Berliner Weinmesse 2019

Im Briefkasten lagen mal wieder Freikarten für die Weinmesse und diesmal hatten wir sogar Zeit, da auch hin zugehen. Bei so einem Event ist sorgfältige Vorbereitung geboten. Der disziplinierte Kiffer erscheint natürlich nüchtern zu einer Weinprobe, damit alle Sinne klar und scharf sind und man die wertvollen Produkte auch entsprechend würdigen kann. Gut, vielleicht darf man sich ein ganz kleines Körnchen Haschisch am Vormittag gönnen. Wenn der Weinprobenkumpan dann allerdings erst am späten Nachmittag erscheinen kann, muss unmittelbar vor der Bahnfahrt noch einer durchgezogen werden. Es ist schließlich total unverantwortlich, sich dem Berliner Nahverkehr völlig unbekifft auszusetzen. Und wenn man eh mal wieder seit ein paar Wochen täglich gekifft hat, wird einer mehr oder weniger die Geschmacksnerven jetzt auch nicht mehr großartig denormalisieren.

Bis auf kleine, hobbyfotografische Verzögerungen verlief der Hinweg schon einmal Reibungslos. Bei dem schönen Frühlingssamstag, den wir dank diverser globaler Umstände jetzt schon Mitte Februar genießen dürfen, fiel uns dann auf dem Hinweg das scharfe, nordische Licht auf, welches wiederum das Hauptgebäude des Messegeländes am Funkturm in seiner ganzen Gigantomanie schön kontrastreich in den Nachmittagshimmel zeichnete – die Kunstgeschichte kennt wohl einen Ausdruck für die Architektur des Faschismus, aber mir fällt er grad nicht ein. Eckig und groß halt – Neo-Klassizismus? Egal es lohnt sich nicht, das jetzt nachzulesen, könnt ihr ja selber googlen, wenn’s Euch interessiert. Hier soll ja eigentlich was von Wein geschrieben werden.

Ensemble der Flaschen

An diesem Stand probierten wir gar nichts, aber das hübsche Ensemble der Flaschen vermittelt einen schönen Eindruck der Veranstaltung.

Zu simpel für Fachsimpeleien

Und spätestens jetzt, nach dieser völlig unalkoholischen Einleitung merkt ihr, dass wir bei der drogenpolitik von Wein eigentlich mal so richtig gar keine Ahnung haben. Wir wollen uns nur gepflegt einen auf die Lampe gießen und bei Wein darf man sich dabei ja bekanntlich auch noch kultiviert fühlen.

Also rein ins Getümmel. Als erstes besorgt man sich am Eingang gegen Fünf Euro Pfand ein Glas, dann geht es auch schon los. Jetzt kann man damit einfach zu einem Stand gehen und sich ein Schlückchen einschenken lassen. Mitunter wird man allerdings vorher mit unangenehmen Fragen belästigt, die zum Inhalt haben, welchen Wein man denn nun probieren wolle. Was wiederum für anglophile Protestanten, die sich nicht so richtig mit Wein auskennen, schwierig sein kann. Aber solange man sich nicht schämt, nördlich des Mains aufgewachsen zu sein, kommt man da mit einem frechen „Weiß/Rot“ oder „überraschen Sie mich!“ ganz gut zu seiner Kostprobe. Passend zum Aufwärmen befand sich direkt hinter dem Glasverleih ein Stand mit Winzersekt. Die Frage „süß, trocken oder mittel“ konnten wir auch souverän beantworten. Trocken war dann leider etwas zu trocken, aber es ging ja hier nur um einen kleinen Weckruf für Kreislauf und Geschmacksnerven. Hätten wir uns besser ausgekannt, hätten wir schon hier Sachkenntnis beweisen können, in dem wir schnell den winzigen Rest des Probierschlückchens in das bereitgestellte Gefäß gegossen und nach dem nicht ganz so trockenen gefragt hätten. Aber wir zogen weiter und stellten unsere Unkenntnis beim nächsten Stand direkt wieder unter Beweis, in dem wir als erstes mit einem massiv schweren, spanischen Rotwein starteten. Danach schmeckten die meisten Weißweine dann eher wie aromatisiertes Wasser.

