Tischvaporizer – eine Plastiktüte voll Glück

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Es ist mal wieder höchste Zeit für einen Artikel. Denn wir waren eine Woche im Urlaub, da hatten wir keine Lust zu schreiben. Aber wir kamen dort in den Genuss, einen richtigen Vaporizer auszuprobieren. Und zwar den Vapir Digital Air One. Das ist jetzt keine Kaufempfehlung, denn soweit ich meinen Mausfinger müde recherchiert habe, wird das Gerät nicht mehr hergestellt. Auch weiß ich nicht, wie man es bedient, denn ich hatte es gar nicht selber in der Hand.

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Der Digital Air One wurde wohl als tragbares Gerät beworben. da er aber eine Steckdose benötigt und ausschließlich zum Befüllen von Plastikbeuteln gebaut ist, nenne ich ihn Tischvaporizer. Das ist aber letztlich völlig gleichgültig, da das Gerät nicht mehr gebaut wird. 

Es handelte sich um einen leistungsstarken Konvektionsvaporizer, welcher eine ordentliche Menge Kräuter in einem Zug von all ihren Wirkstoffen befreit.  Der Vaporizer ist eigentlich ein fein einstellbarer Heißluftfön mit einem Kräuterfach im Luftstrom. Der pumpt den gesamten Dampf einer Kräuterladung auf einmal in eine Plastiktüte. Oder mehrere, aus einem halben Gramm lassen sich gern 4 bis 5 Tüten befüllen. Diese bekommt man vom Gastgeber gereicht. Ein paar vorsichtige Züge des dichten Dampfes reichen. Aber wenn niemand sonst da ist, muss man unter Hustenanfällen eben die gesamte Tüte leer ziehen.

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Kein Bocksbeutel und kein Gesang, anschwellen tut die Tüte trotzdem ziemlich zügig.

Der Unterschied zu einem Handvaporizer ist schon enorm. Ein Handgerät ähnelt eher einem gemütlichen Joint, mehr oder weniger fest gedreht mit relativ hohem Ziehwiderstand. Eine Plastiktüte voller Dampf ist dagegen wie eine Bong mit offenem Kickloch. Hier gibt es keinen Ziehwiderstand und dafür viel puren Wirkstoff. Der Hustenreiz ist also nicht zwingend, sondern der puren Unkenntnis geschuldet. Wenn man sich mal dran gewöhnt hat, kommt man mit der richtigen Technik relativ unbeschadet zum Zuge. Es bleiben jedenfalls keine Zweifel an Wirkung oder Dampfentwicklung. Mit industrieller Gründlichkeit werden hier die Wirkstoffe extrahiert. Und wenn man mal ne Tüte Dampf vor der Nasse hat, darf man das gute Zeug nicht verkommen lassen. Denn ich vermute, nach einiger Zeit werden die dampfförmigen Substanzen den Gesetzen der Physik folgen, erkalten und sich als zähflüssiges Kondensat an der Tüte absetzen. Und das will ja keiner.

Die Wirkung ist wunschgemäß überwältigend, dabei aber schön klar und heiter. Lust auf Kommunikation hatte ich zwar keine mehr, aber auch keine unangenehmen Gedanken oder Beklemmungen. Das kann ich jetzt aber nicht allein auf die Konsumform zurückführen. Denn in einem Land, wo es noch im Oktober eher heiß als warm und Cannabiskonsum praktisch entkriminalisiert ist, fühlt es sich einfach unspektakulär leicht an, total zugeballert durch eine fremde Stadt nach Hause zu schweben und mit einem Rucksack, der nach Gras stinkt, im Bus zu sitzen. Eher fand ich es ein wenig schade, dass der sehr hochwertige Hanf mir die Motivation raubte, in den zahlreichen günstigen Bars bei gutem Wein und Essen schöne Menschen anzusehen. Da sind ein zwei Züge von einem Joint am Mittag am Strand sehr viel verträglicher.

Und so ist der einzige Kritikpunkt, den ich an so einem leistungsstarken Tischgerät zu bemängeln habe: Es ist einfach zu viel des Guten. Als Erlebnis war das zwar sehr interessant, da ich aber nicht mehr viel Kiffe und keine Zeit habe, mit Kiffern lange Abende herumzuhängen, habe ich kein Bedürfnis nach einem Vaporizer mit Ballon.

Das Gerät selbst, der Vapir Digital Air One, machte einen soliden Eindruck. Ein Anruf im Verdampferladen klärte mich allerdings darüber auf, daß die kalifornische Firma Vapir ihre Zeit gehabt hatte. Aktuell sind zwei Geräte in Deutschland erhältlich, die aber wohl nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind. Für das selbe Geld bekommt man schönere und bessere Apparate. Vapir verbaut wohl immer noch sehr viel Metall, inzwischen aber sind Glasbauteile Standard, weil diese den Geschmack der Inhalation nicht beeinträchtigen. Außerdem seien die Ersatz- und Verschleißteile verhältnismäßig teuer. Der Händler rät da eher zum Arizer Extreme-Q oder den hochwertigen, aber auch teuren Volcano-Modellen von Storz und Bickel.

Das sind, wie schon erwähnt, keine Kaufempfehlungen, lediglich ungeprüft weitergereichte Empfehlungen des örtlichen Vaporizer-Händlers Verdampftnochmal, von dem wir bisher gut beraten wurden. Mit dem einzigen Handvaporizer, den wir dort kauften, sind wir immer noch hochzufrieden. Wir bekommen von dem Geschäft aber keinerlei Vergünstigungen.

Wer allerdings Kräuter für seinen Vaporizer im Wohnzimmer züchten möchte, kann sich bei GrowGuru, dem  Werbepartner der drogenpolitik nach Gewächshaustechnik umsehen. Da bekommen wir dann tatsächlich eine Anerkennung, falls Ihr über diesen Link kauft.growguru

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Chinesische Teezeremonie, ganz profan

Mal wieder möchte von meiner neuen Lieblingsdroge berichten, Grüntee und Oolong nach chinesischer Methode zubereitet. Keine Sorge, ich bin dem Nervengift noch nicht verfallen. Höchstens ein- oder zweimal die Woche gönne ich mir diesen besonderen Genuß. Und der Espresso am Morgen hat immer noch Vorrang. Trotzdem muss ich gleich zu Anfang eine deutliche Warnung aussprechen und Euch bitten, die jetzt beschriebenen Handlungen bloß nicht nachzumachen. Denn die Teezeremonie wird von mir äußerst dilettantisch und unsachgemäß ausgeführt. Eigentlich sollte sie nur von echten Teemeistern beigebracht werden. Aber auch davon raten wir dringend ab, denn sie führt zu suchtartiger Verschwendung teuren Tees und darüber hinaus zu Sammelwahn nach immer teurerem Teegeschirr. Was wiederum direkt zum Drang nach passenden Möbeln und einer größeren Wohnung führt.
Die chinesische Teezeremonie ist, wie eigentlich jede Teezeremonie, nur eine besonders aufwändige und umständliche Form der Zubereitung. Die chinesische Version würde ich da am ehesten mit  einer Weinprobe vergleichen. Es geht um Angeberei hinsichtlich der Teequalität, das Wissen darum und dem geschickten Umgang mit dem Geschirr. Außerdem kann man mit dem komplizierten Verfahren tatsächlich ein Maximum an Geschmack und Wirkstoff aus Teeblättern brühen. Das war es im Prinzip. Jetzt braucht man bloß noch die Charakteristik eines jeden Tees zu kennen und diesen dann in einer jeweils eigenen Tonkanne brühen und in jeweils dem Anlass und dem Tee angemessenen Porzellangeschirr auszuschenken. Ach ja, ein Teetisch ist ebenfalls Pflicht. Das ist eine Art Tablett mit doppeltem Boden und einer Auffangschale, denn beim Aufbrühen muss das Wasser großzügig überschwappen.

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Kanne, Sieb und Pitcher braucht es für einen schönen chinesischen Tee. Wann man abgießen muss, ist Erfahrungssache.

