner Selbst. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es für mich zwei Grundgefühle: Wach sein und träumen. Wie zwei Welten zwischen denen ich pendle. Mit dem Eintritt in die psychedelische Welt erkannte ich ein drittes Grundgefühl, was sich für mich so unbeschreiblich angefühlt hat, dass keine Metapher es verdeutlichen könnte.

Dieser Tag hat mein Leben verändert. Ich esse nur noch gesunde Sachen, habe 20 Kilo abgenommen, bin glücklich mit meinem neuen Job und habe alle Problemfelder meines Lebens bearbeiten können. Bullshit.

LSD hat mein Leben verändert, ja. Aber nicht so drastisch, wie man es sich vorstellt, wenn jemand sagt, „LSD hat mein leben verändert“.

Was sich vor allem verändert hat, ist meine Sicht auf die Welt und mich selbst. Ich baue eine ganz neue, gesündere Beziehung zu meinem Körper auf. Ich lerne, mit meinem Ängsten umzugehen und sie abzubauen, beispielsweise meine Angst vorm Hängenbleiben, Psychose, Verrücktwerden. Oder meine Angst vor dem Tod

Mein Umgang mit Drogen ist ein anderer geworden. Die Reisen ins Unbewusste haben mir gezeigt wie sehr ich mich kaputtmache. Upper sind zur Seltenheit geworden und ich habe gelernt, den Rausch an sich bewusster wahrzunehmen und zu genießen.

Meine Vorstellung von Werten hat sich auch verändert. Ich packe die Dinge immer seltener in Schubladen wie gut und schlecht. Ich nehme die Dinge zunehmend so wahr, wie sie eben sind.

All diese positiven Veränderungen schreibe ich vor allem meinem Umgang mit dieser Substanz zu. Seit ich 15 bin, interessiere ich mich für diesen „ultimativen Trip“. Meine Angst vorm Hängenbleiben hat mich aber daran gehindert, mich dieser krassen Erfahrung zu früh auszusetzen. Durch die Angst habe ich mich jahrelang sehr intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und als ich wusste, dass es soweit war, habe ich den Trip extrem gut vorbereitet. Dafür wurde ich mit Erfahrungen belohnt, die mein Leben nachhaltig bereichern.

Der erste Trip stellt für mich einen Wendepunkt dar. Denn mit diesem Tag begann meine Karriere als Psychonautin. Ja, ich habe mich auch vorher bereits mit meiner Psyche und ihren Tiefen beschäftigt, vor allem durchs luzide Träumen. Doch seit LSD sind diese Forschungen auf ein neues Level gehoben worden.

LSD ist meine Lieblingsdroge geworden.

Und ich kann jedem Menschen, der vor hat, nicht blindlings durch dieses Tor zu gehen, nur den einen Tipp geben: intensive Vorbereitung und Reflektion ist alles!

Namasté

Libra schreibt sonst auf ihrem Blog Self. Konkrete LSD-Erfahrungen hat hier und hier protokolliert. Hier noch mal die Betrachtungen zum selben Thema von Leonard

Das Lob der Lehrerin – Liebster Award von Frau Müller

(Anmerkung der Redaktion: Dieser ungewöhnlich lange Artikel gliedert sich in zwei Teile. Die ersten 672 Wörter sind editorischer Natur, sie enthalten Danksagungen, Lobhudeleien und meine Nominierungen. Danach folgt das Kapitel, wo die Redaktion Frau Müllers Award-Fragen beantwortet. Info zum bequemeren Lesen für Leser, die das eine oder andere gar nicht interessiert.)

