Unter dem Vulkan – Buchbesprechung mit Schnaps

Endlich habe ich es mal geschafft, mir Mezcal zu kaufen. Kost ’n Arm und ’n Bein, aber ist richtig geiler Stoff. Leider kann ich nicht gut Schnäpse besprechen und außerdem habe ich keinen Vergleich, weil das meine allererste Flasche Mezcal überhaupt war. Deshalb stelle ich den Alkohol unten in der Bildzeile vor und verweise für schöne Degustationen auf den Blog von Schlimmerdurst, der ist Mezcal-Fan und hat Ahnung vom Schnapsbesprechen. Ich aber möchte stattdessen hier einen wirklichen Experten für Spirituosen vorstellen. Und zwar den hauptberuflichen Trinker und Konsul Geoffrey Firmin, eine Romanfigur, der einen Tag lang vergeblich versucht, sich mit anderen Alkoholika vom Mezcal fernzuhalten. Denn er weiß, wenn er mit Mezcal anfängt, ist das sein Ende. Der Schriftsteller Malcolm Lowry, selbst ein ausgewiesener Schnapskenner, schrieb das in seinem Welterfolg „Unter dem Vulkan“. Damit erzählte er eben nicht nur eine beklemmend authentische Trinkergeschichte, sondern legte einen extrem vielschichtigen Roman vor, der menschliche Abgründe ausleuchtet und dabei noch die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts intelligent analysiert.

Im Vordergrund steht natürlich der Alkoholismus Firmins. Seit England die diplomatischen Beziehungen zu Mexiko abbrach, ist der als englischer Honorarkonsul beschäftigungslos und hat deshalb alle Zeit der Welt, sich in dem kleinen Kurort Cuernavaca zu Tode zu trinken. Bei der brillianten Schilderung dieser Tätigkeit schuf Lowry ein hochgelobtes Beispiel für die Schreibtechnik des Stream of Consciousness. Jedes Kapitel ist vollkommen aus der Innensicht eines der Protagonisten erzählt. Aber längst nicht so verworren wie etwa der Ulysses von James Joyce. Der Text ist ziemlich klar, es gibt eine Handlung. Aber weil sich viel davon im total betrunkenen Kopf des Konsuls abspielt, weiß man nach ein paar Seiten nicht mehr, was da stand. Zumindest ging mir das so, ich war aber auch beim Lesen meistens sehr bekifft. Es wäre unpräzise, zu sagen, Lowry schreibt Bandwurmsätze. Es sind eher lange, verschachtelte Gebilde, die sich schlängeln wie die halluzinierten Raupen auf dem Badezimmervorhang des Konsuls, wenn sie vor den polygonalen Skorpionen flüchten. Wer das Buch nüchtern liest, könnte sich den Spaß machen und mitschreiben, wie viele Drinks der Konsul an seinem letzten Erdentage zu sich nimmt. Dabei hat er die wildesten Abenteuer zu bestehen:
„Ich habe“, sagte er, „da hinten noch einen Feind, den Sie nicht sehen können. Eine Sonnenblume. Ich weiß, sie beobachtet mich, und ich weiß, daß sie mich haßt.“
„Exactamente“, sagte Dr. Vigil, „sehrr möglich, sie wird Sie vielleicht ein bißchen weniger ‚assen, wenn Sie aufhören, Tequila zu trinken.“ „Ja, aber heute Vormittag trinke ich nur Bier“, sagte der Konsul mit Überzeugung, „Sie sehen es ja selbst.“

Der Konsul lügt natürlich. Beim Kampf gegen die Sonnenblume hatte er schon im Geheimversteck mit der Tequilaflasche Deckung gesucht und über den Zaun in den Nachbargarten gekotzt.

Was der große Saint Exupery im kleinen Prinzen in drei Sätze packt, breitet Lowry auf mehr als 400 absolut lesenswerten Seiten aus. Der Konsul trinkt, weil er sich schämt, daß er trinkt. Alle anderen Personen in dem Roman trinken ebenfalls mehr als gesund ist. Und sie haben alle ganz hervorragende Gründe, sich zu schämen. Aber sie bleiben in der Realität, in dem sie Lebensprobleme und Trinkvergnügen nicht mischen. Da ist etwa Yvonne, die Frau des Konsuls, die ihn, getrennt lebend, besucht. Die Ehe der beiden ist ähnlich zerrüttet, wie Verstand und Leber des Mannes. Beim Versuch, das Leben mit dem Trinker auszuhalten, landete sie mit nahezu allen Bekannten des Konsuls im Bett und wurde nicht wirklich glücklich damit.
Auch der Bruder des Konsuls ist mit von der Partie. Er schämt sich, weil er natürlich auch ein Verhältnis mit Yvonne hatte und immer noch total in sie verknallt ist. Und weil er als Salonsozialist nichts gegen den Sieg der Faschisten in Spanien unternehmen kann. Damit gelingt Lowry ein weltumspannender Brückenschlag zur politischen Lage im allgemeinen und zum Zustand des englischen Empire im besonderen. Das ist nämlich am Vorabend des zweiten Weltkrieges völlig ruiniert, wie ein alter, trinkender Hahnrei. Erstaunlicherweise berichtet „Unter dem Vulkan“ nämlich auch ausführlich über die Kriege und alle ihre Gräuel und erwähnt dabei den Namen Hitler nur zweimal in Nebensätzen. Das funktioniert, weil die Handlung im November 1938, während des spanischen Bürgerkriegs spielt. Und es zeigt uns dabei die sehr besondere Denkweise der englischen Kolonialisten. Die ahnten und wußten sogar von den geplanten Völkermorden in Osteuropa. Aber sie denken bis heute nicht gern darüber nach, denn dann müssten sie ja auch über die zig Millionen Opfer nachdenken, die das Empire einfach mit fahrlässig schlechter Verwaltung umbrachte. Außerdem ist es dem alten England vor lauter Trauer überhaupt nicht möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Denn die eigentliche Katastrophe des Krieges ist ja der Zusammenbruch des morschen Weltreiches. In diesem Drama nämlich sind Faschisten nur ein begleitender Chor und es ist letztlich völlig egal, ob sie die Hintergrundmusik auf spanisch, italienisch oder deutsch singen. Und wenn man zufällig in Mexiko gestrandet ist, während man seinem Ende entgegentorkelt, wird dabei halt Agavenschnaps getrunken.

