Berliner Weinmesse 2019

Im Briefkasten lagen mal wieder Freikarten für die Weinmesse und diesmal hatten wir sogar Zeit, da auch hin zugehen. Bei so einem Event ist sorgfältige Vorbereitung geboten. Der disziplinierte Kiffer erscheint natürlich nüchtern zu einer Weinprobe, damit alle Sinne klar und scharf sind und man die wertvollen Produkte auch entsprechend würdigen kann. Gut, vielleicht darf man sich ein ganz kleines Körnchen Haschisch am Vormittag gönnen. Wenn der Weinprobenkumpan dann allerdings erst am späten Nachmittag erscheinen kann, muss unmittelbar vor der Bahnfahrt noch einer durchgezogen werden. Es ist schließlich total unverantwortlich, sich dem Berliner Nahverkehr völlig unbekifft auszusetzen. Und wenn man eh mal wieder seit ein paar Wochen täglich gekifft hat, wird einer mehr oder weniger die Geschmacksnerven jetzt auch nicht mehr großartig denormalisieren.

Bis auf kleine, hobbyfotografische Verzögerungen verlief der Hinweg schon einmal Reibungslos. Bei dem schönen Frühlingssamstag, den wir dank diverser globaler Umstände jetzt schon Mitte Februar genießen dürfen, fiel uns dann auf dem Hinweg das scharfe, nordische Licht auf, welches wiederum das Hauptgebäude des Messegeländes am Funkturm in seiner ganzen Gigantomanie schön kontrastreich in den Nachmittagshimmel zeichnete – die Kunstgeschichte kennt wohl einen Ausdruck für die Architektur des Faschismus, aber mir fällt er grad nicht ein. Eckig und groß halt – Neo-Klassizismus? Egal es lohnt sich nicht, das jetzt nachzulesen, könnt ihr ja selber googlen, wenn’s Euch interessiert. Hier soll ja eigentlich was von Wein geschrieben werden.

Ensemble der Flaschen

An diesem Stand probierten wir gar nichts, aber das hübsche Ensemble der Flaschen vermittelt einen schönen Eindruck der Veranstaltung.

Zu simpel für Fachsimpeleien

Und spätestens jetzt, nach dieser völlig unalkoholischen Einleitung merkt ihr, dass wir bei der drogenpolitik von Wein eigentlich mal so richtig gar keine Ahnung haben. Wir wollen uns nur gepflegt einen auf die Lampe gießen und bei Wein darf man sich dabei ja bekanntlich auch noch kultiviert fühlen.

Also rein ins Getümmel. Als erstes besorgt man sich am Eingang gegen Fünf Euro Pfand ein Glas, dann geht es auch schon los. Jetzt kann man damit einfach zu einem Stand gehen und sich ein Schlückchen einschenken lassen. Mitunter wird man allerdings vorher mit unangenehmen Fragen belästigt, die zum Inhalt haben, welchen Wein man denn nun probieren wolle. Was wiederum für anglophile Protestanten, die sich nicht so richtig mit Wein auskennen, schwierig sein kann. Aber solange man sich nicht schämt, nördlich des Mains aufgewachsen zu sein, kommt man da mit einem frechen „Weiß/Rot“ oder „überraschen Sie mich!“ ganz gut zu seiner Kostprobe. Passend zum Aufwärmen befand sich direkt hinter dem Glasverleih ein Stand mit Winzersekt. Die Frage „süß, trocken oder mittel“ konnten wir auch souverän beantworten. Trocken war dann leider etwas zu trocken, aber es ging ja hier nur um einen kleinen Weckruf für Kreislauf und Geschmacksnerven. Hätten wir uns besser ausgekannt, hätten wir schon hier Sachkenntnis beweisen können, in dem wir schnell den winzigen Rest des Probierschlückchens in das bereitgestellte Gefäß gegossen und nach dem nicht ganz so trockenen gefragt hätten. Aber wir zogen weiter und stellten unsere Unkenntnis beim nächsten Stand direkt wieder unter Beweis, in dem wir als erstes mit einem massiv schweren, spanischen Rotwein starteten. Danach schmeckten die meisten Weißweine dann eher wie aromatisiertes Wasser.

Der Philosoph vom Dreimäderlhaus

Dieser Philosoph überraschte nicht nur mit Leichtigkeit, sondern auch einem ganz ausgeprägten Geschmack von Aprikosen oder Holunderblüten oder etwas ähnlichem. Das Redaktionsteam war geteilter Meinung, aber kann man wirklich Tiefgang von einem Philosophen erwarten, der grade aus einem 3mäderlhaus kommt?

Durchaus lernfähig

Nach ein paar Versuchen, die tatsächlich zu Geschmackserlebnissen führten, welche Weinkenner als elegant oder fein, aber komplex beschreiben würden, verlegten wir uns dann doch auf Rot. Und konnten so tatsächlich unser Weinwissen erweitern. Bei Rotweinen deutscher Winzer kann man nämlich sehr schön die Handwerkskunst bewundern. Es lohnt sich zum Beispiel, die selbe Traube nach unterschiedlichem Ausbau zu verkosten. In jedem Fall müssen die Produzenten aus nördlicheren Regionen viel Mühe in ihre Produkte stecken. Bei den Sonnenländern wie Spanien, Frankreich oder Chile muss der Winzer wenig tun oder den Wein gar zähmen. Da nämlich haut einem meist schon beim Geruch der Sommer um die Ohren. Hier beeindrucken schwere Körper und sehr viel Aroma, vor allem bei chilenischen Gewächsen kann man eigentlich nichts falsch machen. Zu diskutieren bliebe da meist nur, wie stark das zum Wein passende Rinderfilet dann gepfeffert sein darf. Die Antwort würde lauten, bei Chilenen wäre das egal, bei Spaniern mittel und bei Franzosen eher dezent. Aber das ist bei jeder Traube und jeder Zunge höchst individuell und soll hier keinesfalls als letztgültiges Urteil ausgelegt werden.

Im Eiskübel

Ob wir an diesem Stand etwas verkosteten, wissen wir nicht mehr. Auf jeden Fall probierten wir nichts aus dem fotogenen Eiskübel, denn zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns schon mitten in unserer Rotweinphase.

Am Ende führt Alkohol zum Erfolg

Bei einem chilenischen Händler wurden wir dann auch fündig bei unserer immerwährenden Suche nach richtigen Drogen. Hier erstanden wir für günstiges Geld einen Pisco, welchem wir aber demnächst noch einen eigenen Artikel widmen werden. Dieser spirituöse Erfolg wurde dann kurz vor Ladenschluss noch mit einem kostenpflichtigen Gin Tonic besiegelt.

Gin Tonic

Der Gin von Brockman schmeckt so dermaßen überhaupt nicht nach Wacholder, dass der Gin Tonic daraus überaus passend mit einer Blaubeere und einer Pampelmusenzeste serviert wurde.

Denn was helfen einem 12 % Alkohol, wenn man nach gut drei Stunden Weinprobe tatsächlich nicht mal angeheitert die Messehalle verlässt? Zugegeben, so eine nüchterne Weinprobe kann schon Spaß machen. Und es ist ein wirklich schönes und empfehlenswertes Hobby für Leute, die sich für Drogen interessieren, aber keine Zeit mehr für einen anständigen Rausch haben. Wir aber werden uns, allein schon aus Platzgründen, jetzt aber keine Weinsammlung zulegen, sondern bis zur nächsten Weinmesseneinladung wie gehabt bei unseren recht seltenen Traubenbedürfnissen einfach zum Weinhändler um die Ecke gehen, wo wir nach Nennung von Anlass und Preisvorstellung zuverlässig etwas feines empfohlen bekommen.