Hurra! Die drogenpolitik hat sich wieder einen Liebster-Award erbloggt. Über welchen wir uns ganz besonders freuen. Den Preis erhalten haben wir aus dem Blogspot-Universum von der faszinierenden Frau Müller. Frau Müller ist eine kluge und gutaussehende Lehrererin, die auf den Fotos, die sie von sich Postet, genauso aussieht wie ihr Logo, ein gezeichnetes Portrait mit Schmollmund und Sonnenbrille. Darüber hinaus schreibt sie sehr lesenswerten Unsinn, wie wir das bei der Drogenpolitk schätzen. Und zwar aus ihrem Alltag als Lehrerin. Das Rezept, ein Cooler Lehrer trifft auf grenzdebile Schüler, reicht ja locker für drei Kinofilme. Gute Texte auf dieser Basis scheinen in diesem Land aber immer noch etwas besonderes zu sein. Denn es gibt wohl nur sehr wenig coole Lehrer wie Frau Müller. Und falls doch, bloggen die nicht oder gehen dabei zu Respektvoll mit ihren Schülern um. Außerdem bloggt Frau Müller noch über ihre … wohlgeordneten Beziehungsverhältnisse. Für einen Gesamtüberblick sollte man auch ihre Facebook-Seite abonnieren. Da stehen Bonmots und Anekdoten, denen Frau Müller wohl keinen eigenen Blogartikel widmen wollte, die aber trotzdem lustig sind. Frau Müllers Nominierung kommt ohne lästiges Bild, ohne besondere Regeln und die drogenpolitik ist Mitglied eines besonders exklusiven Kreises von nur zwei Nominierten.

So verfahre ich bei der Weitergabe auch unkonventionell und nominiere hier nur zwei gerngelesene Blogs:

Hopfenmädchen

Schlingsite – Forschungsreisen

Auch überlasse ich es den Nominierten, wie sie mit diesem Preis weiter umgehen. Ich stelle ihnen nämlich überhaupt keine Fragen. Denn ich glaube, alles was Autoren zu ihrem Werk oder zu ihrer Person nicht freiwillig veröffentlichen, hat mich nicht zu interessieren. Darüber hinaus interessiert es mich auch wirklich nicht. In Bezug auf meinen Medienkonsum habe ich da wohl leicht autistische Züge. Ich lasse mich in Geschichten fallen und vergesse die Menschen dahinter. Ich habe ernsthaft Schwierigkeiten, auch berühmte Schauspieler in verschiedenen Filmen wiederzuerkennen. Sie müssen schon extrem markante, starre Gesichter haben, wie etwa Arnold Schwarzenegger. Und auch bei dem muß ich zweimal hinschauen, wenn er kein charakteristisches Maschinengewehr in der Hand hält.  Entweder, ein Text – oder Film – gefällt mir, dann ist es gut so oder es gefällt mir nicht, dann höre ich auf, ihn zu konsumieren. Mir gefallen:

Das Hopfenmädchen schreibt über Bier und präsentiert sich mit der perfekten Mischung aus Humor, Ernsthaftigkeit und Sachverstand als die ideale Person, mit der man gern ein oder zwei oder drei gute Biere trinken geht. Mehr will ich von ihr gar nicht wissen. Sehr neugierig bin ich allerdings auf das in ihrem Blog angekündigte Heimbrauprojekt. Deshalb habe ich einen Wunsch an sie:
Liebes Hopfenmädchen! Wenn Du Deinen ersten köstlichen Gerstensaft selbst hergestellt hast, fasse doch bitte die einzelnen Schritte dahin in einem übersichtlichen Artikel zusammen, daß ich den dann auf der drogenpolitik rebloggen kann. Oder schreib den exklusiv für mich, mit ungefähr folgenden Titel: Wie ein fauler Kiffer beim Sofakissenplattsitzen sein eigenes Spitzenbier reifen lassen kann. Da würde sich die drogenpolitische Redaktion unglaublich freuen.

Schlingsite Forschungsreisen ist ein etwas kryptischer Blog, bei dem sich Nachfragen von selbst verbieten. Man muß das einfach lesen. Die Texte schwojen frei irgendwo in einem Limbus zwischen politischer Satire und ernsthaften Lebensbetrachtungen. Es gibt verschiedene Protagonisten, Frauen und Männer, von deren Leben ein auktorialer Erzähler berichtet. Da gibt es das Personal der virtuellen Partei und immer wieder Jürgen. Durch die intimen Kenntnisse von Jürgens Taxifahrerdasein drängt sich der Verdacht auf, Schlingsite sei ein erfolgreich promovierter Geisteswissenschaftler. Wir wissen, daß wir nichts wissen. Ganz herzlich möchte ich mich vor allem bedanken, weil Schlingsite nicht nur alle meine Artikel liked, sondern sie alle tatsächlich zu lesen scheint. Wie man bei Schlingsite mit diesem Award umgeht, überlasse ich der freigeistigen Kreativität.