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Wenn der Konsul Mezcal trank, meinte er Bauernfusel, mit dem man sich für ein paar Kupfermünzen totsaufen kann. Mezcal ist Agavenschnaps, ohne die enge territoriale Herkunft des Tequila, der meinst in Kleinstbetrieben hergestellt wird. Wenn so etwas heutzutage auf den Weltmarkt gelangt, dann sind das hochwertige Spitzenprodukte, so wie dieser Reposado von Sangre de Vida. Da die meisten Ausgaben von „Unter dem Vulkan“ einen Totenschädel auf dem Einband haben, eignet sich die Flasche mit imaginären Raupen ganz hervorragend als Bebilderung für die Buchbesprechung. Beim Literpreis von 70 Euro aber wäre das Geld lange verbraucht, während sich die Leber schon wieder regeneriert hat. Der gelbliche Schnaps ist dünnflüssig im Glas, aber leicht ölig im Mund. An schönen Tagen schmeckt er pur schon sirupsüß. Aber wenn ich keine Geduld habe, möchte ich ihn mir geschmeidiger machen. Das exotisch rauchige Getränk regt zum Experimentieren an. Ein paar Spritzer Limette unterstützen die gemüsige Strenge, ein Eiswürfel nimmt die Schärfe, ein wenig Zuckersirup schadet nie. Dann sind auch gerne eine Prise Salz und Pfeffer willkommen, vielleicht sogar ein Basilikumblatt.

Für Literaturinteressierte hat dieser Blog viele Details zur Biografie Malcolm Lowrys zusammengetragen.
Wer lieber ’nen Film schaut, kann hier 45 Minuten lang eine schöne Phoenix-Doku über Mezcal und die Region Oaxaca ansehen. Es wird auch das Geheimnis der Würmer aufgeklärt.

Blogvorstellung: Der besondere Geschmack des Mäck78

In jungen Jahren las ich auch mal in Werken des Marquis de Sade. Man sollte sich ab und zu mit der Geisteswelt französischer Intellektueller beschäftigen und es ist ja auch nicht ganz uninteressant. Allerdings verging mir die Lust daran gründlich, als der Graf begann, sich über gewisse kulinarische Vorlieben auszubreiten. Da, wo ich aufhörte, den Marquis zu lesen, macht nun Mäcks Blog weiter. Merkwürdigerweise aber lese ich den wiederum ganz gern. Es gibt ja durchaus Stimmen, die behaupten, das Werk von de Sade sei als politische Satire zu verstehen. So könnte man Mäcks Blog auch betrachten. Aber er ist nicht so akribisch und manisch wie de Sade, sondern irgendwie leidenschaftlicher und viel menschlicher.
Wer jetzt weiß, worum es bei Mäcks Blog geht und das mit irgendwelchen persönlichen Gefühlen nicht vereinbaren kann, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen und auch auf gar keinen Fall einen der verlinkten Artikel ansehen. Alle anderen sind selber Schuld und denen wünsche ich viel Spaß beim Entdecken von Mäcks Kosmos.

Denn eine große Freude ist es mir, diesen Blog und den verantwortlichen Künstler vorzustellen. Die Scheißhauslyrik ist nämlich abseitige Lektüre ganz nach dem Geschmack abgestumpfter Drogenpolitiker. Darüber hinaus ist Mäck auch noch ein versierter Experte für Aufputschmittel. Den Mut zur Erforschung seiner abgründigen Neigungen, eingeschlossen derjenigen, über ebenselbige freizügigst zu berichten, verdankt Mäck laut eigener Aussage dem Amphetaminkonsum. Dabei hegt er eine besondere Vorliebe für Ephedrin. Mit dieser Substanz experimentierte ich ja auch eine Weile. Trotz gewisser Faszination mußte ich aber feststellen, es eignet sich nicht so gut für psychedelische Forschung. Durch die Lektüre von Mäcks Werk wird mir bewußt, Ephedrin ist eine ganz wunderbare Droge zum Ausleben sexueller Fetische, geradezu ideal für das masochistisch-passive Erleben. Denn die Wirkung ist eine krautig-kratzige Erregung, deutlich sexuell, dabei aber ziemlich stark genital-dysfunktional. Und nicht flauschig wie Ecstacy, welches ja eher androgyn-kuschelig daherkommt. Die kribbelige Wirkung von Ephedrin auf Geschlechtsteile beschreibt Mäck ziemlich anschaulich in der Geschichte mit dem passenden Titel „Der Ephedrinpimmelzwerg„. Diese aber ist nur vollständig mit der Vorgeschichte, „Verstrahlt an Sylvester„.

Wer es wagt, sich das nach dem Essen durchzulesen, hat einen guten Überblick über den Inhalt des Blogs. Für Leser mit empfindlichem Magen sei hier zusammengefasst, es gibt Koprophagie, inzestuöse Phantasien, konservative Ansichten und Sadomasochismus. Hoch seriös und Menschenfreundlich empfand ich auch sein Angebot, abgelaufene Schmerzmittel fachgerecht zu entsorgen. Darüber hinaus hege ich den Verdacht, Mäck ist gläubiger Katholik. Mäcks Werk wäre nicht vollständig, ohne seine Aktivitäten auf facebook. Dort stalkt er regelmäßig unbedarfte junge Leute. Die männlichen etwas wohlwollender, ein hohes Kompliment ist es wenn er den Wunsch äußert, jemandes Hinterlassenschaften verspeisen zu wollen. Gegenüber jungen Frauen betätigt er sich oft als richtig ordinärer und zickiger Orthographie-Blockwart und prahlt dann damit öffentlich. Ferner pflegt er eine extrem umfangreiche und geordnete Dokumentensammlung zum Mordfall Sedlmayr. Da ich nie bewußt Fernsehsendungen mit Sedlmayr gesehen habe, spricht mich das weniger an, es riecht etwas altbundesrepublikanisch nach Tatort.

Da Mäck offensichtlich in einem bürgerlichen Brotberuf seine Misanthropie pflegt, muß er wohl oft nüchtern bleiben, daher sind die meisten seiner Beiträge kurze Bonmots. Wenn er denn aber mal ordentlich Amphetamin nimmt, geht es rund. Das vermute ich jedenfalls. Es kann ja auch sein, daß er den Großteil seines literarischen Schaffens nicht kostenlos verbloggt, sondern es für den großen Durchbruch aufspart. Das hoffe ich persönlich, denn er hat versprochen, mir im Falle eines kommerziellen Schreiberfolgs ein iPad zu sponsorn. Und das, ohne jede Kenntnisse der Funktionalität meines Verdauungsapparates, was ich als große, menschliche Anerkennung werte. Seine literarischen Vorbilder enthüllte er jüngst, das sind unter anderem William S. Burroughs und Hubert Selby Jr. Mir sind die beide leider noch nicht bekannt. Mäcks amphetaminig-aufgekratzte Schreibe erinnert mich ein wenig an Keruac, wobei ich hier Mäck lieber mag. Denn wo Keruac als Intellektueller teilnehmend-beobachtend mit den wilden Kerlen on the road ging, greift Mäck höchstselbst und ohne Gummihandschuh in die Scheiße.18110548_1880165425558707_1359736537_n

Zigarette Tokyo Style

Rauchen sieht gut aus, geradezu verführerisch. Trotzdem bleibt ansprechendes Rauchen eine Kunst, an der sich viele versuchen, die aber nur sehr wenigen gelingt. Die Könige des Tabakkonsums sind ohne Zweifel die Kubanischen Revolutionäre in ihren Propagandafilmen. Nichts passt besser zur Maschinenpistole, als eine Zigarre, größer als der mächtige Pilgerbart, lässig im Mundwinkel hängend. So zeigt Mann, wer den längsten hat. In dem brasilianischen Musikdrama Orfeo Negro kann man bewundern, wie sich Zigarren auch für allerheiligste Zeremonien einschließlich Totenbeschwörung eignen.

