Unter dem Vulkan – Buchbesprechung mit Schnaps

Endlich habe ich es mal geschafft, mir Mezcal zu kaufen. Kost ’n Arm und ’n Bein, aber ist richtig geiler Stoff. Leider kann ich nicht gut Schnäpse besprechen und außerdem habe ich keinen Vergleich, weil das meine allererste Flasche Mezcal überhaupt war. Deshalb stelle ich den Alkohol unten in der Bildzeile vor und verweise für schöne Degustationen auf den Blog von Schlimmerdurst, der ist Mezcal-Fan und hat Ahnung vom Schnapsbesprechen. Ich aber möchte stattdessen hier einen wirklichen Experten für Spirituosen vorstellen. Und zwar den hauptberuflichen Trinker und Konsul Geoffrey Firmin, eine Romanfigur, der einen Tag lang vergeblich versucht, sich mit anderen Alkoholika vom Mezcal fernzuhalten. Denn er weiß, wenn er mit Mezcal anfängt, ist das sein Ende. Der Schriftsteller Malcolm Lowry, selbst ein ausgewiesener Schnapskenner, schrieb das in seinem Welterfolg „Unter dem Vulkan“. Damit erzählte er eben nicht nur eine beklemmend authentische Trinkergeschichte, sondern legte einen extrem vielschichtigen Roman vor, der menschliche Abgründe ausleuchtet und dabei noch die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts intelligent analysiert.

Im Vordergrund steht natürlich der Alkoholismus Firmins. Seit England die diplomatischen Beziehungen zu Mexiko abbrach, ist der als englischer Honorarkonsul beschäftigungslos und hat deshalb alle Zeit der Welt, sich in dem kleinen Kurort Cuernavaca zu Tode zu trinken. Bei der brillianten Schilderung dieser Tätigkeit schuf Lowry ein hochgelobtes Beispiel für die Schreibtechnik des Stream of Consciousness. Jedes Kapitel ist vollkommen aus der Innensicht eines der Protagonisten erzählt. Aber längst nicht so verworren wie etwa der Ulysses von James Joyce. Der Text ist ziemlich klar, es gibt eine Handlung. Aber weil sich viel davon im total betrunkenen Kopf des Konsuls abspielt, weiß man nach ein paar Seiten nicht mehr, was da stand. Zumindest ging mir das so, ich war aber auch beim Lesen meistens sehr bekifft. Es wäre unpräzise, zu sagen, Lowry schreibt Bandwurmsätze. Es sind eher lange, verschachtelte Gebilde, die sich schlängeln wie die halluzinierten Raupen auf dem Badezimmervorhang des Konsuls, wenn sie vor den polygonalen Skorpionen flüchten. Wer das Buch nüchtern liest, könnte sich den Spaß machen und mitschreiben, wie viele Drinks der Konsul an seinem letzten Erdentage zu sich nimmt. Dabei hat er die wildesten Abenteuer zu bestehen:
„Ich habe“, sagte er, „da hinten noch einen Feind, den Sie nicht sehen können. Eine Sonnenblume. Ich weiß, sie beobachtet mich, und ich weiß, daß sie mich haßt.“
„Exactamente“, sagte Dr. Vigil, „sehrr möglich, sie wird Sie vielleicht ein bißchen weniger ‚assen, wenn Sie aufhören, Tequila zu trinken.“ „Ja, aber heute Vormittag trinke ich nur Bier“, sagte der Konsul mit Überzeugung, „Sie sehen es ja selbst.“

Der Konsul lügt natürlich. Beim Kampf gegen die Sonnenblume hatte er schon im Geheimversteck mit der Tequilaflasche Deckung gesucht und über den Zaun in den Nachbargarten gekotzt.

