Wochenendausflug zur dunklen Seite mit Stechapfel

Eigentlich wollte ich hier ja keine Tripberichte, also Gedächtnisprotokolle von akuten Rauschzuständen, veröffentlichen. Nun landete in der Redaktion aber mal wieder eine ganz besondere Skurrilität, die ich dem geneigten Publikum nicht vorenthalten möchte. Und zwar die Beschreibung eines Scopolamin-Trips aus erster Hand, inklusive präziser Anleitung zum Beschaffen und Zubereiten der Droge, daß man gar nicht anders kann, als das auf gar keinen Fall zu Hause selber nachzumachen. Denn Scopolamin ist der Hauptwirkstoff unser beliebte, heimisch Hexenkräuter aus dem Nachtschattenreich, Stechapfel, Tollkirsche, Engelstrompete, Bilsenkräuter.

Die haben nun die Eigenschaft, neben dem Hervorrufen unangenehm alptraumhafter Visionen, in deren Zusammenhang die Literatur auch immer den heiteren Karikaturisten Hieronymus Bosch erwähnt, mit diesem ihrem Wirkstoff äußerst unvorhersehbar zu sein. Mal ist nix drin und dann wieder dreimal zuviel. Was unangenehm wäre, weil es dann blind und tot macht.

Aus diesen Nöten hilft dem abenteuerlustigen Medikamententester aber glücklicherweise das moderne Gesundheitswesen in Gestalt freundlicher Apotheker. Für wenig Geld und ohne jedes ärztliche Rezept ist dort nämlich, gegen Magenkrämpfe, das Medikament Buscopan erhältlich. Die WHO schätzt das sogar für die Menschheit als unentbehrlich ein. Wahrscheinlich wegen seiner beruhigenden Wirkung für Darmspiegelungen, ich weiß es nicht genau, denn Darmspiegelungen sind ähnlich beliebt wie mittelalterliche Höllenvisionen. Medikamente und Drogen sind ja nun oft ein und dasselbe. Und tatsächlich besteht Buscopan aus Butylscopolaminbromid, also dem Scopolamin der Stechäpfel, welches wegen eines zusätzlichen Bromions nicht mehr durch die Blut-Hirnschranke kann. Und wenn das Brom jemand dran gemacht hat, dann kann es der neugierige Patient natürlich leicht wieder abmontieren und erhält einen erstklassigen Stechapfelrausch.

So geschehen im folgenden Bericht, welcher durchaus Gemeinsamkeiten mit anderen Nachtschatten-Erzählungen aufweist, hier konkret Zigaretten und Leute, die nicht da sind, in sehr beklemmender Atmosphäre. Achtet bitte auch auf das kleine Mädchen im Badezimmer.  

Eine kleine Trip-Geschichte

Das Experiment machte ich ungefähr Mitte Dezember, ich habe die Substanz mit einem ehemaligen Freund konsumiert, zu diesem Zweck waren wir mit weiteren Freunden bei einem von ihnen zu Hause, insgesamt waren wir 6 Personen.
Ich habe konzentriertes Scopolamin zu mir genommen, also kein Pflanzenbestandteilen, weder Stechapfel noch Engelstrompete, sondern deren Hauptwirkstoff.

Wir nahmen das Medikament Buscopan und zermöserten 3 Tabletten (1 1/2 pro Person) und stellten das Pulver vermengt mit Öl in den Ofen.
Bei 144 Grad Celsius wird das Medikament thermoinstabil und spalten sich auf in Scopolamin und Brom.
Wie sich im Nachhinein herausstellte, wurde mir fast der gesamte Wirkstoff untergemischt, wie viel genau jedoch weiß ich nicht.
Dazu kam noch, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon 2-3 Tage wach war.

Nach etwa 20-30 Minuten nach der Einnahme spürte ich die erste Wirkung, ein starkes drücken auf dem Kopf, ähnlich wie bei Pilzen, jedoch weitaus lästiger.
Dazu kam das Gefühl von Müdigkeit und Schwindel.
Ich entschloss mich also, mich hinzulegen und einfach zu schlafen, daher begab ich mich in den ersten Stock des Hauses und legte mich hin.
Hier beginnt ein ca. 10stündiger Filmriss, in dieser Zeit habe wohl ich den Inhalt meiner Hose und die Hose selbst im gesamten Haus verteilt und bin scheinbar ständig hoch und runter gerannt.
Die nächste Erinnerung ist, wie ich mein Handy halte und es in meiner Hand zerfällt. An dem Tisch im Wohnzimmer waren Leute, die mir unbekannt waren, sie schauten böse auf einen Freund, der auf dem Boden lag, jedoch antwortete keiner und ich traute mich nicht, sie anzusprechen. Also rauchte ich statt dessen Lieber eine Zigarette, ich drehte mir eine und zündete sie an. Es befanden sich jedoch weder Tabak, noch Zigaretten in meinen Händen.

Ab diesem Zeitpunkt fehlt erneut die Erinnerung.

Vielleicht ein oder zwei Stunden später Suche ich meine Hose, etwa 3 Stunden lang, aber finde sie nicht.

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Ich höre meine Oma und rufe nach ihr. Wir sind immer noch bei dem Bekannten.

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Meine Freunde sind wach und helfen mir meine Sachen zu finden. Auf der Toilette ist schon die ganze Nacht ein Mädchen, etwa so groß wie das Waschbecken und hält die Hände vor ihr Gesicht.

Lücke

Ich sitze wieder auf der Couch und bin immer noch benommen, der Beginn des Trips liegt zu diesem Zeitpunkt vielleicht 15 Stunden zurück.
Gegen Nachmittag des Folgetags entschließe ich mich nach Hause zu fahren, ich verlaufe mich jedoch auf dem geraden Weg und vergesse meine Tasche, also gehe ich suchend zurück.
Meine Freunde begleiten mich diesmal und verlassen später meine Bahn.
Etwa eine Station später steigen sie wieder ein und wir quatschen, bis ich realisiere, dass ich Musik höre und das alles nicht real ist.
Zuhause angekommen war ich immer noch benommen, also legte ich mich schlafen.
Nächster Tag, ich muss zur Schule doch habe immer noch Probleme mit dem Lesen und schiebe Optiks.
Gegen 12 Uhr hat die Wirkung dann komplett nachgelassen und ich merke wie müde ich bin.

Insgesamt ging der trip von Samstag Ca 23:00 bis Montag 11/12 Uhr.
Die Halluzinationen schienen Sinn zu ergeben und waren nicht von der Realität zu unterscheiden.
Ich war von außen nicht zu erreichen, habe große Erinnerungslücken und rate jedem davon ab, es selbst zu probieren!

zweite böse Frucht

Pflanzliches Scopolamin kann man zum Beispiel in den Stechäpfeln finden, die vor dem Amtsgericht in Moabit wachsen.

Wer keine Lust auf Stechäpfel hat und lieber angenehmere Pflanzen in angenehmer Athmosphäre anbauen möchte, schaue doch mal bei GrowGuru vorbei. Jeder Einkauf hilft der Drogenpolitik. growguru

Rembeteko – griechisches Haschisch und türkische Melodien

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Im Schlafzimmer von ElGreco und seiner Frau steht ein schwarzes Zelt. Niemand darf sehen, was sich in diesem Zelt befindet. Ihr kleiner Sohn betritt das Schlafzimmer der Eltern nie.