Der Philosoph vom Dreimäderlhaus

Dieser Philosoph überraschte nicht nur mit Leichtigkeit, sondern auch einem ganz ausgeprägten Geschmack von Aprikosen oder Holunderblüten oder etwas ähnlichem. Das Redaktionsteam war geteilter Meinung, aber kann man wirklich Tiefgang von einem Philosophen erwarten, der grade aus einem 3mäderlhaus kommt?

Durchaus lernfähig

Nach ein paar Versuchen, die tatsächlich zu Geschmackserlebnissen führten, welche Weinkenner als elegant oder fein, aber komplex beschreiben würden, verlegten wir uns dann doch auf Rot. Und konnten so tatsächlich unser Weinwissen erweitern. Bei Rotweinen deutscher Winzer kann man nämlich sehr schön die Handwerkskunst bewundern. Es lohnt sich zum Beispiel, die selbe Traube nach unterschiedlichem Ausbau zu verkosten. In jedem Fall müssen die Produzenten aus nördlicheren Regionen viel Mühe in ihre Produkte stecken. Bei den Sonnenländern wie Spanien, Frankreich oder Chile muss der Winzer wenig tun oder den Wein gar zähmen. Da nämlich haut einem meist schon beim Geruch der Sommer um die Ohren. Hier beeindrucken schwere Körper und sehr viel Aroma, vor allem bei chilenischen Gewächsen kann man eigentlich nichts falsch machen. Zu diskutieren bliebe da meist nur, wie stark das zum Wein passende Rinderfilet dann gepfeffert sein darf. Die Antwort würde lauten, bei Chilenen wäre das egal, bei Spaniern mittel und bei Franzosen eher dezent. Aber das ist bei jeder Traube und jeder Zunge höchst individuell und soll hier keinesfalls als letztgültiges Urteil ausgelegt werden.

Im Eiskübel

Ob wir an diesem Stand etwas verkosteten, wissen wir nicht mehr. Auf jeden Fall probierten wir nichts aus dem fotogenen Eiskübel, denn zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns schon mitten in unserer Rotweinphase.

Am Ende führt Alkohol zum Erfolg

Bei einem chilenischen Händler wurden wir dann auch fündig bei unserer immerwährenden Suche nach richtigen Drogen. Hier erstanden wir für günstiges Geld einen Pisco, welchem wir aber demnächst noch einen eigenen Artikel widmen werden. Dieser spirituöse Erfolg wurde dann kurz vor Ladenschluss noch mit einem kostenpflichtigen Gin Tonic besiegelt.

Gin Tonic

Der Gin von Brockman schmeckt so dermaßen überhaupt nicht nach Wacholder, dass der Gin Tonic daraus überaus passend mit einer Blaubeere und einer Pampelmusenzeste serviert wurde.

Denn was helfen einem 12 % Alkohol, wenn man nach gut drei Stunden Weinprobe tatsächlich nicht mal angeheitert die Messehalle verlässt? Zugegeben, so eine nüchterne Weinprobe kann schon Spaß machen. Und es ist ein wirklich schönes und empfehlenswertes Hobby für Leute, die sich für Drogen interessieren, aber keine Zeit mehr für einen anständigen Rausch haben. Wir aber werden uns, allein schon aus Platzgründen, jetzt aber keine Weinsammlung zulegen, sondern bis zur nächsten Weinmesseneinladung wie gehabt bei unseren recht seltenen Traubenbedürfnissen einfach zum Weinhändler um die Ecke gehen, wo wir nach Nennung von Anlass und Preisvorstellung zuverlässig etwas feines empfohlen bekommen.

