Rochefort 10 überzeugt auch Schnupfennasen

Rochefort Trappistes 10 EtikettObwohl ich erkältet war, hatte ich Lust auf ein geschmacksintensives Bier. Also machte ich das teure, kleine Rochefort 10 auf. Es war eine gute Entscheidung, verkleisterte Riechnerven brauchen kräftige Anregung. Das Fläschchen lag schon ein oder zwei Monate bei mir herum. Das hätte es laut Etikett auch mindestens bis 2019 noch tun können. Aber letztlich ist es zum Trinken und war auch so sehr beeindruckend. Der Schaum verschwindet sofort, wie bei vielen alkoholstarken Brauerzeugnissen, Rochefort 10 wartet immerhin mit 11,3 % auf. Die Flüssigkeit ist nahezu blickdicht im Glas, nur leichter Bernstein schimmert im Gegenlicht. Die verstopfte Nase nimmt sehr dezent belgische Hefe wahr und ahnt den vielen Alkohol. Der erste Schluck ist direkt voll da. Kein Antrunk, kein Abgang, einfach da und dann weg. Wie wenn man neben den Gleisen wohnt und ein Güterzug vorbeirauscht. Es rappelt im Karton, aber wenn er weg ist, ist es auch wieder still. Das Getränk ist süß, aber nicht zuckrig. Süßholz oder Lakritz ist es auf gar keinen Fall. Die Süße berührt die Zunge nicht wirklich, wirkt wie eingebunden in eine irgendwie holzige Bitterkeit. Es schmeckt wie ein faßgelagerter Süßwein, aber ein sehr leichter, auf keinen Fall ein Sherry. Beim zweiten und dritten Schluck ist es auch etwas pfeffrig im Gaumen. Das wird wohl der Alkohol sein.
Als das Glas zur Hälfte leer ist, spüre ich langsam die Wirkung. Das ist genau der Grund warum ich starke Biere liebe. Aber neue Geschmäcker identifiziert habe ich noch nicht. Ich freue mich über das sehr volle Mundgefühl – das bedeutet auf Deutsch, ich spüre beim Schlucken, wie sich die Kohlenhydrate ohne Umwege direkt in Fettpolster am Bauch einlagern. Und dabei kriege ich zusätzlich noch Appetit auf Hackfleisch. Es wäre sogar noch was im Kühlschrank. Ein medizinisch empfehlenswerter Appetitanreger also. Im sich vergrößernden Hohlraum des Glases rieche ich inzwischen Kräuternoten, wie so eine Mischung aus Koriander, Kreuzkümmel, Pfeffer und jeder Menge unbekannten. Oder ist das meine ausgehungerte Phantasie, die sich schon mit dem Hackfleisch beschäftigt?
Das Rochefort fand ich jetzt nicht ganz so ausgewogen, wie St. Bernardus Abt 12. Und der Edeldealer will für die kleine Flasche mit 4,50 einen Euro mehr als für den Abt. Trotzdem hab ich mir wieder ein Fläschchen zugelegt. Damit wird dann demnächst mit gesundem Riechorgan und hoffentlich noch viel mehr interessanten Aromen zünftig der Frühling eingetrunken.

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Arabier – eine edler Vogel aus Flandern

