Sour aus Birnenschnaps hilft bei historischen Altlasten

Baron Hildprandt Hruskovice

Als Blogger muss man von seinen Urlaubsreisen schreiben, ein Blog ist schließlich die Diashow des Internetzeitalters. Wer da keine Lust drauf hat, kann sich einfach woanders hin klicken oder die elektronischen Medien zur Seite legen und mal wieder was sinnvolles machen. Allen anderen erzähl ich was von unserem Skiurlaub, denn Wintersport ist bekanntermaßen die perfekte Ausrede, um Frühstück, zweites Frühstück und Mittagessen durch einen Schnaps zu ersetzen. Traditionell sind das in den Bergen natürlich Obstbrände. Diesmal ging es ins Riesengebirge und zwar an die südliche, auf tschechischem Staatsgebiet liegende Flanke, deren Flüsse über die Elbe in die Nordsee drainieren. In diesem Teil Osteuropas, also vom Riesengebirge bis zum Mittelmeer, ist der Obstler der Wahl selbstverständlich ein Pflaumenbrand, Slibovic oder Slivovice. Als geschmacklich bessere Alternative wurde gern der Birnenbrand, Hruskovice, gereicht. Was das H und das R in dem Namen nebeneinander zu suchen haben, ist mir schleierhaft. Das Tschechische gehört eben zu den Sprachen, die mit Vokalen traditionell eher Sparsam umgehen.

Birnenbrand nun ist ganz und gar nicht hip oder populär, aber alle Jahre wieder im Winterurlaub lassen wir uns die Qualität und den angenehme Geschmack dieser ureigentlichen Spirituose gerne wieder in Erinnerung gerufen. Es ist ein total konservativ-altbackenes Getränk. Aber einfach gut und lecker, ohne Werbung, ohne schicken Namen, ohne ein Image. So wie die gute alte Zeit, als die Urgroßeltern im Pferdeschlitten zu Weihnachten unter Pelz und Decken fummeln konnten… oh what fun it is to ride… Die halbe Stunde im One horse open sleigh kostete gut 40 Euro, das sollte einem die Liebste schon wert sein. Die weiße Weihnacht jedenfalls hat für uns Bundesbürger also ausnahmsweise mal nicht der Klimawandel geraubt. Die ist einfach in den Ostgebieten geblieben. Denn das Riesengebirge – es gibt auch einen Tschechischen Namen dafür, aber der hat wieder furchtbar wenig Vokale – ist Teil dessen, was mal Sudetenland hieß.

Als Urlauber braucht uns das nicht weiter zu belasten. Wir können uns beim morgendlichen Schnaps entspannt zurücklehnen und uns freuen, daß die Deutschen das Mittelgebirge so hübsch hergerichtet haben, jetzt aber glücklicherweise weg sind und wir deshalb total entspannt unsere Ferien genießen können. Aber über die Heimatvertriebenen darf man keine Witze machen. Denn auch wenn wir spätgeborenen den grausamen Schrecken von Flucht und Vertreibung nicht nachvollziehen wollen und können, droht uns das Ungemach in Form von Vertriebenenverbänden und deren Vorsitzenden und Vorsitzendinnen, welche nach wie vor unsere Gesellschaft mitgestalten wollen. Auch im Hinblick auf unser aller Zukunft sollten wir uns also nach ein paar Schnäpsen die Frage stellen: Können wir Deutschen mit anderen Völkern zusammenleben, ohne dass wir denen mit unserem unbedingten Gestaltungswillen permanent auf den Wecker fallen?

Im Riesengebirge jedenfalls wird nicht mehr viel gestaltet, seit man die Deutschen erfolgreich verjagt hat. Die letzte Gestaltung betraf die Tschechisierung der Ortsnamen, manchmal durch Übersetzung, oft aber durch gewaltsame Streichung von Vokalen. Die Umgestaltung der Bevölkerung verlief dagegen nicht besonders Nachhaltig. Es wurden bis heute nicht die ursprünglichen Einwohnerzahlen erreicht, wirtschaftlich dümpelt die Gegend so vor sich hin. Der Tourist merkt das daran, daß es in den Skiorten außer Gastronomie praktisch keine normalen Geschäfte gibt. Lebensmittel bekommt man im vietnamesischen Alles-Laden.

Hanfblüten

Entspannender Kräutertee im vietnamesischen Alles-Laden

Aber hinter zwei Vietnamesen fanden wir in einer kleinen Passage eine noch kleinere Wein- und Schnapsboutique. Dort erstanden wir als Souvenir eine Flasche Baron Hildprandt Hruskovice, rund 10 Euro billiger als die halbstündige Schlittenfahrt. Auch der Schnaps kommt natürlich nicht aus dem Riesengebirge, Baron Hildprandt wohnt nämlich gar nicht in den Sudeten, Verzeihung, im Riesengebirge, sondern irgendwo in einem Böhmischen Dorf zwischen den Großbrauereien Pilsen und Budweis. Die Birnen dort scheinen jedenfalls gut zu sein, das vierfach destillierte Erzeugnis schmeckt und wirkt hervorragend, ohne am nächsten Tag unangenehm aufzufallen. Zu Hause im Alltag sind wir aber nur selten so euphorisch, daß wir den Morgen mit einem kurzen Klaren begrüßen möchten. Wegen der vielen, drängenden, deutschen Fragen vermutlich. Deshalb verlegen wir den Alkoholkonsum wieder auf den abendlichen Cocktail. Der einzige Cocktail, den wir können, ist ein Sour. Zitronensaft und Läuterzucker im Schnaps geht nämlich immer, zu Hause kann auf schäumendes Beiwerk wie Eiweiß gerne verzichtet werden. Das Problem ist nur das richtige Mischungsverhältnis für die jeweilige Alkoholsorte. Bei charakterstarkem Whisky ist das einfach, Alkohol:Zitrone:Zucker 2:2:1, funktioniert immer. Bei weniger ausdrucksstarkem Alkohol muss immer mehr Sprit rein. Für Wodka habe ich das Rezept noch nicht gefunden, wer eins hat, bitte melden. Beim Birnenschnaps aber war direkt die erste Runde Google ein Volltreffer, 6:3:2 und die Birne vereinigt sich mit der Zitrone in perfekt-fruchtiger Harmonie. Die Drogenpolitik hat einen neuen Lieblingsdrink.