Bei Cannabis-Kultur mit eigener Musik, Kleidung, Sprache und Umgangsformen denkt jeder sofort an Hippies aus Kalifornien oder Rastafari aus Jamaica. Kaum jemand aber weiß, daß wir in Europa auch eine ureigene, musizierende und kiffende Subkultur haben. Und zwar die Rembetes, Liebhaber des griechischen Rembeteko. Gesprochen „Rebeteko“, ohne m, das m ist nur dazu da, damit das b nicht wie v ausgesprochen wird. „Rembetes“ heißt wohl so etwas wie die „Ausgestoßenen“ oder „Verlierer“, heute würde man sie vielleicht Gangster nennen. Der Rembeteko ist ihre Musik.

Die Musik klingt sehr exotisch, eine Mischung aus Sirtaki und diesen türkischen Schmachtfetzen, wie sie hier in Moabit und im Wedding gern aus dunklen BMWs tönen. Aber sehr viel „erdiger, wie ein Folk-Enthusiast sagen würde. Manchmal kann ich Rembetika sogar völlig nüchtern eine ganze Weile anhören. Es ist Haschischmusik, man läßt sich bekifft von den Hüften einer Bauchtänzerin hypnotisieren, nur um zu merken, daß die virtuos tanzenden Finger des Bouzoukispielers grade viel interessanter sind. Rembeteko eignet sich auf jeden Fall überhaupt nicht zum versoffenen Balzen. Tatsächlich ist der bekanntere Sirtaki wohl die alkoholtaugliche Variante, die Schlager-Version des Rembeteko. Der echte Rembeteko aber lässt keinen im Kreis tanzen, er träumt und trauert.

(Wer passende Begleitmusik hören will, der suche sich bei Youtube, Suchwort Rembeteka, etwas aus und lasse es beim Lesen laufen.)

Rembetes feierten wohl erstmals in den 1920er in den Slums von Athen, wo die Vertriebenen der kleinasiatischen Katastrophe gestrandet waren. Mehr als eine Million Flüchtlinge strömten in die wenigen Städte, mit fremder Sprache und fremden Sitten und fremden Liedern. Einzig ihr orthodoxer Glaube machte sie zu Griechen. Vorangegangen war der Völkermord an christlichen Türken während des ersten Weltkrieges. Nach dem Krieg teilten die Siegermächte das Osmanische Reich und richteten rund um Konstantinopel Besatzungszonen ein, Gebiete mit vielen Christen wurden Griechenland zugesprochen. England und Frankreich unterstützten diesen griechischen Anspruch. moralisch, aber nicht militärisch. Immerhin drei Jahre lang versuchten griechische Truppen kleinasiatische Siedlungsgebiet rund um Smyrna zu erobern. Beide Seiten sparten nicht an Massakern, aber 1922 brach die Front zusammen und die Türkei vertrieb kurzerhand alle überlebenden christlichen Griechen. Die große Idee griechischer Nationalisten endete in der kleinasiatischen Katastrophe. Statt des großen Reiches drängten sich die Christen nun alle im kleinen Griechenland. Deren türkische Kultur aber, ihre Musik, ihre Kleidung und ihr Haschisch verstieß nun gegen Griechische Staatsdoktrin. Denn das Nationalgefühl bestand nun darin, alles türkische zu hassen. Die für den Krieg verantwortliche Regierungsmannschaft wurde fix abgeurteilt und erschossen. Türkisches, das sich nicht ausmerzen ließ wird noch heute mit orwellscher Sturheit umbenannt. Mokka, den auch Griechen gern trinken, heißt natürlich griechischer Kaffee. Für einen Griechen war klar, Kiffer gehören eingesperrt, denn sie machen etwas türkisches. Und das, obwohl Griechenland das einzige Land auf dem europäischen Festland war, welches offiziell Haschisch produziert hat.

Das sind alles Gerüchte und Träume bei merkwürdig fremder Musik. Griechenland ist mir fern. Angeblich basiert unsere Kultur auf deren Wissen. Ich glaube aber, das ist eine Phantasie, entstanden in der Renaissance, die für alte Steine eine nekrophile Besessenheit entwickelte, die ausgebleichten Skelette von Tempeln und Statuen verehrend. Das knöcherne Weiß priesen sie als Farbe der Reinheit und Unschuld, wo die Akropolis doch in Wahrheit orientalisch bunt gewesen ist. Das echte Griechenland dämmerte da längst als osmanische Provinz vor sich hin. Und die Wiege unserer Kultur, wo sich die Völker mischten, wo die Prinzessin Europa am Strand von ihrem Stier träumte, ist 1922 zusammen mit Smyrna verbrannt.

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Im schwarzen Zelt gedeihen grüne Pflanzen. ElGreco und seine Frau ziehen sie groß und ernten sie. Auch seine Eltern, die Großeltern seines Sohnes mögen die Pflanzen gerne.

Es gibt wohl gute europäische Bücher über Türken, Griechen, Haschischrausch und Flüchtlingskrisen. Ich brauchte aber eines aus Amerika. Wer wissen will, was es mit Asien und Europa, Griechenland und der Türkei auf sich hat, der lese „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides. Ich glaube ohnehin, der bessere europäische Familienroman ist ein amerikanischer. Nur aus der großen Distanz wird deutlich, wie sich auf unserem kleinen Kontinent die Völkerfamilien drängen wie Parteien in einem Mietshaus. Man redet nicht mehr als das nötigste miteinander, weil alle den Schein waren wollen und vor allem, weil niemand die alten Wunden aufreißen will. Denn kaum eine Wohnung, wo nicht eine Vertriebene Großmutter aus dem Fenster in die verlorene Heimat stiert, wo nicht ein Elternteil den Gang zum Briefkasten fürchtet, weil keine Nachricht von den verlorenen Kindern kommen wird, die den Familiennamen abgelegt haben, als sie dem kleinen Haus den Rücken kehrte und ins Land ihrer Träume zogen.

Middlesex also von Eugenides. Der Titel klingt etwas schlüpfrig und das ist auch genauso gemeint. Hauptfigur ist ein Zwitter, ein Mädchen, das sich während ihrer Pubertät in einen Jungen verwandelt. Wahrscheinlich ist es kein großes Buch, zu schrill, zu unterhaltsam, zu flüssig lesbar und vor allem zu gut verkauft. Ob es nun seines Pulitzerpreises würdig ist, interessiert mich nicht. Ich lese zur Unterhaltung, und es hat mich gut unterhalten und dabei noch für historische Themen sensibilisiert.

Eugenides also erzählt das Märchen von Teresias, dem Seher, der zwischen den Geschlechtern wandelte. Das Mädchen mit dem Penis ist ein Enkelkind der kleinasiatischen Katastrophe. Die Großeltern bringen die Seidenraupenzucht nach Detroit, derweil ein konvertierter Moslem in den USA nicht nur bürgerkriegsähnliche Zustände, sondern einen richtig echten Bürgerkrieg vom Zaun bricht, der noch heute tobt. Dazu kann man natürlich auch Motown hören, wenn man griechisch-türkische Folklore nicht mag. Der würde besser zum Cadillac der amerikanisierten Familie passen. Derweil hockt der Großvater in seinem Keller, raucht Haschisch und hört Rembeteko.

Bitte hört hier nicht auf zu lesen. Um im Blog nur die besten Informationen und wirksamsten Ideen zu liefern, haben wir den Text zur Korrektur an unser Redaktionsbüro in Griechenland geschickt. Nach ausgiebigster Recherche bekamen wir die folgenden Hintergrundinformationen und Richtigstellungen unserer bekifften Pauschalisierungen über einen Konflikt, bei dem um korrekte Deutung immernoch vehement gestritten wird. Deshalb stellen wir beide Texte unverändert einander gegenüber. Nach dem Bild geht es weiter. 