ara-im-glasDas Ara Bier bekam ich von Tom, ich berichtete schon, daß die Drogenpolitik einmal mit proBierchen richtiges Bier austauschte. Das Realweltpäckchen enthielt auch diese höchst interessante, belgische Spezialität. Da seit dem auch schon wieder einige Monate ins Land gegangen sind und die Biere immer noch ungeöffnet in meinem Schrank herumstanden, bekam ich langsam ein schlechtes Gewissen. Also öffnete ich eines schönen Abends dann die Flasche mit dem Papagei. Beim Eingießen bildete sich, höchst auffällig, eine enorme Menge Schaum, der einem aber nicht schon aus der Flasche entgegensprudelt, wie das bei manchen belgischen Bieren der Fall ist, sondern als sauberer Zylinder erst im Glas wächst. Die Schaumbildung weist auf starke Aktivität in der Flasche hin und schon bekam ich wieder ein schlechtes Gewissen: Hätte ich die Flasche nicht lieber noch länger nachgären lassen sollen? Es hätte laut Etikett noch mindestens bis Mai liegen können, denn bei den Belgiern ist das MHD mitunter ja eher der Zeitpunkt, ab welchem eine vernünftige Nachreifung beginnt. Aber letztlich sind die Biere ja zum Trinken da. Ich vermute hinter dem Schaumeffekt das refermentierte Bier, das auf dem Etikett als Inhaltstoff ausgewiesen ist. Nach dem sich im Glas die trinkbare Flüssigkeit nun konsolidiert hatte, wollte ich schon wissen, wie es schmeckt. Denn riechen tat es kaum. Beim ersten Schluck breitet sich ein durchaus voller Körper aus, beim zweiten Schluck kommt etwas schärflicher Alkohol durch. Dann herrscht nur noch Bitterkeit, wie von einem sehr trockenen Sekt. Der bunte Vogel auf dem Etikett täuscht, denn er ließ schon an exotische Früchte denken. Das Bier aber ist durchgehend pulvrig herb, wie ein indisches Curry mit viel Kurkuma, aber ohne alle blumigen Aromen. Im flämischen Wikipedia-Artikel steht, die Bitterkeit kommt von der Trockenhopfung. Wenn ich die verwandte, germanische Sprache richtig entziffere, hätte ich mir um die Lagerung keine Sorgen machen müssen, da Arabier nicht nachreift. Auch die Geschichte des Papageienvogels scheint da kurz erklärt, die erschließt sich mir aber mangels Flämischkenntnissen nun aber nicht.

Wenn das Getränk im Glas ein wenig wärmer wird, zeigt sich ein wohlgeformter Körper in einem eleganten, spröden Gewand ohne alle Schnörkel. Ein staubtrockenes, helles Bier, ich vermute, für den herben Geschmack ist auch die Gerste als einziges Getreide verantwortlich, das nicht, wie bei einem Tripel, von Weizen abgerundet wurde. Den beigefügten Zucker setzten wohl die emsigen Hefen komplett um, die mussten ja schließlich die 8 % Alkohol produzieren. Aber anders als manch süffige, dunkle Starkbiere, die zum Schnelltrinken verführen, ist der Ara nicht so ein euphorisches Rauschmittel, sondern eher ein edler, belgischer  Getreidewein, von dem auch nur ein kleines Fläschchen als genußvolle Begleitung für ein deftiges Essen reichen kann.

Das beste Bier der Welt – St. Bernardus Abt 12

Bei meinem belgischen Erweckungserlebnis wurde mir St. Bernardus Abt 12 Empfohlen. Ich merkte mir das, aber rechnete nicht wirklich damit, bald eins zu bekommen. Ein günstiger Zufall jedoch führte mich ins total durchgentrifizierte, aber immer noch rotzedreckige Grenzgebiet von Mitte und Prenzlauerberg. Dank Gentrifizierung macht da an jeder Ecke ein Dealer auf, um die Billigpilssäufer vom Späti zu vergraulen. Da finde ich unverhofft St. Bernardus Abt 12 in der 0.7 l-Champagner-Flasche. Schön und gut. Aber so eine Menge Stoff mit 10% Alkohol kann ich alleine schwer bewältigen. Ich bin froh, wenn ich hier, mit einer Nicht-Konsumentin in partnerschaftsähnlichem Eheverhältnis lebend, Drogenpolitik betreiben darf. Da will ich eigentlich nicht völlig betrunken durch die Wohnung torkeln. Auch wenn Leser anderes von mir erwarten, bin ich nur noch bedingt trinkfest. Aber ich wollte auch nicht auf Besuch warten, mit dem man belgische Brauspezialitäten verkosten kann. Deshalb schuf ich mir die Gelegenheit kurzerhand selbst.
Ich schloss mich zunächst in der Küche ein, mit ’nem großen Stück Rindfleisch, Kartoffeln und Tierfett und machte Steak mit Pommes. Steak kommt gut an bei uns. Und beim Kochen braucht es natürlich ein Glas Bier.