Skifahren für mehr Schnaps

Skifahren für den Weltfrieden und natürlich für mehr Schnaps

Wer Birnenstöcke oder Zitronenbäumchen in seinem Wohnzimmer züchten möchte, findet die passende Ausrüstung bestimmt bei unserem Werbepartner GrowGuru.growguru

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Schnaps für die Kneipe – John Powers Irish Whiskey

Irish Pub Lir

In seltenen Fällen überwinden wir unsere berufsbedingte Sozialphobie und gehen auch mal auf einen Drink in eine Kneipe. Und dann müssen wir natürlich sofort darüber schreiben. Diesmal traf es das Irish Pub in der Nachbarschaft. Man kann nun darüber streiten ob es der oder das Pub heißt. Genau wie beim Blog, welches ursprünglich ein Web-Logbuch ist, ist Pub eigentlich das Public House und müsste dementsprechend neutral sein. Das kann man aber auch lassen und einfach hingehen und einen trinken. In der kalten Winterszeit kommt da natürlich nur ein Schnaps in Frage, ganz stilecht ein Whiskey. Und zwar jetzt ausdrücklich nicht irgendwas, das älter ist, als unsere Schuhe und Jacken zusammengerechnet und mit unaussprechlichem Namen daherkommt, sondern ganz simpler Trinkstoff. Im Irish Pub drängen sich da zuerst die Namen Paddy und Jameson auf. Die sind mir aber ein wenig zu rau, auch wenn letzterer ein ausgezeichnetes Mittel gegen morgendliche Depression und akuten Zynismus sein soll. Das haben wir aber zur Zeit gar nicht nötig, denn die Stimmung ist gut in der Redaktion. Schließlich stand da im Schnapsregal auch der dritte im Bunde der irischen Alltagsverschönerer:

Der hierzulande nicht ganz so bekannte John Powers

Das ist ein absolut empfehlenswerter Schnaps, der angenehm schmeckt und genau das tut, was er soll. Nämlich von innen wärmen und eine gelöste, nostalgische Stimmung erzeugen. Das führt dann zu schwärmerischer Identifikation mit dem nur als Tourist erfahrenen Nationalgefühl der Iren. Eine bewundernswerte Eigenschaft ist, das dieses Volk scheinbar jedes Unglück zu Kultur verarbeiten kann. Ob das nun verlorene Kriege, Kolonisation, Hungersnot oder eben der Alkoholismus ist.

John Powers Whiskey Glas

Der sanfte, unaufdringliche Kornbrand rief uns dann ein besonders schönes Beispiel dafür in Erinnerung. Und zwar das Buch „The Dalkey Archive“ von Flann O’Brian. Wir lasen vor Unzeiten mal die deutsche Übersetzung, „Aus Dalkeys Archiven“.

Davon ist aber so gut wie gar nichts mehr in Erinnerung geblieben

Wahrscheinlich waren wir beim Lesen zu bekifft und viel zu wenig betrunken. Es dämmerte nur eine Szene wieder auf, wo der Protagonist, dessen Name auch vergessen ist, am Vormittag an einer Bar bei einem Whiskey darüber sinniert, daß er angesichts seiner baldigen Verlobung sein Alkoholproblem in den Griff bekommen und vielleicht demnächst damit anfangen möchte, am Vormittag nur Sherry zu trinken. Wir waren auch schon mal in Dalkey, denn den Ort gibt es wirklich. Das ist ein verschlafener Küstenort südlich von Dublin unter bleiernem Himmel. Es geht dort viel Bergauf und Bergrunter und man findet wenig Gründe, die dagegen sprechen, am Vormittag mit Whiskeytrinken anzufangen.

Also befragen wir Wikipedia. Und tatsächlich kommt die Erinnerung wieder. Der Protagonist und sein Kumpel haben in Dalkey eine wichtige Mission. Sie müssen einen gemeinsamen Freund, den verrückten Professor de Selby, davon abhalten, die Welt zu zerstören. Glücklicherweise ist diese Mission ziemlich angenehm, denn de Selby hat auch eine Zeitmaschine gebaut, die er benutzt, um billigen Trinkwhiskey in kürzester Zeit zu edlen Tropfen reifen zu lassen. Davon dürfen alle seine Freunde ausgiebig kosten. So sind sie geistig gewappnet, wenn der Dorfpolizist ihnen seine wissenschaftliche Theorie unterbreitet. Der zufolge verwandeln sich die Menschen in Fahrräder und die Fahrräder werden dabei ihrerseits zu Menschen. Wenn man es liest, klingt es erschreckend logisch. Ein heiteres Buch. Lest es. Wir sollten das auch demnächst mal wieder tun.

