Pazifische Bierlandschaft

Japan ist vom Wesen her ein eher nordisches Land. Die Preise sind hoch, die Menschen lieben Privatsphäre und Süßigkeiten. Und niemand braucht zu verdursten, denn Alkohol wird überall für gar nicht mal so viel Geld verkauft. Der Whisky steht im Supermarktregal oben auf Augenhöhe, überall wird Sake angepriesen und das Bierangebot bewegt sich auf international hohem Niveau. Das treibt dann auch merkwürdige, aber nicht unangenehme Blüten, wenn ein ‚Haus München‘ ein Chimay als Hauptgetränk anbietet.

Zwar scheint es unüblich, öffentlich sichtbar zu konsumieren, aber gepflegte und gut besuchte Kneipen sind so häufig wie sie es in Deutschland ohne autofahrerischen Nüchternheitszwang wären. Und auch alkoholisierte Menschen zeigen sich dem aufgeschlossenen Beobachter. 

So braucht man als unbedarfter Tourist nicht weit zu laufen, um die klischeehafte Gruppe Anzugträger mit krebsroten Gesichtern zu sehen, die mindestens vier Getränke intus haben, obwohl sie wegen Alkoholdehydrogenasemangel nicht mal ein halbes dürften. Aber sie genießen es offensichtlich, wenn sie kurz vor dem Kreislaufzusammenbruch wenigstens einmal am Tag ehrlich und von Herzen über die Witze ihres Vorgesetzten lachen dürfen. Auch kommt es vor, dass Jungmänner ihren Testosteronspiegel regulieren, in dem sie wild auf die Straße rennen und mit entgegenkommenden Autos eine Schlägerei anzetteln wollen, während der Freundeskreis sie mit zurückhaltenden Armen, guten Worten einem Glas Wasser in ihrer Männlichkeit bestärkt.

Das Verhältnis der Japaner zur Trunkenheit erscheint mir  zwiespältig. Selbstkontrolle ist der allerhöchste Wert. Ein anständiger Rausch wiederum ist probates Mittel, den zahlreichen Zwängen der Gesellschaft zu entfliehen. Zwar muss man sich dann hinterher schämen, aber unter den zahlreichen Anlässen und Gelegenheiten für Scham fällt das dann nicht mehr besonders ins Gewicht. 

Asahi Clear schmeckt nicht besser und nicht schlechter als internationale Lager wie Heineken oder Carlsberg. Mit 1,50 pro Halbliterdose im Spätsupermarkt ist es Ideal, wenn man nach 14 Stunden Flug den Schlafrhythmus regulieren will. Nach dem dritten Abend wird es ziemlich langweilig.

Wenn man nach ein paar Tagen Eingewöhnung im fremden Land den richtigen, normalen Supermarkt gefunden hat, darf man sich in Japan von so einer kleinen, feinen Spezialitätenecke überraschen lassen.

Neugierig wählte ich das blaue Tokyo Craft Pale Ale. Ganz solide, aber ich hätte im Nachhinein lieber das bekannte Kuna Fire Rock genommen.

Kirin ist eine Allerweltsmarke, die hellen können deutsche Biertrinker nicht nachhaltig beeindrucken. Das Stout aber erfreut mit markanten Röstmalznoten bei weichem Gesamtkörper.

Hitou Beer ist eine erfreuliche kleine Entdeckung in der tiefsten Provinz. Malzig-süffig im Geschmack irgendwo zwischen sehr naturtrüb und Weißbier ist es erst mal nichts besonderes. Aber als regionale Spezialität lecker erfrischend, wenn man im verschneiten Urwald aus der schwefeldampfenden, heißen Quelle steigt und direkt eines aus dem Kasten im kalten Fließwasserbecken greifen kann. Auf dem Etikett zeigen passend zwei anmutige Japanerinnen, wie man im Onsen korrekt nacktbadet, ohne etwas von sich zu zeigen.

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3 Gedanken zu “Pazifische Bierlandschaft

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