Zigaretten haben es dagegen ungleich schwerer. Das Längenproblem wußten einst Diven mit Spitzen künstlich zu überbrücken. Aber das verfehlt letztlich das Wesen der Zigarette. Die steht doch für den schnellen Kick, Drogensucht des modernen Stadtbürgers ohne jeden Rausch, der den produktiven Verstand benebeln könnte, erfolgsorientierte Triebbefriedigung ohne Lust und Muße. Die zweiminütige Schamanenreise to go perfekt inszenieren kann nur ein japanischer Angestellter im scharf geschnittenen Anzug, den leeren Blick fokussiert auf die Schatten des Totenreiches, der Kopf müde und leer von einem Leben aus Überstunden.

Gescheiterte Flucht

Als protestantischer Rheinländer und Kind zugewanderter Norddeutscher pflege ich eine vertraute Distanz gegenüber dem Karneval. Wirkliches Entkommen ist nahezu unmöglich. Einmal versuchten wir, das merkwürdige Treiben durch einen Ausflug in die Coffee Shops zu umgehen. Allein, als Nachbarstadt Aachens ist das Limburgische Maastricht eine karnevalistische Exklave in den calvinistischen Niederlanden. Auch hier geschlossene Geschäfte und schreiend bunt gekleidete, schreiende Betrunkene, die auch mit guten Rauchwaren nur schwer zu ertragen sind. Also ergibt man sich dem Schicksal, akzeptiert betriebliche und private Feierstunden mit dem nötigen Frohsinn und meidet überdies größere, öffentliche Menschenansammlungen. 

In lokalpatriotischer Routine vergisst man dabei leicht, über den Tellerrand zu schauen. Auch anderswo gibt es vorfastenzeitliche Besäufnisse. Schauen tun wir da natürlich gern auf die Südhalbkugel der Erde, wo im Februar Sommer ist und die Menschen in Bademoden karnevalisieren. Dahin dauert aber der Flug so lange. Viel eher verschlägt einen der Zufall mal in die Zentralschweiz. Hier leben genug Katholiken, um die päpstliche Leibwache mehrfach zu bemannen. Entsprechend enthusiastisch feiern sie hier auch Karneval. Die Kostüme sehen dabei sehr gewöhnlich Rheinländisch aus, viele bunte Clowns und ethnische Minderheiten mit Federschmuck laufen herum. Von Hexen und Dämonen, wie sie manchmal aus Basel und dem Oberrhein vermeldet werden, ist nichts zu sehen. Die öffentlichen Frohsinnsbekundungen finden dabei ebenfalls um zentrale, süßwarenwerfende und politikverunglimpfende Festwagen statt. Aber der Straßenkarneval wird hier noch um eine regionaltypische Spielart ergänzt. Das sogenannte Eintrommeln:

Schon Mittwoch Abend, vor dem rheinischen Weiberdonnerstag, ziehen Spielmannszüge mit Pauken und Trompeten über die Dörfer. Mit vehementester Ausdauer lärmen diese dann die ganze Nacht und den folgenden Tag, eine einzige Melodiezeile. Das Getrommel weckt Tote, vertreibt den Winter und würde jede angreifende Konstanzer Feuerwehr zutiefst demoralisieren. Es wird solange fortgeführt, bis auch der verstockteste Karnevalsmuffel freiwillig zur offiziellen Feier auf dem Markt des Hauptortes erscheint. Oder auf einen Berg flüchtet. 

In der Skihütte, über den Wolken und über allem katholischen Straßenfrohsinn, trifft sich das zwinglianische Bürgertum und bespricht völlig zwanglos am liebsten finanzielle Angelegenheiten.

Keine Angst im öffentlichen Nahverkehr

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Sinn aller Werbung ist, im Gespräch zu bleiben. Und da hat die BVG mit ihrer Kampagne alles richtig gemacht, wenn jetzt sogar ich auf meinem Eigenbrötlerblog davon schreibe. Natürlich kommt das Klischee der koksenden Modebranche etwas altbacken daher. Kokain ist im Mainstream angekommen, Banker berauschen sich nur noch an toxischen Papieren und die Modebranche nagt am Hungertuch. Behaupte ich jetzt einfach mal so, ohne einen Kokser, Banker oder Modedesigner zu kennen. Aber genau diese Altbackenheit paßt zu einem Betrieb der öffentlichen Hand.

Ich mag die BVG. Nach dem ich länger in Berlin lebe, sollte ich mich zwar assimiliert haben und müsste, gleich den Autochthonen, wie ein Rohrspatz über die ‚Öffentlichen‘ schimpfen. Aber das ländliche Trauma selten fahrender Linienbusse wirkt lange nach. Es begeistert mich immer noch, daß man in der Innenstadt nirgendwo länger als 10 Minuten wartet, um überall hin zu kommen. Trotzdem ist natürlich nicht alles rosig. Denn die Berliner U-Bahn ist zweifellos auch Paradebeispiel und  Konkretisierung des ominösen Begriffes Angstraum. Eine Zeitlang betrat ich die Öffentlichen nur bekifft. Im Wagen voller merkwürdiger Leute, die bedrohlich vor sich hin starren, redete ich mir ein, daß sei nur eine leichte, drogeninduzierte Beklemmung und folglich reine Einbildung. Derartige Wahrnehmung im nüchternen Zustand aber müssten jeden vernünftigen Menschen in Panik ausbrechen lassen.

Es gibt ja besonders unangenehme Verbindungen. Die U8 etwa, welche die Elendsviertel Neukölln und Wedding in grader Linie verbindet und dabei mitten durch die neue Mitte fährt. Fraglich, ob nun das Lumpenproletariat oder die Boheme abstoßender ist. Die einen ersehnen angstvoll den viel zu weit entfernten Monatsanfang. Die anderen plagt, zu den ubiquitären Geldsorgen, noch die Angst vor zu wenig Beachtung. Aber wer kann schon beurteilen, wer schlimmer dran ist: Einer, der sich vor dem Absturz von ganz unten ins Bodenlose fürchtet, oder jemand, der Angst hat, daß der Aufstieg mißlingt, auf den man sich einen Rechtsanspruch einbildet. Wer dieses Leid in der U8 nicht mehr erträgt, kann zur Ablenkung den florierenden Heroinhandel in der Bahn und entlang der Strecke beobachten.

