Das beste Bier der Welt – St. Bernardus Abt 12

Bei meinem belgischen Erweckungserlebnis wurde mir St. Bernardus Abt 12 Empfohlen. Ich merkte mir das, aber rechnete nicht wirklich damit, bald eins zu bekommen. Ein günstiger Zufall jedoch führte mich ins total durchgentrifizierte, aber immer noch rotzedreckige Grenzgebiet von Mitte und Prenzlauerberg. Dank Gentrifizierung macht da an jeder Ecke ein Dealer auf, um die Billigpilssäufer vom Späti zu vergraulen. Da finde ich unverhofft St. Bernardus Abt 12 in der 0.7 l-Champagner-Flasche. Schön und gut. Aber so eine Menge Stoff mit 10% Alkohol kann ich alleine schwer bewältigen. Ich bin froh, wenn ich hier, mit einer Nicht-Konsumentin in partnerschaftsähnlichem Eheverhältnis lebend, Drogenpolitik betreiben darf. Da will ich eigentlich nicht völlig betrunken durch die Wohnung torkeln. Auch wenn Leser anderes von mir erwarten, bin ich nur noch bedingt trinkfest. Aber ich wollte auch nicht auf Besuch warten, mit dem man belgische Brauspezialitäten verkosten kann. Deshalb schuf ich mir die Gelegenheit kurzerhand selbst.
Ich schloss mich zunächst in der Küche ein, mit ’nem großen Stück Rindfleisch, Kartoffeln und Tierfett und machte Steak mit Pommes. Steak kommt gut an bei uns. Und beim Kochen braucht es natürlich ein Glas Bier.

Das schmeckt vom ersten Schluck an fantastisch. Könnte das beste Dunkelbier der Welt sein. Die Zungenspitze fragt zaghaft: Ist das nicht bißchen süß? Aber der restliche Mund, nein, der ganze Körper jubiliert. Ein volles Getränk, so perfekt komponiert, dass einzelne Geschmacksnoten nur schwer herausstechen. Gleichzeitig sauer, und herb. Dabei weich, rund und bitter wie Kakao. Über allem dieser typische Duft von belgischer Hefe, nicht aufdringlich, sondern fein, ein zarter Sopran vor gutturalem Männerchor. Mit derselben sanften Harmonie breitet sich der Alkohol im Körper aus. Bewußt nehme ich wahr, wie sich die differenzierenden Geschmacksnerven verabschieden. Übrig bleiben nur Heiterkeit und Wohlgeschmack. Ein guter Schluck wandert zur Abrundung in die Soße, was mir kritische Bemerkungen wegen der Bitterkeit einbringt. Für mich schmeckte zu diesem Zeitpunkt alles nur noch gut. Das Steak wurde trotzdem restlos vertilgt, so schlimm bitter kann’s nicht gewesen sein.

Beim zweiten, unter voller Alkoholwirkung genossenen Glas konnte ich die Braukunst nicht mehr würdigen. Gleichwohl stellten sich erstaunliche Geschmackshalluzinationen ein. Mal glaubte ich, ein fruchtiges Weizen zu trinken. Der nächste schluck schmeckte prickelnd erfrischend wie Pils, nur ohne den wässrigen Abgang.

Am nächsten Tag blieb ein hefig-aufgeschwemmter Bierkater. Aber mit so einer positiven Erinnerung, daß ich sogleich zu einem Dealer ging, um Nachschub zu besorgen. Im Verkaufsgespräch bestätigte der Rauschmittelfachverkäufer, Abt 12 sei wirklich das beste Bier der Welt, mit 100 Punkten als perfektes Bier gelistet. Ich frag mich zwar, wer das listet, die Biertrinkergewerkschaft? Die einzig wahren, aussagekräftigen Biertests gibt es doch nur in Blogs. Als Blogger sage ich nun aber: Das ist wirklich eines der besten Biere der Welt.

In der drogenpolitischen Bewertung muss ich kleine Abstriche hinsichtlich des Suchtpotentials machen. Hätte ich ein großes Faß davon, würde ich ab jetzt jeden Tag mit einem Abt 12 beginnen. Aber es kommt in Flaschen. Und da reift es nach. Immer, wenn man am Kühlschrank vorbeikommt und zugreifen will, mahnt das Genießer-Gewissen: Mit jedem Tag, den Du wartest, wird es leckerer! Und so eine eingebaute Mäßigungsfalle ist für eine ordentliche Rauschdroge nun wirklich unpassend.

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Weiterer Minuspunkt ist die irreführende Werbung auf dem Etikett: Beim Anblick eines katholischen Geistlichen aus Belgien, debil grinsend mit Rauschtrank in der Hand, denkt man an pappsüße Plörre, die Minderjährige willenlos macht. Abt 12 ist aber ein total erwachsenes, richtig bitteres Bier, nur für Leute, die echtes Bier mögen.