Kerze im Irish Pub Lir

Schwarz und stark – Guinness Foreign Extra Stout

Guinness Foreign Extra Stout

Starkes, bitteres Stout ist absolutes Lieblingsbier hier bei uns in der Redaktion. Klar, der erhöhte Alkoholgehalt spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Ein Bier mit deutlich über 6 % Alkohol halten wir für drogenpolitisch äußerst wertvoll. Denn wir wollen ja von einem Bier auch etwas spüren, es sollte dabei aber immer gerne nicht viel mehr als ein Bier sein. Wir müssen schließlich auch auf unsere Linie achten. Zum vorsätzlichen Rauschtrinken empfehlen wir, wie schon verschiedentlich erwähnt, richtige Alkoholika. Wer aber einen Pegel halten muss, der trinkt sowieso Wein. Für Weinbesprechungen trinken wir hier aber doch zu wenig, deshalb fehlt uns die nötige Kompetenz zum hochtrabenden Fabulieren.

Wir bleiben daher in unseren Artikeln lieber bodenständig beim Getreidesud.

Ein hoher Alkholanteil im Bier also hat ja neben seiner spürbaren Rauschwirkung zusätzlich den Vorteil, ausgezeichneter Geschmacksträger zu sein. Man braucht das Starkbier nicht wie Wasser zu stürzen, sondern bekommt mit jedem Schluck eine sättigende Fülle an Aromen. Ein Stout nun hat mitunter sehr viele Aromen. Diese sollten aber idealerweise dicht gepackt sein, zu einem befriedigendem Ganzen. Ich denke gern an kräftiges Essen für kalte Tage. So, wie wenn man in einem lange gekochten Eintopf die einzelnen Zutaten ahnt, aber nicht mehr wirklich unterscheiden will. Sicher, auch bei einem Stout könnte ein Connaisseur fabulieren, über Kaffee und Schokolade, Röstgrade und was einem bei der Nichtfarbe Schwarz halt sonst noch so alles durch den Kopf gehen mag. Aber solche Menschen, ich erwähnte es bereits, schreiben eigentlich lieber über Wein. Ich dagegen denke bei einem gehaltvollen Stout schlicht an Schwarzbrot und Teer. Passend dazu fällt mir „Hot Asphalt“ ein, die schöne Ballade über wackere Bauarbeiter, die Landstraßen asphaltierten.

Wer keine Geduld hat, um bis zur Pointe dieses über mehrere Strophen ausgewalzten Schwankes zuzuhören, kann auch die Suchworte „irische Traveller Wallfahrt“ bei Google eingeben und die Meldungen studieren. Die handeln davon, wie irische Zigeuner im Rheinland Marienverehrung betreiben und dabei die Anwohner und Lokalreporter mit Zechprellerei und seriösen Angeboten, Einfahrten zu asphaltieren, unterhalten. Ich glaube, man darf diese fast zur Ethnie geronnenen Nachfahren von Wanderarbeitern Zigeuner nennen, denn es ist ja nicht rassistisch, solange die Zigeuner weiß und Europäer sind. Außerdem ist es für uns als Rheinische Protestanten statthaft, Katholiken zu verunglimpfen. Wir beneiden die Papisten nämlich schrecklich, weil die kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie an einem ihrer zahlreichen Feiertage vormittags das Biertrinken anfangen.

Die ganze lange Fabuliererei gilt nun einzig einem Zweck:

Nämlich zum bekanntesten Industrieunternehmen Irlands überzuleiten, der Firma Guinness in Dublin. Deren Standardbier, das Irish Drought, ist uns aber zu schwachbrüstig und wässrig, weshalb es auch außerhalb der Stadtgrenzen Dublins überhaupt nicht mehr gut schmeckt. Es gibt allerdings ein stärkeres Exportbier, das Foreign Extra Stout, welches durchaus neben einem Imperial Stout aus handwerklicher Fertigung mithalten kann. Angesichts des Preises von unter 2 Euro pro Flasche ist es sogar ein sehr beachtliches Getränk, wenn man nicht aus ideologischen Gründen sein Alkoholgeld industriellen Brauereien vorenthalten und nur bärtige Kleinbetriebe unterstützen will. Zu kaufen kriegen wir unser Foreign auch nicht in der Bierboutique, sondern im asiatischen Lebensmittelmarkt, wo wir regelmäßig vorbeikommen, wenn wir uns mit unserer lebensnotwendigen Grundausstattung an Glutamat eindecken. Wir empfehlen übrigens immer, das japanische Original-Glutamat und raten von billigen Imitaten ab. Aber egal wie würzig-deftig-scharf die Mahlzeit, ein Stout, zumal ein stärkeres, hält dagegen. Nicht aufdringlich, aber robust. Vielleicht ist das ja auch der Grund, weshalb wohlschmeckendes Stout in vielen ostasiatischen Bierregalen einen festen Platz hat, auch in solchen Ländern, die niemals die zivilisatorischen Wohltaten des britischen Empires genießen durften. Wir erheben also unser Glas auf mehr als 150 Jahre erfolgreiche Globalisierung, die hoffentlich auch weiterhin asiatische Spezialitäten kostengünstig in unsere Küchen spült, aber unsere Nachbarschaft vor irischen Asphaltkochern verschont.

Flaschengeister

Eigentlich sollten wir alle mehr Schnaps trinken. Hochprozentiger Alkohol bewirkt einen ganz phantastischen Rauschzustand. Die Trinkenden sind nicht etwa benebelt, sondern geraten in einen Zustand von glasklarem Wahnsinn, in dem Verbrechen geplant, Körperverletzungen begangen und ungewollte Kinder gezeugt werden können. Oder man fährt einfach, im Vollbesitz der geistigen Kräfte, ohne jeden Bremsversuch gegen einen Baum. Alles so Dinge, wovor sich ein braver Bürger und aufrichtiger Versicherungskunde fürchtet. Meistens bleiben die Trinkenden aber bei großen Reden und wilden Phantasien. Und genau für solche Alltagsfluchten ist hochprozentiger Alkohol die ideale Droge.