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ElGreco ist Deutscher. Er hört gern deutschen Hip Hop, während der Ventilator summt und die Abluft über einen Duftfilter abgeleitet wird. Seine Eltern aber sind Griechen. Sein Vater hört gern Rembeteko, das hat er wiederum von seinen Eltern, die nach Griechenland flüchten mussten, ohne ein Wort Griechisch zu können,

Von den Korrespondenten aus Griechenland:

„Die Musik klingt sehr exotisch, eine Mischung aus Sirtaki und diesen türkischen Schmachtfetzen, wie sie hier in Moabit und im Wedding gern aus dunklen BMWs tönen.“
Also für meine Ohren klingt die Musik natürlich überhaupt nicht exotisch, denn sie wird mit Hingabe von Generation zu Generation gespielt und geliebt. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

Dass es eine Mischung aus Sirtaki und türkischen Schmachtfetzen sei, ist allerdings auch historisch falsch. Sirtaki ist ein Tanz, der für den Film Alexis Zorbas bzw für Antony Quinn erfunden wurde und kein traditioneller Tanz. Sirtos („gezogen“) nennt man die langsamen Kreistänze, die auf allen griechischen Inseln und auch auf dem Festland bekannt sind und bei dem sich die Tänzer an der Hand halten, während ein wechselnder Vortänzer oder eine Vortänzerin – durch ein Taschentuch – den Kreis mit besonders kunstvollen Figuren anführt.

Die Rembetika-Musik hat ihren Ursprung in Kleinasien – nicht in der Türkei, die im Zuge der Vertreibung und Ermordung anderer Völkerschaften (insbesondere der Griechen und Armenier) erst 1923 gegründet wurde. Vorher war es das Osmanische Reich – ein Vielvölkergemisch.  Rembetika ist ein Stück kleinasiatischer Kultur, die eine Mischkultur war.

„Der echte Rembetiko aber lässt keinen im Kreis tanzen, er träumt und trauert“. So ist es. Bauchtänze gehören nicht dazu. Wenn getanzt wird, dann von einzelnen Männern, immer nur von einem, der mit ausgebreiteten Armen und zur Erde geneigtem Kopf seine komplizierten Figuren tanzt, während die anderen ihm kniend zuklatschen. Warum diese Haltung? Ursprünglich entstand der Tanz wohl in den osmanischen Gefängnissen, beim Rundgang im Viereck des Gefängnishofes. Richtig getanzt, fühlt man dies noch heute. Es ist der Tanz eines Menschen, der umsonst seine Flügel ausbreitet, träumend von dem Flug in die Freiheit. Die Musiker sitzen nebeneinander, aufgereiht und bewegungslos. Außer dem Buzuki gehören Geige, Baklama, Gitarre u.a. zum Ensemble
Rembetes feierten wohl erstmals in den 1920er in den Slums von Athen, richtiger: in Piräus und Saloniki. Ab 1923.

Einzig ihr christlicher Glaube machte sie zu Griechen…  Das ist nicht korrekt. Die Entwurzelten waren kleinasiatische Griechen, nicht Türken christlichen Glaubens (s.o.).

Es gab die direkt Vertriebenen und es gab die Ausgetauschten. Es gab Ausgetauschte, die hauptsächlich die Sprache ihres Herkunftsgebietes sprachen (z. B. die türkischen Kreter und die Griechen aus Kappadozien) und die danach tatsächlich in sprachfremdem Gebiet überleben mussten. Das trifft aber keinesfalls für Smyrna (heute Izmir) und andere kleinasiatische Küstenstädte zu, auch nicht für die Schwarzmeergriechen (Ponti), deren griechische Kultur viel höher entwickelt war als die der Griechen des neuen griechischen Staates.

Vorangegangen war der Völkermord an christlichen Türken  Du meinst offenbar den Völkermord an den Armeniern. Wie oben schon gesagt: Sie waren keine Türken, nicht einmal der Staatsbürgerschaft nach, die es im Osmanischen Reich nicht gab. Sie bildeten eine nicht-türkische Volksgruppe mit besonderen Rechten und Pflichten, von denen es im Osmanischen Reich viele gab. Im neutürkischen Staat gibt es immer noch große nicht-türkische Minderheiten, z. B. die Kurden, die damals von der Vertreibung der Armenier und Griechen profitierten, dann aber sehr bald selbst Opfer von Verfolgung wurden. Auch die Araber, die Aramäer etc sind nicht-türkische Minderheiten. Richtig ist, dass Kemal Atatürk ihnen ihren Minderheitenstatus, der im Osmanischen Reich üblich war, wegnahm, sie wurden zwangsweise türkisiert).

England und Frankreich unterstützten diesen griechischen Anspruch moralisch, aber nicht militärisch. Immerhin drei Jahre lang versuchten griechische Truppen kleinasiatische Siedlungsgebiet rund um Smyrna zu erobern. Smyrna und das Gebiet drumherum wurde aufgrund von Verhandlungen zwischen den Siegermächten und der griechischen Regierung unter Venizelos unter griechische Administration gestellt. Das Stadtgebiet wurde fast nur von Griechen, das Umland aber vorwiegend von Türken bewohnt, die in der Gesamtbevölkerung leicht überwogen. Vorgesehen war, nach einigen Jahren ein Plebiszit abzuhalten, von dem abhängen würde, ob Smyrna und Umgebung dauerhaft zu Griechenland kommen würde. Deshalb machte die griechische Administration eine möglichst türkenfreundliche, versöhnliche Politik, die den griechischen Smyrnioten und insbesondere ihren Kirchenführern ein Ärgernis war. Als nach Wahlen in Athen Venizelos durch die Königstreuen abgelöst wurde, änderte sich das internationale Spiel: der König war ein Schwager des deutschen Kaisers. England ließ daher Griechenland fallen und setzte auf die jungtürkische Karte. Die königstreue Regierung in Athen schickte daraufhin die Armee nach Smyrna, die sogar versuchte, bis nach Ankara zu marschieren. Dieser Kriegszug war verheerend schlecht geplant und brach zusammen. Chaos, Plünderungen, Massaker….Die Folge war dann die „kleinasiatische Katastrophe“, durch die das Griechentum, das dort seit 3000 Jahren siedelte, vollständig entwurzelt wurde.

Und die Wiege unserer Kultur, wo sich die Völker mischten, wo die Prinzessin Europa am Strand von ihrem Stier träumte, ist 1922 zusammen mit Smyrna verbrannt. Dem kann ich zustimmen. Den Ausführungen davor: nun, so und so. Die Renaissance Italiens ist tatsächlich zuerst durch die Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer und Venezianer 1204 (seine Kunstschätze zieren heute noch Venedig) und dann wieder durch den Fall von Konstantinopel durch die Osmanen 1453 in Gang gesetzt worden – und zwar durch die griechisch sprachigen Gelehrten und Künstler, die in Italien eine neue Heimat suchten. Beispielsweise wurde in Venedig der Buchdruck durch Griechen aus Konstantinopel eingeführt….

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Alle Bilder freundlicherweise zur Verfügung gestellt von ElGreco.

Anslinger, der erste Drogenkrieger – Buchbesprechung

KaleidoskopischAngeblich kann man ja Bücher rezensieren, die man gar nicht gelesen hat. Heute versuche ich das mal mit einem, das ich jetzt zur Hälfte geschafft habe. Weil die Drogenpolitik ihrem wöchentlichen Rhythmus hinterherhinkt und langsam mal wieder was kommen muss. Aber auch, weil das Buch wirklich gut ist und ich es auf jeden Fall zu Ende lesen werde. Aber schon jetzt gibt es genug, zum Nachdenken.