Hab‘ ich alles nicht. Bei mir gibt es ein weiße, emaillierte Kanne, die Beschichtung nimmt keinen Geschmack auf und eignet sich daher  für die verschiedensten Tees. Zelebrieren tu ich das auf einem Teller im Stehen in einer Ecke in der Küche, serviert in Espressogläsern.
Das ganze Verfahren ist schnell erklärt, aber extrem lang gelernt: Viel Tee wird in einer winzigen Puppenstubenkanne kurz aufgegossen, dann in einen Pitcher, also eine Verteilkanne, gefüllt und aus dieser auf die Tassen der Gäste verteilt. Es finden drei bis sechs und mehr Aufgüsse statt, bis alles Koffein und alle Geschmacksnuancen fachmännisch aus den Blättern gespült sind. Jetzt muss man nur noch die Ziehzeiten und Wassertemperaturen beherrschen.

Denn chinesischer Tee soll in der Regel nicht bitter schmecken. Wenn er es doch tut, war er zu lange im Wasser. Um das gewünschte Aroma zu beschreiben, werden gern Worte bemüht wie blumig , grasig oder fruchtig. Ich würde eher sagen, je weniger Eigengeschmack der Aufguss hat, desto besser. Ein guter Grüntee ist heißes Wasser, das intensiv voll und weich schmeckt. Am ehesten ist das Erlebnis für mich noch vergleichbar mit einer guten, klaren Brühe, die ja selbst auch nach nichts schmecken soll, aber alles andere besser macht.
Auch chinesische Schwarztees sind vergleichsweise mild. Sie haben zwar deutliches Röstaroma, aber ätherisch, ohne jede Bitterkeit. Dann gibt es noch meinen Lieblingstee, den halbfermentierten Ooolong, der beides vereint, das leichte blumige eines Grüntees und das zu Vanillehauch verdünnte Röstaroma des durchfermentierten Blattes.

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Oolong ist immer gerollt, links kleinere Halbkugeln, rechts das volle Format.

Die Zubereitung von Oolong ist relativ einfach. Je besser der Tee, desto mehr Fehler verzeiht er, schlechte Qualität verlangt mehr Präzision, da leichter Bitterkeit und krautige Schärfe hervortritt. Die zu festen Kugeln gerollten Blätter werden in der Regel zuerst mit kochendem Wasser übergossen, das wird aber sofort wieder abgegossen, meist um das Geschirr zu Wärmen. Dieser erste Schritt heißt ‚den Tee waschen‘. Das hat aber nichts mit Schmutz zu tun, sondern dient dazu, das Entfalten der Kugeln anzustoßen. Sobald sich die Blätter vollständig  entfaltet haben, gilt der Oolong als ausgelaugt. Umgekehrt kann man also mehr Aufgüsse machen, wenn man die Kanne vollpackt, daß die Blätter kaum Platz haben. Die ersten Aufgüsse sollten 20 bis dreißig Sekunden Ziehzeit nicht überschreiten, ab dem vierten Aufguss kann man den Tee auch mal in der Kanne vergessen, er schmeckt dann immer noch gut.

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Wenn der Oolong sich komplett entfaltet hat, ist aller Geschmack raus.

Grüner Blattee ist da für mich schwieriger. Die Blätter lassen sich nicht so leicht dosieren, wie die Ooolong-Kugeln, die einfach mit dem Teelöffel abzumessen sind. Außerdem verlangt Grüntee kälteres Wasser als Oolong, welcher mit nominell 90 bis 95°C , sehr dankbar einfach mit nicht mehr kochendem Wasser immer gut wird. Grüntee dagegen will 70 bis 80°, was ohne Thermometer nicht sehr gut zu schätzen ist. Ich warte meist nach dem Kochen eine Weile, dann wärme ich mit dem Wasser erst die Kannen vor und benutze es dann. Schließlich lösen sich aus Grüntee auch nach mehreren Aufgüssen noch Bitterstoffe, wenn er zu lange zieht, die Ziehzeit aber verlängert sich mit jedem Aufguss nur um ein paar Sekunden.

Es ist also ein anspruchsvoller Sport. Für mich habe nur folgende Regeln formuliert: Generell immer mehr Tee als man denkt und kürzer ziehen lassen, als man meint. Die zwanzig Sekunden bemisst man gut mit zwei tiefen Atemzügen.

Leckeren Tee und die weiße Kanne gibt es zum Beispiel beim Hamburger Teespeicher
Mehr über die Teezeremonie und besondere Tees kann man bei der deutschen Teemeisterin Elisa auf Oolonglong lesen, welcher ich hiermit für kompetente Beratung ganz herzlich danke. 

Brewbaker – Mein Lieblingsnachbar ist ne Brauerei

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Glück ist, wenn man an heißem Augusttag für eine Reportage eine Brauerei besichtigen muss.

Kürzlich besuchte ich die Brauerei Brewbaker. Diese liegt nur ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt in der Sickingenstraße in Moabit. Nach dem ich nun etliche Jahre deren Biere besonders gern trinke, habe ich nämlich endlich herausgefunden, dass sie direkt in der Brauerei ihr Bier verkaufen und auch Führungen anbieten. Ich las und tat und muss deshalb gleich zu Anfang eine Richtigstellung veröffentlichen über alles, was ich bisher zu Brewbaker-Bier schrieb:

Denn frisch aus dem Kühlraum der Brauerei schmeckt das alles mindestens doppelt so gut wie aus dem Laden und dann bei mir zu Hause schlecht gelagert. Alles was ich bisher über das Bier gesagt habe, war also falsch und quasi gelogen. Das frische Bier bringt mich dann dazu, es so schnell wegzutrinken, dass ich gar keine Zeit habe, irgendwelche Geschmäcker zu unterscheiden. Und eigentlich will ich sofort noch eins trinken und gar nichts darüber schreiben. Außerdem hat das der liebe Bloggerkollege schlimmerdurst neulich viel, viel besser gemacht. Wer also eine vernünftige gustatorische Rezension lesen will, schau sich diesen schönen – übrigens von mir initiierten Bericht über drei Brewbaker-Biere an.

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Michael Schwab engagiert sich für gutes Bier

Der Braumeister, Chef und Gründer, Michael Schwab machte die Brauereiführung. Groß zu führen gibt es allerdings nichts. Der Betrieb liegt in einer kleinen Lagerhalle, das Gebäude teilt er sich passend mit einem Getränkehandel. In der einen Hälfte stehen sechs oder sieben Edelstahlkessel, viel Platz nimmt das Flaschenlager ein. Und wenn grad kein Brautag ist, steht das Bier halt in einem der Kessel herum und möchte dabei gerne in Ruhe gelassen werden. Natürlich gibt es unangenehme Alltagsdinge zu erledigen. Zum Beispiel Kessel reinigen oder verschlissene Kleinteile austauschen. Solche Details wurden mir zum Glück erspart, stattdessen setzte sich der Chef bei einem lecker Bierchen an den Tisch vor der Bürobox und erzählte aus dem Brauer-Nähkästchen. Dabei präsentiert er sich freundlich und zurückhaltend, extrem selbstkritisch, was seine Arbeit betrifft und sehr engagiert wenn es um korrekte Etikettierung und Herkunftsbezeichnungen von Bier geht. Damit ist er natürlich der personifizierte Marketing-Albtraum, der tatsächlich die Überzeugung lebt, nur mit guten Produkten allein am Markt zu bestehen. Wenn Schwab dann noch sagt, dass er absolut nicht der Typ dafür ist, mit Banken über Investitionskredite zu verhandeln, mach ich mir langsam Sorgen um meinen Biernachschub. Aber um genau das Bier zu machen, das seinen eigenen Ansprüchen genügt, hat er die Anstrengungen auf sich genommen, einen eigenen Betrieb zu gründen und zu führen. Und das läuft nun seit 12 Jahren und ist von der Wirtshausbrauerei zum sechs Mann starken Unternehmen gewachsen.