Funkturm

Nüchtern, aber keineswegs ernüchtert verließen wir die Messe. Zumindest aber der Funkturm hatte alle Lichter an.

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Betrunken stirbt es sich schöner – Trink- und Leseempfehlung im Dezember

Der Dealer hat endlich vernünftigen Stoff! Ein klarer Brand aus Trauben, den man angenehm auch pur trinken kann. Lange schon suche ich danach.

Gut, die Suche war nicht wirklich intensiv. Wenn ich wirklich Suchtdruck gehabt hätte, hätte ich mich in naheliegenden Stadtvierteln intensiver umsehen können. Aber als Berlin-Zuwanderer bin ich ein dörflicher Charakter und möchte mich nicht gern ohne triftigen Grund aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft entfernen.

Auf einmal aber steht da eine Flasche dieser göttlichen Essenz auf dem Regal. Und der Dealer weiß offenbar selber gar nicht so genau, was er da stehen hat. Wenn man nach Traubenbrand fragt, greifen er und seine Angestellten nämlich stets routiniert zu Grappa oder Hefe. Das aber sind keine Traubenbrände, denn sie wurden nicht aus dem reinen, vergorenen Saft destilliert, sondern aus Trester oder Hefetrub, nicht wirklich Abfall, aber doch Nebenprodukte der Weinherstellung. Und der Dealer ist eben ein Weinhändler, die Hauptgeschäftszeit ist nach acht Uhr abends mit nachbarschaftlicher Verkostung. In solcher Runde wird Schnaps eben für gefährlich gehalten und steht halt, praktisch als Deko, über den Weinkisten

Sicher, es gibt ganz hervorragenden Grappa, vor allem seit Italiener in den 1990er mit hohen Preisen diese Spirituose für das distinguierte Bürgertum attraktiv machten. Es bleibt aber oft eine Schärfe, die Überwindung kostet oder durch umständlich lange Faßlagerung abgebaut werden muss. Den Traubenbrand dagegen kann man auch Nicht-Schnapstrinkern vorsetzen und hört dann nur: Oh, wie lecker.

Warum aber versteht keiner den Unterschied?

Einmal wird nicht mehr genug Schnaps getrunken. Zum anderen aber hat offensichtlich niemand „Tod in den Anden“ gelesen. Und diejenigen, welche es getan haben, glauben, es ginge um Morde oder Gesellschaftskritik und die üblichen Deutschlehrerprobleme.

Der Inhalt sei kurz zusammengefasst:

Die Geschichte Spielt im Nirgendwo und es passiert in erster Linie gar nichts. Die nicht passierende Handlung spielt in einer Polizeistation bei einer Wanderbaustelle im Hochgebirge. Die Arbeit auf der Baustelle ist hart und lebensgefährlich, das macht aber nichts, denn es gibt eine Kantine, wo sich jeder jede freie Minute bis Unterkante Oberkante mit Pisco zuschüttet, dem chilenischen Traubenbrand. Das reicht jetzt natürlich nicht für einen Roman, zudem es in diesem Außenposten der Zivilisation praktisch keine Frauen gibt. Aber zum Glück lauert ja, wie stets im Leben, der Tod in jedem Winkel. Nach Regenfällen krachen Steinlawinen die Abhänge hinunter und in der Einöde treiben Terroristen vom maoistischen „Leuchtenden Pfad“ ihr Unwesen und bringen, in Ermangelung echter Klassenfeinde auch alle anderen Andersdenkenden um. Die Terroristen nun tauchen gar nicht auf, machen aber trotzdem allen Angst.

Tatsächlich und konkret sind drei Arbeiter von der Baustelle verschwunden und der eigens aus der Stadt versetzte Polizeioffizier Lituma soll die Fälle aufklären. Dazu findet er sich oft in der Kantine ein und trinkt Pisco, serviert von den Wirtsleuten, dem ambitionierten Ehepaar, Dionisio und Adriana. Praktischerweise avancieren die Schankleute schnell zu Litumas Hauptverdächtigen.

Der Fall bleibt ungelöst

Für die objektive Beweissicherung eher unpraktisch ist allerdings der Umstand, dass es sich um Personifikationen antiker Gottheiten handelt, nämlich den Weingott Dionysos und Ariadne, die Frau mit dem roten Faden. Während der promillelastigen Ermittlungen ergibt sich, dass die Wirtsleute wahrscheinlich in der Kantine Bacchanale veranstaltet haben, bei welchen die versammelte Arbeiterschaft die Verschwundenen als Menschenopfer verspeiste. Der Mensch Dionisio jedenfalls ist überzeugter Anhänger eines alten Indio-Glaubens, demzufolge rachsüchtige Berggeister ständig die Menschen bedrohen und daher besänftigt werden müssen, Menschenopfer beim Straßenbau gehören zur liturgischen Routine. Der Wirt und seine Frau sind nicht nur Priester, sie sind die personifizierten Götter, archaisch und unbarmherzig, die ganz alte Schule. Die Gnade, mit der Abrahams jähzorniger Gott einst auf das väterliche Menschenopfer verzichtete, ist diesen altvorderen Torheit und Ärgernis, die sie nicht weiter kümmert. Natürlich kommt der Fall zu keinem Abschluss, Humbug und Aberglauben sind schließlich nicht justiziabel.

Der Roman handelt vom langsamen Vordringen der Zivilisation in die Lebensvernichtende Wildnis. Mühselig wird eine Straße in und aus dem Berghang gehauen. Und immer wieder machen Bergstürze die Arbeit zunichte. Dionisios leistet dabei natürlich auch seinen Beitrag zur fotschreitenden Zivilisierung. Er hat von der Küste den echten Pisco gebracht, damit die Arbeiter nicht mehr Fusel aus Trester oder Rum saufen müssen. Der Brand aus dem echten Wein nämlich hat ganz besondere Qualitäten. Die zeigen sich bei erfolgreicher Geisterbeschwörung und außerdem macht guter Brand keinen Kater.

Mario Vargas Llosa ist, als einer der großen südamerikanischen Schriftsteller, Pflichtlektüre für Bildungsbürger. Für oder gegen ihn, je nach Präferenz, spricht sein Bekenntnis zum Neoliberalismus, das macht Vargas Llosa in der sonst eher sozialistisch eingestellten Schriftstellerlandschaft Lateinamerikas zu einer besonderen Persönlichkeit. Als Gegenkandidat von Fujimori hat er sich sogar mit der Berwerbung auf das Höchste Staatsamt Perus politisch eindeutig betätigt. Das behinderte aber nicht seinen Nobelpreis für Literatur.

Fürs Leben lernen mit Literatur

Ungeachtet aller politischen Präferenzen können wir aus dem Buch wichtige Schlüsse ziehen: Schnaps ist das Mittel der Wahl für alle, die mal die Zivilisation hinter sich lassen wollen oder müssen. Als Rohstoff wäre Getreide, zumal ukrainisches, für uns Deutsche dabei aber nicht unbedingt die erste Empfehlung. Es könnte bei der Beschwörung vorzivilisatorischer Geister zu unguten, kulturellen Synergieeffekten kommen. Viel lieber sollten wir uns auf die Verbindungen zur uralten Zivilisation des römischen Reiches und deren staatstragenden Traubensaft besinnen. Schließlich hat sich ja auch unser Erlöser, der sich endgültig zwischen uns und den potentiell Menschenfressenden Rachegott stellte, als Erlöser zu erkennen gegeben, in dem er in der Stunde des Mangels hochwertigen Wein produzierte.