Alexandra Chasin: Asassin of Youth – A Caleidoscopic History of Harry J. Anslinger’s War on Drugs

Als ich noch von morgens bis abends bekifft war, habe ich mehr und schneller gelesen. Es kann also an mir liegen, daß ich nicht recht voran komme. Aber die Autorin, Alexandra Chasin, benutzt auch eine recht anspruchsvolle Sprache. Das Englisch ist poetisch, verträumt und assoziierend. Oft muß ich im Wörterbuch nachschlagen, weil ich gar nicht glauben kann, daß ich ihre Sätze wirklich richtig verstanden habe. Andere Wörter kamen mir im Leben zum Ersten mal unter. „Bailiwick“ etwa ist kein irischer Slangausdruck für einen Trunkenbold, sondern tatsächlich das Fachwort für „Amtsbezirk“. Ehrlich, ich hab das nachgeschlagen.

Es geht um den Drogenkrieg des Harry Anslinger, den Mann, der praktisch alleinverantwortlich sämtliche heute geltenden Drogenverbote durchgesetzt hat. Eigentlich ein hochspannendes Thema. Die Person Anslinger schien aber leider ein todlangweiliger Bürokrat gewesen zu sein. Die experimentelle Autorin Chasin versucht, sich der Person Anslinger in kaleidoskopischen Bruchstücken zu nähern. Sie macht das in kurzen Kapitel welche für sich angenehme Häppchen sind, die sich erst später zu einem Gesamtbild fügen. Ganz wunderbar gelingt ihr das, wenn sie ein Sittenbild der fortschrittshungrigen amerikanischen Gesellschaft vor und nach Anslingers Geburt 1892 malt.

Weiß noch jemand, worum es bei dem Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ ging? Charles Bronson redet wenig und erschießt Bösewichter im Staub, drei Stunden lang. Aber warum? Es ging um die Eisenbahn und Grundstücksspekulationen. Chasin setzt danach an, in der kleinen Geburtsstadt Anslingers, Altoona, Pennsylvania. Die hat den Staub und das Elend gebändigt unter Bürgersteigen und gepflasterten Straßen, finanziert von der alles beherrschenden Eisenbahn, bei welcher auch Anslinger sein Berufsleben begann und seine Leidenschaften entdeckte: Statistik, Logistik und Werkschutz.

Als  Ulysses-Fan versucht Chasin natürlich auch in die Gefühlswelt des geborenen Verwaltungsbeamten einzutauchen. Das ist interessant, aber wenig spannend, denn Anslinger scheint eine furchtbar unaufregende Persönlichkeit gewesen zu sein. Natürlich deutschstämmig, sogar zu 100% alemannisch, mit badischer Mutter und Schweizer Vater. Wohl konnte er hervorragend Netzwerken und Kommunikation kontrollieren. Vielleicht ein Grund, weshalb er der Nachwelt wenig persönliche Dokumente hinterließ, dafür umso mehr gleichförmiges Material von seinem Propagandafeldzug gegen das Teufelskraut Marihuana. Der beginnt aber erst nach mehr als der Hälfte des Buches.

War Anslinger also Schuld an den Drogenverboten? Nein, hätte er es nicht getan, hätte es ein anderer gemacht.

Prohibition und Drogenverbote waren ziemlich unausweichlich. Es gab offensichtlich Probleme und es gab die Sehnsucht nach Ordnung und Nüchternheit. Die Beschlüsse wurden schon gefaßt, bevor Anslinger in den amerikanischen Finanzbehörden Karriere machte.  Die Amerikaner kannten Opiate gut und lange, seit dem Bürgerkrieg war die Abhängigkeit als „Soldatenkrankheit“ verbreitet. Die ist übrigens noch heute in der Folklore präsent, anders als bei uns Deutschen, die wir seit Hermann Göring gar nicht mehr gern über die Morphinisten in unserer Verwandtschaft reden.

Die amerikanische Soldatenkrankheit aber grassierte ungehindert 40 Jahre lang und beschränkte sich nicht auf kriegsversehrte Schmerzpatienten, sondern griff um sich wie ein ansteckende Seuche. Herd der Ansteckung war das Mittel selbst, unkontrolliert verteilt von profitorientierten Pharmazeuten, viele Menschen litten darunter. Und die entstehende Großindustrie, auch die allmächtige Eisenbahn, bevorzugte nüchterne Angestellte, denn die arbeiteten produktiver. Die Blaupausen vieler Gesetze zum Drogenverbot waren tatsächlich betriebsinterne Verhaltensvorschriften von Konzernen.

Das faktische Drogenverbot, Alkohol eingeschlossen, erfolgte dann in den USA noch vor dem ersten Weltkrieg, über Lokale Verordnungen, die zu Bundesgesetzen führten. Wohl kritisierten schon damals viele Ärzte, das Drogenproblem mit der Strafjustiz anzugehen, denn es würde viele anständige Menschen zu Verbrechern machen, nur weil sie ein wenig Heroinsüchtig seien.

Anslinger und seine Vorgänger aber konnten besonders gut Horrorgeschichten erzählen, mit Sex und neu erfundenen Verbrechen. Die nahm die Regenbogenpresse begeistert ab. Also verwob er medienwirksam Kriminalität, Drogenchaos und vor allem ausländische Bedrohung und positionierte so seine Drogenbehörde in der Öffentlichkeit. Die Drogenseuchen kamen für ihn nicht etwa aus der Mitte der Gesellschaft, sondern wurden von minderwertigen Ausländern, Chinesen und Mexikanern, eingeschleppt. Als Gegenmittel bot er Importkontrolle und strenge Einwanderungspolitik und traf damit den Nerv der Zeit, bis heute.

Wir lernen, ein Drogenverbot bedeutet eine Menge Verwaltungsaufwand. Die landesweite Durchsetzung in den jungen USA ist dabei Lehrstück eines entstehenden Staates. Das ist interessant, auch und grade für uns aufgeklärte Europäer, die wir versuchen, unseren Kontinent zusammenwachsen zu lassen. Der Staat, der versucht, sich durchzusetzen, muss zunächst Daten erheben und so herausfinden, was er eigentlich will. Dann müssen all die die kleinen, widerstrebenden Mächte überzeugt werden. Und dazu muss man vor allem die richtigen Geschichten erzählen. Und unter den Geschichtenerzählern war Anslinger ein großer, denn niemand erinnert sich an ihn, aber seine Märchen wirken weiter.Cover

 

Unter dem Vulkan – Buchbesprechung mit Schnaps

Endlich habe ich es mal geschafft, mir Mezcal zu kaufen. Kost ’n Arm und ’n Bein, aber ist richtig geiler Stoff. Leider kann ich nicht gut Schnäpse besprechen und außerdem habe ich keinen Vergleich, weil das meine allererste Flasche Mezcal überhaupt war. Deshalb stelle ich den Alkohol unten in der Bildzeile vor und verweise für schöne Degustationen auf den Blog von Schlimmerdurst, der ist Mezcal-Fan und hat Ahnung vom Schnapsbesprechen. Ich aber möchte stattdessen hier einen wirklichen Experten für Spirituosen vorstellen. Und zwar den hauptberuflichen Trinker und Konsul Geoffrey Firmin, eine Romanfigur, der einen Tag lang vergeblich versucht, sich mit anderen Alkoholika vom Mezcal fernzuhalten. Denn er weiß, wenn er mit Mezcal anfängt, ist das sein Ende. Der Schriftsteller Malcolm Lowry, selbst ein ausgewiesener Schnapskenner, schrieb das in seinem Welterfolg „Unter dem Vulkan“. Damit erzählte er eben nicht nur eine beklemmend authentische Trinkergeschichte, sondern legte einen extrem vielschichtigen Roman vor, der menschliche Abgründe ausleuchtet und dabei noch die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts intelligent analysiert.