Mit seinen englischen Ales liegt Brewbaker voll im Trend, dabei hat er überhaupt keine Lust auf irgendwelchen Craftbeer-Hype. Andererseits ist er für experimentelles Brauen extrem aufgeschlossen, er sprudelt über vor Ideen für neue Rezepte. Da hilft er auch gerne, er möchte am liebsten sofort alles stehen und liegen lassen und begeisterten Laien helfen, in der Garage ihre Heimbrauanlage einzurichten. Oder er vermietet seine Kessel und steht dann zahlenden Braugästen mit Rat und Tat zu Seite. Ein wenig enttäuscht es ihn nur, wenn so ein Zögling direkt mit dem ersten Sud zu Festivals und Szeneläden fährt und mit buntem Etikett und großer Kampagne unausgereifte Produkte vermarktet. Man glaubt Schwab, dass er niemandem geschäftliche Erfolge neidet. Jeder kann und soll gutes Bier herstellen, sein Herz schlägt für die kreativen Heimbrauer. Als Profi aber – und das ist der studierte Brautechniker – erwartet er von Mitbewerbern, dass sie ihre hochwertigen Produkte in gleichbleibender Qualität und in ausreichender Menge produzieren können. Wenn das nicht klappt, ist der Perfektionist nicht zufrieden. Nicht mit anderer Leute Bieren und nicht mit seinen eigenen. So blickt er fast wehmütig eine Flasche aus meinem Einkauf an und sinniert über einen unerwünschten Oxidationston, den dieser Sud leider abgekriegt hatte, Schuld war ein Luftblase , welche sich aus Unachtsamkeit in den Prozess geschlichen hatte. Das näher zu beschreiben, übersteigt allerdings meine Fähigkeiten, denn mir hat das betreffende „Berliner Art“ zu Hause dann mal wieder ganz hervorragend geschmeckt.

Dringende Empfehlung der Redaktion: Wer in Moabit unter der Woche tagsüber Lust auf bestes Bier hat, soll unbedingt bei Brewbaker vorbeischauen. Ansonsten stehen auf der Website Adressen, wo man Brewbaker kaufen und trinken kann.

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Eine Brauerei besteht eigentlich nur aus Kochtöpfen. Die sind halt aber ziemlich groß, haben mehr Fläche zum Saubermachen und viele Kleinteile oben und unten und vorne und hinten sowieso. 

Heimbrauen – Drogenkochen im Entsafter

OLYMPUS DIGITAL CAMERASchon vor Urzeiten ist ein verderblicher Drogenkult aus Babylonien und Ägypten zu uns nach Nordeuropa herübergeschwappt. Vergorener Gerstensud wird als sogenanntes Bier zu Rauschzwecken getrunken. Dabei ist die Droge wirkstoffarm und durch und durch minderwertig. Ursprünglich tranken die bittere Getreidebrühe nur solche Menschen, denen die Willenskraft fehlte, in einem Land mit gutem Wein geboren zu werden und die gleichzeitig charakterlich zu schwach waren, um sich mit richtigem Alkohol zu berauschen. Inzwischen hat Bier die gesamte Menschheit infiziert. Die Getränkeindustrie hat die Gesellschaft fest im Griff, Gesetze gegen das Rauschgift wird es nicht geben.

Wenigstens hat man sich darauf geeinigt, flächendeckend nur wässriges, aromafreies Bier unter die Leute zu bringen, um ihnen mit Langeweile auf lange Sicht den Geschmack daran zu verderben. Und tatsächlich ging der Bierkonsum allenthalben zurück. Das wird jedoch hinterhältig unterlaufen, weil sich, unbeachtet von der breiteren Öffentlichkeit, einige finstere Verschwörer zusammengetan haben, um die Menschheit mit wohlschmeckendem Selbstgebrautem wieder in den Bierwahnsinn zu treiben.

Die drogenpolitik konnte nun exklusiv ein paar Drogenköche beobachten, die völlig ungeniert in der Nachbarschaft Bier selber machen.

Es ist nämlich erschreckend einfach, Bier herzustellen. Grundstoff ist Getreide, mit Vorliebe spelzenreiche Gerste. Der Alkoholkoch will an den Zucker in der Pflanze. Dazu läßt er sie erst keimen und tötet die jungen Sämlinge sofort wieder. Brutal langsam mit trockener Wärme entzieht er den Körnern allen Lebenssaft. So entsteht das sogenannte Malz. Aus diesem wird dann Zucker herausgekocht. Eigentlich enthält Getreide nicht viel Zucker, sondern Stärke, das sind zu langen Ketten gebundene Zuckermoleküle. Nun besitzen die Keimlinge Verdauungsenzyme, welche die Stärkeketten zu kurzen Zuckermolekülen zerschneiden können. Diese, so fanden schon die Orientalen heraus, arbeiten bei 60 bis 70 Grad Celsius am gründlichsten. In heißem Wasser also wird die Pflanzenstärke zu Zucker.

Üblicherweise verwenden private Drogenköche dazu einfachste Mittel, wie Marmeladeneinkochtöpfe. Man kann sich vorstellen, wie lange es dann dauert, bis 25 Liter Wasser auf Temperatur sind.  Dann sitzen die Leute also untätig vor ihrem Einkochtopf oder Schöpfen mit dem Wasserkocher die Pötte voll. Wenn es dann die perfekte Temperatur hat, kommt geschrotetes Malz in den Kessel. Je nach Rezept etwas 5 Kilo auf 25 Liter Wasser, mal mehr, mal weniger. Ganz akribische heizen nach einer halben Stunde noch mal nach, bei 70 Grad arbeiten andere Enzyme. Die gierigen Brauer prüfen schließlich mit Jod, ob sich noch Stärke im Sud befindet. Wenn kein Farbumschlag eintritt, müssen die ausgelaugten Getreidereste von dem Zuckerwasser getrennt werden.

Läuterbottich

Als Läuterbottich eignet sich ein Plastikeimer mit doppeltem Siebboden. Da setzt sich die ausgelaugte Gerste ab und dient als Filter, geläuterte Würze fließt langsam durch den Hahn in den Einkochtopf. Damit wenig Hitze verlorengeht, hat der Brauer beide mit isolierendem Material umwickelt. Wer es sich einfach machen willen, kann aber auch auf so eine Apparatur verzichten und sein Malz in einem Filtersack auskochen. Das Ergebnis schmeckte auch gut.

In Deutschland wurde mal ein Drogengesetz erlassen, mit dem man im 16 Jahrhundert den teuren Brotweizen schützen wollte. Stattdessen durfte nur die minderwertige Gerste zum kommerziellen Drogenkochen herangezogen werden. Die harten, unverdaulichen Schalen – der Ernährungseuphemiker spricht gern von Ballaststoffen – nun machen, daß Gerstenmalzbrei schön verklumpt. auf ein Gefäß mit Siebboden geschüttet ergibt das Pflanzenmaterial einen ordentlichen Filter. Darüber gießt man den Getreidesud ab, die sogenannte Läuterung. Das erfordert Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Wenn es gut funktioniert, werden Schwebstoffe herausgefiltert, damit das Getränk hinterher verführerisch klar glitzert.  Die Kunst ist, daß es langsam genug durchläuft, aber nicht verstopft. Am Ende wird noch mal warmes Wasser darübergegossen, um allen Zucker herauszuspülen. Den Treber kann das Vieh fressen. Die geklärte Zuckerlösung heißt jetzt Würze, wahrscheinlich nennen die Bierköche das so, um ihr Treiben zu tarnen.

Hopfenhaschisch

Echte Hopfenblüten verwendet kaum noch jemand. Leicht dosierbar und platzsparend sind solche genormten Pellets aus gepresstem, bitterstoffreichem Pflanzenmaterial. Sozusagen das Hopfen-Haschisch.

Nun muss die Zuckerplörre, Pardon: Würze, aufkochen. Und zwar eine Stunde lang, zusammen mit Bitterkräutern. Theoretisch könnte man dazu nehmen, was Wald und Wiese hergibt. Es gilt jedoch das ungeschriebene Gesetz, sich hier auf die Hopfenpflanze zu verlassen.