Um diesen Zauberhaften Zustand mit vergleichsweise wenig schmerzhaften Nachwirkungen zu erreichen, sollte man allerdings auf gar keinen Fall mit niedriger prozentigen Getränken mischen, also nicht sich mit Wein oder Bier Mut antrinken. Die schwächeren Getränke nämlich machen müde und verschwommen und einen dicken Kopf. Auch sollte man bei einer Sorte bleiben. Das muss nicht unbedingt die beste sein, aber je besser und reiner der Alkohol, desto schöner ist in der Regel das gemeinsame Erlebnis.

Was aber nun ist guter Schnaps?

Meiner bescheidenen Erfahrung nach alles, was man gemütlich nippend trinken kann und nicht wegen seines furchtbaren Geschmacks in einem Zug herunterstürzen muss. Also ist das Wort Schnaps, was wohl mit eben dem Herunterstürzen in einem Zug zu tun hat, eigentlich schon Synonym für schlechten Stoff. Wer es genau nähme sollte lieber, ganz Werbedeutsch, von Bränden, am besten edlen reden. Wir nun sagen Schnaps, aber trinken immer bestmöglich. Sicher, das kostet meistens viel Geld, aber auch das ist eigentlich nur gut, dann muss man nicht so viel davon trinken. Ich wiederhole mich zu Set und Setting beim Drogenrausch, je tiefer im grauen Alltag der Geist versumpft, desto teurer und verkünstelter muss die Droge sein.

Man kann nämlich auch ganz wunderbar unter balkanesischer Sonne, wo Menschen in Häusern wohnen, die hier so grade eben als Gartenlaube durchgehen, neben der Destille sitzen und das entstehende Produkt permanenter Qualitätskontrolle unterziehen. Dort wird übrigens hauptsächlich vergorenes Obst als Rohstoff verwendet. Das klingt jetzt etwas altbacken und uncool, heimische Obstbrände sind aber oft von hervorragender Qualität, auch wenn Werbung, Literatur und sonstige Imagemaschinen versuchen, britische Kornbrände, egal ob Holzfassgelagert oder mit Kräutern vergällt, als alkoholische Seligkeitsgaranten anzupreisen. Obst, wozu übrigens auch die Weintraube gehört, hat darüber hinaus den Vorteil, praktisch von selbst zu gären. Denn es bringt die notwendige Edelhefe selber mit, die auf der Haut siedelt. Der Fruchtbrei wird dann unter der schon erwähnten Sonne einfach in eine Tonne gepackt und die Mikroben produzieren Alkohol.

Die anschließende Destillation ist eine der einfachsten Kulturtechniken, die bei uns irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Selber brennen ist inzwischen in Deutschland eine der schlimmsten Straftaten, allein schon der Erwerb von Destillerien ist illegal. Ausnahmen gelten nur für Stoffbesitzer, die heißen wirklich so. Allerdings könnte jeder, der mit einem Schweißgerät umgehen kann, schnell eine funktionstüchtige und sichere Destille herstellen. Es lohnt sich aber wohl einfach nicht, der Alkohol bei uns ist zu billig und leicht verfügbar. Genau wie der übrigens völlig legale Eigenanbau von Tabak hat Schnapsbrennen außerdem den Ruch von Nachkriegselend und Oma mit dem Bollerwagen. Um Ängstliche abzuhalten gibt es das Gerücht der Methanolvergiftung. Wie einfach Destillieren aber sein kann, sieht man sehr schön in dieser Dokumentation über Oaxaca und Mezcal, ab Minute 24 wird dort Agavenbrand mit einem Metalltopf, einem Bambusrohr und einem Agavenblatt hergestellt.

Geistreiche Winterferien wünscht die Drogenpolitik

Williamsbirnen Schnapsflaschen

Eine alte, deutsche Spezialität ist die Birne in der Flasche. Die linke ist wirklich in der Flasche gewachsen, im Garten des Stoffbesitzers. Bei der rechten Flasche erkennt man den geklebten Schnitt im dicken Glasboden.

Lemke – Craft Beer in touristischen Zentren

Lemke Hackescher Markt Craft Beer

In einer Metropole der zivilisierten Welt sollte ein alkoholisches Getränk auswärts mindestens fünf Euro kosten. Ein hoher Preis trägt den Gefahren der Droge Rechnung. Außerdem soll Ausgehen immer auch zeigen, was man hat. Schließlich hat einheitlich hoher Preis den Vorteil, unglaublich egalitär auszusehen und trotzdem die Wenigerbesitzenden effektiv und effizient zu benachteiligen. Solche sozioökonomischen Binsenweisheiten sind aber für Berlin ein wenig problematisch. Im ganzen Land bewegt sich ja sowieso schon der Preis für Bier, unser deutsches Grundnahrungsmitteln, in der Nähe von Leitungswasser. Berlin im besonderen kämpft dazu noch, trotz aller Aufwertungsbemühungen, mit skandalös niedrigen Lebenshaltungskosten. Alle Versuche der Gastronomie, sich davon abzuheben, werden von Spätis und Imbissbuden systematisch konterkariert.

Insofern ist Craft Beer ein ganz hervorragendes Mittel, um in der Preispolitik auf internationales Niveau zu steigen. Wer die aufstrebende Hauptstadt dabei unterstützen möchte, kann das ganz bequem in Lemkes Brauhaus tun. Der Traditionsbetrieb unterhält für das standesbewusste Besäufnis nämlich drei Dependancen in der Hauptstadt, welche direkt in und neben touristischen Zentren liegen. Es muss also niemand für sein Craft Beer durch irgendwelche verranzten Hipsterviertel stolpern. Da zapft Lemke ganz vorzüglich direkt am Schloss Charlottenburg oder am Hackeschen Markt in den S-Bahnbögen. Das Haus am Alexanderplatz haben wir noch nicht besucht, zum Alex gehen wir erst wieder, wenn der Senat jedem Besucher mindestens einen Taschendiebstahl, ersatzweise zwei Belästigungen, garantieren kann.