Im Vordergrund steht natürlich der Alkoholismus Firmins. Seit England die diplomatischen Beziehungen zu Mexiko abbrach, ist der als englischer Honorarkonsul beschäftigungslos und hat deshalb alle Zeit der Welt, sich in dem kleinen Kurort Cuernavaca zu Tode zu trinken. Bei der brillianten Schilderung dieser Tätigkeit schuf Lowry ein hochgelobtes Beispiel für die Schreibtechnik des Stream of Consciousness. Jedes Kapitel ist vollkommen aus der Innensicht eines der Protagonisten erzählt. Aber längst nicht so verworren wie etwa der Ulysses von James Joyce. Der Text ist ziemlich klar, es gibt eine Handlung. Aber weil sich viel davon im total betrunkenen Kopf des Konsuls abspielt, weiß man nach ein paar Seiten nicht mehr, was da stand. Zumindest ging mir das so, ich war aber auch beim Lesen meistens sehr bekifft. Es wäre unpräzise, zu sagen, Lowry schreibt Bandwurmsätze. Es sind eher lange, verschachtelte Gebilde, die sich schlängeln wie die halluzinierten Raupen auf dem Badezimmervorhang des Konsuls, wenn sie vor den polygonalen Skorpionen flüchten. Wer das Buch nüchtern liest, könnte sich den Spaß machen und mitschreiben, wie viele Drinks der Konsul an seinem letzten Erdentage zu sich nimmt. Dabei hat er die wildesten Abenteuer zu bestehen:
„Ich habe“, sagte er, „da hinten noch einen Feind, den Sie nicht sehen können. Eine Sonnenblume. Ich weiß, sie beobachtet mich, und ich weiß, daß sie mich haßt.“
„Exactamente“, sagte Dr. Vigil, „sehrr möglich, sie wird Sie vielleicht ein bißchen weniger ‚assen, wenn Sie aufhören, Tequila zu trinken.“ „Ja, aber heute Vormittag trinke ich nur Bier“, sagte der Konsul mit Überzeugung, „Sie sehen es ja selbst.“

Der Konsul lügt natürlich. Beim Kampf gegen die Sonnenblume hatte er schon im Geheimversteck mit der Tequilaflasche Deckung gesucht und über den Zaun in den Nachbargarten gekotzt.

Was der große Saint Exupery im kleinen Prinzen in drei Sätze packt, breitet Lowry auf mehr als 400 absolut lesenswerten Seiten aus. Der Konsul trinkt, weil er sich schämt, daß er trinkt. Alle anderen Personen in dem Roman trinken ebenfalls mehr als gesund ist. Und sie haben alle ganz hervorragende Gründe, sich zu schämen. Aber sie bleiben in der Realität, in dem sie Lebensprobleme und Trinkvergnügen nicht mischen. Da ist etwa Yvonne, die Frau des Konsuls, die ihn, getrennt lebend, besucht. Die Ehe der beiden ist ähnlich zerrüttet, wie Verstand und Leber des Mannes. Beim Versuch, das Leben mit dem Trinker auszuhalten, landete sie mit nahezu allen Bekannten des Konsuls im Bett und wurde nicht wirklich glücklich damit.
Auch der Bruder des Konsuls ist mit von der Partie. Er schämt sich, weil er natürlich auch ein Verhältnis mit Yvonne hatte und immer noch total in sie verknallt ist. Und weil er als Salonsozialist nichts gegen den Sieg der Faschisten in Spanien unternehmen kann. Damit gelingt Lowry ein weltumspannender Brückenschlag zur politischen Lage im allgemeinen und zum Zustand des englischen Empire im besonderen. Das ist nämlich am Vorabend des zweiten Weltkrieges völlig ruiniert, wie ein alter, trinkender Hahnrei. Erstaunlicherweise berichtet „Unter dem Vulkan“ nämlich auch ausführlich über die Kriege und alle ihre Gräuel und erwähnt dabei den Namen Hitler nur zweimal in Nebensätzen. Das funktioniert, weil die Handlung im November 1938, während des spanischen Bürgerkriegs spielt. Und es zeigt uns dabei die sehr besondere Denkweise der englischen Kolonialisten. Die ahnten und wußten sogar von den geplanten Völkermorden in Osteuropa. Aber sie denken bis heute nicht gern darüber nach, denn dann müssten sie ja auch über die zig Millionen Opfer nachdenken, die das Empire einfach mit fahrlässig schlechter Verwaltung umbrachte. Außerdem ist es dem alten England vor lauter Trauer überhaupt nicht möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Denn die eigentliche Katastrophe des Krieges ist ja der Zusammenbruch des morschen Weltreiches. In diesem Drama nämlich sind Faschisten nur ein begleitender Chor und es ist letztlich völlig egal, ob sie die Hintergrundmusik auf spanisch, italienisch oder deutsch singen. Und wenn man zufällig in Mexiko gestrandet ist, während man seinem Ende entgegentorkelt, wird dabei halt Agavenschnaps getrunken.

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Wenn der Konsul Mezcal trank, meinte er Bauernfusel, mit dem man sich für ein paar Kupfermünzen totsaufen kann. Mezcal ist Agavenschnaps, ohne die enge territoriale Herkunft des Tequila, der meinst in Kleinstbetrieben hergestellt wird. Wenn so etwas heutzutage auf den Weltmarkt gelangt, dann sind das hochwertige Spitzenprodukte, so wie dieser Reposado von Sangre de Vida. Da die meisten Ausgaben von „Unter dem Vulkan“ einen Totenschädel auf dem Einband haben, eignet sich die Flasche mit imaginären Raupen ganz hervorragend als Bebilderung für die Buchbesprechung. Beim Literpreis von 70 Euro aber wäre das Geld lange verbraucht, während sich die Leber schon wieder regeneriert hat. Der gelbliche Schnaps ist dünnflüssig im Glas, aber leicht ölig im Mund. An schönen Tagen schmeckt er pur schon sirupsüß. Aber wenn ich keine Geduld habe, möchte ich ihn mir geschmeidiger machen. Das exotisch rauchige Getränk regt zum Experimentieren an. Ein paar Spritzer Limette unterstützen die gemüsige Strenge, ein Eiswürfel nimmt die Schärfe, ein wenig Zuckersirup schadet nie. Dann sind auch gerne eine Prise Salz und Pfeffer willkommen, vielleicht sogar ein Basilikumblatt.

Für Literaturinteressierte hat dieser Blog viele Details zur Biografie Malcolm Lowrys zusammengetragen.
Wer lieber ’nen Film schaut, kann hier 45 Minuten lang eine schöne Phoenix-Doku über Mezcal und die Region Oaxaca ansehen. Es wird auch das Geheimnis der Würmer aufgeklärt.