Den Rest vom Bierkochen weiß ich nur vom Hörensagen, denn bis hierhin kann das gern mal vier Stunden dauern und ich hatte bisher noch keine Lust, mir das dann zu Ende anzusehen. Wenn’s also gekocht hat, ist es endlich Zeit für die alchemistische Alkoholumwandlung. Dazu kommen Hefen hinein, die heißen auch passenderweise Saccharomyces cerevisiae, also Bierhefe. Die Tatsache, daß der Liebe Gott diese Einzeller so getauft hat, halten die Bierkocher dann tatsächlich für einen Beweis der Rechtmäßigkeit ihres Tuns. Die Hefen mögen es aber nicht so heiß. Die kochend heiße Würze soll jetzt möglichst schnell wieder kalt werden.

Jungbier

Fertig vergorenes Jungbier kann jetzt in Flaschen abgefüllt werden, um zu reifen.

Früher machte man das in großen, offenen Bottichen, hat die Flüssigkeit eine große Oberfläche, kann mehr Hitze schneller entfleuchen. Dazu gehörte dann ein Gebet und Vertrauen in die hauseigenen Pilzstämme, daß sich die Würze keine falschen Bakterien fängt und verdirbt. Das geht natürlich mit überhaupt keinen Hygieneverordnungen konform. Deshalb kühlt man heute möglichst schnell mit geeigneten Apparaten, etwa Gegenstromkühlern. Wer keinen hat, stellt es in verschlossener Gärflasche in einen kühlen Raum und hofft und wartet. Bei etwa 20 Grad können die obergärigen Hefen dann loslegen, möglichst in einem Keller, vor Temperaturschwankungen und mißgünstigen Blicken geschützt, blubbert es gut zwei Wochen lang vor sich hin. Was dann beim anschließende, mehrwöchigen Reifen in Flaschen passiert, will ich eigentlich gar nicht so genau wissen.

Gegenstromer

Wer es besonders ernst meint und es mit seinen MitbewohnerInnen vereinbaren kann, schafft sich Heimbraukessel an und baut sich einen Gegenstromkühler, hier ein Gartenschlauch über eine mehrere Meter lange Kupferrohrspirale gezogen. Foto: Berliner Schnauze Homebrewing

Denn die private Bierherstellung läuft allen Prinzipien von Vernunft und Aufklärung zuwider. Wir wollen schließlich eine moderne Gesellschaft sein, in der alles arbeitsteilig hergestellt wird. Niemand soll und will  je die volle Kontrolle über die Alltagsdinge erlangen. Das Fundament unserer Zivilisation sind schließlich komplexe Herstellungsprozesse, die ein einzelner nicht zu überblicken hat.

Wo wird das noch hinführen? Wer heute sein eigenes Bier braut, wird morgen womöglich selbständig denken und übermorgen sein Mittagessen selber kochen!

Wheat Ale

Dieses appetitlich aussehende, komplett selbstgebastelte Bier schmeckte würzig und machte gute Laune.

Wir danken den eifrigen Aktivisten von Eumel Braeu Berlin im Himmelbeet und Berliner  Schnauze Homebrewing, ohne die der Artikel nicht möglich gewesen wäre.

Wer es nicht lassen kann und und in der eigenen Wohnung Hopfen und Gerste anbauen möchte, findet die passende Gewächshaustechnik bestimmt bei GrowGuru, dem einzigen offiziellen Werbepartner der drogenpolitik: growguru

Unser Werbepartner GrowGuru – Die Drogenpolitik wird kommerziell

Es ist so weit! Nach nicht mal drei Jahren engagierten Schreibens, intensivster Recherche und viel experimentellem Herzblut in drogenpolitischen Belangen hat die drogenpolitik ihren ersten Werbepartner. Und zwar GrowGuru, den Internetversand für Garten- und Treibhaustechnik.
Wir möchten natürlich niemanden dazu überreden, in seiner Wohnung irgendwelche Landwirtschaftlichen Produkte unter Kunstlicht anzubauen. Wir glauben nämlich, die Früchte einheimischer Pflanzen gedeihen am besten auf gutem Ackerboden unter der einzig originalen Sonne. Und wer nun meint, die nordeuropäische Sonne sei alleine zu schwach, der möge sich doch dafür einsetzen, daß unsere Volkswirtschaften die Ernteerträge aus sonnigeren Ländern unter geregelten und fairen Bedingungen einführen.
Wir glauben auch nicht, daß die exorbitant hohen Wirkstoffkonzentrationen, wie sie nur kontrollierte Treibhausbedingungen ermöglichen, das einzige Qualitätskriterium für Nutzpflanzen sind. Man beurteilt einen Wein ja auch nicht nach der Höhe des Alkoholgehaltes.
Bis wir allerdings fair gehandeltes und ökologisch korrekt angebautes Gemüse überall zu vernünftigen Konditionen genießen dürfen, müssen sich viele Aktivisten mit eigenen Plantagen behelfen, sorgsam vor Sonnenlicht und kritischen Blicken verborgen. Denen nun hilft das Team von GrowGuru gerne. Schon seit einiger Zeit war mir die Firma GrowGuru ein Begriff. Denn in den entsprechenden ecken der sozialen Medien, wo ich mich zu Recherchezwecken ab und an herumtreibe, tauchte der Name häufig auf. Und zwar nicht in Form von aggressiv blinkenden Bannern, sondern meist in Zusammenhang mit längeren, fachlich interessanten Artikeln, welche auch nützliche Informationen enthielten, ohne den Zwang, gleich ein Produkt zu kaufen. Deshalb zeigen wir ab sofort ganz oben rechts in unserer Seitenleiste diese Werbeanzeige mit Links zum Shop:

Die drogenpolitik unterstützt GrowGuru
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Ebenfalls sehr sympathisch ist das Konzept des „Affiliate Marketing“, welches GrowGuru mit seinen Partnern betreibt. Geld fließt dabei nur, wenn wirklich über den Link ein Produkt gekauft wurde. Wer sich also für Gartentechnik interessiert und dabei die drogenpolitik unterstützen möchte, der kaufe über diesen unseren Link. Wir freuen uns dann. Wer aber aus irgendwelchen Gründen derartige Kommerzialisierung geistiger Arbeit ablehnt, sollte seine Online-Bestellung nur tätigen, nachdem mühsam, Buchstabe für Buchstabe die Adresse des Geschäftes in ein jungfräuliches Browserfenster eingegeben wurde. Das antikapitalistische Gewissen bliebe dann rein und wir kriegen davon nichts mit. Die Entscheidung liegt bei Euch.

Also: Die drogenpolitik kann nur von Anzeigen für GrowGuru profitieren. Alle anderen kommerziellen Links auf dieser Seite kommen von WordPress.com, als Gegenleistung dafür, daß ich hier kostenlos bloggen darf. Das haben die auch verdient und ich distanziere mich davon nicht extra, ich kann aber damit nix verdienen.

Rembeteko – griechisches Haschisch und türkische Melodien

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Im Schlafzimmer von ElGreco und seiner Frau steht ein schwarzes Zelt. Niemand darf sehen, was sich in diesem Zelt befindet. Ihr kleiner Sohn betritt das Schlafzimmer der Eltern nie.

Bei Cannabis-Kultur mit eigener Musik, Kleidung, Sprache und Umgangsformen denkt jeder sofort an Hippies aus Kalifornien oder Rastafari aus Jamaica. Kaum jemand aber weiß, daß wir in Europa auch eine ureigene, musizierende und kiffende Subkultur haben. Und zwar die Rembetes, Liebhaber des griechischen Rembeteko. Gesprochen „Rebeteko“, ohne m, das m ist nur dazu da, damit das b nicht wie v ausgesprochen wird. „Rembetes“ heißt wohl so etwas wie die „Ausgestoßenen“ oder „Verlierer“, heute würde man sie vielleicht Gangster nennen. Der Rembeteko ist ihre Musik.