Dann gibt es natürlich wirklich gefährliche Linien. Wochenends ab etwa 22 Uhr ist, unter anderen, die U1 Richtung Wahrschauer Straße unbedingt zu meiden. Man wird erdrückt von vorgeglühtem Feiervolk, fühlt sich im Geräuschbrei aus alkoholisiertem Spanisch und Englisch fremd in der eigenen Stadt. Und muß Partytouristen anschauen, die meinen, nur weil Berlin eine häßliche Stadt sei, dürfen sich auch Besucher auf das geschmackloseste anziehen. In den Morgenstunden wiederholt sich die Katastrophe in allen Bahnen in umgekehrter Richtung. Da kann man sich leicht im Redeschwall überdrehter Landeier eine ernstzunehmende Gehirnverrenkung zuziehen.

Fühlbar wie abgestandene Luft aber wird die Angst in jeder Bahn, wenn sich nach dem Schließen der Türen eine Stimme erhebt. Bestenfalls ist es eine Fahrscheinkontrolle, welche nach allgemeiner Schrecksekunde manchmal in ein unterhaltsames, kleines Sozialdrama mündet. Wirklich beklemmend aber sind die Bettelmonologe zwischen zwei Stationen, ohne daß der brave Bürger eine Fluchtmöglichkeit hätte. Hier muß man sich um Ignoranz bemühen, der zivilgesellschaftliche Konsens des Wegschauens wird zu einem kollektiven Kraftakt. Ich etwa gebe prinzipiell nur Musikern, gern russischen Schnulzensängern oder Zigeunerbands. Klar, die betreiben Kinderarbeit, aber damit hätten sie Mozarts Eltern auch drangekriegt. Laute Musik erfreut das Herz und vertreibt dunkle Gedanken. Die Bettler aber konfrontieren ungefragt mit den eigenen, ethischen Prinzipien. Die besten dieser Gewissensdienstleister treffen ins Mark menschlicher Gefühle. Manchmal reicht nur der Anblick, wie einer kurz durchatmet und Kraft schöpft, bevor in ausgefeilt choreografierter Liveperformance für ein paar Cent ein gescheitertes Leben zur Aufführung gebracht wird.

Asoziales Dreckspack aus dem Bilderbuch – Hexe Total 2

Gleich zu Beginn dieses Artikels muß ich zu meiner Schande offenlegen, daß ich das besprochene Buch selbst gekauft und von eigenem Geld bezahlt habe. Obwohl viele Arbeiten des tasmanischen Comiczeichners Simon Hanselmann frei im Internet zugänglich sind. Zufällig bin ich in einem Comicbuchladen mit klischeehaft brummigem Besitzer gestrandet. Da merkte ich schon beim durchblättern, daß ich zwar die meisten Geschichten kannte, aber eben nicht alle. Belohnt wurde ich mit 176 Seiten Comiclesevergnügen auf dickem Kartonpapier in angenehmen Pastelltönen. Das Geld gönne ich Hanselmann durchaus. Ich halte ihn für einen großartigen Künstler, schon seine Lehrer glaubten an ihn, wie diese Zeugnisse aus der Schulzeit beweisen. Der Zeichenstil ist minimalistisch, aber die Charaktere sind Extrem plastisch, durch langjährige Aktivität haben sie alle eine Biografie, umfangreicher als die Schulakte eines Problemkindes. Wahrscheinlich beruhen sie sogar auf echten Menschen. Und zwar einem Haufen beklemmend gemeiner und verkommener Subjekte. Sie sind nicht etwa bösartig, sondern, viel schlimmer, völlig abgestumpft und gleichgültig. Sie amüsieren sich, wenn sie sich gegenseitig in ihren Sumpf herunterziehen und festhalten können.

vollpfosten

Grade bei einfacher Sprache und guten Englischkenntnissen muß man eine Deutsche Übersetzung kritisch betrachten. Aber einen ‚Fuckstick‘ als ‚Vollpfosten‘ zu bezeichnen, ist eine gelungene Übertragung dieser lauschigen Lagerfeuerszene.

Die Geschichten drehen sich um eine kleine Hausgemeinschaft und ihren Freundeskreis. Meistens spielen sie im verwahrlosten Wohnzimmer, vor immer gleicher Kulisse von Bong, Eimer und Pizzakartons. Mein Australienkorrespondent, der bisher wegen ausgiebiger Recherche noch keine Artikel abliefern konnte, bestätigte mir die Authentizität der Wohnsituation. In Sidney teilen sich viele junge Leute ein eingeschossiges Haus zur Miete, die Häuser haben, wie im Comic, alle ein kleines Stück Rasen, umgeben von braunem Lattenzaun. Sozusagen englische Arbeiterreihenhäuschen in der Billigvariante aus Presspanholz.

Die Hexe Megg ist die Femme Fatale im Zentrum. Sie wohnt zusammen mit ihrem festen Freund, dem Kater Mogg und dem nicht ganz so heimlichen, aber chancenlosen Verehrer Eule. Ständiger Gast ist Werwolf Jones, Meggs heroinaffiner Exfreund aus Schulzeiten und Drogendealer. Die Konstellation könnte hochexplosiv sein, würden die Beteiligten ihre Emotionen nicht konsequent im Rausch ersticken. Megg versucht die Nebenwirkungen ihrer vielen Psychopharmaka mit Gras und Alkohol zu kontrollieren. Ihr Freund Mogg macht jeden Unsinn mit, bleibt aber etwas undurchsichtig. Als Kater zeigt er sich arttypisch klug, faul und opportunistisch. Gelegentlich stiftet er seine Freunde zu grausamen und demütigenden Streichen an, wenn denen selbst keine mehr einfallen. Die gehen natürlich ausschließlich zulasten von Eule, der fast wie im Stockholmsyndrom in der freiwilligen Gefangenschaft der Hausgemeinschaft ausharrt. Denn er leidet unter Einsamkeit und sehnt sich nach Anerkennung. Sein latentes Alkoholproblem hat er durch Dauerkiffen ganz gut im Griff. Er wird völlig zurecht gemobbt, denn er will sich partout nicht an die harmonische Gemeinschaft der Sozialhilfeempfänger anpassen. Er hat einen Job und will sogar weiterkommen. Auch macht er sich verhaßt, weil er oft vorsätzlich versucht, nachts zu schlafen und tagsüber sinnvolle Dinge zu tun.

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Megg ist nie um Antworten verlegen.