In diesem Sinne wünscht die drogenpolitik allen Lesern betrunkene Weihnachten

Traubenbrand

Berliner Stout Brand – der umständlichste Schnaps der Welt

Schnaps im Glas

Brewbaker macht endlich richtig harte Drogen mit ordentlich viel Alkohol drin. Zur Verkostung und zum Verkauf stand in der Brauerei ein Stout-Brand mit soliden 40 Umdrehungen. Aus hauseigenem Schwarzbier destilliert, wurde das Wässerchen dann einige Jahre auf Holz gelagert, sogar verschiedene Sorten sind im Angebot. Die Chefin kredenzte dem neugierigen Besucher die No. 3, „Dunkle Premium-Röstung“, diese erste Empfehlung war direkt ziemlich lecker und wanderte in den Einkaufskorb. Da erstanden wir also ein Fläschchen feinen, deutschen Kornbrand, durch Ausbau auf Holzspänen wurde daraus sogar so etwas wie ein richtiger Whisky. Das Getränk ist sehr edel und macht sich auch hübsch im Glas. Ein wirklich angenehmer Absacker, auch gut zum Wachwerden um 9 Uhr Abends, wenn ein Abgabetermin unangenehm nahe gerückt ist oder man seit einem Monat keine Blogbeiträge mehr veröffentlicht hat.

Über die subjektiven Eindrücke einer Spirituose könnte man nun viel reden, vom Lesen allein wird aber keiner betrunken und am Ende schmeckt es jedem anders. Konkrete Werte sind da viel interessanter. Der Tropfen hat nämlich einen nicht unerheblichen Makel, welcher dringend kommuniziert werden muss: Der Spaß ist unglaublich teuer. Eine Flasche ist nun mit 25 Euro durchaus bezahlbar und ein nettes Mitbringsel. Bis man dann realisiert, dass da nur ein Viertel Literchen drin ist. 100 Euro kostet der Liter, meine Herren, selbst hochwertige Spirituosen müssen sowas schon mit einem alten Namen, besonders getöntem Flaschenglas oder einer schicken Geschenkverpackung rechtfertigen.

Das ist echt ein Unfall, anders kann man das nicht nennen. Das streiten die Brauer auch gar nicht ab. Der Schnaps entstand nämlich äußerst umständlich. Es fing wohl an mit ein paar tausend Litern Stout, bestellt und nicht abgeholt. Da wollte jemand den St.-Patricks-Day feiern und hatte vergessen, Iren einzuladen. Kann ja mal passieren. Immerhin besser als bestellt, abgeholt und dann nicht bezahlt. Nachverhandeln ist der Euphemismus für solche betrieblichen Unglücke auf Manager-Sprech und die sind für Mittelgroßunternehmer immer ein schöner Grund, mit huldvoller Miene zu verkünden, dass es dieses Jahr wieder kein Weihnachtsgeld gibt. Was aber macht ein Kleinunternehmer mit einer mittelkleingroßen Menge nicht besonders haltbarem Schwarzbier? Vergammeln lassen? Ja, das geht. Das ergibt Essig, der ist sogar gar nicht schlecht. Aber jetzt auch kein Hammer, leider kein 1000jähriger Bio-Balsamico oder so, sondern halt einfach so ein normaler, milder Salat-Essig. Der trägt die Verluste nicht. Also haben sie das meiste Bier zu einer Schnapsbrenne gekarrt, den Brand auf Fässer mit Holzspänen gezogen und so lange da liegen gelassen, bis der Frust über den verunglückten Auftrag einigermaßen verflogen war.

Immerhin, nach nur drei Jahren auf dem Holz kann der Berliner Stout-Brand sogar mit einem richtigen Single Malt mithalten. Gegengetestet wurde ein Duty-Free-Impulskauf zu 60 Euro/Liter, der, laut Etikett seine 12 Jahre im richtigen Holzfass auf dem Buckel hatte. Und die nehmen sich beide nichts, da macht der dreijährige Berliner keine schlechte Figur. Beide haben noch eine leichte Schärfe, die kann man so lassen, damit es sich nach Schnaps anfühlt, die kann man aber auch mit einem Tropfen Wasser rundschleifen. Das Ergebnis ist ein weicher Brand, edel und nachhaltig in den Aromen, aber nicht aufdringlich. Ob das Schwarzbier durchschmeckt, weiß ich nicht. Ich kann das nicht erkennen und ein einfaches Maischen von Malz ohne das Brauen wäre bestimmt ein bißchen billiger gekommen. Andererseits, wenn man sich mal andere Produkte aus Kleinbrennereien ansieht, die kosten auch alle ähnlich viel und werden aus Rücksicht auf die Psyche der Kunden ebenfalls in kleinen Fläschchen unter die Leute gebracht. Da schlagen sich eben immer Arbeitsaufwand und vor allem die Steuern nieder. Der Staat will schließlich auch fleißig von unserem Rausch profitieren, irgendwer muss ja die Infrastruktur eines Hochlohnlandes ersaufen. Trinken also ist immer förderlich für den Staatshaushalt und wenn es dem Staat gut geht, geht es auch den Menschen gut. Wem das zu unpersönlich ist, der konsumiere bewusst, hochwertig in kleinen Mengen und folge dem Motto der Drogenpolitik: Unterstützt die Brauer und Brenner in Eurer Nachbarschaft!

Herbstreise, angeheitert

In Märchen aus Neuengland wohnen in alten Häuser gern mal Geister und Spukgestalten. Angesichts der vergleichsweise kurzen Siedlungsgeschichte kann man sich in den USA noch an jeden Sonderling erinnern. In Europa funktioniert das nicht. Hier würden sich die Geister gegenseitig auf den Füßen stehen und in der Masse untergehen, ohne Beachtung zu finden. Unsere Geister sind ein namenloses Heer, als unheilvolle Schatten sind sie stets bedrohlich präsent, aber dabei alltäglich wie eine tiefhängende, graue Wolkendecke über dem Flachland.

So eine diffuse Angst hält uns von Polen ab. Man hat da nichts zu suchen. Ganz offiziell schlägt sich staatlich geförderte Ausländerfeindlichlichkeit nieder in Satzungen von Versicherungen und Autovermietern: Fahrt mit dem guten Auto nicht nach Polen, die klauen da nämlich Deutsche Premiumprodukte. Dem rheinischen Tunesier standen die Haare zu Berge vor Angst, als wir mal in Usedom die 50 Meter über die Grenze fuhren, um Zigaretten zu kaufen. Das war im Mietvertrag ausdrücklich verboten und die Welt steht schließlich kurz vor dem Untergang, wenn man gegen Klauseln des Automietvertrages verstößt. Abends auf dem Zeltplatz wurden wir von anständig deutschen Betrunkenen belästigt, wahrscheinlich als Gottesstrafe für unseren Mietwagenfrevel. Die mecklenburgischen Hühnen nämlich entschuldigten sich anschließend recht emotional, sie hatten uns wegen des Kennzeichens für Münchner gehalten, aber das ist eine andere Geschichte.