Die beiden getesteten Häuser bieten nicht nur bürgerlich akzeptable Preise, alles subbürgerliche Milieu wird auch durch ein gediegenes Ambiente von der Bierquell ferngehalten. Es dominieren lackiertes, braunes Holz in rustikalen, geräumigen Hallen. Die Kellner eilen in kleinkarierten Hemden sehr umsatzbeflissen zu den Gästen. Man fühlt sich, als ob ein amerikanisches Marketing-Team versuchte, kontinentale Gemütlichkeit zu inszenieren. Und damit sitzt man schon wesentlich gemütlicher, als in solchen Läden, in denen amerikanische Jungbrauer versuchen, Europäer mit transatlantischer Lässigkeit und schlecht imitiertem Fastfood zu beeindrucken. Die Speisen haben wir nicht probiert, aber was vorbeigetragen wurde sah deftig und lecker aus und nach dem dritten Starkbier kann eh keiner mehr die Qualität von Schweinshaxen beurteilen.

Die Biere nun genügen allen Qualitätsansprüchen

Gut, das böhmische Pils lohnt sich nicht, da kann man auch für ein Drittel des Geldes Staropramen vom Späti trinken, Tschechien überflügelt als Biernation Deutschland sowieso, was Qualität und Preis angeht. Das Douple IPA – Lemke nennt es „Imperial IPA“, war aus der Flasche ein wenig schwachbrüstig. Aber IPA vom Fass und Imperial Stout aus der Flasche sind bei Lemke ganz unbedingt empfehlenswert. Wie sie genau schmecken, darüber wollte ich mich ja nicht mehr auslassen, denn zu subjektiv scheinen alle Bierbesprechungen. Vor allem, wenn der Besprecher ein paar Bier intus hat. Aber alle Produkte von Lemke schmecken gleichsam edel und professionell. Gemeinsam scheint ihnen eine dezent süße, blumige Grundnote. Echtes Craft Beer in echter Brauhausathmosphäre, nur wenige Schritte von größeren Taxiständen und Bahnstationen entfernt. Eine echte Empfehlung für Berlin-Besucher, vor allem wenn einem Kälte, Regen und frühe Dunkelheit jegliche Lust auf ausgedehnte Stadtspaziergänge verderben.

Saufen für die Islamisierung des Abendlandes

Säulen der AlhambraNatürlich dürfen Moslems Wein trinken. Im Koran steht, sie sollen sich nicht betrinken. Etwas trinken und sich betrinken ist nicht das selbe, so wie hören und zuhören nicht das selbe sind.“ Das erklärte uns der Reiseführer in den Gärten des Generalife, dem Wohnpalast der Kalifen von Granada, welche selbstverständlich auch Wein kultiviert und konsumiert haben. Das möchten wir nur zu gerne glauben. Jetzt könnte ich natürlich auf die Straße gehen und die Problematik mit den ganzen Moslems, die hier in meiner Nachbarschaft leben, besprechen. Aber das wäre ja total unwissenschaftlich. Denn der wahre Intellektuelle redet niemals mit den Objekten seiner Forschung, sondern stets nur über sie. Wo bliebe denn sonst die geforderte Objektivität? Außerdem bringt es nichts, die normalen Moslems trinken alle gern und können einem die religiösen Vorschriften genauso wenig erklären, wie ein normaler Christ was vom Zungenreden zu Pfingsten weiß. Und Leute, die es erklären können, mit denen möchte man sich nicht unterhalten, egal ob das nun Moslems, Christen oder Zungenredner sind.

Der Volksmund besagt, in der Schrift stünde nur immer etwas von Wein

Alkoholische Getränke aus anderen, vergorenen Rohstoffen als der Weintraube darf der Gläubige formaljuristisch bedenkenlos zu sich nehmen. Auch das könnte man nachprüfen, schließlich staubt eine Übersetzung des heiligen Buches irgendwo in den Redaktionsarchiven vor sich hin. Aber Urschriften anschauen wäre noch schlimmer, als mit echten Menschen Reden. Außerdem müsste man dafür vom Schreibtisch aufstehen. Im digitalen Zeitalter werden solche Fakten selbstverständlich auch Digital überprüft, denn seit es Internet gibt, wird ja zuverlässig und akribisch nur noch abgeschrieben und auf den Kommafehler genau kopiert, was man früher mühselig von Hand fälschen musste. Also ziehen wir die Wikipedia, das Wahrheitsministerium der vernetzten Welt, zurate. Und wirklich gibt es da einen ganzen Artikel zum Alkoholverbot im Islam.

Wie es sich für einen anständiges heiliges Buch gehört kann man alles oder nichts aus dem Koran lesen

Je nach dem, was der Interpret gerne möchte. Zum Alkohol, tatsächliche ist immer von Wein die Rede, gibt es vier Stellen. Die reichen in ihrer Bewertung der Materie von nützlich über mit Vorsicht zu genießen bis ganz abscheulich und somit verboten. Ganz konkret wird einmal Konsum und Handel mit Wein empfohlen, dann davor gewarnt, sich betrunken auf Glückspiel einzulassen, gefordert, zumindest vor dem Gottesdienst auszunüchtern und schließlich Alkoholkonsum komplett verboten. Das sind jetzt drei Argumente für den Alkohol und eines dagegen. Für Hardliner sticht die letzte Erwähnung, die den Alkohol verbietet. Was man natürlich anzweifeln kann und auch tut. Dabei dominieren mal wieder die wirtschaftlichen Belange, in fast allen moslemischen Mittelmeerländern wird selbstverständlich Wein produziert und völlig legal getrunken.