Wie alle Kifferbuden ist auch diese Truppe aus Down Under ein Paradies für alle, die dort Urlaub von ihrem richtigen Zuhause machen können und die Hölle auf Erden für diejenigen, die dort leben müssen. Wer sich für Megg und ihre verwahrlosten Haustiere interessiert, sollte sich auf Hanselmanns Tumblr Girl Mountain ausgiebig einlesen. Die älteren Beiträge aus dem Archiv enthalten nicht nur Fotos von Hanselmann in Frauenkleidern, sondern auch recht lange Comicgeschichten. Wem das gefällt, der sollte die 25 Euro, die ein Buch kostet, sinnvoll in Gras oder eine Flasche Schnaps investieren und weiter im Internet Recherchieren.

Drogenszene to go

gelbe-wartehauschenDer kleine Tiergarten liegt mitten in Moabit. Das ist nicht wirklich ein Park, eher ein länglicher Streifen Grün zwischen den parallel verlaufenden Verkehrsadern Turmstraße und Alt Moabit. Lange Zeit war das ein ziemlich versumpftes und verkommenes Stück Erde. Und zwar ziemlich wortwörtlich, denn Wildwuchs von uralten Bäumen und Buschwerk bildete ein modriges, unübersichtliches Dickicht. Da konnten sich Menschen verstecken, die keine bessere Bleibe fanden, aber auch nicht unbedingt die komplette Existenz ungeschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit ausbreiten wollten. Alteingesessen war die Trinkerszene, die sich praktischerweise im gegenüberliegenden Netto versorgte. Da die Pfandflaschen hier noch nicht von einem Automaten, sondern von Mitarbeitern persönlich entgegengenommen und handschriftlich quittiert werden, ist auch für zwischenmenschlichen Kontakt ausreichend gesorgt. So hätte der kleine Tiergarten in schattiger Harmonie friedlich weiterexistieren können.
Dann aber kam irgendwo jemand auf die Idee, das Gelände zu sanieren. Das alte Gesträuch wurde ausgedünnt, die Spielplätze renoviert und die Wege übersichtlich gestaltet, damit die Bürger wieder einen schönen Park haben. Das stieß nicht überall auf Gegenliebe. Berechtigterweise empörten sich viele über die Vernichtung des alten Baumbestandes. Gefühlte zwei Jahre klebten wütende Protestbriefe entsprechender Initiativen im ganzen Viertel, vorzugsweise natürlich an den gefährdeten Bäumen. Auch die Riesenkiesel waren einen Aufreger wert, rundlich flache Betongebilde, die als völlig unnützer Landschaftsschmuck den Steuerzahler ein erkleckliches Sümmchen kosteten. Manch leisere Stimme sorgte sich auch um die offensichtlich geplante Vertreibung der Marginalisierten. Diese Sorge war aber völlig unbegründet. Die vormals von Büschen verdeckte Trinkerszene entwickelte sich weiter, nach Entfernung der Sichthindernisse eigentlich nur logisch, zur offenen Drogenszene. Mit allem dazugehörigen Ärger und Medienrummel. Die unmittelbare Nähe zum LAGetSi, republikbekannte Erstanlaufstelle für Flüchtlinge, trug nicht unbedingt zur Befriedung des Geländes bei.
Eine sinnvolle und soziale städtebauliche Maßnahme aber ist die Errichtung eines leuchtend gelben Unterstandes, der zusammen mit dem Pissoir gleicher Bauart, rechts im Bild, jetzt ein hübsches Ensemble bildet. Der Unterstand ähnelt einer Bushaltestelle, nur daß die offene Seite nicht zur Straße, sondern zum Parkgelände weist. Da finden die Nutzer bei Wind und Regen ein wenig Schutz. Wir Anwohner aber können nun dort vorbeigehen, unter den Versammelten eine unverbindliche Auswahl treffen und, falls wir noch keinen Trinker im Hause haben, direkt ohne weitere Formalitäten einen mitnehmen.

Prinzessin Bademantel – Schöner Blog, gelegentlich mit Drogen

Seit einiger Zeit lese ich immer wieder gern den Blog Prinzessin Bademantel. Die Prinzessin, ein junger Mann aus Stuttgart, teilt dort einen buntesten Strauß kunstsinniges, kitschiges und lustiges aus seinem Leben. Ich gebe zu, vieles überfliege ich. Für eine Fülle von Internetmemes und Twitternachrichten bin ich einfach zu alt. Die Tondokumente sind mir oft nicht zugänglich, da ich viel unterwegs auf dem Telefon lese, aber mir nie angewöhnen konnte, in der Öffentlichkeit Kopfhörer zu benutzen. Ab und zu aber bringt die Prinzessin lange und ausführliche Berichte aus seinem Leben als „Tekker“ in der Subkultur um Technoparties. Die lese ich mit Interesse und Anteilnahme, klar sie handeln hauptsächlich von Drogen, das ist genau mein Thema. Aber dazu kommen sie in dieser wortreichen, trotzdem fesselnden und intensiven Sprache, wie sie oft in Zusammenhang mit Aufputschmitteln erscheint. Die Intensität wird vielleicht deutlich in diesem Auszug eines Gespräches, das ich mit Prinzessin in den Kommentarspalten führte. Eigentlich wollte ich nur mal anfragen, ob wir nicht mal was zusammen schreiben wollen. Als Antwort bekam ich diesen nahezu fertigen Artikel, die vielen Andeutungen lassen aber auf mehr hoffen:

Man könnte ja über die einzelnen Drogen, die damals in der Techno-Szene in Stuttgart konsumiert wurden, berichten. Was habe ich alles konsumiert. Wieso habe ich es konsumiert und wie wirkte es auf meinen Körper und mein Bewusstsein. Wie waren die Folgen des Mischkonsums verschiedener Drogen, Chemie und Alkohol und was nicht alles noch. Eigentlich hatte ich Zugang zu allem was der Markt so her gab.
Von XTC, Pepp, Speed, LSD, GHB / GBL (Liquid Ecstasy), Poppers, Engelstrompete (Tee), Marihuana und Haschisch, Cola (Kokain), Shore (dreckiges oder auch minderwertiges Heroin). Am Ende gab es noch Crystal Meth. Das kostete uns damals 200 Euro das Gramm. Zu dieser ganzen Chemie gesellte sich noch eine Menge an Alkohol.
Wenn wir nicht in Clubs, sondern im Park waren, klauten wir uns auch Lufballons und Butangas in der Dose und inhalierten durch die Lufballons. Was für uns die selbe Wirkung wie Poppers erzeugte. Nur 1000000000x stärker und mit der ständigen Gefahr nach dem Blackout nicht mehr aufzuwachen, da unser Gehirn keinen Sauerstoff mehr abbekam. Aber so war ich, war die Szene in Stuttgart damals drauf. Wir waren immer auf der Suche nach einem Flash. Wir zählten nach 3 – 5 Tage wach immer zusammen, wie viele verschiedene Flashs (Substanzen) jeder einzelne von uns konsumiert hatte. Wenn es hart kam, hatte man schon 10 verschiedene Substanzen im Körper und Blut. Alkohol natürlich mit einbezogen.
Daraus resultierte nach 3- 5 Tage Konsum durch die viele Drogen zusammen mit dem fehlenden Schlaf der sogenannte “Licht aus Effekt“ im Kopf. So nannte ich das immer, wenn im Kopf eine Leere ohne Gedanken entstand. Man versuchte, sich auf etwas zu konzentrieren, oder jemand schaute einen an und man wusste innerlich das beide etwas sagen wollten. Aber es kam nichts mehr aus uns heraus. Eine erdrückende Stille ohne Gedanken und Worte. Das Gehirn war Quasi tot. Manchmal brach man dann auch einfach in einem Heulkrampf aus, weil die Depressionen, die mich auch heute noch begleiten, dazu kamen.
Depressionen wegen Drogen vielleicht auch noch ein Thema? Weitere Infos dazu zu meinen Depressionen bedingt durch Drogen gibt es hier.
Heutzutage wird Crystal im Osten billiger als Pepp verkauft. Diese Entwicklung hat mich sehr erschreckt. Die Jugend, aber auch der Ottonormalverbraucher, nutzt Crystal wie Pepp um wach zu bleiben. Ich war von Pepp abhängig. So viel Pepp muss man erst mal täglich rotzen, um davon abhängig zu werden. Aber bei Crystal Meth reichen schon die ersten 1 – 2 Lines und man kommt nicht davon los. Ist wie beim Heroin. Habe ich mit Crystal an mir aber selbst auch erleben dürfen. Mir sind dann Zähne ausgefallen, als ich Crystal als Ersatz für Pepp oder Speed genutzt habe. Zudem sind meine Nasenschleimhäute nach 10 Jahren ziehen total kaputt. Der sogenannte Sommerschnupfen ist jedes Jahr allgegenwärtig. Irgendwann habe ich dann angefangen Pepp und Co in Bier aufzulösen und zu konsumieren.
Sieh mich einfach als lebendes und wandelndes Drogenlexikon an.

Wer weiterlesen möchte, kann bei Prinzessin Bademantel unter der Kategorie Drogen stöbern. Oder gleich die vierteilige autobiografische Geschichte 3 Tage wach anklicken, Teil eins, zwei, drei, vier.tur-zu-wir-ziehen

Reinheitsverbot – Montags in der Brauerei

Liebe Leser der Drogenpolitik!
Vielleicht kennt mich der eine oder andere noch, Bernadette Botox, die emsige Redaktionsassistentin der Drogenpolitik. Heute darf und muss ich als Autorin zu Euch sprechen. Ihr werdet keine Geschichte aus meiner Feder lesen, die würden Euch auch langweilen, denn sie handeln überhaupt nicht von Drogen. Meinen guten Namen präsentiere ich hier der Öffentlichkeit zum Schutz unserer Quelle. Denn eine brisante Enthüllungsgeschichte aus dem Milieu organisierter Drogenhändler wurde uns zugespielt. Mehrmals traf ich persönlich im Internet einen jungen Mann, der per ausbeuterischem Vollzeitarbeitsvertrag an eine professionelle Drogenküche gefesselt ist. Seine traumatischen Erlebnisse in der Horrorbrauerei verarbeitete er im folgenden Szenenspiel. Da er Repressionen zu fürchten hat, müssen wir seinen wirklichen Namen und seine Tarnadressen in Moskau und Hong Kong streng geheim halten.
Eure Bernadette Botox

Im Gärkeller
Es ist Montag. Der Lehrling geht bei Arbeitsbeginn zum Braumeister und wird von ihm in den Gär- und Lagerkeller geschickt. Dieser ist nur dem Namen nach ein „Keller“, denn irgendwie heißt so gut wie jeder Arbeitsbereich in einer Brauerei Irgendwas mit „Keller“. Dieser „Keller“ befindet sich im ersten Stock.

Lehrling (L) : „Morgen.“
Geselle (G) : „Aha.“ Pause. „Das Beste hast du schon verpasst. Aber spindel erst einmal das Bier von gestern.“
L: „Ok.“
Spindeln bedeutet den momentanen Vergärungsgrad eines Bieres zu ermitteln.
G: „Und?“
L: „Öhm.“
G: „Lass mal sehen. Scheiße, der ist viel zu niedrig. Da haben die im Sudhaus wieder geschludert. Die Temperatur und die Hefe haben gepasst…“
L: „Haben die zu wenig Wasser dazugeben?“
G: „Eher zu viel. Hier im Sud-Plan steht aber 13,7 Prozent. Das kann aber gar nicht sein. Die haben bestimmt bloß wieder irgendwas reingeschrieben und nach GEFÜHL gebraut.“
L: „Super. Und jetzt?“
G: „Wie jetzt? Nix. Kann ich auch nichts machen.“
L: „Aber Endvergärungsgrad war doch Alkoholgehalt und so. Und wenn der nicht stimmt…“
G: „Ich schreibe dass dann schon so dass es passt.“
L: „Bekommen wir dann nicht Probleme mit dem Zoll?“
G: „Kommt der mir mit dem Zoll. Das merkt keine alte Sau. PASST SCHON.“
L: „Die berühmten letzten Worte.“
G: „Ich glaube das Bier hier drüben müssen wir spunden. Das heißt auf Druck setzen… Obwohl… Ich weiß nicht… Weißt du, entweder haben wir zu wenig CO2 im Bier, oder der Alkohol-Gehalt ist nicht richtig… Was machen wir?“
L: „Ja keine Ahnung.“
G: „Ach, ich schreibe das schon irgendwie richtig… Setz den Tank auf Druck, das halbe Prozent Alk hin oder her… .“

Das Telefon klingelt.

Geselle: „Ja. Jetzt? Okay.“ Er legt den Hörer auf und sieht den Lehrling an: „Weißt du was SÄUERN ist?“
L: „Mit Säure putzen?“
G: „Weit gefehlt. SÄUERN bedeutet, dass wir Säure in die Hefe schütten.“
Lehrling, ungläubig: „Du verarscht mich…“
G: „Nee, nee, das ist gut für die Hefe. Hefe hat ja eher die Konsistenz von Joghurt. Wir brauchen sie aber ein wenig flüssiger, damit die ordentlich angärt. Deswegen senken wir den PH-Wert mit der Säure. Außerdem bringen wir noch fremde Bakterien und so um. Geh mal da zu dem Kanister, da ist Schwefelsäure drin.“
L: „Jetzt hör aber auf! Wir können doch keine Schwefelsäure in die Hefe schütten! Die kommt doch später ins Bier!“
G: „98 Prozentige Säure um genau zu sein. 100 Milliliter auf einen Hektorliter. Immer zwei Stunden bevor sie in den Sud kommt. Das macht gar nichts, im Gegenteil. Das hilft. Da kommen dann ja knapp 200 Hektoliter Jungbier dazu. Das merkt keine alte Sau.“
L: „Und das Reinheitsgebot?“
G: „Scheiß auf das Reinheitsgebot… Und wenn wir gerade bei dem Thema sind: Das Bier in dem Gärtank da drüben hat auch zu wenig C02, da setze ich jetzt CO2 aus dem Flüssig-Kohlendioxid-Tank drauf, damit es mehr aufnimmt. Darf man auch nicht. Eigentlich darf nur eigenes CO2 vom Bier verwendet werden.“
L: „Machen nur wir so einen Unsinn?“
G: „Das machen ALLE. Woher nehmen wenn nicht stehlen?“

Sie machen ihre Arbeit: Schütten Schwefelsäure in die Hefe. Die pumpen sie zwei Stunden später in den Bier-Sud. Fertig.