Die Musik klingt sehr exotisch, eine Mischung aus Sirtaki und diesen türkischen Schmachtfetzen, wie sie hier in Moabit und im Wedding gern aus dunklen BMWs tönen. Aber sehr viel „erdiger, wie ein Folk-Enthusiast sagen würde. Manchmal kann ich Rembetika sogar völlig nüchtern eine ganze Weile anhören. Es ist Haschischmusik, man läßt sich bekifft von den Hüften einer Bauchtänzerin hypnotisieren, nur um zu merken, daß die virtuos tanzenden Finger des Bouzoukispielers grade viel interessanter sind. Rembeteko eignet sich auf jeden Fall überhaupt nicht zum versoffenen Balzen. Tatsächlich ist der bekanntere Sirtaki wohl die alkoholtaugliche Variante, die Schlager-Version des Rembeteko. Der echte Rembeteko aber lässt keinen im Kreis tanzen, er träumt und trauert.

(Wer passende Begleitmusik hören will, der suche sich bei Youtube, Suchwort Rembeteka, etwas aus und lasse es beim Lesen laufen.)

Rembetes feierten wohl erstmals in den 1920er in den Slums von Athen, wo die Vertriebenen der kleinasiatischen Katastrophe gestrandet waren. Mehr als eine Million Flüchtlinge strömten in die wenigen Städte, mit fremder Sprache und fremden Sitten und fremden Liedern. Einzig ihr orthodoxer Glaube machte sie zu Griechen. Vorangegangen war der Völkermord an christlichen Türken während des ersten Weltkrieges. Nach dem Krieg teilten die Siegermächte das Osmanische Reich und richteten rund um Konstantinopel Besatzungszonen ein, Gebiete mit vielen Christen wurden Griechenland zugesprochen. England und Frankreich unterstützten diesen griechischen Anspruch. moralisch, aber nicht militärisch. Immerhin drei Jahre lang versuchten griechische Truppen kleinasiatische Siedlungsgebiet rund um Smyrna zu erobern. Beide Seiten sparten nicht an Massakern, aber 1922 brach die Front zusammen und die Türkei vertrieb kurzerhand alle überlebenden christlichen Griechen. Die große Idee griechischer Nationalisten endete in der kleinasiatischen Katastrophe. Statt des großen Reiches drängten sich die Christen nun alle im kleinen Griechenland. Deren türkische Kultur aber, ihre Musik, ihre Kleidung und ihr Haschisch verstieß nun gegen Griechische Staatsdoktrin. Denn das Nationalgefühl bestand nun darin, alles türkische zu hassen. Die für den Krieg verantwortliche Regierungsmannschaft wurde fix abgeurteilt und erschossen. Türkisches, das sich nicht ausmerzen ließ wird noch heute mit orwellscher Sturheit umbenannt. Mokka, den auch Griechen gern trinken, heißt natürlich griechischer Kaffee. Für einen Griechen war klar, Kiffer gehören eingesperrt, denn sie machen etwas türkisches. Und das, obwohl Griechenland das einzige Land auf dem europäischen Festland war, welches offiziell Haschisch produziert hat.

Das sind alles Gerüchte und Träume bei merkwürdig fremder Musik. Griechenland ist mir fern. Angeblich basiert unsere Kultur auf deren Wissen. Ich glaube aber, das ist eine Phantasie, entstanden in der Renaissance, die für alte Steine eine nekrophile Besessenheit entwickelte, die ausgebleichten Skelette von Tempeln und Statuen verehrend. Das knöcherne Weiß priesen sie als Farbe der Reinheit und Unschuld, wo die Akropolis doch in Wahrheit orientalisch bunt gewesen ist. Das echte Griechenland dämmerte da längst als osmanische Provinz vor sich hin. Und die Wiege unserer Kultur, wo sich die Völker mischten, wo die Prinzessin Europa am Strand von ihrem Stier träumte, ist 1922 zusammen mit Smyrna verbrannt.

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Im schwarzen Zelt gedeihen grüne Pflanzen. ElGreco und seine Frau ziehen sie groß und ernten sie. Auch seine Eltern, die Großeltern seines Sohnes mögen die Pflanzen gerne.

Es gibt wohl gute europäische Bücher über Türken, Griechen, Haschischrausch und Flüchtlingskrisen. Ich brauchte aber eines aus Amerika. Wer wissen will, was es mit Asien und Europa, Griechenland und der Türkei auf sich hat, der lese „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides. Ich glaube ohnehin, der bessere europäische Familienroman ist ein amerikanischer. Nur aus der großen Distanz wird deutlich, wie sich auf unserem kleinen Kontinent die Völkerfamilien drängen wie Parteien in einem Mietshaus. Man redet nicht mehr als das nötigste miteinander, weil alle den Schein waren wollen und vor allem, weil niemand die alten Wunden aufreißen will. Denn kaum eine Wohnung, wo nicht eine Vertriebene Großmutter aus dem Fenster in die verlorene Heimat stiert, wo nicht ein Elternteil den Gang zum Briefkasten fürchtet, weil keine Nachricht von den verlorenen Kindern kommen wird, die den Familiennamen abgelegt haben, als sie dem kleinen Haus den Rücken kehrte und ins Land ihrer Träume zogen.

Middlesex also von Eugenides. Der Titel klingt etwas schlüpfrig und das ist auch genauso gemeint. Hauptfigur ist ein Zwitter, ein Mädchen, das sich während ihrer Pubertät in einen Jungen verwandelt. Wahrscheinlich ist es kein großes Buch, zu schrill, zu unterhaltsam, zu flüssig lesbar und vor allem zu gut verkauft. Ob es nun seines Pulitzerpreises würdig ist, interessiert mich nicht. Ich lese zur Unterhaltung, und es hat mich gut unterhalten und dabei noch für historische Themen sensibilisiert.

Eugenides also erzählt das Märchen von Teresias, dem Seher, der zwischen den Geschlechtern wandelte. Das Mädchen mit dem Penis ist ein Enkelkind der kleinasiatischen Katastrophe. Die Großeltern bringen die Seidenraupenzucht nach Detroit, derweil ein konvertierter Moslem in den USA nicht nur bürgerkriegsähnliche Zustände, sondern einen richtig echten Bürgerkrieg vom Zaun bricht, der noch heute tobt. Dazu kann man natürlich auch Motown hören, wenn man griechisch-türkische Folklore nicht mag. Der würde besser zum Cadillac der amerikanisierten Familie passen. Derweil hockt der Großvater in seinem Keller, raucht Haschisch und hört Rembeteko.

Bitte hört hier nicht auf zu lesen. Um im Blog nur die besten Informationen und wirksamsten Ideen zu liefern, haben wir den Text zur Korrektur an unser Redaktionsbüro in Griechenland geschickt. Nach ausgiebigster Recherche bekamen wir die folgenden Hintergrundinformationen und Richtigstellungen unserer bekifften Pauschalisierungen über einen Konflikt, bei dem um korrekte Deutung immernoch vehement gestritten wird. Deshalb stellen wir beide Texte unverändert einander gegenüber. Nach dem Bild geht es weiter. 

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ElGreco ist Deutscher. Er hört gern deutschen Hip Hop, während der Ventilator summt und die Abluft über einen Duftfilter abgeleitet wird. Seine Eltern aber sind Griechen. Sein Vater hört gern Rembeteko, das hat er wiederum von seinen Eltern, die nach Griechenland flüchten mussten, ohne ein Wort Griechisch zu können,

Von den Korrespondenten aus Griechenland:

„Die Musik klingt sehr exotisch, eine Mischung aus Sirtaki und diesen türkischen Schmachtfetzen, wie sie hier in Moabit und im Wedding gern aus dunklen BMWs tönen.“
Also für meine Ohren klingt die Musik natürlich überhaupt nicht exotisch, denn sie wird mit Hingabe von Generation zu Generation gespielt und geliebt. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

Dass es eine Mischung aus Sirtaki und türkischen Schmachtfetzen sei, ist allerdings auch historisch falsch. Sirtaki ist ein Tanz, der für den Film Alexis Zorbas bzw für Antony Quinn erfunden wurde und kein traditioneller Tanz. Sirtos („gezogen“) nennt man die langsamen Kreistänze, die auf allen griechischen Inseln und auch auf dem Festland bekannt sind und bei dem sich die Tänzer an der Hand halten, während ein wechselnder Vortänzer oder eine Vortänzerin – durch ein Taschentuch – den Kreis mit besonders kunstvollen Figuren anführt.

