Teestunde und Drogenkrieg

Zarter TriebSehr viele Menschen auf der Welt nehmen tagtäglich eine recht wirksames Aufputschmittel, viele von uns sogar schon zum Frühstück. Die Substanz macht wach und konzentriert. Sie blockiert nämlich im Zentralnervensystem Adenosinrezeptoren, welche üblicherweise die Nerven nach getaner Arbeit beruhigen, unter dem Drogeneinfluß funken die Nerven aber munter weiter. Da man bisher noch keine schweren Gesundheitsschäden mit der Droge in Zusammenhang bringen kann und der weltweite Handel ein Riesengeschäft für alle Beteiligten ist, unterliegt sie keinerlei Beschränkungen und wird unbedarft von jung und alt, gesund oder bettlägrig, konsumiert.

 

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Coffein, ein hübsches Purinmolekül mit den CH3-Gruppen, die dafür sorgen, daß Drogen schnell ins Gehirn einsickern. (Bild: Wikipedia)

Die Rede ist von Coffein, dem Wirkstoff von Kaffee und Tee und einigen anderen Pflanzen. Theoretisch macht es sogar abhängig, man kann Entzugserscheinungen kriegen und entwickelt bei Dauerkonsum Toleranz, genau wie bei richtigen Suchtmitteln. Das mach aber nichts, denn … Coffein ist preisgünstig und legal verfügbar und das weltweit am häufigsten konsumierte Stimulans. So lehrt es uns Wikipedia. Bemerkenswert ist vor allem die Ambivalente Haltung in Deutschland, wo man Kindern oft Kaffee als Nervengift verweigert, die lieben Kleinen aber aus Unwissenheit bedenkenlos Tee trinken durften und heute in jedem Supermarkt Koffeinbomben in Energydrinks kaufen dürfen.

Ausrüstung

Service für eine chinesische Teezeremonie. Dabei werden in einer winzigen Kanne sehr viel Teeblätter gebrüht, ein Aufguß zieht nur eine halbe Minute, dafür wird bis zu sieben Mal aufgegossen. Danach kribbelt es schon mal unter der Schädeldecke.

Um unser aller Coffeinkonsum zu erklären, müßte man jetzt für Kontinentaleuropa die Geschichte des Kaffees erzählen. Die ist aber sehr kompliziert, beginnt bei jemenitischen Ziegenhirten, geht über die mannigfachen Europäisch-Türkischen Beziehungen vom belagerten Wien bis zu ominösen Verträgen mit der EU. Aber für einen Geschichtenerzähler ist die Drogenkarriere des koffeinisierten Abendlandes sehr viel einfacher und runder aus Sicht des englischen Teetrinkers. Die ist hierzulande wenig bekannt und beachtet, was wohl auch daran liegt, daß die Engländer in einem anderen Universum leben. Da können sie mit der Geschichte der Volksdroge Tee mal eben Aufklärung, Finanzkapitalismus und Kolonisierung der Welt in einem Rundumschlag abfrühstücken. Das geht dann so:

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Adenin, beliebt in allen Zellen als Teilnehmer der DNA und als Botenstoff. Es sieht fast so aus wie Coffein, nur ohne CH3-Gruppen.

Bis in die graue Neuzeit war der Durchschnittseuropäer kontinuierlich betrunken. Keimfrei abgekochtes Wasser war nur als Bier verfügbar und alle hatten ständig einen im Tee, König wie Bettelmann, von der Wiege bis zur Bahre. Kurz nach 1600 dann purzelten die ersten Teekisten von niederländischen Asienseglern, zur Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich Tee in der Oberschicht von Nordwesteuropa etabliert. Ungefähr zu dem Zeitpunkt fing mit wissenschaftlichem Denken ein tiefgreifender Bewußtseinswandel an. Ob der nun mit dem Wechsel vom Alkohol zum Koffein zu tun hat, mag ein historischer Zufall sein. Völlig abwegig ist der Gedanke aber nicht. Ernüchterte englische Teehändler jedenfalls begannen Drogenhandel in richtig großem Stil. Sie verdrängten die Holländer aus dem Asienhandel. Zur Finanzierung der teuren und riskanten Teekonvois entwickelten sie moderne Risikokapitalgesellschaften. Die profitable Seefahrt wiederum führte direkt zur Eroberung eines Weltreiches. Dem widersetzte sich einzig China, welches leider auch das Monopol auf Teeproduktion hatte. China war lange ein isolationistisches Riesenreich mit großer Antieinwanderermauer und dem erklärten Unwillen, von Ausländern Dinge zu kaufen. Die Engländer bezahlten hundert und mehr Jahre lang gutes Silber für Teeblätter und konnten im Gegenzug nichts nach China verkaufen. Eine Situation, als ob Amerikaner für Dollars Kokain kauften, aber die Dollars nicht durch Waffenexporte nach Mexiko zurückholen könnten. Eine unhaltbare Ungerechtigkeit, die natürlich mit Waffengewalt bereinigt werden mußte. Es kam zum Opiumkrieg, dem ersten richtigen Drogenkrieg der Geschichte.