Drüben in Polen sah es eigentlich ganz interessant aus

Die Landschaft ist ja links und rechts der Grenze die selbe. Aber der Wald in Polen wirkte ein wenig so, als hätte noch kein bundesdeutscher Oberförster die Bäume höchstamtlich einzeln durchnummeriert.

Jetzt, Jahre später, ging es also endlich mal los, an die Ostsee nach Westpommern, in die Wojwodschaft zachodniopomorskie, seit dem beliebten Lustspiel „Der Totmacher“ auch als Hinterpommern bekannt. Ob nun Hinter- oder Vorpommern, Alleen begrenzen gigantisch riesige Schläge, die nur mit Leibeigenschaft und Subventionen wirtschaftlich zu betreiben wären. Der deutsche und ehemals deutsche Norden braucht keine Wüste, bei uns verhungert der Bauer genauso gut auch auf fruchtbarem Boden.

Wenn man über die Gegend spricht, benutzt man selbstverständlich die deutschen Ortsnamen. Alles andere wäre ja auch viel zu schwierig auszusprechen. Aber generell wird eher wenig darüber gesprochen. Ich lese mich ein, das ganze westliche Polen ist verlorenes Land. Worüber wir nicht reden wollen, müssen wir schweigen. Wir wissen nicht, wo Alesia liegt. Ich bin im Rheinland in einem Dorf voll Schlesier aufgewachsen und wusste das nicht. Es war mir auch ziemlich egal. Jeder kommt von irgendwo her und hat irgend einen Grund, warum er unsere Sprache in seinem Sinne interpretiert. Vor den Gründen aber verschlossen wir Augen, Ohren und Herzen, wir konnten es uns leisten. In meiner Familie stammt nur ein Großvater aus den Ostgebieten, dessen Familie war aber vor Krieg und Vertreibung, im Kontingent der Wirtschaftsflüchtlinge von einer Bergbauregion in die andere gewandert. Und wer aus wirtschaftlichen Gründen kommt, kann kein echter Flüchtling sein.

Flüchtling ist immer ein Mensch, der Haus und Hof aufgeben musste und deshalb gegenüber irgendwem einen Entschädigungsanspruch hat. Flüchtlinge, die sich gut integrieren, halten den Mund und lassen die Vergangenheit ruhen. Du jammerst nicht über Dein Leid und Deiner Oma ihr klein Häuschen und wir fragen nicht, wer wann in welche Partei eingetreten ist.

Die Sudeten wurden mit dem Stock vertrieben. In Polen hat man den Leuten gesagt, entweder ihr sprecht ab jetzt polnisch und hängt ein -owsky an euren Nachnamen oder ihr müsst ganz schnell gehen. Ein berühmter Professor meinte einmal, alles Land östlich der Elbe sei für Deutschland unnützer und gefährlicher Ballast. Nach 30 Jahren zähem Ringen ums Deutschsein war dieser von vielen favorisierte Idealzustand der ethnisch homogenen, nivellierten Gesellschaft in den fruchtbaren Gründen westlich der Elbe für eine Weile hergestellt. Bis uns Polen wieder nahe kam.

Zubrowka Czarna

In Polen trinkt man Wodka. Wer Sirituosen kauft, sollte nicht am falschen Ende sparen. In polnischen Supermärkten ist das Ende der Fahnenstange bei 10 Euro erreicht, zur allseitigen Befriedigung.

Kaum drei Stunden fährt man von unserer alten neuen Haupststadt

In Rewal stoßen wir an die Küste. Der Name des Dörfchen hat die Polonisierung relativ unbeschadet überstanden. Nur ein h ging dem alten Rewahl verloren. Der Strand ist so schön und breit und sauber wie ehedem. Die reichste Gemeinde der Provinz soll das Dörfchen sein. Die elegante Polin erklärt uns, am schönen Strand schwimmt die Sahne der Tourismusbranche oben, das Hinterland ist bitterer Bodensatz, hüben wie drüben weite Horizonte ohne jede Perspektive.

Das ganze Land war immer schon abgebrannt, wie wissender Kindermund verkündete. Nach jedem Feuer kommt immer irgend ein guter Herr, versucht, zu sähen und das Land zum blühen zu bringen.

Also ging der Herr hin und baute zwei große Werften an die Küste, damit die Hintersassen Gelegenheit bekämen, für ihr täglich Brot zu arbeiten. Eine westliche für die deutschen Pommern und eine östlich für die Polen. In der östlichen Werft sammelten sich die Bauern wie einst Ulanen und Ritter mit Engelsflügeln und vertrieben den östlichen Herrn aus ganz Europa. Zum Dank dürfen die polnischen Ritter jetzt jederzeit überall Putzen, auf dem Bau helfen und Brötchen backen, das ist mehr als fair.

Die Werften nämlich gibt es nicht mehr. Als der böse gute Herr vertrieben war, erklärte man den Bauern, dass ihre Küste zu gar keinem richtigem Meer gehörte. Zumindest zu keinem wichtigen. Und wer braucht schon Werften an einem unwichtigen Meer? Und die Bauern trinken Schnaps seit dem. Die Pommerschen gehen Putzen und die Vorpommerschen wollte keiner für gar nichts, weil die Pommerschen nämlich billiger waren, genau wie ihr Schnaps.

Wodka Saska

Für den Hotel-Martini mache man eine Flasche hochpreisigen polnischen Wodka schulterfrei, fülle mit Wermuth auf und lasse die Flasche einen Strandspaziergang lang im Eisfach ruhen.

Derweil schwappt das unbenutzte Meer an scheinbar unberührte Sandstrände

In Mrzezyno, ehedem Deep geheißen, wohnt man mondän, in die Kasernen an der Küstenstraße sind Hotels eingezogen, mit schmucken Bungalows und einem beheizten Pool. In der Ostsee schwimmt keiner. Kalt ist sie in der Nebensaison aber immer noch schenkt sie den Menschen Brot. Und den immer gleichen Fisch, den sie den Touristen servieren können, frisch und sehr zart zwar, aber stets frittiert, um jeden Eigengeschmack zu entfernen. Polnische Würste oder Pierogi muss man suchen, in zweiter Reihe hat noch hier und da ein verstecktes Lokale geöffnet. Ansonsten ist man ganz auf deutsche und schwedische Kundschaft eingestellt, die lieben es meist nicht mehr deftig. Goutiert werden auch die Preise, auf den Karten stehen ziemlich exakt dieselben Hausnummern, wie in Berlin. Nur das Geld ist kaum ein Viertel des unseren Wert, der pralle Geldbeutel sorgt für gelöste Ferienstimmung.

Aber Essen ist hier Nebensache, man kommt wegen der Landschaft. Der Strand sieht wild und urtümlich aus, so wie man in Deutschland nur noch ein paar Fleckchen an der Nordsee findet, während unser baltisches Meer stets sauber eingehegt und flurbereinigt wirkt. Kaum in Polen, erstreckt sich blendend weißer Sand bis zum Horizont, dahinter Dünen und hinter den Dünen ein Streifen knorriger Kiefern, überall dazwischen Heidegewächse und Hagebutten. Der Wind reinigt die Gedanken, hartnäckige Sorgen vertreibt das tägliche Quentchen verflüssigter Kohlenhydrate bei Sonnenuntergang.

Wer doch etwas mehr Menschen und Häuser braucht, um seinen staatsbürgerlichen Konsumpflichten nachzugehen, der muss nach Kolobrzeg, die nächste Großstadt. Hier gibt es nicht nur genug Restaurants, eine Promenade mit Seebrücke und viele Strandkörbe. Am Wochenende sind die Parkplätze auch noch kostenlos. Unangenehme Geschichte gibt es keine, außer dem Leuchtturm ist alles Historische mit der Festung Kolberg restlos untergegangen und komplett verschwunden.