Die Rembetika-Musik hat ihren Ursprung in Kleinasien – nicht in der Türkei, die im Zuge der Vertreibung und Ermordung anderer Völkerschaften (insbesondere der Griechen und Armenier) erst 1923 gegründet wurde. Vorher war es das Osmanische Reich – ein Vielvölkergemisch.  Rembetika ist ein Stück kleinasiatischer Kultur, die eine Mischkultur war.

„Der echte Rembetiko aber lässt keinen im Kreis tanzen, er träumt und trauert“. So ist es. Bauchtänze gehören nicht dazu. Wenn getanzt wird, dann von einzelnen Männern, immer nur von einem, der mit ausgebreiteten Armen und zur Erde geneigtem Kopf seine komplizierten Figuren tanzt, während die anderen ihm kniend zuklatschen. Warum diese Haltung? Ursprünglich entstand der Tanz wohl in den osmanischen Gefängnissen, beim Rundgang im Viereck des Gefängnishofes. Richtig getanzt, fühlt man dies noch heute. Es ist der Tanz eines Menschen, der umsonst seine Flügel ausbreitet, träumend von dem Flug in die Freiheit. Die Musiker sitzen nebeneinander, aufgereiht und bewegungslos. Außer dem Buzuki gehören Geige, Baklama, Gitarre u.a. zum Ensemble
Rembetes feierten wohl erstmals in den 1920er in den Slums von Athen, richtiger: in Piräus und Saloniki. Ab 1923.

Einzig ihr christlicher Glaube machte sie zu Griechen…  Das ist nicht korrekt. Die Entwurzelten waren kleinasiatische Griechen, nicht Türken christlichen Glaubens (s.o.).

Es gab die direkt Vertriebenen und es gab die Ausgetauschten. Es gab Ausgetauschte, die hauptsächlich die Sprache ihres Herkunftsgebietes sprachen (z. B. die türkischen Kreter und die Griechen aus Kappadozien) und die danach tatsächlich in sprachfremdem Gebiet überleben mussten. Das trifft aber keinesfalls für Smyrna (heute Izmir) und andere kleinasiatische Küstenstädte zu, auch nicht für die Schwarzmeergriechen (Ponti), deren griechische Kultur viel höher entwickelt war als die der Griechen des neuen griechischen Staates.

Vorangegangen war der Völkermord an christlichen Türken  Du meinst offenbar den Völkermord an den Armeniern. Wie oben schon gesagt: Sie waren keine Türken, nicht einmal der Staatsbürgerschaft nach, die es im Osmanischen Reich nicht gab. Sie bildeten eine nicht-türkische Volksgruppe mit besonderen Rechten und Pflichten, von denen es im Osmanischen Reich viele gab. Im neutürkischen Staat gibt es immer noch große nicht-türkische Minderheiten, z. B. die Kurden, die damals von der Vertreibung der Armenier und Griechen profitierten, dann aber sehr bald selbst Opfer von Verfolgung wurden. Auch die Araber, die Aramäer etc sind nicht-türkische Minderheiten. Richtig ist, dass Kemal Atatürk ihnen ihren Minderheitenstatus, der im Osmanischen Reich üblich war, wegnahm, sie wurden zwangsweise türkisiert).

England und Frankreich unterstützten diesen griechischen Anspruch moralisch, aber nicht militärisch. Immerhin drei Jahre lang versuchten griechische Truppen kleinasiatische Siedlungsgebiet rund um Smyrna zu erobern. Smyrna und das Gebiet drumherum wurde aufgrund von Verhandlungen zwischen den Siegermächten und der griechischen Regierung unter Venizelos unter griechische Administration gestellt. Das Stadtgebiet wurde fast nur von Griechen, das Umland aber vorwiegend von Türken bewohnt, die in der Gesamtbevölkerung leicht überwogen. Vorgesehen war, nach einigen Jahren ein Plebiszit abzuhalten, von dem abhängen würde, ob Smyrna und Umgebung dauerhaft zu Griechenland kommen würde. Deshalb machte die griechische Administration eine möglichst türkenfreundliche, versöhnliche Politik, die den griechischen Smyrnioten und insbesondere ihren Kirchenführern ein Ärgernis war. Als nach Wahlen in Athen Venizelos durch die Königstreuen abgelöst wurde, änderte sich das internationale Spiel: der König war ein Schwager des deutschen Kaisers. England ließ daher Griechenland fallen und setzte auf die jungtürkische Karte. Die königstreue Regierung in Athen schickte daraufhin die Armee nach Smyrna, die sogar versuchte, bis nach Ankara zu marschieren. Dieser Kriegszug war verheerend schlecht geplant und brach zusammen. Chaos, Plünderungen, Massaker….Die Folge war dann die „kleinasiatische Katastrophe“, durch die das Griechentum, das dort seit 3000 Jahren siedelte, vollständig entwurzelt wurde.

Und die Wiege unserer Kultur, wo sich die Völker mischten, wo die Prinzessin Europa am Strand von ihrem Stier träumte, ist 1922 zusammen mit Smyrna verbrannt. Dem kann ich zustimmen. Den Ausführungen davor: nun, so und so. Die Renaissance Italiens ist tatsächlich zuerst durch die Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer und Venezianer 1204 (seine Kunstschätze zieren heute noch Venedig) und dann wieder durch den Fall von Konstantinopel durch die Osmanen 1453 in Gang gesetzt worden – und zwar durch die griechisch sprachigen Gelehrten und Künstler, die in Italien eine neue Heimat suchten. Beispielsweise wurde in Venedig der Buchdruck durch Griechen aus Konstantinopel eingeführt….

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Alle Bilder freundlicherweise zur Verfügung gestellt von ElGreco.

Berliner Weiße ohne Schuß

Da wohne ich nun 10 Jahre in Berlin und komme erst in diesem Sommer dazu, Berliner Weiße zu kosten. Damit erweise ich mich als völlig durchschnittlicher Repräsentant des biertrinkenden Massengeschmacks. Denn die Weiße ist ein weitgehend vergessenes, vom Aussterben bedrohtes Bier. Sie ist nur noch selten zu sehen, meist auf vorbeifahrenden Ausflugsschiffen auf der Spree, zur Unkenntlichkeit mit quitschbuntem Sirup verschnitten. Eigentlich ist die Weiße auch gar kein richtiges Bier für die Drogenpolitik. Wir reden hier nämliche von einem deutlich sauren Getränk mit mageren 3% Alkohol, gerne schwimmen nach dem Einschenken noch Hefeflocken im Glas. Bei einem Brauereibesuch bei Brewbaker aber wurde mir so ein saures Dünnbier vorgesetzt. Und es schmeckte richtig gut. Die Säure ist genau das richtige gegen den Durst und mit der homöopathischen Alkoholdosis kann man sich eine Schale nach der anderen reinstellen. Schmecken tut eine Weisse pur ein wenig so, wie wenn man sein Müsli mit saurem Apfelmost aufgießt. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber bei warmem Wetter frisch von der Brauerei ist das ein richtig feines Sommergetränk.

Dazu sind Aufstieg und Niedergang der Berliner Weiße Lehrstück in Sachen Braukultur. Denn die Weiße ist ein Bier aus einer anderen Zeit, das fast ausgestorben wäre, zermürbt von Sirup, industrieller Bierproduktion und dem Geschmack des Zeitgeistes. Die Fakten und Mythen sind sehr gut im Wikipediaartikel aufgelistet, das möchte ich hier nicht weiter referieren. Was nun vom Marketing erfunden oder aufgegriffen wurde, scheint mir zweifelhaft. Grade bei Konsumgütern zeigt sich deutlich der Nebel der Geschichte. Was früher war, wissen eigentlich nur die Leute, die dabei waren. Und von denen hat es jeder anders erlebt.

Jedenfalls war die Weiße wohl einst der beliebteste Bierstil rund um Berlin, mit fast 400jähriger Geschichte, bevor sie zu Touristenkitsch verkam. Zunächst wurde sie mit „Schuß“ aus Sirup oder Likören massentauglich gemacht. Irgendwann dominierte der Sirup den Geschmack, da brauchte man sich bei der Herstellung des Biers keine Mühe mehr zu geben. Der korrekte, traditionelle Brauprozess mit verschiedenen Hefen stört im übrigen die Abläufe in industriellen Brauanlagen ganz erheblich und wurde deswegen in jüngerer Zeit gar nicht mehr praktiziert.