Die Festung Alhambra im Herzen des Weinlandes Andalusien nun ist ein Traum von einer Burg. Sie verkörpert gleichsam militärisches Genie eines Archimedes und die Anmut und Leichtigkeit aristotelischer Ästhetik. Da sollte man unbedingt vor und nach der Besichtigung ein Gläschen Wein zu sich genommen haben, am besten mit Schweinefleisch. Das hilft gegen die narzisstische Kränkung, die Europäer dann unweigerlich erleiden. Denn nüchtern müsste man zugeben, alle Schönheit und Kultur, von Schriftlichkeit über den Gebrauch von Wasser und Seife bis hin zu Architektur, Gartengestaltung und Weinbau haben ihren Ursprung ganz selbstverständlich im islamischen Orient.

Fassade spiegelt sich im Wasser ALHAMBRA

Die Materielle Welt kommt der Wahrheit nur so nahe, wie ein Spiegelbild auf einer Wasserfläche.

Brewbaker Indigo Pale Ale

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Schon wieder wird heute ein Brewbaker-Bier besprochen und die Drogenpolitik kriegt immer noch nichts von denen umsonst. Aber keine Sorge, jetzt ist es langsam gut mit Craft-Beer. Denn das Indigo eignet sich sehr gut, um zu erklären, warum ich die Einzelbesprechungen von Bieren hier nun aufgebe. Ich hatte eine Weile Spaß daran, das immer reichhaltiger werdende Angebot an Craft Beer durchzuprobieren. Das war auch ganz interessant, bis ich feststellte, die kaltgehopften Biere schmecken am besten frisch vom Fass oder direkt aus der Brauerei. Es lohnt sich einfach nicht, hopfenbetonte, also nach dem Brauen mit Hopfen aromatisierten Biere, ungekühlt aus Regalen zu kaufen. Klar, das Stöbern in Bierläden bereichert den Geschmackssinn, nicht alles ist schlecht da draußen. Aber das bessere ist des guten Feind und für Bier gilt mir nun ähnliches wie bei Sport- und Fitnessangeboten: Das Beste ist das, was fünf Minuten von der Haustür entfernt ist, so dass man gerne hingeht.

Das Indigo Pale Ale kam mir etwas seltsam vor, als ich es in meinem Bierladen entdeckte. Da war überhaupt kein Brewbaker-Logo drauf, nur eine Webadresse, die zu einer professionellen, aber etwas mystischen Marketing-Seite führte. Schmecken tat das Bier aber zunächst überhaupt nicht spektakulär. Ich probierte es zweimal aus dem Laden und es war beide Male irgendwie unbefriedigend. Einmal eisenbitter, eher wie ein Allerweltspils und dafür doppel so teuer. Ein bißchen mehr Charakter zeigte noch eine Flasche mit lange abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, hier schmeckte zumindest ein sattes Malzbett durch. Aber irgendwie auch nicht überwältigend. Das fand ich nun etwas seltsam, weil ich von den anderen Bieren meines Moabiter Lieblingsbrauers irgendwie besseres gewohnt war.

Beim Verkauf in der Brauerei fragte ich auch noch mal nach. Brewbaker hatte das Indigo tatsächlich zusammen mit einer Werbeagentur erfunden. Eigentlich nur für eine einmalige Aktion, ein unaufdringliches Pale Ale, das man auch nebenbei aus der Flasche trinken kann. Eine alltägliche Besonderheit sozusagen. Auch nach der Marketing-Aktion blieb genug Nachfrage, daß es ins normale Programm aufgenommen wurde. Ich gab dem Indigo noch eine Chance und frisch aus dem Kühlraum schmeckte es tatsächlich göttlich, ein perfekt ausgewogenes, harmonisches Ale mit genau dem richtigen Hauch Hopfenaroma darüber. Klar, Brewbaker ist eher sparsam mit dem Kalthopfen, der Geschmack verschwindet, wenn das Bier zu lange steht. Aber frisch ist es ganz einmalig. Im weiteren schweige ich lieber, denn ich muss hier zugeben, dass ich bei den anderen Verkostungen hier im Blog wahrscheinlich gelogen habe. Denn aus dem Brauerei-Kühlraum schmecken auch die anderen Biere alle so herzerfrischend, dass man sie eigentlich nur trinken soll und kein weiteres Wort darüber verlieren darf. Da gäbe es keine spezielle Empfehlung, da muss einfach jeder seine nächste Brauerei suchen. Und von der netten Kneipe im Viertel, die ständig wechselnde Berliner Brauerzeugnisse frisch am Hahn hat, erzähl ich gar nichts, denn ich will, dass die ein gemütliches Nachbarschaftslokal bleibt. Prost.

Brewbaker – Mein Lieblingsnachbar ist ne Brauerei

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Glück ist, wenn man an heißem Augusttag für eine Reportage eine Brauerei besichtigen muss.