Das schmeckt vom ersten Schluck an fantastisch. Könnte das beste Dunkelbier der Welt sein. Die Zungenspitze fragt zaghaft: Ist das nicht bißchen süß? Aber der restliche Mund, nein, der ganze Körper jubiliert. Ein volles Getränk, so perfekt komponiert, dass einzelne Geschmacksnoten nur schwer herausstechen. Gleichzeitig sauer, und herb. Dabei weich, rund und bitter wie Kakao. Über allem dieser typische Duft von belgischer Hefe, nicht aufdringlich, sondern fein, ein zarter Sopran vor gutturalem Männerchor. Mit derselben sanften Harmonie breitet sich der Alkohol im Körper aus. Bewußt nehme ich wahr, wie sich die differenzierenden Geschmacksnerven verabschieden. Übrig bleiben nur Heiterkeit und Wohlgeschmack. Ein guter Schluck wandert zur Abrundung in die Soße, was mir kritische Bemerkungen wegen der Bitterkeit einbringt. Für mich schmeckte zu diesem Zeitpunkt alles nur noch gut. Das Steak wurde trotzdem restlos vertilgt, so schlimm bitter kann’s nicht gewesen sein.

Beim zweiten, unter voller Alkoholwirkung genossenen Glas konnte ich die Braukunst nicht mehr würdigen. Gleichwohl stellten sich erstaunliche Geschmackshalluzinationen ein. Mal glaubte ich, ein fruchtiges Weizen zu trinken. Der nächste schluck schmeckte prickelnd erfrischend wie Pils, nur ohne den wässrigen Abgang.

Am nächsten Tag blieb ein hefig-aufgeschwemmter Bierkater. Aber mit so einer positiven Erinnerung, daß ich sogleich zu einem Dealer ging, um Nachschub zu besorgen. Im Verkaufsgespräch bestätigte der Rauschmittelfachverkäufer, Abt 12 sei wirklich das beste Bier der Welt, mit 100 Punkten als perfektes Bier gelistet. Ich frag mich zwar, wer das listet, die Biertrinkergewerkschaft? Die einzig wahren, aussagekräftigen Biertests gibt es doch nur in Blogs. Als Blogger sage ich nun aber: Das ist wirklich eines der besten Biere der Welt.

In der drogenpolitischen Bewertung muss ich kleine Abstriche hinsichtlich des Suchtpotentials machen. Hätte ich ein großes Faß davon, würde ich ab jetzt jeden Tag mit einem Abt 12 beginnen. Aber es kommt in Flaschen. Und da reift es nach. Immer, wenn man am Kühlschrank vorbeikommt und zugreifen will, mahnt das Genießer-Gewissen: Mit jedem Tag, den Du wartest, wird es leckerer! Und so eine eingebaute Mäßigungsfalle ist für eine ordentliche Rauschdroge nun wirklich unpassend.

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Weiterer Minuspunkt ist die irreführende Werbung auf dem Etikett: Beim Anblick eines katholischen Geistlichen aus Belgien, debil grinsend mit Rauschtrank in der Hand, denkt man an pappsüße Plörre, die Minderjährige willenlos macht. Abt 12 ist aber ein total erwachsenes, richtig bitteres Bier, nur für Leute, die echtes Bier mögen.

Biertrinken in Antwerpen

Letzte Woche machte die Redaktion einen Tagesausflug nach Antwerpen. Es musste ein ganz phantastischer Ausflug werden, wenn man die Erwartungen niedrig hält, wird man auf jeden Fall positiv überrascht. Mein Ziel war eine Portion Fritten und ein Bier. Und mein Schatz wollte einen Blick auf den vielgelobten Antwerpener Hauptbahnhof werfen. Diese Ziele wurden übererfüllt. Ich trank zwei phantastische Biere zu zwei Portionen Fritten und Muscheln. Und den wirklich beeindruckenden, kathedralenartigen Hauptbahnhof inspizierten wir ausgiebig, von innen und außen.