Die Gärung erfolgt nämlich Stufenweise mit verschiedenen Organismen. Neben der normalen Bierhefe werden Milchsäurebakterien eingesetzt. Die liefern den typischen, sauren, frischen Geschmack. Schließlich kommen noch besondere, langlebige Wildhefen mit Namen Brettanomyces in die Flasche. Diese Wildhefen sind für Molekularbiologen und begeisterte Braukünstler ein extrem spannender Lebensinhalt. Manche gewinnen die Kulturen sogar aus uralten Bierflaschen. Denn die Weiße ist ein Bier, das in Würde altern und reifen kann, Jahre und Jahrzehnte machen sie angeblich nur interessanter. Und die lieben Brettanomyces bleiben dabei gesund und munter. Aber für den Besitzer industrieller Brauanlagen sind solche Hefen ein Albtraum. Sie können andere Hefen infizieren und verderben. Oder sich woanders einschleichen, in der Flasche weitergären und ein Supermarktregal voll Pilsbier explodieren lassen.

Diese altmodische, komplizierte und säuerliche Getreidelimonade wurde aber nun von einigen handwerklichen Brauern in Berlin – denn nur von hier darf sie Berliner Weiße heißen – vor dem Verschwinden gerettet. Als Anerkennung dieser ihrer Leistung wäre es nett, die kunstvoll gepflegte Säure nicht mit Sirup zuzukleistern. Wer es nicht mag, kann die Flaschen ja einige Jahre im Keller vergessen und sich dann erneut überraschen lassen vom Champagner des Nordens.

Eine ernste Weiße gibt es bei Brewbaker.
Schneeeule hat sich ausschließlich auf Weiße mit Flaschengärung spezialisiert, vier bis fünf spritzige Sorten sind immer im Angebot, entweder pur oder mit Aromakräutern vergoren.
Brlo macht wohl auch eine, die hab ich aber noch nicht probiert.

 

Stilvolles Besäufnis mit den Recipettes

Unter meinen Lesern, die mich regelmäßig mit einem Like beehren, befinden sich die Recipettes, zwei schöne Damen aus Wien. Die Recipettes machen einen überaus gepflegten Food- und Lifestyle Blog. Wenn Österreicher über Essen reden, kann ich dem immer Begeisterung zustimmen. Die Rezepte sind aufwendig gestaltet, es gibt eine lange, eine kurze Version und eine Englische Übersetzung, schöne und informative Bilder sind in genau der richtigen Anzahl vorhanden.
Ihre Artikel über Einrichtung sind genau so liebevoll gestaltet. Meistens überfliege ich die aber nur, weil mich das Thema nur sehr wenig interessiert. Bei uns zu Hause sieht es aus, als würden wir den ganzen Tag kiffen und uns nur zu IKEA verirren, wenn alle Berliner Restaurants geschlossen haben.
Dieser Post der Recipettes über die Gestaltung von Barwagen konnte die drogenpolitik aber überzeugen. Genießt es!

Die Sektgläser im Schrank, der Gin ganz hinten im Vorratskammerl, die bunten Strohhalme verstreut in der Schublade und der Shaker ist immer irgendwie im Weg. Wer diese Situation kennt, hat wahrscheinlich – genauso wie ich – keine Hausbar. Und seien wir ehrlich, irgendwie klingt das auch etwas nach den 70ern. Die stylishe Alternative: Ein Barwagen!…

über How to style: Barwagen — The Recipettes

MESKALIN – Kurzurlaub auf Gottes Standpunkt

Mitteilen möchte ich, was mir letzte Freitag widerfahren ist, denn Du gehörst zu den wenigen, die das verstehen können. Ich bin keiner, der sich immer gut ausdrücken kann, vielleicht klingt manches seltsam. Ich ging durch ein psychedelisches Erlebnis voll Liebe und voll Schrecken. Normalerweise erlebe ich einfach einen Ego-Tod, erreiche einen Seelenzustand, den ich ‚Hyperraum‘ nenne. Aber ich bleibe doch immer Teil innerhalb von Gottes Schöpfung. Aber dieses mal ging ich direkt in Gottes purem Wesen auf. Meine eigene Existenz endete und ich lebte tausend andere Leben, jedes so real, wie das meinige jetzt. Freudvolle und erbärmliche Leben. Ich sah Millionen Existenzen unter einem einzelnen Fingerstreich Gottes zugrunde gehen, während ich gleichzeitig anderen Leben schenkte. Es kümmerte mich nicht, wie ich all ihre Schmerzen spürte, denn das war, wie es sein sollte und immer sein soll. Ich kehrte zurück in mein Leben mit der Perspektive des Schöpfergottes und erkannte meine totale Nutzlosigkeit der eigenen Person und es dauerte eine Weile, bis ich merkte, daß mir alle diese Erkenntnisse in einem einzigen Augenblick gewahr wurden, als ob mein Leben innehielte. Nun erlebte ich mein Leben wieder und wieder, Geburt, Leben, Tod. Immer wieder aufs neue. Und in diesen unzählig vielen Leben erlebte ich diesen Moment der Erkenntnis unzählige Male. Mit oft erschreckendem Ausgang. Oft tötete ich mich selber, genauso oft endete ich in einer Nervenheilanstalt, weil ich den Weg zurück nicht mehr fand, dann wurde ich wieder Gott und inkarnierte als Gott zurück in meine eigene Existenz. Während ich Gott war schwebte ich davon, weit weg und alles überschauend. Dann nahm ich die Schöpfung, drehte und wendete die Dinge, schichtete die Zeiten um und legte sie wieder übereinander, betrachtete die Entwicklung der Dinge. Aber jetzt begann das furchtbarste. Ich entschwebte noch viel weiter weg und sah mich selbst als Gott. Ich wollte aber aus der Singularität und der Unbequemlichkeit der Unendlichkeit, dem Punkt und einer Art Symmetrieachse fliehen, denn all dies bot keinen Raum zum Ruhen, dabei erschuf ich immer mehr fraktale Spiralen, die sich überlappten und auseinander und ineinander wuchsen, während ich mich selbst in einem Raum bewegte, der keiner war. Die Flucht zurück in mein jetziges Leben gelang, ich erschuf alles, einfach, um mich abzulenken. Ich lag im Bett und wusste nicht, wer ich war. Ich erlebt viele Tage und Nächte in wenigen Augenblicken, denn ich erlebte sie nicht, sondern ich erschuf sie. Das war sehr anstrengend, denn die kleinste meiner Bewegungen veränderte das ganze Universum. Ich verfügte über Millionen verschiedener Arten, die Realität zu erfahren. Auf dem mühevollen Weg zurück musste ich mich zusammenraffen und neu formen, um wieder zu meinem richtigen Selbst zu gelangen. Mir wurde die Frage gestellt, ob ich dieses Wissen behalten wolle und bereit wäre, den hohen Preis dafür zu zahlen. Die Erfahrung dauerte 14 Stunden, davon war ich mindestens vier Stunden vollkommen losgelöst von allem. Es war zutiefst erschütternd, man sollte mit sich und seiner Umwelt absolut im Reinen sein, wenn man das überstehen will. Jetzt ist Sonntag und ich kämpfe immer noch dagegen an, nicht aufs neue in diesen Zustand zu verfallen, wo ich Gott so nahe bin.