Was der große Saint Exupery im kleinen Prinzen in drei Sätze packt, breitet Lowry auf mehr als 400 absolut lesenswerten Seiten aus. Der Konsul trinkt, weil er sich schämt, daß er trinkt. Alle anderen Personen in dem Roman trinken ebenfalls mehr als gesund ist. Und sie haben alle ganz hervorragende Gründe, sich zu schämen. Aber sie bleiben in der Realität, in dem sie Lebensprobleme und Trinkvergnügen nicht mischen. Da ist etwa Yvonne, die Frau des Konsuls, die ihn, getrennt lebend, besucht. Die Ehe der beiden ist ähnlich zerrüttet, wie Verstand und Leber des Mannes. Beim Versuch, das Leben mit dem Trinker auszuhalten, landete sie mit nahezu allen Bekannten des Konsuls im Bett und wurde nicht wirklich glücklich damit.
Auch der Bruder des Konsuls ist mit von der Partie. Er schämt sich, weil er natürlich auch ein Verhältnis mit Yvonne hatte und immer noch total in sie verknallt ist. Und weil er als Salonsozialist nichts gegen den Sieg der Faschisten in Spanien unternehmen kann. Damit gelingt Lowry ein weltumspannender Brückenschlag zur politischen Lage im allgemeinen und zum Zustand des englischen Empire im besonderen. Das ist nämlich am Vorabend des zweiten Weltkrieges völlig ruiniert, wie ein alter, trinkender Hahnrei. Erstaunlicherweise berichtet „Unter dem Vulkan“ nämlich auch ausführlich über die Kriege und alle ihre Gräuel und erwähnt dabei den Namen Hitler nur zweimal in Nebensätzen. Das funktioniert, weil die Handlung im November 1938, während des spanischen Bürgerkriegs spielt. Und es zeigt uns dabei die sehr besondere Denkweise der englischen Kolonialisten. Die ahnten und wußten sogar von den geplanten Völkermorden in Osteuropa. Aber sie denken bis heute nicht gern darüber nach, denn dann müssten sie ja auch über die zig Millionen Opfer nachdenken, die das Empire einfach mit fahrlässig schlechter Verwaltung umbrachte. Außerdem ist es dem alten England vor lauter Trauer überhaupt nicht möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Denn die eigentliche Katastrophe des Krieges ist ja der Zusammenbruch des morschen Weltreiches. In diesem Drama nämlich sind Faschisten nur ein begleitender Chor und es ist letztlich völlig egal, ob sie die Hintergrundmusik auf spanisch, italienisch oder deutsch singen. Und wenn man zufällig in Mexiko gestrandet ist, während man seinem Ende entgegentorkelt, wird dabei halt Agavenschnaps getrunken.

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Wenn der Konsul Mezcal trank, meinte er Bauernfusel, mit dem man sich für ein paar Kupfermünzen totsaufen kann. Mezcal ist Agavenschnaps, ohne die enge territoriale Herkunft des Tequila, der meinst in Kleinstbetrieben hergestellt wird. Wenn so etwas heutzutage auf den Weltmarkt gelangt, dann sind das hochwertige Spitzenprodukte, so wie dieser Reposado von Sangre de Vida. Da die meisten Ausgaben von „Unter dem Vulkan“ einen Totenschädel auf dem Einband haben, eignet sich die Flasche mit imaginären Raupen ganz hervorragend als Bebilderung für die Buchbesprechung. Beim Literpreis von 70 Euro aber wäre das Geld lange verbraucht, während sich die Leber schon wieder regeneriert hat. Der gelbliche Schnaps ist dünnflüssig im Glas, aber leicht ölig im Mund. An schönen Tagen schmeckt er pur schon sirupsüß. Aber wenn ich keine Geduld habe, möchte ich ihn mir geschmeidiger machen. Das exotisch rauchige Getränk regt zum Experimentieren an. Ein paar Spritzer Limette unterstützen die gemüsige Strenge, ein Eiswürfel nimmt die Schärfe, ein wenig Zuckersirup schadet nie. Dann sind auch gerne eine Prise Salz und Pfeffer willkommen, vielleicht sogar ein Basilikumblatt.

Für Literaturinteressierte hat dieser Blog viele Details zur Biografie Malcolm Lowrys zusammengetragen.
Wer lieber ’nen Film schaut, kann hier 45 Minuten lang eine schöne Phoenix-Doku über Mezcal und die Region Oaxaca ansehen. Es wird auch das Geheimnis der Würmer aufgeklärt.

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11 Gedanken zu “Unter dem Vulkan – Buchbesprechung mit Schnaps

  1. Schön und liebevoll beschrieben und vielleicht einen Versuch wert. Eigentlich lese ich nicht gerne Trinkergeschichten, weil ich schon genug zu tun habe, in meinem Leben den Überblick zu behalten. Einzige Ausnahme: Die Reise nach Petuschki.

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    • Also, eine großartige Trinkergeschichte – von dieser hier abgesehen – ist „Der Mann mit der Ledertasche“. Bukowski halt 😀
      Ich trinke ja schon lange so gut wie nichts Alkoholisches mehr – aber der ist ja preislich schon so gelagert, daß man hinterher eindeutig einen Schluck braucht.

      Gefällt 2 Personen

      • Ja, die Hurenpost. Trinkergeschichte, mh, Bukowski ist auch sehr vielschichtig und Dosenbier ist immer dabei. Ich hatte gedacht, die Ledertasche handelt von verbesserten Karrierechancen für Vollversager dank frisch gebügelter Hemden…

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  2. Die Prämisse gefällt mir gut und der britische Konsul klingt doch sehr nach einer Figur, die ich in meinen Schreibereien zu verwirklichen versuche. Ich bin mir sicher, dass das Buch spätestens nächste Woche mein Bücherregal zieren wird. Danke für den Tipp!

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