Blogvorstellung: Der besondere Geschmack des Mäck78

In jungen Jahren las ich auch mal in Werken des Marquis de Sade. Man sollte sich ab und zu mit der Geisteswelt französischer Intellektueller beschäftigen und es ist ja auch nicht ganz uninteressant. Allerdings verging mir die Lust daran gründlich, als der Graf begann, sich über gewisse kulinarische Vorlieben auszubreiten. Da, wo ich aufhörte, den Marquis zu lesen, macht nun Mäcks Blog weiter. Merkwürdigerweise aber lese ich den wiederum ganz gern. Es gibt ja durchaus Stimmen, die behaupten, das Werk von de Sade sei als politische Satire zu verstehen. So könnte man Mäcks Blog auch betrachten. Aber er ist nicht so akribisch und manisch wie de Sade, sondern irgendwie leidenschaftlicher und viel menschlicher.
Wer jetzt weiß, worum es bei Mäcks Blog geht und das mit irgendwelchen persönlichen Gefühlen nicht vereinbaren kann, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen und auch auf gar keinen Fall einen der verlinkten Artikel ansehen. Alle anderen sind selber Schuld und denen wünsche ich viel Spaß beim Entdecken von Mäcks Kosmos.

Denn eine große Freude ist es mir, diesen Blog und den verantwortlichen Künstler vorzustellen. Die Scheißhauslyrik ist nämlich abseitige Lektüre ganz nach dem Geschmack abgestumpfter Drogenpolitiker. Darüber hinaus ist Mäck auch noch ein versierter Experte für Aufputschmittel. Den Mut zur Erforschung seiner abgründigen Neigungen, eingeschlossen derjenigen, über ebenselbige freizügigst zu berichten, verdankt Mäck laut eigener Aussage dem Amphetaminkonsum. Dabei hegt er eine besondere Vorliebe für Ephedrin. Mit dieser Substanz experimentierte ich ja auch eine Weile. Trotz gewisser Faszination mußte ich aber feststellen, es eignet sich nicht so gut für psychedelische Forschung. Durch die Lektüre von Mäcks Werk wird mir bewußt, Ephedrin ist eine ganz wunderbare Droge zum Ausleben sexueller Fetische, geradezu ideal für das masochistisch-passive Erleben. Denn die Wirkung ist eine krautig-kratzige Erregung, deutlich sexuell, dabei aber ziemlich stark genital-dysfunktional. Und nicht flauschig wie Ecstacy, welches ja eher androgyn-kuschelig daherkommt. Die kribbelige Wirkung von Ephedrin auf Geschlechtsteile beschreibt Mäck ziemlich anschaulich in der Geschichte mit dem passenden Titel „Der Ephedrinpimmelzwerg„. Diese aber ist nur vollständig mit der Vorgeschichte, „Verstrahlt an Sylvester„.

Wer es wagt, sich das nach dem Essen durchzulesen, hat einen guten Überblick über den Inhalt des Blogs. Für Leser mit empfindlichem Magen sei hier zusammengefasst, es gibt Koprophagie, inzestuöse Phantasien, konservative Ansichten und Sadomasochismus. Hoch seriös und Menschenfreundlich empfand ich auch sein Angebot, abgelaufene Schmerzmittel fachgerecht zu entsorgen. Darüber hinaus hege ich den Verdacht, Mäck ist gläubiger Katholik. Mäcks Werk wäre nicht vollständig, ohne seine Aktivitäten auf facebook. Dort stalkt er regelmäßig unbedarfte junge Leute. Die männlichen etwas wohlwollender, ein hohes Kompliment ist es wenn er den Wunsch äußert, jemandes Hinterlassenschaften verspeisen zu wollen. Gegenüber jungen Frauen betätigt er sich oft als richtig ordinärer und zickiger Orthographie-Blockwart und prahlt dann damit öffentlich. Ferner pflegt er eine extrem umfangreiche und geordnete Dokumentensammlung zum Mordfall Sedlmayr. Da ich nie bewußt Fernsehsendungen mit Sedlmayr gesehen habe, spricht mich das weniger an, es riecht etwas altbundesrepublikanisch nach Tatort.

Da Mäck offensichtlich in einem bürgerlichen Brotberuf seine Misanthropie pflegt, muß er wohl oft nüchtern bleiben, daher sind die meisten seiner Beiträge kurze Bonmots. Wenn er denn aber mal ordentlich Amphetamin nimmt, geht es rund. Das vermute ich jedenfalls. Es kann ja auch sein, daß er den Großteil seines literarischen Schaffens nicht kostenlos verbloggt, sondern es für den großen Durchbruch aufspart. Das hoffe ich persönlich, denn er hat versprochen, mir im Falle eines kommerziellen Schreiberfolgs ein iPad zu sponsorn. Und das, ohne jede Kenntnisse der Funktionalität meines Verdauungsapparates, was ich als große, menschliche Anerkennung werte. Seine literarischen Vorbilder enthüllte er jüngst, das sind unter anderem William S. Burroughs und Hubert Selby Jr. Mir sind die beide leider noch nicht bekannt. Mäcks amphetaminig-aufgekratzte Schreibe erinnert mich ein wenig an Keruac, wobei ich hier Mäck lieber mag. Denn wo Keruac als Intellektueller teilnehmend-beobachtend mit den wilden Kerlen on the road ging, greift Mäck höchstselbst und ohne Gummihandschuh in die Scheiße.18110548_1880165425558707_1359736537_n

Zigarette Tokyo Style

Rauchen sieht gut aus, geradezu verführerisch. Trotzdem bleibt ansprechendes Rauchen eine Kunst, an der sich viele versuchen, die aber nur sehr wenigen gelingt. Die Könige des Tabakkonsums sind ohne Zweifel die Kubanischen Revolutionäre in ihren Propagandafilmen. Nichts passt besser zur Maschinenpistole, als eine Zigarre, größer als der mächtige Pilgerbart, lässig im Mundwinkel hängend. So zeigt Mann, wer den längsten hat. In dem brasilianischen Musikdrama Orfeo Negro kann man bewundern, wie sich Zigarren auch für allerheiligste Zeremonien einschließlich Totenbeschwörung eignen.

Zigaretten haben es dagegen ungleich schwerer. Das Längenproblem wußten einst Diven mit Spitzen künstlich zu überbrücken. Aber das verfehlt letztlich das Wesen der Zigarette. Die steht doch für den schnellen Kick, Drogensucht des modernen Stadtbürgers ohne jeden Rausch, der den produktiven Verstand benebeln könnte, erfolgsorientierte Triebbefriedigung ohne Lust und Muße. Die zweiminütige Schamanenreise to go perfekt inszenieren kann nur ein japanischer Angestellter im scharf geschnittenen Anzug, den leeren Blick fokussiert auf die Schatten des Totenreiches, der Kopf müde und leer von einem Leben aus Überstunden.

Gescheiterte Flucht

Als protestantischer Rheinländer und Kind zugewanderter Norddeutscher pflege ich eine vertraute Distanz gegenüber dem Karneval. Wirkliches Entkommen ist nahezu unmöglich. Einmal versuchten wir, das merkwürdige Treiben durch einen Ausflug in die Coffee Shops zu umgehen. Allein, als Nachbarstadt Aachens ist das Limburgische Maastricht eine karnevalistische Exklave in den calvinistischen Niederlanden. Auch hier geschlossene Geschäfte und schreiend bunt gekleidete, schreiende Betrunkene, die auch mit guten Rauchwaren nur schwer zu ertragen sind. Also ergibt man sich dem Schicksal, akzeptiert betriebliche und private Feierstunden mit dem nötigen Frohsinn und meidet überdies größere, öffentliche Menschenansammlungen. 