Diesen Reisebericht überließ uns Daniil zur Veröffentlicheung, wofür wir uns ganz herzlich bedanken. Daniil ist ein ethnobotanisch interessierter Berufsreisender, den wir in einer Reisegruppe bei facebook trafen. Das hier verwendete Transportmittel, Meskalin, ist ja die mythische Traumdroge schlechthin. Spätestens, seit Jim Morrison die Pforten der Wahrnehmung durchschritten hat und sein Musikensemble nach eben dieser Pforte benannte. Wer sich über die wirklich einleuchtende Begründung für die Schöpfung näher informieren will, der lese in der Monadologie von Leibniz über die Einsamkeit der Gottesmonade. Das ist nichts als die Wahrheit, Leibniz hatte echt Ahnung davon, sonst hätte er ja nicht die ganzen Wissenschaftspreise erfinden können. Wer weitere Fragen an Daniil hat, kann ihn über die Redaktion der Drogenpolitik kontaktieren. Wer sich für meskalinhaltigen Tee interessiert, der studiere das fotografische Kochrezept, ebenfalls von Daniil:

 

Stamm

Das Mittel der Wahl war ein Stück San Pedro-Kaktus, Echinopsis pachanoi, vier Feuerzeuglängen scheinen völlig ausreichend zu sein.

Stücke im Topf

Die Kaktusstücke bringe man in ausreichend Wasser zum Kochen…

Grüne Soße

…und lasse das Gebräu auf kleinster Flamme 12 Stunden lang zu einem dicken, grünen Sud einkochen.

Prost

Durch ein Sieb gestrichen kommt ein feiner Smoothie heraus, der allerdings dem Vernehmen nach allen geschmacklichen Gepflogenheiten diametral zuwider läuft. Wohl bekomms.

Anslinger, der erste Drogenkrieger – Buchbesprechung

KaleidoskopischAngeblich kann man ja Bücher rezensieren, die man gar nicht gelesen hat. Heute versuche ich das mal mit einem, das ich jetzt zur Hälfte geschafft habe. Weil die Drogenpolitik ihrem wöchentlichen Rhythmus hinterherhinkt und langsam mal wieder was kommen muss. Aber auch, weil das Buch wirklich gut ist und ich es auf jeden Fall zu Ende lesen werde. Aber schon jetzt gibt es genug, zum Nachdenken.

Alexandra Chasin: Asassin of Youth – A Caleidoscopic History of Harry J. Anslinger’s War on Drugs

Als ich noch von morgens bis abends bekifft war, habe ich mehr und schneller gelesen. Es kann also an mir liegen, daß ich nicht recht voran komme. Aber die Autorin, Alexandra Chasin, benutzt auch eine recht anspruchsvolle Sprache. Das Englisch ist poetisch, verträumt und assoziierend. Oft muß ich im Wörterbuch nachschlagen, weil ich gar nicht glauben kann, daß ich ihre Sätze wirklich richtig verstanden habe. Andere Wörter kamen mir im Leben zum Ersten mal unter. „Bailiwick“ etwa ist kein irischer Slangausdruck für einen Trunkenbold, sondern tatsächlich das Fachwort für „Amtsbezirk“. Ehrlich, ich hab das nachgeschlagen.

Es geht um den Drogenkrieg des Harry Anslinger, den Mann, der praktisch alleinverantwortlich sämtliche heute geltenden Drogenverbote durchgesetzt hat. Eigentlich ein hochspannendes Thema. Die Person Anslinger schien aber leider ein todlangweiliger Bürokrat gewesen zu sein. Die experimentelle Autorin Chasin versucht, sich der Person Anslinger in kaleidoskopischen Bruchstücken zu nähern. Sie macht das in kurzen Kapitel welche für sich angenehme Häppchen sind, die sich erst später zu einem Gesamtbild fügen. Ganz wunderbar gelingt ihr das, wenn sie ein Sittenbild der fortschrittshungrigen amerikanischen Gesellschaft vor und nach Anslingers Geburt 1892 malt.

Weiß noch jemand, worum es bei dem Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ ging? Charles Bronson redet wenig und erschießt Bösewichter im Staub, drei Stunden lang. Aber warum? Es ging um die Eisenbahn und Grundstücksspekulationen. Chasin setzt danach an, in der kleinen Geburtsstadt Anslingers, Altoona, Pennsylvania. Die hat den Staub und das Elend gebändigt unter Bürgersteigen und gepflasterten Straßen, finanziert von der alles beherrschenden Eisenbahn, bei welcher auch Anslinger sein Berufsleben begann und seine Leidenschaften entdeckte: Statistik, Logistik und Werkschutz.

Als  Ulysses-Fan versucht Chasin natürlich auch in die Gefühlswelt des geborenen Verwaltungsbeamten einzutauchen. Das ist interessant, aber wenig spannend, denn Anslinger scheint eine furchtbar unaufregende Persönlichkeit gewesen zu sein. Natürlich deutschstämmig, sogar zu 100% alemannisch, mit badischer Mutter und Schweizer Vater. Wohl konnte er hervorragend Netzwerken und Kommunikation kontrollieren. Vielleicht ein Grund, weshalb er der Nachwelt wenig persönliche Dokumente hinterließ, dafür umso mehr gleichförmiges Material von seinem Propagandafeldzug gegen das Teufelskraut Marihuana. Der beginnt aber erst nach mehr als der Hälfte des Buches.

War Anslinger also Schuld an den Drogenverboten? Nein, hätte er es nicht getan, hätte es ein anderer gemacht.

Prohibition und Drogenverbote waren ziemlich unausweichlich. Es gab offensichtlich Probleme und es gab die Sehnsucht nach Ordnung und Nüchternheit. Die Beschlüsse wurden schon gefaßt, bevor Anslinger in den amerikanischen Finanzbehörden Karriere machte.  Die Amerikaner kannten Opiate gut und lange, seit dem Bürgerkrieg war die Abhängigkeit als „Soldatenkrankheit“ verbreitet. Die ist übrigens noch heute in der Folklore präsent, anders als bei uns Deutschen, die wir seit Hermann Göring gar nicht mehr gern über die Morphinisten in unserer Verwandtschaft reden.

Die amerikanische Soldatenkrankheit aber grassierte ungehindert 40 Jahre lang und beschränkte sich nicht auf kriegsversehrte Schmerzpatienten, sondern griff um sich wie ein ansteckende Seuche. Herd der Ansteckung war das Mittel selbst, unkontrolliert verteilt von profitorientierten Pharmazeuten, viele Menschen litten darunter. Und die entstehende Großindustrie, auch die allmächtige Eisenbahn, bevorzugte nüchterne Angestellte, denn die arbeiteten produktiver. Die Blaupausen vieler Gesetze zum Drogenverbot waren tatsächlich betriebsinterne Verhaltensvorschriften von Konzernen.

Das faktische Drogenverbot, Alkohol eingeschlossen, erfolgte dann in den USA noch vor dem ersten Weltkrieg, über Lokale Verordnungen, die zu Bundesgesetzen führten. Wohl kritisierten schon damals viele Ärzte, das Drogenproblem mit der Strafjustiz anzugehen, denn es würde viele anständige Menschen zu Verbrechern machen, nur weil sie ein wenig Heroinsüchtig seien.

Anslinger und seine Vorgänger aber konnten besonders gut Horrorgeschichten erzählen, mit Sex und neu erfundenen Verbrechen. Die nahm die Regenbogenpresse begeistert ab. Also verwob er medienwirksam Kriminalität, Drogenchaos und vor allem ausländische Bedrohung und positionierte so seine Drogenbehörde in der Öffentlichkeit. Die Drogenseuchen kamen für ihn nicht etwa aus der Mitte der Gesellschaft, sondern wurden von minderwertigen Ausländern, Chinesen und Mexikanern, eingeschleppt. Als Gegenmittel bot er Importkontrolle und strenge Einwanderungspolitik und traf damit den Nerv der Zeit, bis heute.

Wir lernen, ein Drogenverbot bedeutet eine Menge Verwaltungsaufwand. Die landesweite Durchsetzung in den jungen USA ist dabei Lehrstück eines entstehenden Staates. Das ist interessant, auch und grade für uns aufgeklärte Europäer, die wir versuchen, unseren Kontinent zusammenwachsen zu lassen. Der Staat, der versucht, sich durchzusetzen, muss zunächst Daten erheben und so herausfinden, was er eigentlich will. Dann müssen all die die kleinen, widerstrebenden Mächte überzeugt werden. Und dazu muss man vor allem die richtigen Geschichten erzählen. Und unter den Geschichtenerzählern war Anslinger ein großer, denn niemand erinnert sich an ihn, aber seine Märchen wirken weiter.Cover