Erst wieder auf dem Rückweg, in Trzebiatow, sieht man noch ein wenig Treptow an der Rega. Irgendwelche Zufälle haben das Städtchen vor allen Kriegsschäden bewahrt. So hat sich der Marktplatz mit hübschen, norddeutschen Giebelhäusern erhalten. Dahinter ragt die mächtige Kirche, in der wohl einst der Norden auf den Protestantismus eingeschworen wurde. Heute finden dort selbstverständlich wieder gut katholische Gottesdienste statt.

Wir nehmen das wohlwollend zur Kenntnis und fahren weiter, zurück nach Hause über die Landstraßen, nur gelegentlich ein Halt, um die Anwohner zu unterstützen, die mit Honig und Pilzen etwas dazu verdienen.

Abendrot in Polen

Dat Wit von Brewbaker – Wenn die Tage heißer werden

 

Witbier Dat Wit Brewbaker

Pünktlich zum Sommerende präsentiert die Drogenpolitik dann auch mal das Sommerbier des Jahres 2018. Also das Bier, das wir im Sommer sehr gern getrunken haben und von dem wir aus diversen Hinderungsgründen erst jetzt schreiben können oder wollen. Unsere favorisierte Brauerei in der Nachbarschaft, Brewbaker aus Moabit, hat nämlich in diesem Sommer ein Wit gemacht. Ein Wit oder Witbier, nach Belieben kann Bindestrich oder Worttrennung eingefügt werden, ist ein belgisches Weißbier. Es enthält sogar auch Weizen, kommt aber völlig anders daher als ein bayrisches Weiß- oder Weizenbier wie ich es bisher kannte. Schon vom Ansehen ist eine Verwechslung mit Weizen ausgeschlossen: Dat Wit ist durchscheinend blass gelb mit relativ großporigem, recht stabilem Schaum. Geschmacklich setzt ein Wit auch ganz andere Akzente. Wo das Weißbier eher an eine notdürftig verflüssigten Hefeteig im Gärungszustand erinnert, ist ein Wit völlig körperlos und gradezu ätherisch spritzig. Vom Getreide schmeckt man überhaupt nichts, von Hopfen, welcher angeblich auch in sehr geringen Mengen an der Herstellung beteiligt war, wollen wir gar nicht erst anfangen.  Dafür prägen Gewürze den Geschmack. Das klingt jetzt erst mal schlimmer, als es ist.

Gewürztes Weißbier

Diese Gewürze sind wohl richtig mitgebraut. Ich sag jetzt mal, die sind wahrscheinlich beim Würzekochen mit in den Kessel gefallen, einfach nur, damit das so klingt, als hätte ich vom Brauen auch ein wenig Ahnung. Das kann einem aber herzlich egal sein, wenn man das Bier nur trinken will. Im belgischen Original werden wohl traditionell – auch ein ganz tolles Rezensions-Adjektiv – Koriander und Orangenschalen verbraut. Das Berliner Wit hat neben Koriander noch Zitronengras und Kaffirlimetten bekommen, laut Aussage des Braumeisters jedenfalls, auf dem Etikett steht nämlich nur ganz allgemein Gewürze. Das Triplett ist auch europäischen Gaumen wohl bekannt und allgemein beliebt aus Thai-Curry und Coca Cola, mithin absolut getränketauglich.

Mit einem guten Schuss limonadiger Säure schmeckt das Wit dann nämlich ein bißchen wie Radler, hat aber 5,5 % Alkohol. Es handelt sich also um ein richtiges, echtes Bier, nichts gepanschtes oder familienfreundlich-alkoholreduziertes. Limonadentypisch wird die Fruchtsäure von einer angenehmen Süße abgerundet, das aber überhaupt nicht pappig, sondern sehr frisch bierig, wie ein Kölsch, nicht wie ein Bock. Diese süße Abrundung könnte von dem Weizen kommen, welcher für ein Wit angeblich unvermälzt mit in die Maische kommt. Es könnte aber auch genauso gut das Zitronengras gewesen sein. Es lohnt sich aber nicht, darüber nachzudenken, denn Witbier soll gar kein großes Kunstwerk sein, sondern ein Bier zum Trinken für heiße Tage. Auch für den immer noch anständig warmen Herbst ist es eine gute Empfehlung. Wir haben schließlich keine Zeit mehr, nach den Schuldigen für den Klimawandel zu suchen, sondern müssen zusehen, wie wir mit den veränderten Bedingungen leben können, ohne unnötig lange nüchtern zu bleiben. Da will schnell ein passendes Bier gefunden sein. Wit ist ein guter Kandidat.

Sour aus Birnenschnaps hilft bei historischen Altlasten

Baron Hildprandt Hruskovice

Als Blogger muss man von seinen Urlaubsreisen schreiben, ein Blog ist schließlich die Diashow des Internetzeitalters. Wer da keine Lust drauf hat, kann sich einfach woanders hin klicken oder die elektronischen Medien zur Seite legen und mal wieder was sinnvolles machen. Allen anderen erzähl ich was von unserem Skiurlaub, denn Wintersport ist bekanntermaßen die perfekte Ausrede, um Frühstück, zweites Frühstück und Mittagessen durch einen Schnaps zu ersetzen. Traditionell sind das in den Bergen natürlich Obstbrände. Diesmal ging es ins Riesengebirge und zwar an die südliche, auf tschechischem Staatsgebiet liegende Flanke, deren Flüsse über die Elbe in die Nordsee drainieren. In diesem Teil Osteuropas, also vom Riesengebirge bis zum Mittelmeer, ist der Obstler der Wahl selbstverständlich ein Pflaumenbrand, Slibovic oder Slivovice. Als geschmacklich bessere Alternative wurde gern der Birnenbrand, Hruskovice, gereicht. Was das H und das R in dem Namen nebeneinander zu suchen haben, ist mir schleierhaft. Das Tschechische gehört eben zu den Sprachen, die mit Vokalen traditionell eher Sparsam umgehen.

Birnenbrand nun ist ganz und gar nicht hip oder populär, aber alle Jahre wieder im Winterurlaub lassen wir uns die Qualität und den angenehme Geschmack dieser ureigentlichen Spirituose gerne wieder in Erinnerung gerufen. Es ist ein total konservativ-altbackenes Getränk. Aber einfach gut und lecker, ohne Werbung, ohne schicken Namen, ohne ein Image. So wie die gute alte Zeit, als die Urgroßeltern im Pferdeschlitten zu Weihnachten unter Pelz und Decken fummeln konnten… oh what fun it is to ride… Die halbe Stunde im One horse open sleigh kostete gut 40 Euro, das sollte einem die Liebste schon wert sein. Die weiße Weihnacht jedenfalls hat für uns Bundesbürger also ausnahmsweise mal nicht der Klimawandel geraubt. Die ist einfach in den Ostgebieten geblieben. Denn das Riesengebirge – es gibt auch einen Tschechischen Namen dafür, aber der hat wieder furchtbar wenig Vokale – ist Teil dessen, was mal Sudetenland hieß.