Funkturm

Nüchtern, aber keineswegs ernüchtert verließen wir die Messe. Zumindest aber der Funkturm hatte alle Lichter an.

Betrunken stirbt es sich schöner – Trink- und Leseempfehlung im Dezember

Der Dealer hat endlich vernünftigen Stoff! Ein klarer Brand aus Trauben, den man angenehm auch pur trinken kann. Lange schon suche ich danach.

Gut, die Suche war nicht wirklich intensiv. Wenn ich wirklich Suchtdruck gehabt hätte, hätte ich mich in naheliegenden Stadtvierteln intensiver umsehen können. Aber als Berlin-Zuwanderer bin ich ein dörflicher Charakter und möchte mich nicht gern ohne triftigen Grund aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft entfernen.

Auf einmal aber steht da eine Flasche dieser göttlichen Essenz auf dem Regal. Und der Dealer weiß offenbar selber gar nicht so genau, was er da stehen hat. Wenn man nach Traubenbrand fragt, greifen er und seine Angestellten nämlich stets routiniert zu Grappa oder Hefe. Das aber sind keine Traubenbrände, denn sie wurden nicht aus dem reinen, vergorenen Saft destilliert, sondern aus Trester oder Hefetrub, nicht wirklich Abfall, aber doch Nebenprodukte der Weinherstellung. Und der Dealer ist eben ein Weinhändler, die Hauptgeschäftszeit ist nach acht Uhr abends mit nachbarschaftlicher Verkostung. In solcher Runde wird Schnaps eben für gefährlich gehalten und steht eigentlich nur als Deko über den Weinkisten

Sicher, es gibt ganz hervorragenden Grappa, vor allem seit Italiener in den 1990er mit hohen Preisen diese Spirituose für das distinguierte Bürgertum attraktiv machten. Es bleibt aber oft eine Schärfe, die Überwindung kostet oder durch umständlich lange Faßlagerung abgebaut werden muss. Den Traubenbrand dagegen kann man auch Nicht-Schnapstrinkern vorsetzen und hört dann nur: Oh, wie lecker.

Warum aber versteht keiner den Unterschied?

Einmal wird nicht mehr genug Schnaps getrunken. Zum anderen aber hat offensichtlich niemand „Tod in den Anden“ gelesen. Und diejenigen, welche es getan haben, glauben, es ginge um Morde oder Gesellschaftskritik und die üblichen Deutschlehrerprobleme.

Der Inhalt sei kurz zusammengefasst:

Die Geschichte Spielt im Nirgendwo und es passiert in erster Linie gar nichts. Die nicht passierende Handlung spielt in Peru in einer Polizeistation bei einer Wanderbaustelle im Hochgebirge. Die Arbeit auf der Baustelle ist hart und lebensgefährlich, das macht aber nichts, denn es gibt eine Kantine, wo sich jeder jede freie Minute bis Unterkante Oberkante mit Pisco zuschüttet, dem chilenischen Traubenbrand. Das reicht jetzt natürlich nicht für einen Roman, zudem es in diesem Außenposten der Zivilisation praktisch keine Frauen gibt. Aber zum Glück lauert ja, wie stets im Leben, der Tod in jedem Winkel. Nach Regenfällen krachen Steinlawinen die Abhänge hinunter und in der Einöde treiben Terroristen vom maoistischen „Leuchtenden Pfad“ ihr Unwesen und bringen, in Ermangelung echter Klassenfeinde auch alle anderen Andersdenkenden um. Die Terroristen nun tauchen gar nicht auf, machen aber trotzdem allen Angst.

Tatsächlich und konkret sind drei Arbeiter von der Baustelle verschwunden und der eigens aus der Stadt versetzte Polizeioffizier Lituma soll die Fälle aufklären. Dazu findet er sich oft in der Kantine ein und trinkt Pisco, serviert von den Wirtsleuten, dem ambitionierten Ehepaar, Dionisio und Adriana. Praktischerweise avancieren die Schankleute schnell zu Litumas Hauptverdächtigen.