Regenmaschine

Die Stadtverwaltung installierte Regenmaschinen, wie hier vor dem kathedralenartigen, UNESCO-prämierten Rathaus. Damit auch an den seltenen trockenen Tagen Feuchtigkeit von oben gewährleistet ist.

Schon auf der Hinfahrt begegnete uns eine typisch flandrische Spezialität. Der ausdauernde, trotzdem feinperlige, wohl strukturierte und samtig kühle Regen. In der Provinz Limburg zwang uns ein blickdichter Begrüßungsschauer das Tempo zu drosseln. In Belgien soll man nicht schneller als 120 km/h fahren. Denn schon bei einer Reisegeschwindigkeit von 150 hätte man das Land in wenig mehr als einer Viertelstunde durchquert und sämtliche Ortschaften verpasst. In gemächlichem Tempo spart man Benzin, findet auch bei Regen die richtige Ausfahrt und erreicht bequem mit dem Auto die beeindruckende, kryptaartige Tiefgarage unter dem Antwerpener Hauptbahnhof.

Vor dem Bahnhof, dieser Kathedrale der modernen Mobilität, erstreckt sich in alle Richtungen die verregnete, altehrwürdige Handelsstadt. Hier scheint es, wir lebten in einer friedlichen Welt ohne Kriege. Denn orthodoxe Juden in traditioneller Kleidung prägen das Straßenbild. In diesem sogenannten Diamantenviertel hätte ich meinem Schatz gerne eine Portion Fritten spendiert. Sie wollte lieber einen Diamanten im Frittenbudenviertel spendiert bekommen. Wir erzielten darüber keine Einigung und verschoben den Punkt.

Frituur

Diese Frittenbude an der Schelde öffnet nur im Winter, erst ab Windstärke 7 und mehr als 200 l/qm Regen entfalten Outdoor-Fritten ihren vollen Geschmack.

Vom Hauptbahnhof nach Westen zum Grote Markt bietet die Altstadt prächtige, kathedralenartige Gebäude, teure Geschäfte, edel gekleidete Bürger und viele Touristen. Wem der Regen in der Innenstadt zu lasch ist, kann ein kurzes Stück weiter an die Schelde, die offene Weite der Flußmündung verleiht dem Niederschlag das entscheidende Quäntchen Intensität. Wer normale Menschen sehen will, sollte vom Hauptbahnhof Richtung Nordosten spazieren. Da sind die Häuser klein, der Regen verkommt zu leichtem Nieseln, die Einwohner sind entweder betrunken oder dunkelhaarig.

Kleine Karte

Mit nur 15 Flaschenbieren ist das Angebot in der kathedralenartigen Einkaufspassage Staadsfeestzaal eher mickrig. Deshalb speisten wir da nur Waffel und Schokomilchshake.

Heutzutage möchten Reisende in belgischen Metropolen auch Terrorgefahr erleben. Die ist jedoch als abstrakte Bedrohung nicht so ohne weiteres zu besichtigen. Zur Konkretisierung postiert der Staat gut sichtbar bewaffnete Einsatzkräfte. Zum Beispiel Armeeangehörige, die aussehen wie Fallschirmjäger, eher klein und drahtig mit schwerem Gepäck und lässig umgehängtem Sturmgewehr belgischen Fabrikats. Im Tarnanzug, rötlich-braun wie Schlamm eines zentralafrikanischen Diamantentagebaus, wirken sie, als könnten sie sehr routiniert auf dunkelhäutige Menschen zielen. Die Soldaten produzieren Sicherheit von sehr hoher Qualität. Beängstigend dagegen die Polizisten in der Innenstadt, die krampfhaft deutsche Maschinenpistolen umklammern. Teure deutsche Industrieprodukte wie Autos oder Waffen kompensieren bekanntlich Potenzschwäche und andere psychologische Probleme. Da sitzen dann also gestörte Politiker und Verwaltungsbeamte, die zum Beschaffen deutscher Maschinenpistolen Formulare in allen bekannten Amtssprachen ausfüllen. Neueste Schätzungen gehen von 34 bis zu 7254 gültigen belgischen Amtssprachen aus. Das verursacht viel überflüssigen Papiermüll, den muß am Ende die arabische Putzfrau wegmachen. Auf allen Ebenen staut sich Frust an, der sich irgendwann explosiv entladen muss.