Als Urlauber braucht uns das nicht weiter zu belasten. Wir können uns beim morgendlichen Schnaps entspannt zurücklehnen und uns freuen, daß die Deutschen das Mittelgebirge so hübsch hergerichtet haben, jetzt aber glücklicherweise weg sind und wir deshalb total entspannt unsere Ferien genießen können. Aber über die Heimatvertriebenen darf man keine Witze machen. Denn auch wenn wir spätgeborenen den grausamen Schrecken von Flucht und Vertreibung nicht nachvollziehen wollen und können, droht uns das Ungemach in Form von Vertriebenenverbänden und deren Vorsitzenden und Vorsitzendinnen, welche nach wie vor unsere Gesellschaft mitgestalten wollen. Auch im Hinblick auf unser aller Zukunft sollten wir uns also nach ein paar Schnäpsen die Frage stellen: Können wir Deutschen mit anderen Völkern zusammenleben, ohne dass wir denen mit unserem unbedingten Gestaltungswillen permanent auf den Wecker fallen?

Im Riesengebirge jedenfalls wird nicht mehr viel gestaltet, seit man die Deutschen erfolgreich verjagt hat. Die letzte Gestaltung betraf die Tschechisierung der Ortsnamen, manchmal durch Übersetzung, oft aber durch gewaltsame Streichung von Vokalen. Die Umgestaltung der Bevölkerung verlief dagegen nicht besonders Nachhaltig. Es wurden bis heute nicht die ursprünglichen Einwohnerzahlen erreicht, wirtschaftlich dümpelt die Gegend so vor sich hin. Der Tourist merkt das daran, daß es in den Skiorten außer Gastronomie praktisch keine normalen Geschäfte gibt. Lebensmittel bekommt man im vietnamesischen Alles-Laden.

Hanfblüten

Entspannender Kräutertee im vietnamesischen Alles-Laden

Aber hinter zwei Vietnamesen fanden wir in einer kleinen Passage eine noch kleinere Wein- und Schnapsboutique. Dort erstanden wir als Souvenir eine Flasche Baron Hildprandt Hruskovice, rund 10 Euro billiger als die halbstündige Schlittenfahrt. Auch der Schnaps kommt natürlich nicht aus dem Riesengebirge, Baron Hildprandt wohnt nämlich gar nicht in den Sudeten, Verzeihung, im Riesengebirge, sondern irgendwo in einem Böhmischen Dorf zwischen den Großbrauereien Pilsen und Budweis. Die Birnen dort scheinen jedenfalls gut zu sein, das vierfach destillierte Erzeugnis schmeckt und wirkt hervorragend, ohne am nächsten Tag unangenehm aufzufallen. Zu Hause im Alltag sind wir aber nur selten so euphorisch, daß wir den Morgen mit einem kurzen Klaren begrüßen möchten. Wegen der vielen, drängenden, deutschen Fragen vermutlich. Deshalb verlegen wir den Alkoholkonsum wieder auf den abendlichen Cocktail. Der einzige Cocktail, den wir können, ist ein Sour. Zitronensaft und Läuterzucker im Schnaps geht nämlich immer, zu Hause kann auf schäumendes Beiwerk wie Eiweiß gerne verzichtet werden. Das Problem ist nur das richtige Mischungsverhältnis für die jeweilige Alkoholsorte. Bei charakterstarkem Whisky ist das einfach, Alkohol:Zitrone:Zucker 2:2:1, funktioniert immer. Bei weniger ausdrucksstarkem Alkohol muss immer mehr Sprit rein. Für Wodka habe ich das Rezept noch nicht gefunden, wer eins hat, bitte melden. Beim Birnenschnaps aber war direkt die erste Runde Google ein Volltreffer, 6:3:2 und die Birne vereinigt sich mit der Zitrone in perfekt-fruchtiger Harmonie. Die Drogenpolitik hat einen neuen Lieblingsdrink.

Skifahren für mehr Schnaps

Skifahren für den Weltfrieden und natürlich für mehr Schnaps

Schnaps für die Kneipe – John Powers Irish Whiskey

Irish Pub Lir

In seltenen Fällen überwinden wir unsere berufsbedingte Sozialphobie und gehen auch mal auf einen Drink in eine Kneipe. Und dann müssen wir natürlich sofort darüber schreiben. Diesmal traf es das Irish Pub in der Nachbarschaft. Man kann nun darüber streiten ob es der oder das Pub heißt. Genau wie beim Blog, welches ursprünglich ein Web-Logbuch ist, ist Pub eigentlich das Public House und müsste dementsprechend neutral sein. Das kann man aber auch lassen und einfach hingehen und einen trinken. In der kalten Winterszeit kommt da natürlich nur ein Schnaps in Frage, ganz stilecht ein Whiskey. Und zwar jetzt ausdrücklich nicht irgendwas, das älter ist, als unsere Schuhe und Jacken zusammengerechnet und mit unaussprechlichem Namen daherkommt, sondern ganz simpler Trinkstoff. Im Irish Pub drängen sich da zuerst die Namen Paddy und Jameson auf. Die sind mir aber ein wenig zu rau, auch wenn letzterer ein ausgezeichnetes Mittel gegen morgendliche Depression und akuten Zynismus sein soll. Das haben wir aber zur Zeit gar nicht nötig, denn die Stimmung ist gut in der Redaktion. Schließlich stand da im Schnapsregal auch der dritte im Bunde der irischen Alltagsverschönerer:

Der hierzulande nicht ganz so bekannte John Powers

Das ist ein absolut empfehlenswerter Schnaps, der angenehm schmeckt und genau das tut, was er soll. Nämlich von innen wärmen und eine gelöste, nostalgische Stimmung erzeugen. Das führt dann zu schwärmerischer Identifikation mit dem nur als Tourist erfahrenen Nationalgefühl der Iren. Eine bewundernswerte Eigenschaft ist, das dieses Volk scheinbar jedes Unglück zu Kultur verarbeiten kann. Ob das nun verlorene Kriege, Kolonisation, Hungersnot oder eben der Alkoholismus ist.

John Powers Whiskey Glas

Der sanfte, unaufdringliche Kornbrand rief uns dann ein besonders schönes Beispiel dafür in Erinnerung. Und zwar das Buch „The Dalkey Archive“ von Flann O’Brian. Wir lasen vor Unzeiten mal die deutsche Übersetzung, „Aus Dalkeys Archiven“.

Davon ist aber so gut wie gar nichts mehr in Erinnerung geblieben

Wahrscheinlich waren wir beim Lesen zu bekifft und viel zu wenig betrunken. Es dämmerte nur eine Szene wieder auf, wo der Protagonist, dessen Name auch vergessen ist, am Vormittag an einer Bar bei einem Whiskey darüber sinniert, daß er angesichts seiner baldigen Verlobung sein Alkoholproblem in den Griff bekommen und vielleicht demnächst damit anfangen möchte, am Vormittag nur Sherry zu trinken. Wir waren auch schon mal in Dalkey, denn den Ort gibt es wirklich. Das ist ein verschlafener Küstenort südlich von Dublin unter bleiernem Himmel. Es geht dort viel Bergauf und Bergrunter und man findet wenig Gründe, die dagegen sprechen, am Vormittag mit Whiskeytrinken anzufangen.