Der Dealer

Die Teezeremonie, hier bei einem Teehändler, dient weniger der Meditation als der Verkostung des Tees, ähnlich wie eine Weinprobe. Nach der kurzen Ziehzeit kommt der Tee in den Pitcher. Bevor er in die Trinkschüsselchen kommt, wird er erst kurz in hohe Becherchen gegossen, die einzig dazu dienen, die Qualität des Krautes zu riechen.

In diesem Zusammenhang finde ich die lexikalische Bewertung der Substanzen sehr interessant: Im deutschen Wikipediaartikel über Tee wird Opium kein einziges Mal erwähnt, im Artikel über den Opiumkrieg wird dagegen das durch Tee erzeugte Außenhandelsdefizit gegenüber China als wichtige Ursache angegeben. Die englische Handelskompanie nämlich entdeckte, daß sie sich das Silber mit indischem Opium zurückholen konnte. Als Rauchstoff erfreute sich das Schmerzmittel in China größter Beliebtheit, sowohl bei unterernährten Arbeitern als auch bei der gelangweilten Beamtenschaft. Als die chinesische Verwaltung den Handel eindämmen wollte, reagierte die Handelskompanie, wie sich das für Drogenkartelle gehört: Man ballert die Nachbarschaft zu Klump, bis die Revierverhältnisse geklärt sind. In ihrem selbstzufriedenen Gefühl kultureller Überlegenheit hatten die Chinesen Verwaltung und Militär ziemlich verkommen lassen. So hatten sie den englischen Kanonenbooten, bemannt mit volltrunkenen Analphabeten und geführt von ehrgeizigen, teetrinkenden Offizieren, nichts entgegenzusetzen. Es ist natürlich wieder nur ein böser Zufall, daß der Krieg begann, kurz nachdem 1834 auch in Indien Tee angebaut werden konnte und damit das Teemonopol Chinas gefallen war.

  • Wer das alles nicht glaubt, der kann diese Drogengeschichte nachlesen bei Henry Hobhouse: Fünf Pflanzen verändern die Welt. Da werden die europäischen Eroberungen, die Geldströme und Migrationsbewegungen der letzten 500 Jahre flott erzählt anhand wirtschaftlich wichtiger Pflanzen aus den Kolonien. Beginnend mit Chinarinde, Zuckerrohr, dem hier beschriebenen Tee, Baumwolle und Kartoffel. Inzwischen hat Herr Hobhouse in neueren Ausgaben noch den Kokastrauch ergänzt. Das steht dann wieder auf meiner drogenpolitischen Leseliste. Hier geht zum englischen Artikel über „Seeds of Change“, das ist die deutsche ISBN-13:978-3423300520
  • Wer sich für chinesischen Tee als Genußmittel ganz ohne Drogenpolitik interessiert, sollte sich mal den Blog dieser deutschen Teemeisterin ansehen.
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18 Gedanken zu “Teestunde und Drogenkrieg

    • Jetzt, wo wir wissen wie Tee und anderes Koffeinkraut wächst, ja. Das war aber tatsächlich lange Staatsgeheimnis, bzw im Falle des Kaffees, guter Grund, tropische Hochländer zu kolonisieren. Und die Geschichte geht weiter, man studiere nur mal in der Faz die Rohstoffsituationen von Kakao bis Palmöl…

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  1. Ich empfehle allen auch drogenlos Interessierten mal das Buch von Jared Diamond, seines Zeichens amerikanischer Biologe. Heißt „Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“.

    Da erklärt er die Überlegenheit des Westens unter anderem auch mit gewissen Pflanzen und Tieren, die die einen hatten und die anderen nicht.

    Wer sich auch für die Frage interessiert, warum eigentlich die Engländer den Chinesen Drogen verkauften und Kanonenboote hatten, und nicht etwa chinesische Dschunken die Themse raufsegelten, dem sei Ian Morris empfohlen: „Wer regiert die Welt?“
    Diese Frage ist allerdings dann unabhängig von irgendwelchen Pflanzen.

    Darauf jetzt einen Tee. Prost! 😀

    Gefällt 1 Person

  2. Toller Beitrag!
    Lässt sich super lesen.
    Was mich immer wieder begeistert sind die Staatsmänner, welche irgend ein egoistischen Gedanken im Kopf haben, ein bisschen Profit machen wollen und dafür ein halbes Land ausrotten. Es geht um Freude: Sie raucht eine Zigarette am Fenster und sagt es ist kalt draußen, hier drinnen ist’s warm sagt sie. Ja ja und dann sterben die Menschen, weil jemand Tee trinken will.
    Da pflück mir doch einer ein Huhn von der Baumrinde…

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