Kürzlich besuchte ich die Brauerei Brewbaker. Diese liegt nur ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt in der Sickingenstraße in Moabit. Nach dem ich nun etliche Jahre deren Biere besonders gern trinke, habe ich nämlich endlich herausgefunden, dass sie direkt in der Brauerei ihr Bier verkaufen und auch Führungen anbieten. Ich las und tat und muss deshalb gleich zu Anfang eine Richtigstellung veröffentlichen über alles, was ich bisher zu Brewbaker-Bier schrieb:

Denn frisch aus dem Kühlraum der Brauerei schmeckt das alles mindestens doppelt so gut wie aus dem Laden und dann bei mir zu Hause schlecht gelagert. Alles was ich bisher über das Bier gesagt habe, war also falsch und quasi gelogen. Das frische Bier bringt mich dann dazu, es so schnell wegzutrinken, dass ich gar keine Zeit habe, irgendwelche Geschmäcker zu unterscheiden. Und eigentlich will ich sofort noch eins trinken und gar nichts darüber schreiben. Außerdem hat das der liebe Bloggerkollege schlimmerdurst neulich viel, viel besser gemacht. Wer also eine vernünftige gustatorische Rezension lesen will, schau sich diesen schönen – übrigens von mir initiierten Bericht über drei Brewbaker-Biere an.

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Michael Schwab engagiert sich für gutes Bier

Der Braumeister, Chef und Gründer, Michael Schwab machte die Brauereiführung. Groß zu führen gibt es allerdings nichts. Der Betrieb liegt in einer kleinen Lagerhalle, das Gebäude teilt er sich passend mit einem Getränkehandel. In der einen Hälfte stehen sechs oder sieben Edelstahlkessel, viel Platz nimmt das Flaschenlager ein. Und wenn grad kein Brautag ist, steht das Bier halt in einem der Kessel herum und möchte dabei gerne in Ruhe gelassen werden. Natürlich gibt es unangenehme Alltagsdinge zu erledigen. Zum Beispiel Kessel reinigen oder verschlissene Kleinteile austauschen. Solche Details wurden mir zum Glück erspart, stattdessen setzte sich der Chef bei einem lecker Bierchen an den Tisch vor der Bürobox und erzählte aus dem Brauer-Nähkästchen. Dabei präsentiert er sich freundlich und zurückhaltend, extrem selbstkritisch, was seine Arbeit betrifft und sehr engagiert wenn es um korrekte Etikettierung und Herkunftsbezeichnungen von Bier geht. Damit ist er natürlich der personifizierte Marketing-Albtraum, der tatsächlich die Überzeugung lebt, nur mit guten Produkten allein am Markt zu bestehen. Wenn Schwab dann noch sagt, dass er absolut nicht der Typ dafür ist, mit Banken über Investitionskredite zu verhandeln, mach ich mir langsam Sorgen um meinen Biernachschub. Aber um genau das Bier zu machen, das seinen eigenen Ansprüchen genügt, hat er die Anstrengungen auf sich genommen, einen eigenen Betrieb zu gründen und zu führen. Und das läuft nun seit 12 Jahren und ist von der Wirtshausbrauerei zum sechs Mann starken Unternehmen gewachsen.

Mit seinen englischen Ales liegt Brewbaker voll im Trend, dabei hat er überhaupt keine Lust auf irgendwelchen Craftbeer-Hype. Andererseits ist er für experimentelles Brauen extrem aufgeschlossen, er sprudelt über vor Ideen für neue Rezepte. Da hilft er auch gerne, er möchte am liebsten sofort alles stehen und liegen lassen und begeisterten Laien helfen, in der Garage ihre Heimbrauanlage einzurichten. Oder er vermietet seine Kessel und steht dann zahlenden Braugästen mit Rat und Tat zu Seite. Ein wenig enttäuscht es ihn nur, wenn so ein Zögling direkt mit dem ersten Sud zu Festivals und Szeneläden fährt und mit buntem Etikett und großer Kampagne unausgereifte Produkte vermarktet. Man glaubt Schwab, dass er niemandem geschäftliche Erfolge neidet. Jeder kann und soll gutes Bier herstellen, sein Herz schlägt für die kreativen Heimbrauer. Als Profi aber – und das ist der studierte Brautechniker – erwartet er von Mitbewerbern, dass sie ihre hochwertigen Produkte in gleichbleibender Qualität und in ausreichender Menge produzieren können. Wenn das nicht klappt, ist der Perfektionist nicht zufrieden. Nicht mit anderer Leute Bieren und nicht mit seinen eigenen. So blickt er fast wehmütig eine Flasche aus meinem Einkauf an und sinniert über einen unerwünschten Oxidationston, den dieser Sud leider abgekriegt hatte, Schuld war ein Luftblase , welche sich aus Unachtsamkeit in den Prozess geschlichen hatte. Das näher zu beschreiben, übersteigt allerdings meine Fähigkeiten, denn mir hat das betreffende „Berliner Art“ zu Hause dann mal wieder ganz hervorragend geschmeckt.

Dringende Empfehlung der Redaktion: Wer in Moabit unter der Woche tagsüber Lust auf bestes Bier hat, soll unbedingt bei Brewbaker vorbeischauen. Ansonsten stehen auf der Website Adressen, wo man Brewbaker kaufen und trinken kann.

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Eine Brauerei besteht eigentlich nur aus Kochtöpfen. Die sind halt aber ziemlich groß, haben mehr Fläche zum Saubermachen und viele Kleinteile oben und unten und vorne und hinten sowieso. 

Berliner Weiße ohne Schuß

Da wohne ich nun 10 Jahre in Berlin und komme erst in diesem Sommer dazu, Berliner Weiße zu kosten. Damit erweise ich mich als völlig durchschnittlicher Repräsentant des biertrinkenden Massengeschmacks.

Die Weiße ist ein weitgehend vergessenes, vom Aussterben bedrohtes Bier.