Also befragen wir Wikipedia. Und tatsächlich kommt die Erinnerung wieder. Der Protagonist und sein Kumpel haben in Dalkey eine wichtige Mission. Sie müssen einen gemeinsamen Freund, den verrückten Professor de Selby, davon abhalten, die Welt zu zerstören. Glücklicherweise ist diese Mission ziemlich angenehm, denn de Selby hat auch eine Zeitmaschine gebaut, die er benutzt, um billigen Trinkwhiskey in kürzester Zeit zu edlen Tropfen reifen zu lassen. Davon dürfen alle seine Freunde ausgiebig kosten. So sind sie geistig gewappnet, wenn der Dorfpolizist ihnen seine wissenschaftliche Theorie unterbreitet. Der zufolge verwandeln sich die Menschen in Fahrräder und die Fahrräder werden dabei ihrerseits zu Menschen. Wenn man es liest, klingt es erschreckend logisch. Ein heiteres Buch. Lest es. Wir sollten das auch demnächst mal wieder tun.

Kerze im Irish Pub Lir

Schwarz und stark – Guinness Foreign Extra Stout

Guinness Foreign Extra Stout

Starkes, bitteres Stout ist absolutes Lieblingsbier hier bei uns in der Redaktion. Klar, der erhöhte Alkoholgehalt spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Ein Bier mit deutlich über 6 % Alkohol halten wir für drogenpolitisch äußerst wertvoll. Denn wir wollen ja von einem Bier auch etwas spüren, es sollte dabei aber immer gerne nicht viel mehr als ein Bier sein. Wir müssen schließlich auch auf unsere Linie achten. Zum vorsätzlichen Rauschtrinken empfehlen wir, wie schon verschiedentlich erwähnt, richtige Alkoholika. Wer aber einen Pegel halten muss, der trinkt sowieso Wein. Für Weinbesprechungen trinken wir hier aber doch zu wenig, deshalb fehlt uns die nötige Kompetenz zum hochtrabenden Fabulieren.

Wir bleiben daher in unseren Artikeln lieber bodenständig beim Getreidesud.

Ein hoher Alkholanteil im Bier also hat ja neben seiner spürbaren Rauschwirkung zusätzlich den Vorteil, ausgezeichneter Geschmacksträger zu sein. Man braucht das Starkbier nicht wie Wasser zu stürzen, sondern bekommt mit jedem Schluck eine sättigende Fülle an Aromen. Ein Stout nun hat mitunter sehr viele Aromen. Diese sollten aber idealerweise dicht gepackt sein, zu einem befriedigendem Ganzen. Ich denke gern an kräftiges Essen für kalte Tage. So, wie wenn man in einem lange gekochten Eintopf die einzelnen Zutaten ahnt, aber nicht mehr wirklich unterscheiden will. Sicher, auch bei einem Stout könnte ein Connaisseur fabulieren, über Kaffee und Schokolade, Röstgrade und was einem bei der Nichtfarbe Schwarz halt sonst noch so alles durch den Kopf gehen mag. Aber solche Menschen, ich erwähnte es bereits, schreiben eigentlich lieber über Wein. Ich dagegen denke bei einem gehaltvollen Stout schlicht an Schwarzbrot und Teer. Passend dazu fällt mir „Hot Asphalt“ ein, die schöne Ballade über wackere Bauarbeiter, die Landstraßen asphaltierten.

Wer keine Geduld hat, um bis zur Pointe dieses über mehrere Strophen ausgewalzten Schwankes zuzuhören, kann auch die Suchworte „irische Traveller Wallfahrt“ bei Google eingeben und die Meldungen studieren. Die handeln davon, wie irische Zigeuner im Rheinland Marienverehrung betreiben und dabei die Anwohner und Lokalreporter mit Zechprellerei und seriösen Angeboten, Einfahrten zu asphaltieren, unterhalten. Ich glaube, man darf diese fast zur Ethnie geronnenen Nachfahren von Wanderarbeitern Zigeuner nennen, denn es ist ja nicht rassistisch, solange die Zigeuner weiß und Europäer sind. Außerdem ist es für uns als Rheinische Protestanten statthaft, Katholiken zu verunglimpfen. Wir beneiden die Papisten nämlich schrecklich, weil die kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie an einem ihrer zahlreichen Feiertage vormittags das Biertrinken anfangen.

Die ganze lange Fabuliererei gilt nun einzig einem Zweck:

Nämlich zum bekanntesten Industrieunternehmen Irlands überzuleiten, der Firma Guinness in Dublin. Deren Standardbier, das Irish Drought, ist uns aber zu schwachbrüstig und wässrig, weshalb es auch außerhalb der Stadtgrenzen Dublins überhaupt nicht mehr gut schmeckt. Es gibt allerdings ein stärkeres Exportbier, das Foreign Extra Stout, welches durchaus neben einem Imperial Stout aus handwerklicher Fertigung mithalten kann. Angesichts des Preises von unter 2 Euro pro Flasche ist es sogar ein sehr beachtliches Getränk, wenn man nicht aus ideologischen Gründen sein Alkoholgeld industriellen Brauereien vorenthalten und nur bärtige Kleinbetriebe unterstützen will. Zu kaufen kriegen wir unser Foreign auch nicht in der Bierboutique, sondern im asiatischen Lebensmittelmarkt, wo wir regelmäßig vorbeikommen, wenn wir uns mit unserer lebensnotwendigen Grundausstattung an Glutamat eindecken. Wir empfehlen übrigens immer, das japanische Original-Glutamat und raten von billigen Imitaten ab. Aber egal wie würzig-deftig-scharf die Mahlzeit, ein Stout, zumal ein stärkeres, hält dagegen. Nicht aufdringlich, aber robust. Vielleicht ist das ja auch der Grund, weshalb wohlschmeckendes Stout in vielen ostasiatischen Bierregalen einen festen Platz hat, auch in solchen Ländern, die niemals die zivilisatorischen Wohltaten des britischen Empires genießen durften. Wir erheben also unser Glas auf mehr als 150 Jahre erfolgreiche Globalisierung, die hoffentlich auch weiterhin asiatische Spezialitäten kostengünstig in unsere Küchen spült, aber unsere Nachbarschaft vor irischen Asphaltkochern verschont.

Flaschengeister

Eigentlich sollten wir alle mehr Schnaps trinken. Hochprozentiger Alkohol bewirkt einen ganz phantastischen Rauschzustand. Die Trinkenden sind nicht etwa benebelt, sondern geraten in einen Zustand von glasklarem Wahnsinn, in dem Verbrechen geplant, Körperverletzungen begangen und ungewollte Kinder gezeugt werden können. Oder man fährt einfach, im Vollbesitz der geistigen Kräfte, ohne jeden Bremsversuch gegen einen Baum. Alles so Dinge, wovor sich ein braver Bürger und aufrichtiger Versicherungskunde fürchtet. Meistens bleiben die Trinkenden aber bei großen Reden und wilden Phantasien. Und genau für solche Alltagsfluchten ist hochprozentiger Alkohol die ideale Droge.

Um diesen Zauberhaften Zustand mit vergleichsweise wenig schmerzhaften Nachwirkungen zu erreichen, sollte man allerdings auf gar keinen Fall mit niedriger prozentigen Getränken mischen, also nicht sich mit Wein oder Bier Mut antrinken. Die schwächeren Getränke nämlich machen müde und verschwommen und einen dicken Kopf. Auch sollte man bei einer Sorte bleiben. Das muss nicht unbedingt die beste sein, aber je besser und reiner der Alkohol, desto schöner ist in der Regel das gemeinsame Erlebnis.

Was aber nun ist guter Schnaps?