Bierladen

Ein typisch belgisches Souveniergeschäft mit eher mittelmäßiger Auswahl.

Wir störten uns nicht weiter dran. Denn wir wollten nicht das Land reformieren, sondern suchten noch Bier und Fritten. Als Fremder in der Antwerpener Innenstadt ist man zunächst etwas überfordert von den vielen Lokalen. In Belgien sollte es eine Brasserie sein, eine Mischung aus französischem Bistro und britischem Pub. Da gibt es deftiges Essen und viele Biersorten. Gegen Mittag verirrten wir uns ins „Elfde Gebod“, ein kathedralenartiger Biertempel direkt neben der kathedralenartigen Liebfrauen-Kathedrale. Die Krabbensuppe schmeckte stark nach Krabben, die Muscheln mild und fleischig, die Fritten innen zart und außen knusprig. Die Wartezeit zwischen Suppe und Muscheln mit Fritten wurde mit einer kostenlosen Portion Fritten überbrückt. Draußen hatte mir der rasensprengerartige Regen einen ordentlichen Bierdurst verursacht. Da kam das hauseigene Bruin vom Faß einer Offenbahrung gleich. Ein dunkles Bier, das alles bot, was wir an dunklem Bier lieben: Ein wenig malzige Süße vom Bock, das seidig-samtige Geschmackserlebnis eines dunklen tschechischen Biers mit feiner Kohlensäure gleich flandrischem Sprühregen. Aber auch das herbe Bittere eines britischen Stouts. Und die Säure von Trappisten-Bieren. Das alles gleichzeitig, in der richtigen Intensität zuverlässig bis zum letzten Schluck. Ich kommunizierte dem Kellner meine Begeisterung, der freute sich und suchte mir als nächstes eine Flasche Carolus aus. Vom Charakter ähnlich, aber die einzelnen Geschmäcker waren mir nicht mehr identifizierbar, sondern zu einem einzigen Wohlgeschmack vereinigt. Die 8% Alkohol machten sich nun auch bemerkbar, ich konnte nur noch stammeln, Carolus sei perfekter als das Hausbier. Der bierselige Kellner soufflierte mir dann, sein persönlicher Traum wäre ein Carolus nicht aus der Flasche, sondern vom Faß. Zur Belohnung erzählte er noch von seinem Lieblingsladen, wo es Spezialerzeugnisse der Carolus-Brauerei besonders günstig gäbe. Die genaue Adresse sagte er nicht, er zeigte in irgendeine Richtung. Aber er schrieb mir die Biere auf, die ich unbedingt probieren sollte, Cuvee van de Keizer und St. Bernardus Abt 12. Ich habe eine Aufgabe.