In lokalpatriotischer Routine vergisst man dabei leicht, über den Tellerrand zu schauen. Auch anderswo gibt es vorfastenzeitliche Besäufnisse. Schauen tun wir da natürlich gern auf die Südhalbkugel der Erde, wo im Februar Sommer ist und die Menschen in Bademoden karnevalisieren. Dahin dauert aber der Flug so lange. Viel eher verschlägt einen der Zufall mal in die Zentralschweiz. Hier leben genug Katholiken, um die päpstliche Leibwache mehrfach zu bemannen. Entsprechend enthusiastisch feiern sie hier auch Karneval. Die Kostüme sehen dabei sehr gewöhnlich Rheinländisch aus, viele bunte Clowns und ethnische Minderheiten mit Federschmuck laufen herum. Von Hexen und Dämonen, wie sie manchmal aus Basel und dem Oberrhein vermeldet werden, ist nichts zu sehen. Die öffentlichen Frohsinnsbekundungen finden dabei ebenfalls um zentrale, süßwarenwerfende und politikverunglimpfende Festwagen statt. Aber der Straßenkarneval wird hier noch um eine regionaltypische Spielart ergänzt. Das sogenannte Eintrommeln:

Schon Mittwoch Abend, vor dem rheinischen Weiberdonnerstag, ziehen Spielmannszüge mit Pauken und Trompeten über die Dörfer. Mit vehementester Ausdauer lärmen diese dann die ganze Nacht und den folgenden Tag, eine einzige Melodiezeile. Das Getrommel weckt Tote, vertreibt den Winter und würde jede angreifende Konstanzer Feuerwehr zutiefst demoralisieren. Es wird solange fortgeführt, bis auch der verstockteste Karnevalsmuffel freiwillig zur offiziellen Feier auf dem Markt des Hauptortes erscheint. Oder auf einen Berg flüchtet. 

In der Skihütte, über den Wolken und über allem katholischen Straßenfrohsinn, trifft sich das zwinglianische Bürgertum und bespricht völlig zwanglos am liebsten finanzielle Angelegenheiten.

Keine Angst im öffentlichen Nahverkehr

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Sinn aller Werbung ist, im Gespräch zu bleiben. Und da hat die BVG mit ihrer Kampagne alles richtig gemacht, wenn jetzt sogar ich auf meinem Eigenbrötlerblog davon schreibe. Natürlich kommt das Klischee der koksenden Modebranche etwas altbacken daher. Kokain ist im Mainstream angekommen, Banker berauschen sich nur noch an toxischen Papieren und die Modebranche nagt am Hungertuch. Behaupte ich jetzt einfach mal so, ohne einen Kokser, Banker oder Modedesigner zu kennen. Aber genau diese Altbackenheit paßt zu einem Betrieb der öffentlichen Hand.

Ich mag die BVG. Nach dem ich länger in Berlin lebe, sollte ich mich zwar assimiliert haben und müsste, gleich den Autochthonen, wie ein Rohrspatz über die ‚Öffentlichen‘ schimpfen. Aber das ländliche Trauma selten fahrender Linienbusse wirkt lange nach. Es begeistert mich immer noch, daß man in der Innenstadt nirgendwo länger als 10 Minuten wartet, um überall hin zu kommen. Trotzdem ist natürlich nicht alles rosig. Denn die Berliner U-Bahn ist zweifellos auch Paradebeispiel und  Konkretisierung des ominösen Begriffes Angstraum. Eine Zeitlang betrat ich die Öffentlichen nur bekifft. Im Wagen voller merkwürdiger Leute, die bedrohlich vor sich hin starren, redete ich mir ein, daß sei nur eine leichte, drogeninduzierte Beklemmung und folglich reine Einbildung. Derartige Wahrnehmung im nüchternen Zustand aber müssten jeden vernünftigen Menschen in Panik ausbrechen lassen.

Es gibt ja besonders unangenehme Verbindungen. Die U8 etwa, welche die Elendsviertel Neukölln und Wedding in grader Linie verbindet und dabei mitten durch die neue Mitte fährt. Fraglich, ob nun das Lumpenproletariat oder die Boheme abstoßender ist. Die einen ersehnen angstvoll den viel zu weit entfernten Monatsanfang. Die anderen plagt, zu den ubiquitären Geldsorgen, noch die Angst vor zu wenig Beachtung. Aber wer kann schon beurteilen, wer schlimmer dran ist: Einer, der sich vor dem Absturz von ganz unten ins Bodenlose fürchtet, oder jemand, der Angst hat, daß der Aufstieg mißlingt, auf den man sich einen Rechtsanspruch einbildet. Wer dieses Leid in der U8 nicht mehr erträgt, kann zur Ablenkung den florierenden Heroinhandel in der Bahn und entlang der Strecke beobachten.

Dann gibt es natürlich wirklich gefährliche Linien. Wochenends ab etwa 22 Uhr ist, unter anderen, die U1 Richtung Wahrschauer Straße unbedingt zu meiden. Man wird erdrückt von vorgeglühtem Feiervolk, fühlt sich im Geräuschbrei aus alkoholisiertem Spanisch und Englisch fremd in der eigenen Stadt. Und muß Partytouristen anschauen, die meinen, nur weil Berlin eine häßliche Stadt sei, dürfen sich auch Besucher auf das geschmackloseste anziehen. In den Morgenstunden wiederholt sich die Katastrophe in allen Bahnen in umgekehrter Richtung. Da kann man sich leicht im Redeschwall überdrehter Landeier eine ernstzunehmende Gehirnverrenkung zuziehen.

Fühlbar wie abgestandene Luft aber wird die Angst in jeder Bahn, wenn sich nach dem Schließen der Türen eine Stimme erhebt. Bestenfalls ist es eine Fahrscheinkontrolle, welche nach allgemeiner Schrecksekunde manchmal in ein unterhaltsames, kleines Sozialdrama mündet. Wirklich beklemmend aber sind die Bettelmonologe zwischen zwei Stationen, ohne daß der brave Bürger eine Fluchtmöglichkeit hätte. Hier muß man sich um Ignoranz bemühen, der zivilgesellschaftliche Konsens des Wegschauens wird zu einem kollektiven Kraftakt. Ich etwa gebe prinzipiell nur Musikern, gern russischen Schnulzensängern oder Zigeunerbands. Klar, die betreiben Kinderarbeit, aber damit hätten sie Mozarts Eltern auch drangekriegt. Laute Musik erfreut das Herz und vertreibt dunkle Gedanken. Die Bettler aber konfrontieren ungefragt mit den eigenen, ethischen Prinzipien. Die besten dieser Gewissensdienstleister treffen ins Mark menschlicher Gefühle. Manchmal reicht nur der Anblick, wie einer kurz durchatmet und Kraft schöpft, bevor in ausgefeilt choreografierter Liveperformance für ein paar Cent ein gescheitertes Leben zur Aufführung gebracht wird.