Meiner bescheidenen Erfahrung nach alles, was man gemütlich nippend trinken kann und nicht wegen seines furchtbaren Geschmacks in einem Zug herunterstürzen muss. Also ist das Wort Schnaps, was wohl mit eben dem Herunterstürzen in einem Zug zu tun hat, eigentlich schon Synonym für schlechten Stoff. Wer es genau nähme sollte lieber, ganz Werbedeutsch, von Bränden, am besten edlen reden. Wir nun sagen Schnaps, aber trinken immer bestmöglich. Sicher, das kostet meistens viel Geld, aber auch das ist eigentlich nur gut, dann muss man nicht so viel davon trinken. Ich wiederhole mich zu Set und Setting beim Drogenrausch, je tiefer im grauen Alltag der Geist versumpft, desto teurer und verkünstelter muss die Droge sein.

Man kann nämlich auch ganz wunderbar unter balkanesischer Sonne, wo Menschen in Häusern wohnen, die hier so grade eben als Gartenlaube durchgehen, neben der Destille sitzen und das entstehende Produkt permanenter Qualitätskontrolle unterziehen. Dort wird übrigens hauptsächlich vergorenes Obst als Rohstoff verwendet. Das klingt jetzt etwas altbacken und uncool, heimische Obstbrände sind aber oft von hervorragender Qualität, auch wenn Werbung, Literatur und sonstige Imagemaschinen versuchen, britische Kornbrände, egal ob Holzfassgelagert oder mit Kräutern vergällt, als alkoholische Seligkeitsgaranten anzupreisen. Obst, wozu übrigens auch die Weintraube gehört, hat darüber hinaus den Vorteil, praktisch von selbst zu gären. Denn es bringt die notwendige Edelhefe selber mit, die auf der Haut siedelt. Der Fruchtbrei wird dann unter der schon erwähnten Sonne einfach in eine Tonne gepackt und die Mikroben produzieren Alkohol.

Die anschließende Destillation ist eine der einfachsten Kulturtechniken, die bei uns irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Selber brennen ist inzwischen in Deutschland eine der schlimmsten Straftaten, allein schon der Erwerb von Destillerien ist illegal. Ausnahmen gelten nur für Stoffbesitzer, die heißen wirklich so. Allerdings könnte jeder, der mit einem Schweißgerät umgehen kann, schnell eine funktionstüchtige und sichere Destille herstellen. Es lohnt sich aber wohl einfach nicht, der Alkohol bei uns ist zu billig und leicht verfügbar. Genau wie der übrigens völlig legale Eigenanbau von Tabak hat Schnapsbrennen außerdem den Ruch von Nachkriegselend und Oma mit dem Bollerwagen. Um Ängstliche abzuhalten gibt es das Gerücht der Methanolvergiftung. Wie einfach Destillieren aber sein kann, sieht man sehr schön in dieser Dokumentation über Oaxaca und Mezcal, ab Minute 24 wird dort Agavenbrand mit einem Metalltopf, einem Bambusrohr und einem Agavenblatt hergestellt.

Geistreiche Winterferien wünscht die Drogenpolitik

Williamsbirnen Schnapsflaschen

Eine alte, deutsche Spezialität ist die Birne in der Flasche. Die linke ist wirklich in der Flasche gewachsen, im Garten des Stoffbesitzers. Bei der rechten Flasche erkennt man den geklebten Schnitt im dicken Glasboden.

Lemke – Craft Beer in touristischen Zentren

Lemke Hackescher Markt Craft Beer

In einer Metropole der zivilisierten Welt sollte ein alkoholisches Getränk auswärts mindestens fünf Euro kosten. Ein hoher Preis trägt den Gefahren der Droge Rechnung. Außerdem soll Ausgehen immer auch zeigen, was man hat. Schließlich hat einheitlich hoher Preis den Vorteil, unglaublich egalitär auszusehen und trotzdem die Wenigerbesitzenden effektiv und effizient zu benachteiligen. Solche sozioökonomischen Binsenweisheiten sind aber für Berlin ein wenig problematisch. Im ganzen Land bewegt sich ja sowieso schon der Preis für Bier, unser deutsches Grundnahrungsmitteln, in der Nähe von Leitungswasser. Berlin im besonderen kämpft dazu noch, trotz aller Aufwertungsbemühungen, mit skandalös niedrigen Lebenshaltungskosten. Alle Versuche der Gastronomie, sich davon abzuheben, werden von Spätis und Imbissbuden systematisch konterkariert.

Insofern ist Craft Beer ein ganz hervorragendes Mittel, um in der Preispolitik auf internationales Niveau zu steigen. Wer die aufstrebende Hauptstadt dabei unterstützen möchte, kann das ganz bequem in Lemkes Brauhaus tun. Der Traditionsbetrieb unterhält für das standesbewusste Besäufnis nämlich drei Dependancen in der Hauptstadt, welche direkt in und neben touristischen Zentren liegen. Es muss also niemand für sein Craft Beer durch irgendwelche verranzten Hipsterviertel stolpern. Da zapft Lemke ganz vorzüglich direkt am Schloss Charlottenburg oder am Hackeschen Markt in den S-Bahnbögen. Das Haus am Alexanderplatz haben wir noch nicht besucht, zum Alex gehen wir erst wieder, wenn der Senat jedem Besucher mindestens einen Taschendiebstahl, ersatzweise zwei Belästigungen, garantieren kann.

Die beiden getesteten Häuser bieten nicht nur bürgerlich akzeptable Preise, alles subbürgerliche Milieu wird auch durch ein gediegenes Ambiente von der Bierquell ferngehalten. Es dominieren lackiertes, braunes Holz in rustikalen, geräumigen Hallen. Die Kellner eilen in kleinkarierten Hemden sehr umsatzbeflissen zu den Gästen. Man fühlt sich, als ob ein amerikanisches Marketing-Team versuchte, kontinentale Gemütlichkeit zu inszenieren. Und damit sitzt man schon wesentlich gemütlicher, als in solchen Läden, in denen amerikanische Jungbrauer versuchen, Europäer mit transatlantischer Lässigkeit und schlecht imitiertem Fastfood zu beeindrucken. Die Speisen haben wir nicht probiert, aber was vorbeigetragen wurde sah deftig und lecker aus und nach dem dritten Starkbier kann eh keiner mehr die Qualität von Schweinshaxen beurteilen.

Die Biere nun genügen allen Qualitätsansprüchen

Gut, das böhmische Pils lohnt sich nicht, da kann man auch für ein Drittel des Geldes Staropramen vom Späti trinken, Tschechien überflügelt als Biernation Deutschland sowieso, was Qualität und Preis angeht. Das Douple IPA – Lemke nennt es „Imperial IPA“, war aus der Flasche ein wenig schwachbrüstig. Aber IPA vom Fass und Imperial Stout aus der Flasche sind bei Lemke ganz unbedingt empfehlenswert. Wie sie genau schmecken, darüber wollte ich mich ja nicht mehr auslassen, denn zu subjektiv scheinen alle Bierbesprechungen. Vor allem, wenn der Besprecher ein paar Bier intus hat. Aber alle Produkte von Lemke schmecken gleichsam edel und professionell. Gemeinsam scheint ihnen eine dezent süße, blumige Grundnote. Echtes Craft Beer in echter Brauhausathmosphäre, nur wenige Schritte von größeren Taxiständen und Bahnstationen entfernt. Eine echte Empfehlung für Berlin-Besucher, vor allem wenn einem Kälte, Regen und frühe Dunkelheit jegliche Lust auf ausgedehnte Stadtspaziergänge verderben.