Carolus

Das Ziel der Reise

Dead Man’s Hand Russian Imperial Stout

Dieses Bier verdient allein schon wegen seines rockigen Etiketts einen eigenen Artikel. Auch wenn ich nicht wirklich viel dazu zu sagen habe. Erstens kann ich nicht Pokern. Der Rausch des Spiels um Geld begeisterte mich nie, die wache Erregung empfinde ich ähnlich unangenehm wie minderwertige Amphetamine. Zweitens konnte ich dem tintig schwarzen Getränk beim Verkosten nicht die nötige Aufmerksamkeit widmen. Ich öffnete das kleine Fläschchen bei einem nachbarschaftlichen Gartenfest, wo die Sinne mehr auf heiter gesellige Sozialkompetenz konzentriert sind und weniger auf gustatorische Kontemplation. Dann teilte ich den Trunk auch noch mit meiner Sitznachbarin. Das brachte mich um den halben Geschmackseindruck. Allerdings erhielt ich eine erste Expertise. Die Dame mag eigentlich kein Bier, aber leerte ihre Portion recht zügig. Das zeigt deutlich, Belgier interpretieren Braukunst anders, eher kulinarisch und nicht durstlöschend spritzig. Dafür spricht schon die auf dem Etikett erwähnte Auslagerung im Weinfass. Das Getränk erinnert dann auch eher an einen Rotwein. Es dominiert ein säuerlicher Geschmack, ähnlich einem belgischen Bruin-Bier, aber nicht so wässrig. Die Holzaromen des Weinfasses nahm ich erst im Abgang wahr, durchaus passend und angenehm, die Säure veredelnd. Insgesamt ein tintiges, volles und herzhaftes Mundgefühl. Hätte ich mehr Muße gehabt, hätte ich bestimmt noch ein paar exotische Aromen herausgeschmeckt. So aber bleibt nur, wieder einmal, die für uns exotische Bierkultur des Nachbarlandes zu bestaunen. Bei uns würde so ein Getränk mit vergoldetem, bürgerlich-winzerischem Label beworben werden und ein Nischendasein in überteurten Restaurants fristen. Der rauhbeinige Schädel mit Colts und Spielkarten aber suggeriert mir: In Belgien kann man wohl auch in Motorradkneipen ernsthafte Gespräche über Genußkultur führen. Das ist jetzt nur eine Ahnung, aber bald geht’s auf Dienstreise an die Schelde. Wovon berichtet wird. 

Frohe Ostern und Prost im voraus!

Vorderseite

Einen vernünftigen Artikel kriege ich vor dem Auferstehungsfeste nicht mehr auf die Reihe. Deshalb wünsche ich allen Lesern der Drogenpolitik rauschende Feierlichkeiten mit diesem feierlichen Bierkarton, welcher auf die Verkostung wartet. Ihr dürft Euch auf noch objektivere Biertests freuen, denn neben den vergänglichen 0,75 Litern Bier bescherte mir der Osterhase auch die abgebildeten belgischen Gläser, die mir endlich ein authentisches Geschmackserlebnis ermöglichen.

Bon Secours Blonde

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Belgische Biere bilden einen eigenen Kosmos. In meiner Jugend wurde diese Braukunst geflissentlich ignoriert. „Die tun Kirschen in’s Bier. Und Zucker. Ans Reinheitsgebot halten die sich sowieso nicht.“ Sprach der Deutsche und kippte genüsslich sein Pils. Ich will es so ausdrücken: Die deutsche Biertradition scheint mir, bei allen regionalen Unterschieden, einem gemeinsamen, hopfenbitteren Ideal zu folgen, Ziel ist ein leicht alkoholischer, erfrischender Brotersatz. Sicher, unsere Bierlandschaft reicht vom flachen, dünnen Kölsch bis zu strengem Pils oder malzig-süßem Bock. Es sind aber immer Variationen ein und desselben Themas. Auch osteuropäische und britisch-amerikanische Biere halten sich weitgehend an dieses Geschmacksideal.
Den Belgiern aber bedeutet ihr Nationalgetränk scheinbar etwas völlig anderes. Die dörfliche Brauerei ist dem Belgier, was dem Franzosen oder Süddeutschen das Weingut. Individualität durch Verfolgen noch der abseitigsten Geschmacksnuancen ist erklärtes Selbstverständnis belgischer Braumeister. Und Meister sind es, denn immer fließt ein rundes, fertiges Produkt ins Glas. Beim modernen Craft Beer amerikanischer Tradition sehe ich die jungen Wilden mit kindlicher Begeisterung Hopfensorten und Duftkräuter mischen. Bei belgischen Handwerksmeistern denke ich dagegen an alte Rezepte, viele bemühen nicht von ungefähr ihre klösterliche Historie. Die Produkte machen mich in ihrer Perfektion oft etwas sprachlos, was diese lange, pseudo-sozialwissenschaftliche Einleitung erklärt. Vieleicht hätte der eine Satz gereicht: Jedes der unglaublich vielen verschiedenen belgischen Biere ist eine ganz besondere Erfahrung für sich.
Durch die Verkostung des Bon Secours Blonde – und durch Recherche bei Wikipedia – erfahre ich also zunächst von der Existenz des Städtchens Péruwelz an der französischen Grenze. Das Bier nun riecht beim Öffnen auffällig intensiv nach Sekt oder Cidre. Dieses edle Aroma setzt sich in der Bitterkeit fort. Dazu kommt aber als Basis ein deutlicher Zuckergeschmack. Der ist als Inhaltsstoff auch auf dem Etikett angegeben. Aber erstaunlicherweise ist das Bon Secours auf der Zunge kein bißchen süß. Eher wie verbrannter Karamell, der nur noch bitter schmeckt, während in der Küche noch schwerer Süßigkeitengeruch hängt. Der Geschmack, ich sollte wohl besser sagen: Die Komposition ist mir sehr angenehm. Das Getränk behält seinen Charakter konstant bis zum letzten Schluck, trotz längeren Verweilens im Glas. Das fällt mir besonders positiv auf, weil ich zeitnah ein ähnliches Helles von Chimay probierte, das sehr viel stärker begann, aber beim Trinken kontinuierlich dünner wurde. Das Bon Secours dagegen verträgt Erwärmung gut und scheint nicht wirklich viel Kohlensäure zu verlieren. Die 8 % Alkohol schmecke ich nicht. Eine einzige Flasche reichte über ein geselliges Mittagessen, begleitet selbstbewusst deftigen Entenbraten und bewirkt allmählich die gewünschte Gelöstheit. Schön.
AW