G: „So. Bei dem Tank da drüben lassen wir die Peressigsäure drin. Ich meine, die dünne Filmschicht im Tank. Wir spülen diesmal kein Wasser nach. Und dann lassen wir das Bier rein.“
L: „Müssen wir nicht dafür unterschreiben und Proben davon nehmen, wenn wir ein Lebensmittel in einen Tank lassen? Fliegt das nicht auf?“
G: „Müssten wir. Und die Proben fake ich, wofür gibt es denn einen Wassertank? Da nehme ich die Proben raus und schreibe das so, als wäre das aus dem Tank den ich mit Wasser hätte ausspülen sollen. Wenn die Schwefelsäure schon nichts macht, dann macht die Peressigsäure auch nichts. Hauptsache der Tank ist sauber.“
L: „Aha.“

Der Meister kommt rein, sagt: „Oh weh. Das dunkle Bier können wir nicht verwenden. Da ist was schief gegangen.“
G: „Soll ich eins machen?“
M: „Bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Nimmst einen Kanister.“
G: „Einen großen oder einen kleinen?“
M: „Mir egal.“

Meister ab.

L: „Wie jetzt? Wie macht man denn dunkles Bier mit nem Kanister?“
G: „Da in dem Kanister ist Farbebier. Das schütten wir jetzt oben in den Lagertrank. Siehst du, so ganz dunkles, öliges Zeug ist das.“
L: „Was ist das?“
G: „Gute Frage. Ich glaube sowas wie Bieröl. Auf jeden Fall schütten wir das jetzt ins helle Bier, schon haben wir ein dunkles.“
L: „Und das klappt?“
G: „Sicher.“

Sie schütten Farbe ins Bier.

Danach steht der Geselle wie ein Gott über seinem gefärbten Bier und sagt: „Weißt du, ich arbeite schon seit 20 Jahren in diesem Beruf. Aber weggeschüttet haben wir noch nie ein Bier. Das dunkle Bier das dem Chef nicht passt, wird schon auch noch seine Verwendung finden. Ganz sicher.
So. Gehst mal rüber in den Filterkeller. Ich geh mal eine smoken.“

Im Filterkeller
Im Filterkeller steht ein großer Schichtenfilter mit angeschlossenem EK-Filter. Der Geselle dort ist unglücklich und hält ein Glas mit Bier gegen das Licht: „Ach…“
L: „Was ist denn los?“
G: „Da ist zu viel Sauerstoff im Bier. Und das ist schlecht. Geschmacklich und wegen der Haltbarkeit und so…“
L: „Was sollten wir denn haben?“
G: „Unter 0,1 Prozent. Wir haben aber 0,34 Prozent…. Außerdem ist es viel zu warm…“
L: „Und was machen wir jetzt?“
G: „Was soll ich schon machen. Ich schreibe dass dann schon so…
L: „…Das es passt. Verstehe.“
G: „Ich muss dann eh noch aus dem Pils und aus dem Export irgendwie ein Märzen machen.“
L: „Wie machen?“
G: „Ach, ich lass da ein wenig was zusammen…. Und schmecke das dann ab.“
L: „Werden die Mengen und Sorten denn nicht kontrolliert die du heute filtrierst?“
G: „Und wer kontrolliert das? Ich schreibe dass dann schon so…“

 

Im Flaschenkeller
Die nächste Station ist der Flaschen-KELLER. Hier werden die Glas-Flaschen in einer 4 Meter hohen und 15 Meter langen Waschmaschine gereinigt und danach wieder befüllt. Es ist laut und heiß. Hier arbeiten zwei Gesellen – und ein Hilfsarbeiter.

L: „Wer ist denn der Hilfsarbeiter?“
G1: „Ach, irgend so ein Kerl vom Amt…  Der automatische Bottle-Inspektor ist vorhin verreckt. Jetzt muss der Typ schauen ob die Flaschen auch in Ordnung sind. Ob da kein Metall mehr drin ist, die Flaschen gesprungen sind, Teile davon fehlen und so weiter… Die Kaputten nimmt er raus.“

Eine Flasche schießt innerhalb von 2 Sekunden an dem fremdländisch aussehenden Mann vorbei; jede 2 Sekunden eine Flasche. Um die 20.000 Flaschen in einer Stunde. Der Mann starrt auf die auf einem Förderband vorbei rasenden Flaschen und sieht doch so aus, als würde er durch sie hindurch schauen. Er sortiert auch keine aus. Schwer zu sagen ob er überhaupt eine moralische Verantwortung den kleinen Kindern gegenüber sieht, die später Limonade aus dieser Produktion trinken werden.

G2: „Ich glaube der sieht eh nichts mehr.“
G1: „Normal muss man Leute nach 20 Minuten ablösen. Irgendwann nimmt man nichts mehr wahr.“
L: „Wie lang steht der da schon?“
G2: „Zwei Stunden oder so. Sollte man mal ablösen. Aber wer soll das machen?“
G1: „Hey! Die Flaschenwaschmaschine hat nur 75 Grad! Aber unter 80 ist scheiße! Wir müssen ausschalten und weiter aufheizen! Denk an die Keime!“
G2 „Ich geb dir gleich weiter-aufheizen! Schau mal auf die Uhr! Glaubst du ich habe ewig Zeit?! Die wird schon wieder wärmer… Laufen lassen! Ich bin schon seit 11 Stunden hier. Ich bin auch nur ein Mensch!“

Zum Ende und Abschluss des Tages darf der Lehrling einen alten, liegenden Tank schrubben. Die meisten Tanks in der Brauerei werden vollautomatisch ge-cip-t (gereinigt). Ein paar Alte sind aber noch in Betrieb.

„Das muss schneller gehen!“ brüllt der erste Geselle dieses Tages von außen in den dunklen Behälter, der nur von einer kleinen Lampe erhellt wird, deren Adapter im Rest-Trub steht, der sich am Boden des Tanks angesammelt hat.