Sie ist nur noch selten zu sehen, meist auf vorbeifahrenden Ausflugsschiffen auf der Spree, zur Unkenntlichkeit mit quitschbuntem Sirup verschnitten. Eigentlich ist die Weiße auch gar kein richtiges Bier für die Drogenpolitik. Wir reden hier nämliche von einem deutlich sauren Getränk mit mageren 3% Alkohol, gerne schwimmen nach dem Einschenken noch Hefeflocken im Glas. Bei einem Brauereibesuch bei Brewbaker aber wurde mir so ein saures Dünnbier vorgesetzt. Und es schmeckte sehr gut. Die Säure ist genau das richtige gegen den Durst und mit der homöopathischen Alkoholdosis kann man sich eine Schale nach der anderen reinstellen. Schmecken tut eine Weisse pur ein wenig so, wie wenn man sein Müsli mit saurem Apfelmost aufgießt. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber bei warmem Wetter frisch von der Brauerei ist das ein  feines Sommergetränk.

Dazu sind Aufstieg und Niedergang der Berliner Weiße Lehrstück in Sachen Braukultur. Denn die Weiße ist ein Bier aus einer anderen Zeit, das fast ausgestorben wäre, zermürbt von Sirup, industrieller Bierproduktion und dem Geschmack des Zeitgeistes. Die Fakten und Mythen sind sehr gut im Wikipediaartikel aufgelistet, das möchte ich hier nicht weiter referieren. Was nun vom Marketing erfunden oder aufgegriffen wurde, scheint mir zweifelhaft. Grade bei Konsumgütern zeigt sich deutlich der Nebel der Geschichte. Was früher war, wissen eigentlich nur die Leute, die dabei waren. Und von denen hat es jeder anders erlebt.

Jedenfalls war die Weiße wohl einst der beliebteste Bierstil rund um Berlin, mit fast 400jähriger Geschichte, bevor sie zu Touristenkitsch verkam. Zunächst wurde sie mit „Schuß“ aus Sirup oder Likören massentauglich gemacht. Irgendwann dominierte der Sirup den Geschmack, da brauchte man sich bei der Herstellung des Biers keine Mühe mehr zu geben. Der korrekte, traditionelle Brauprozess mit verschiedenen Hefen stört im übrigen die Abläufe in industriellen Brauanlagen ganz erheblich und wurde deswegen in jüngerer Zeit gar nicht mehr praktiziert.

Die Gärung erfolgt Stufenweise mit verschiedenen Organismen.

Neben der normalen Bierhefe werden Milchsäurebakterien eingesetzt. Die liefern den typischen, sauren, frischen Geschmack. Schließlich kommen noch besondere, langlebige Wildhefen mit Namen Brettanomyces in die Flasche. Diese Wildhefen sind für Molekularbiologen und begeisterte Braukünstler ein extrem spannender Lebensinhalt. Manche gewinnen die Kulturen sogar aus uralten Bierflaschen. Denn die Weiße ist ein Bier, das in Würde altern und reifen kann, Jahre und Jahrzehnte machen sie angeblich nur interessanter. Und die lieben Brettanomyces bleiben dabei gesund und munter. Aber für den Besitzer industrieller Brauanlagen sind solche Hefen ein Albtraum. Sie können andere Hefen infizieren und verderben. Oder sich woanders einschleichen, in der Flasche weitergären und ein Supermarktregal voll Pilsbier explodieren lassen.

Diese altmodische, komplizierte und säuerliche Getreidelimonade wurde aber nun von einigen handwerklichen Brauern in Berlin – denn nur von hier darf sie Berliner Weiße heißen – vor dem Verschwinden gerettet. Als Anerkennung dieser ihrer Leistung wäre es nett, die kunstvoll gepflegte Säure nicht mit Sirup zuzukleistern. Wer es nicht mag, kann die Flaschen ja einige Jahre im Keller vergessen und sich dann erneut überraschen lassen vom Champagner des Nordens.

Eine ernste Weiße gibt es bei Brewbaker.
Schneeeule hat sich ausschließlich auf Weiße mit Flaschengärung spezialisiert, vier bis fünf spritzige Sorten sind immer im Angebot, entweder pur oder mit Aromakräutern vergoren.
Brlo macht wohl auch eine, die hab ich aber noch nicht probiert.

 

Stilvolles Besäufnis mit den Recipettes

Unter meinen Lesern, die mich regelmäßig mit einem Like beehren, befinden sich die Recipettes, zwei schöne Damen aus Wien. Die Recipettes machen einen überaus gepflegten Food- und Lifestyle Blog. Wenn Österreicher über Essen reden, kann ich dem immer Begeisterung zustimmen. Die Rezepte sind aufwendig gestaltet, es gibt eine lange, eine kurze Version und eine Englische Übersetzung, schöne und informative Bilder sind in genau der richtigen Anzahl vorhanden.
Ihre Artikel über Einrichtung sind genau so liebevoll gestaltet. Meistens überfliege ich die aber nur, weil mich das Thema nur sehr wenig interessiert. Bei uns zu Hause sieht es aus, als würden wir den ganzen Tag kiffen und uns nur zu IKEA verirren, wenn alle Berliner Restaurants geschlossen haben.
Dieser Post der Recipettes über die Gestaltung von Barwagen konnte die drogenpolitik aber überzeugen. Genießt es!

Die Sektgläser im Schrank, der Gin ganz hinten im Vorratskammerl, die bunten Strohhalme verstreut in der Schublade und der Shaker ist immer irgendwie im Weg. Wer diese Situation kennt, hat wahrscheinlich – genauso wie ich – keine Hausbar. Und seien wir ehrlich, irgendwie klingt das auch etwas nach den 70ern. Die stylishe Alternative: Ein Barwagen!…

über How to style: Barwagen — The Recipettes