Duvel – weiche Knie im Sitzen

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Schaum wie ein Atompilz, kommt noch besser im originalen, kugelförmigen Glas.

Beeindruckend war mein erstes Duvel. Aus nichtigem Grund wollten wir Nachmittags mal nicht kiffen, sondern in ein nettes Café. Da hatten sie belgische Wochen und es gab Duvel. Nie gehört, trinken wir. Gelb mit bombastischer Blume, schmeckt der erste Schluck bitter wie das ehrlichste Pils. Im zweiten Schluck kommt eine satte, nahrhaft-hefige Fülle dazu, wie ein Weizenbier an einem Sommerabend. Nur ohne Weizengeschmack. Beim gefühlt dritten Schluck ist das Fläschchen leer und ganz schnell ein neues bestellt. Bei der zweiten Flasche werden wir immer fröhlicher. Ich bekomme weiche Knie im Sitzen, ich ahne: beim nächsten Aufstehen sollte ich sehr, sehr vorsichtig sein. Ein Blick auf’s Etikett bestätigt die Ahnung: 8,5 Prozent. Super, Duvel merk ich mir. Wenn’s das gibt, bestell ich eins. Vieleicht zwei. Mehr nicht…

AW

La Trappe Quadrupel Trappist

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Belgische Mönche schufen das moralisch einwandfreie Starkbier. Kategorie „Rausch“ ist hier unangebracht.

Ein belgischer Trappist, 10% Alkohol. Ich trink es gekühlt. Im Glas sieht’s aus wie dunkler, trüber Bernstein. Schmeckt süß, aber nicht so pappig wie Bock-Biere. Der Alkohol bindet die Aromen zwischen Bitterkeit und Schärfe. Dieses Bier ist kein Durstlöscher, muss man langsam trinken. Weil in Belgien kein Wein wächst, machten sie wohl Biere, die Andacht verlangen. Nach der Hälfte tritt die Süße in den Hintergrund. Wirklich hopfen-bitter wird es aber nicht, eher scheint die Zunge taub. Ich bekomme Lust auf frische Pommes Frites. Ein interessantes Gebräu, nicht unangenehm. Trotzdem würde ich nicht losrennen und es noch mal kaufen. Bin nach ner Stunde Nuckelei schließlich nicht mal angeheitert.
AW