Nun aber ans Eingemachte, alle Fragen versuchte ich so ehrlich wie möglich zu beantworten, ohne dabei zuviel von meiner Privatheit preiszugeben:

Frau Müller fragte, Bernadette Botox antwortet für Alice Wunder

1. Warum hast du angefangen zu bloggen?

Ablenkung bei einem Naturwissenschaftsprojekt, das dann kläglich im Sande verlaufen ist. Verarbeitung traumatischer Erlebnisse in einer Print-Redaktion.

2. Wo möchtest du mit deinem Blog hin? Hast du Ziele? Welchen Stellenwert hat dein Blog für dich?

Mindestens einmal die Woche einen Artikel raushauen. Und mit dem Döschen Eßhanf irgendwas sinnvolles anstellen und davon schreiben. Einen Mezcal-Test schreiben und den zusammen mit einer Buchbesprechung in einen Artikel packen. Das liegt schon seit Beginn des Blogs im Entwürfestapel, ist aber auf einem guten Weg. Ein Schluck Mezcal steht seit Samstag im Schnapsschrank.

3. Was würdest du gerne besser machen als Blogger? Gibt es etwas worum du andere Blogger beneidest?

Bessere, authentischere Reportagen, beruhend auf Selbsttests vieler interessanter Substanzen. Ich beneide Frau Müller um ihre … wohlgeordneten Beziehungsverhältnisse.

4. Du musst dich entscheiden: Essen oder Sex? Auf was würdest du eher für den Rest deines Lebens verzichten?

Sex. Essen ist wichtiger. Abgesehen davon, daß man ohne Essen nicht mehr sehr lange Sex machen kann, sollte man mit niemandem ins Bett, mit dem man nicht auch genußvoll Essen kann.

5. Fürs Gucken und Mögen welcher TV-Serie/Show oder welchen Films schämst du dich (ein bisschen)?

Sponge Bob. Nee, da schäm ich mich eigentlich gar nicht für.

6.  Beschreibe deine Schulzeit mit höchstens 10 Worten.

Immer gute Noten ohne Arbeit, ab der 10. bekifft. Lehrerkind.

7.  Hattest du einen Lieblingslehrer (Frau Müller steht NICHT zur Wahl ;-))? Wenn ja, warum war er/sie dein Favorit?

Nein. Ein Deutschlehrer sagte mir mal in der 11. oder 12. auf den Kopf zu, ich sei ein fauler Hund und würde es an der Uni schwer haben. Der war völlig fassungslos, als ich bei ner blöden Barockgedichtbesprechung – so Gryphius oder so – ne Eins aus dem Handgelenk geschüttelt hab, nur weil ich am Vortag zufällig anhand genau diesen Gedichtes das Schema F im Kopf durchgespielt hatte. Da hat der mich wohl näher beobachtet. Diese Art Aufmerksamkeit hat mich schon ein wenig beeindruckt. Da war ich aber schon nicht mehr erreichbar und hatte mir, dank NRW-Wahlsystem, mein Einserabi schon fertig gebastelt.

8.  Was war dein Lieblings- und dein Hassfach? Warum?

Geschichte hat mir Spaß gemacht. Orchestermusik konnte man einfließen lassen. Und Sport habe ich nicht mehr gehasst, seit wir in der Oberstufe kiffen gehen konnten, und für Nichtstören der Engagierten ne Drei kriegten.