L: „Ich kriege hier drinnen aber keine Luft mehr! Hier ist kaum Sauerstoff!“
G1: „Atmen kannst du später! CO2 ist gesund!!!“

Als ihn zuhause seine Mutter fragt, wie sein Arbeitstag war, zuckt der Lehrling nur mit den Schultern: „Ist eigentlich nichts Besonderes passiert.“

bernadette-und-alice

Das Team der Drogenpolitik bei der Enthüllungsarbeit. Alice Wunder hört nichts und sieht gut aus, während ihre Assistentin Bernadette Botox die altmodische Recherchiermaschine alleine bedient, daß die harten Fakten nur so knattern.

MDMA – Liebe ist eine Tablette

Extacy ist mir fremd. Ich probierte nur wenig und mochte es nicht. Darüber zu schreiben fiel mir schwer, also ließ ich andere schreiben. Ich hoffe, der Pillen-September hat Euch gefallen. Ich verletzte Prinzipien der drogenpolitik, es ging nicht anders. Eigentlich sollten hier keine Tripberichte stehen, also unreflektierte Protokolle von unmittelbaren Drogenerfahrungen. Die Wirkung von MDMA ist aber, bei euphorischer, alles verherrlichender Grundstimmung ein ungehemmter Blick auf die eigene Psyche. Auch ernstzunehmende Wissenschaftler diskutieren die Droge als möglichen Unterstützer für Therapien. Deshalb erschienen mir Berichte, geschrieben unter Drogeneinfluss, sehr eindringlich und passend.

Ich kann hier nur meine Wikipedia-Recherche referieren. Das Thema ist noch nicht zuende erzählt. Auch das eine typische Wirkung: Nichtaufhörenkönnen. Nichtaufhörenwollen. Es passiert nichts spektakuläres, nur die kleinen Freuden, bekannt aus dem Alltag. Das leichte, befreite Gefühl, wenn man einen schweren Wanderrucksack absetzt. Wenn man zu seinem Lieblingslied durchdreht und die Welt um sich vergisst. Die unendlichen Minuten, wenn man nach der Liebe gemeinsam in den Schlaf gleitet. Alles verstärkt und vor allem unnatürlich verlängert, stundenlang.

Bis in die 80er Jahre war MDMA vollkommen legal erhältlich. Da war die XTC-Pille immer nur aus MDMA. Heute weiß keiner, was man schluckt. Der Schwarzmarkt bietet neben Pillen inzwischen Pulver als reines MDMA. Zu meiner Zeit, so um die Jahrtausendwende hieß es, die Pillen seien ein Gemisch aus MDMA und Amphetamin, also Speed. Das MDMA für die Fröhlichkeit, das Speed für die Energie.

MDMA, 3,4-Methylendioxy-N-Methylamphetamin ist ein Phenylethylamin. Ein Oberbegriff für Moleküle, die aus einer Ringförmigen Phenylgruppe und einer Ethylkette bestehen. Zufälligerweise ähneln sie den Aminosäuren Phenylalanin und Tyrosin. Die benutzt unser Körper gern als Grundlage für Neurotransmitter, also Botenstoffe im Gehirn. Und deshalb, gar nicht so zufällig, bewirken viele dieser Phenylethylamine erstaunliche Effekte. Herr Shulgin, ein Art Papst des therapeutischen Drogengebrauchs, hat viele Phenylethylamine erforscht. 179 verschiedene beschrieb er in einem Buch mit dem seltsamen Titel PIHKAL. Es ist also eigentlich nicht so schlimm, wenn eine Pille mal kein MDMA, sondern irgendwas anderes enthält. Solange man nicht davon stirbt. Richtig giftig sind die Phenylethylamine wohl nicht. Aber man kann sich damit buchstäblich zu Tode freuen. Überhitzung und Wassermangel sind typische Ursachen für Komplikationen.

MDMA ist synthetisch, es kommt so nicht in der Natur vor. Die Firma Merck patentierte es um 1913. Die Drogenwirkung entdeckten aber erst in den 1960ern Shulgin oder seine Schüler. MDMA wird oft aus Piperonal hergestellt. Das ist ein künstliches Aroma der Lebensmittelindustrie. Und war lustigerweise Anlass eines Rechtsstreits zwischen der Firma Ritter Sport und Stiftung Warentest, die dem Schokoladenherteller Etikettenschwindel vorwarf. Das OLG München entschied zugunsten der Industrie, Piperonal ist natürliches Aroma, weil der amerikanische Hersteller das sagt.

MDMA wirkt als Releaser von Serotonin und anderen Neurotransmittern. Es bewirkt, daß die Gehirnzellen den eigenen Serotoninvorrat vermehrt ausschütten. Die schönsten Beschreibungen der Wirkung fand ich nicht unter „MDMA“, sondern beim Artikel „Serotonin„:

Serotonin, das sich im Zentralnervensystem in den Zellkörpern, den Somata serotoninerger Nervenbahnen in den Raphe-Kernen befindet, deren Axone in alle Teile des Gehirns ausstrahlen, beeinflusst unmittelbar oder mittelbar fast alle Gehirnfunktionen.

Zu den bekanntesten Wirkungen des Serotonins auf das Zentralnervensystem zählen seine Auswirkungen auf die Stimmungslage. Es gibt uns das Gefühl der Gelassenheit, inneren Ruhe und Zufriedenheit. Dabei dämpft es eine ganze Reihe unterschiedlicher Gefühlszustände, insbesondere Angstgefühle, Aggressivität, Kummer und das Hungergefühl.

Also die wahre echte Liebe, die da als Serotonin aus den Gehirnzellen tropft. Eigentlich normale Gefühle, nur ziemlich extrem viel intensiver. Nach dem Trip ist aber erst mal vorbei mit schönen Gefühlen. Das MDMA laugt die Serotoninvorräte aus, daß sie gut 4 Wochen Erholung brauchen. Nicht umsonst gehen depressive Krankheitsbilder oft mit Serotoninmangel einher. Langzeitkonsumenten berichten, ihre Emotionen seien ausgebrannt. Bei häufigem Konsum können die Pillen nicht mehr richtig wirken. Viele konsumieren trotzdem wöchentlich. Nicht nur der Stoff mit der angenehmen Wirkung, auch das Partyumfeld erzeugt eine Art Suchtverhalten. Die betroffenen schleppen sich wie gefühlstote Zombies durch ihren Alltag, einziger Lichtblick ist das Wochenende. Genau wie nichtkonsumierende Arbeitnehmer auch.

rosarot

Menschen, die sich für Extacy-Pillen interessieren, interessieren sich auch für öffentliche Tanzveranstaltungen. Da unterwerfen sie sich freiwillig einer strengen Diktatur von rosaroter, chemischer Liebe.