Der Fall bleibt ungelöst

Für die objektive Beweissicherung eher unpraktisch ist allerdings der Umstand, dass es sich um Personifikationen antiker Gottheiten handelt, nämlich den Weingott Dionysos und Ariadne, die Frau mit dem roten Faden. Während der promillelastigen Ermittlungen ergibt sich, dass die Wirtsleute wahrscheinlich in der Kantine Bacchanale veranstaltet haben, bei welchen die versammelte Arbeiterschaft die Verschwundenen als Menschenopfer verspeiste. Der Mensch Dionisio jedenfalls ist überzeugter Anhänger eines alten Indio-Glaubens, demzufolge rachsüchtige Berggeister ständig die Menschen bedrohen und daher besänftigt werden müssen, Menschenopfer beim Straßenbau gehören zur liturgischen Routine. Der Wirt und seine Frau sind nicht nur Priester dieses Kultes, sie sind die personifizierten Götter, archaisch und unbarmherzig, die ganz alte Schule. Die Gnade, mit der Abrahams jähzorniger Gott einst auf das väterliche Menschenopfer verzichtete, ist diesen altvorderen Torheit und Ärgernis, die sie nicht weiter kümmert. Natürlich kommt der Fall zu keinem Abschluss, Humbug und Aberglauben sind schließlich nicht justiziabel.

Der Roman handelt vom langsamen Vordringen der Zivilisation in die Lebensvernichtende Wildnis. Mühselig wird eine Straße in und aus dem Berghang gehauen. Und immer wieder machen Bergstürze die Arbeit zunichte. Dionisios leistet dabei natürlich auch seinen Beitrag zur fotschreitenden Zivilisierung. Er hat von der Küste den echten Pisco gebracht, damit die Arbeiter nicht mehr Fusel aus Trester oder Rum saufen müssen. Der Brand aus dem echten Wein nämlich hat ganz besondere Qualitäten. Die zeigen sich bei erfolgreicher Geisterbeschwörung und außerdem macht guter Brand keinen Kater.

Mario Vargas Llosa ist, als einer der großen südamerikanischen Schriftsteller, Pflichtlektüre für Bildungsbürger. Für oder gegen ihn, je nach Präferenz, spricht sein Bekenntnis zum Neoliberalismus, das macht Vargas Llosa in der sonst eher sozialistisch eingestellten Schriftstellerlandschaft Lateinamerikas zu einer besonderen Persönlichkeit. Als Gegenkandidat von Fujimori hat er sich sogar mit der Berwerbung auf das Höchste Staatsamt Perus politisch eindeutig betätigt. Das behinderte aber nicht seinen Nobelpreis für Literatur.

Fürs Leben lernen mit Literatur

Ungeachtet aller politischen Präferenzen können wir aus dem Buch wichtige Schlüsse ziehen: Schnaps ist das Mittel der Wahl für alle, die mal die Zivilisation hinter sich lassen wollen oder müssen. Als Rohstoff wäre Getreide, zumal ukrainisches, für uns Deutsche dabei aber nicht unbedingt die erste Empfehlung. Es könnte bei der Beschwörung vorzivilisatorischer Geister zu unguten, kulturellen Synergieeffekten kommen. Viel lieber sollten wir uns auf die Verbindungen zur uralten Zivilisation des römischen Reiches und deren staatstragenden Traubensaft besinnen. Schließlich hat sich ja auch unser Erlöser, der sich endgültig zwischen uns und den potentiell Menschenfressenden Rachegott stellte, als Erlöser zu erkennen gegeben, in dem er in der Stunde des Mangels hochwertigen Wein produzierte.

In diesem Sinne wünscht die drogenpolitik allen Lesern betrunkene Weihnachten

Traubenbrand