9.  Was würden deine Lehrer über deinen heutigen Werdegang sagen?

Schwierig, vor allem weil ich nach abgeschlossenem Geisteswissenschaftsstudium noch nicht mal eine feste Stelle als Taxifahrer habe. Manche wären vielleicht froh, daß ich nicht den bürgerlichen Karriereweg gegangen bin. Aber es fällt mir wirklich schwer, diese Frage zu beantworten, weil neun von zehn meiner Lehrer uralt waren und – ohne ihre Leistung herabzuwürdigen – beim Thema Zukunft und Werdegang scheinbar nur noch die eigene Pensionierung im Kopf hatten.

10.  Dreieck: Eltern – Schule – Kind. Du bist das Kind. Wie stand es mit den Verbindungen in deiner Schulzeit? Waren deine Eltern zu Gast auf jedem Elternabend? Vielleicht sogar Elternsprecher. Zu wem haben deine Lehrer gehalten: zu dir oder zum Lehrer? Wie ging es dir damit?

Lehrerkind. Meine Lehrerinmutter, damals schon lange Hausfrau, hat in der Grundschule mal eine Lehrerin weggemobbt. Dank guter Noten gab es sonst keine Einmischung. Freimachen, wenn der Stundenplan sich nicht in den Familienalltag einfügen will, war hochwillkommen.

11.Klassiker „Endzeit-Szenario“: Du gehörst zu 1000 Menschen, die nach dem Weltuntergang eine neue Zivilisation auf einem entfernten Planeten gründen dürfen. Weil du so genial bist, wirst du in ein Gremium berufen, dass die neue Verfassung für diese Welt erarbeitet. Welche Vorschläge würdest du einbringen?

Ich les grad mal wieder den Machiavelli. Demnach gibt es immer drei verschiedene Schichten. In einem guten Staat müssen deren Interessen ausgeglichen sein. Das monarchische Element, wir würden wohl heute sagen, die Exekutive, darf nicht erblich sein. Am besten muß man die Konkurrenz der herrschenden Familien für ein geschicktes Wahlsystem ausnutzen. Da hilft wohl keine Revolution und erst recht keine Apokalypse gegen, die Adelsfamilien wird es immer geben und es werden immer die selben bleiben. Diese Adeligen – also die Besitzenden, heute wären das die Wirtschaftsbosse und Großaktionäre – müssen ihren Ehrgeiz zum Wohle des Staates ausleben können. Und das arbeitende Volk will in erster Linie in Ruhe gelassen werden. Ideal wäre demnach eine Art rheinischer Karnevalsmonarchie. Der König muß regelmäßig große Feiern und Paraden organisieren, wo der Adel sich entsprechend seiner Hochwohlgeborenheit bejubeln lassen kann. Der Adel muß dabei der Jubelmenge genug Schnaps spendieren und das alles so einrichten, daß vom arbeitenden Volk keiner wegen irgendwelcher Straßensperren abends nicht rechtzeitig zur Sportschau nach Hause kommt. Dann läuft es Rund im Staat.

Bernadette Botox Portrait

Unsere geschätzte Redaktionsassistentin, Bernadette Botox, hat sich heute extra aufgebretzelt, damit sie der bezaubernden Frau Müller wenigstens ein wenig das Wasser reichen kann. Wir haben allerdings nur stilles Wasser in der Redaktion. Wer lieber was mit Kohlensäure will, muß Bier trinken.

Keine Angst im öffentlichen Nahverkehr

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Sinn aller Werbung ist, im Gespräch zu bleiben. Und da hat die BVG mit ihrer Kampagne alles richtig gemacht, wenn jetzt sogar ich auf meinem Eigenbrötlerblog davon schreibe. Natürlich kommt das Klischee der koksenden Modebranche etwas altbacken daher. Kokain ist im Mainstream angekommen, Banker berauschen sich nur noch an toxischen Papieren und die Modebranche nagt am Hungertuch. Behaupte ich jetzt einfach mal so, ohne einen Kokser, Banker oder Modedesigner zu kennen. Aber genau diese Altbackenheit paßt zu einem Betrieb der öffentlichen Hand.