Asoziales Dreckspack aus dem Bilderbuch – Hexe Total 2

Gleich zu Beginn dieses Artikels muß ich zu meiner Schande offenlegen, daß ich das besprochene Buch selbst gekauft und von eigenem Geld bezahlt habe. Obwohl viele Arbeiten des tasmanischen Comiczeichners Simon Hanselmann frei im Internet zugänglich sind. Zufällig bin ich in einem Comicbuchladen mit klischeehaft brummigem Besitzer gestrandet. Da merkte ich schon beim durchblättern, daß ich zwar die meisten Geschichten kannte, aber eben nicht alle. Belohnt wurde ich mit 176 Seiten Comiclesevergnügen auf dickem Kartonpapier in angenehmen Pastelltönen. Das Geld gönne ich Hanselmann durchaus. Ich halte ihn für einen großartigen Künstler, schon seine Lehrer glaubten an ihn, wie diese Zeugnisse aus der Schulzeit beweisen. Der Zeichenstil ist minimalistisch, aber die Charaktere sind Extrem plastisch, durch langjährige Aktivität haben sie alle eine Biografie, umfangreicher als die Schulakte eines Problemkindes. Wahrscheinlich beruhen sie sogar auf echten Menschen. Und zwar einem Haufen beklemmend gemeiner und verkommener Subjekte. Sie sind nicht etwa bösartig, sondern, viel schlimmer, völlig abgestumpft und gleichgültig. Sie amüsieren sich, wenn sie sich gegenseitig in ihren Sumpf herunterziehen und festhalten können.

vollpfosten

Grade bei einfacher Sprache und guten Englischkenntnissen muß man eine Deutsche Übersetzung kritisch betrachten. Aber einen ‚Fuckstick‘ als ‚Vollpfosten‘ zu bezeichnen, ist eine gelungene Übertragung dieser lauschigen Lagerfeuerszene.

Die Geschichten drehen sich um eine kleine Hausgemeinschaft und ihren Freundeskreis. Meistens spielen sie im verwahrlosten Wohnzimmer, vor immer gleicher Kulisse von Bong, Eimer und Pizzakartons. Mein Australienkorrespondent, der bisher wegen ausgiebiger Recherche noch keine Artikel abliefern konnte, bestätigte mir die Authentizität der Wohnsituation. In Sidney teilen sich viele junge Leute ein eingeschossiges Haus zur Miete, die Häuser haben, wie im Comic, alle ein kleines Stück Rasen, umgeben von braunem Lattenzaun. Sozusagen englische Arbeiterreihenhäuschen in der Billigvariante aus Presspanholz.

Die Hexe Megg ist die Femme Fatale im Zentrum. Sie wohnt zusammen mit ihrem festen Freund, dem Kater Mogg und dem nicht ganz so heimlichen, aber chancenlosen Verehrer Eule. Ständiger Gast ist Werwolf Jones, Meggs heroinaffiner Exfreund aus Schulzeiten und Drogendealer. Die Konstellation könnte hochexplosiv sein, würden die Beteiligten ihre Emotionen nicht konsequent im Rausch ersticken. Megg versucht die Nebenwirkungen ihrer vielen Psychopharmaka mit Gras und Alkohol zu kontrollieren. Ihr Freund Mogg macht jeden Unsinn mit, bleibt aber etwas undurchsichtig. Als Kater zeigt er sich arttypisch klug, faul und opportunistisch. Gelegentlich stiftet er seine Freunde zu grausamen und demütigenden Streichen an, wenn denen selbst keine mehr einfallen. Die gehen natürlich ausschließlich zulasten von Eule, der fast wie im Stockholmsyndrom in der freiwilligen Gefangenschaft der Hausgemeinschaft ausharrt. Denn er leidet unter Einsamkeit und sehnt sich nach Anerkennung. Sein latentes Alkoholproblem hat er durch Dauerkiffen ganz gut im Griff. Er wird völlig zurecht gemobbt, denn er will sich partout nicht an die harmonische Gemeinschaft der Sozialhilfeempfänger anpassen. Er hat einen Job und will sogar weiterkommen. Auch macht er sich verhaßt, weil er oft vorsätzlich versucht, nachts zu schlafen und tagsüber sinnvolle Dinge zu tun.

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Megg ist nie um Antworten verlegen.

Wie alle Kifferbuden ist auch diese Truppe aus Down Under ein Paradies für alle, die dort Urlaub von ihrem richtigen Zuhause machen können und die Hölle auf Erden für diejenigen, die dort leben müssen. Wer sich für Megg und ihre verwahrlosten Haustiere interessiert, sollte sich auf Hanselmanns Tumblr Girl Mountain ausgiebig einlesen. Die älteren Beiträge aus dem Archiv enthalten nicht nur Fotos von Hanselmann in Frauenkleidern, sondern auch recht lange Comicgeschichten. Wem das gefällt, der sollte die 25 Euro, die ein Buch kostet, sinnvoll in Gras oder eine Flasche Schnaps investieren und weiter im Internet Recherchieren.

Drogenszene to go

gelbe-wartehauschenDer kleine Tiergarten liegt mitten in Moabit. Das ist nicht wirklich ein Park, eher ein länglicher Streifen Grün zwischen den parallel verlaufenden Verkehrsadern Turmstraße und Alt Moabit. Lange Zeit war das ein ziemlich versumpftes und verkommenes Stück Erde. Und zwar ziemlich wortwörtlich, denn Wildwuchs von uralten Bäumen und Buschwerk bildete ein modriges, unübersichtliches Dickicht. Da konnten sich Menschen verstecken, die keine bessere Bleibe fanden, aber auch nicht unbedingt die komplette Existenz ungeschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit ausbreiten wollten. Alteingesessen war die Trinkerszene, die sich praktischerweise im gegenüberliegenden Netto versorgte. Da die Pfandflaschen hier noch nicht von einem Automaten, sondern von Mitarbeitern persönlich entgegengenommen und handschriftlich quittiert werden, ist auch für zwischenmenschlichen Kontakt ausreichend gesorgt. So hätte der kleine Tiergarten in schattiger Harmonie friedlich weiterexistieren können.
Dann aber kam irgendwo jemand auf die Idee, das Gelände zu sanieren. Das alte Gesträuch wurde ausgedünnt, die Spielplätze renoviert und die Wege übersichtlich gestaltet, damit die Bürger wieder einen schönen Park haben. Das stieß nicht überall auf Gegenliebe. Berechtigterweise empörten sich viele über die Vernichtung des alten Baumbestandes. Gefühlte zwei Jahre klebten wütende Protestbriefe entsprechender Initiativen im ganzen Viertel, vorzugsweise natürlich an den gefährdeten Bäumen. Auch die Riesenkiesel waren einen Aufreger wert, rundlich flache Betongebilde, die als völlig unnützer Landschaftsschmuck den Steuerzahler ein erkleckliches Sümmchen kosteten. Manch leisere Stimme sorgte sich auch um die offensichtlich geplante Vertreibung der Marginalisierten. Diese Sorge war aber völlig unbegründet. Die vormals von Büschen verdeckte Trinkerszene entwickelte sich weiter, nach Entfernung der Sichthindernisse eigentlich nur logisch, zur offenen Drogenszene. Mit allem dazugehörigen Ärger und Medienrummel. Die unmittelbare Nähe zum LAGetSi, republikbekannte Erstanlaufstelle für Flüchtlinge, trug nicht unbedingt zur Befriedung des Geländes bei.
Eine sinnvolle und soziale städtebauliche Maßnahme aber ist die Errichtung eines leuchtend gelben Unterstandes, der zusammen mit dem Pissoir gleicher Bauart, rechts im Bild, jetzt ein hübsches Ensemble bildet. Der Unterstand ähnelt einer Bushaltestelle, nur daß die offene Seite nicht zur Straße, sondern zum Parkgelände weist. Da finden die Nutzer bei Wind und Regen ein wenig Schutz. Wir Anwohner aber können nun dort vorbeigehen, unter den Versammelten eine unverbindliche Auswahl treffen und, falls wir noch keinen Trinker im Hause haben, direkt ohne weitere Formalitäten einen mitnehmen.