Ich mag die BVG. Nach dem ich länger in Berlin lebe, sollte ich mich zwar assimiliert haben und müsste, gleich den Autochthonen, wie ein Rohrspatz über die ‚Öffentlichen‘ schimpfen. Aber das ländliche Trauma selten fahrender Linienbusse wirkt lange nach. Es begeistert mich immer noch, daß man in der Innenstadt nirgendwo länger als 10 Minuten wartet, um überall hin zu kommen. Trotzdem ist natürlich nicht alles rosig. Denn die Berliner U-Bahn ist zweifellos auch Paradebeispiel und  Konkretisierung des ominösen Begriffes Angstraum. Eine Zeitlang betrat ich die Öffentlichen nur bekifft. Im Wagen voller merkwürdiger Leute, die bedrohlich vor sich hin starren, redete ich mir ein, daß sei nur eine leichte, drogeninduzierte Beklemmung und folglich reine Einbildung. Derartige Wahrnehmung im nüchternen Zustand aber müssten jeden vernünftigen Menschen in Panik ausbrechen lassen.

Es gibt ja besonders unangenehme Verbindungen. Die U8 etwa, welche die Elendsviertel Neukölln und Wedding in grader Linie verbindet und dabei mitten durch die neue Mitte fährt. Fraglich, ob nun das Lumpenproletariat oder die Boheme abstoßender ist. Die einen ersehnen angstvoll den viel zu weit entfernten Monatsanfang. Die anderen plagt, zu den ubiquitären Geldsorgen, noch die Angst vor zu wenig Beachtung. Aber wer kann schon beurteilen, wer schlimmer dran ist: Einer, der sich vor dem Absturz von ganz unten ins Bodenlose fürchtet, oder jemand, der Angst hat, daß der Aufstieg mißlingt, auf den man sich einen Rechtsanspruch einbildet. Wer dieses Leid in der U8 nicht mehr erträgt, kann zur Ablenkung den florierenden Heroinhandel in der Bahn und entlang der Strecke beobachten.

Dann gibt es natürlich wirklich gefährliche Linien. Wochenends ab etwa 22 Uhr ist, unter anderen, die U1 Richtung Wahrschauer Straße unbedingt zu meiden. Man wird erdrückt von vorgeglühtem Feiervolk, fühlt sich im Geräuschbrei aus alkoholisiertem Spanisch und Englisch fremd in der eigenen Stadt. Und muß Partytouristen anschauen, die meinen, nur weil Berlin eine häßliche Stadt sei, dürfen sich auch Besucher auf das geschmackloseste anziehen. In den Morgenstunden wiederholt sich die Katastrophe in allen Bahnen in umgekehrter Richtung. Da kann man sich leicht im Redeschwall überdrehter Landeier eine ernstzunehmende Gehirnverrenkung zuziehen.

Fühlbar wie abgestandene Luft aber wird die Angst in jeder Bahn, wenn sich nach dem Schließen der Türen eine Stimme erhebt. Bestenfalls ist es eine Fahrscheinkontrolle, welche nach allgemeiner Schrecksekunde manchmal in ein unterhaltsames, kleines Sozialdrama mündet. Wirklich beklemmend aber sind die Bettelmonologe zwischen zwei Stationen, ohne daß der brave Bürger eine Fluchtmöglichkeit hätte. Hier muß man sich um Ignoranz bemühen, der zivilgesellschaftliche Konsens des Wegschauens wird zu einem kollektiven Kraftakt. Ich etwa gebe prinzipiell nur Musikern, gern russischen Schnulzensängern oder Zigeunerbands. Klar, die betreiben Kinderarbeit, aber damit hätten sie Mozarts Eltern auch drangekriegt. Laute Musik erfreut das Herz und vertreibt dunkle Gedanken. Die Bettler aber konfrontieren ungefragt mit den eigenen, ethischen Prinzipien. Die besten dieser Gewissensdienstleister treffen ins Mark menschlicher Gefühle. Manchmal reicht nur der Anblick, wie einer kurz durchatmet und Kraft schöpft, bevor in ausgefeilt choreografierter Liveperformance für ein paar Cent ein gescheitertes Leben zur Aufführung gebracht wird.