Arabier – eine edler Vogel aus Flandern

ara-im-glasDas Ara Bier bekam ich von Tom, ich berichtete schon, daß die Drogenpolitik einmal mit proBierchen richtiges Bier austauschte. Das Realweltpäckchen enthielt auch diese höchst interessante, belgische Spezialität. Da seit dem auch schon wieder einige Monate ins Land gegangen sind und die Biere immer noch ungeöffnet in meinem Schrank herumstanden, bekam ich langsam ein schlechtes Gewissen. Also öffnete ich eines schönen Abends dann die Flasche mit dem Papagei. Beim Eingießen bildete sich, höchst auffällig, eine enorme Menge Schaum, der einem aber nicht schon aus der Flasche entgegensprudelt, wie das bei manchen belgischen Bieren der Fall ist, sondern als sauberer Zylinder erst im Glas wächst. Die Schaumbildung weist auf starke Aktivität in der Flasche hin und schon bekam ich wieder ein schlechtes Gewissen: Hätte ich die Flasche nicht lieber noch länger nachgären lassen sollen? Es hätte laut Etikett noch mindestens bis Mai liegen können, denn bei den Belgiern ist das MHD mitunter ja eher der Zeitpunkt, ab welchem eine vernünftige Nachreifung beginnt. Aber letztlich sind die Biere ja zum Trinken da. Ich vermute hinter dem Schaumeffekt das refermentierte Bier, das auf dem Etikett als Inhaltstoff ausgewiesen ist. Nach dem sich im Glas die trinkbare Flüssigkeit nun konsolidiert hatte, wollte ich schon wissen, wie es schmeckt. Denn riechen tat es kaum. Beim ersten Schluck breitet sich ein durchaus voller Körper aus, beim zweiten Schluck kommt etwas schärflicher Alkohol durch. Dann herrscht nur noch Bitterkeit, wie von einem sehr trockenen Sekt. Der bunte Vogel auf dem Etikett täuscht, denn er ließ schon an exotische Früchte denken. Das Bier aber ist durchgehend pulvrig herb, wie ein indisches Curry mit viel Kurkuma, aber ohne alle blumigen Aromen. Im flämischen Wikipedia-Artikel steht, die Bitterkeit kommt von der Trockenhopfung. Wenn ich die verwandte, germanische Sprache richtig entziffere, hätte ich mir um die Lagerung keine Sorgen machen müssen, da Arabier nicht nachreift. Auch die Geschichte des Papageienvogels scheint da kurz erklärt, die erschließt sich mir aber mangels Flämischkenntnissen nun aber nicht.

Wenn das Getränk im Glas ein wenig wärmer wird, zeigt sich ein wohlgeformter Körper in einem eleganten, spröden Gewand ohne alle Schnörkel. Ein staubtrockenes, helles Bier, ich vermute, für den herben Geschmack ist auch die Gerste als einziges Getreide verantwortlich, das nicht, wie bei einem Tripel, von Weizen abgerundet wurde. Den beigefügten Zucker setzten wohl die emsigen Hefen komplett um, die mussten ja schließlich die 8 % Alkohol produzieren. Aber anders als manch süffige, dunkle Starkbiere, die zum Schnelltrinken verführen, ist der Ara nicht so ein euphorisches Rauschmittel, sondern eher ein edler, belgischer  Getreidewein, von dem auch nur ein kleines Fläschchen als genußvolle Begleitung für ein deftiges Essen reichen kann.

Vagabund Brauerei und Schankraum

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Ob es nun der oder das Wedding heißt, interessiert so richtig eigentlich niemanden. Und genau wegen dieser Form von Desinteresse fliegt dieser Bezirk der nördlichen Berliner Innenstadt seit Jahren unter dem Radar von Glamour und Gentrification. Es wohnen im Wedding wahrscheinlich einfach zu viele Leute, die wirklich arbeiten. Ein Szenebezirk entsteht ja erst ab einer gewissen kritischen Masse von kulturell aktiven Nichtstuern. Aber grade im gewaltigen Betonmeer grauer Normalität mit ihren bezahlbaren Mieten existieren zahlreiche, äußerlich unscheinbare Partyinseln aus Studentenwohnheimen, Galerien, kleinen Klubs und der vielen Nachbarschaftskneipen. Immerhin hat eine einzelne Berliner Straße mehr Einwohner als manches Dorf. Und jede Nachbarschaft ernährt genau die Kneipen, welche sie verdient.
Eine sehr angenehme Lokalität im Wedding nun ist die Vagabund Brauerei nahe der U-Bahnstation Seestraße. Darauf wies mich freundlicherweise der Blogger eimaeckel hin, dem ich mit diesem Link hoffentlich gebührend dafür danke. Der Schankraum in der Antwerpener Straße befindet sich ebenerdig in einem Ladengeschäft. Ein Durchbruch erlaubt den Blick auf die kleine Brauanlage im Hinterzimmer. Das Einrichtungskonzept würde ich als pragmatisch zusammengestückelt bezeichnen. Halt Wedding, also nicht so plüschig abgeranzt wie Friedrichshain aber lange nicht so hochglänzend durchgestylt wie im nahen Mitte. Kurz, es ist äußerst gemütlich. Beim Eintreten fühlt man sich wie in einer analog-materialisierten Filterblase voller Gesinnungsgenossen. Hier sind hauptberufliche Bart- und Zopfträger unter sich. Ein modisch ergrauter Jugendlicher baut am Laptop gewissenhaft eine Präsentation und schaut dabei mit einem Auge die Simpsons oder eine Video, wo sich Menschen mit einem riesigen Porzellanpenis prügeln. Aber entgegen aller Vorurteile schauen die meisten Gäste gar nicht auf einen Bildschirm, sondern einander richtig in die Augen, während sie multilingual progressive Ideen austauschen. Und nach dem zweiten Bier fühlt es sich wirklich so an, als sei die Welt ein einziges aufgeklärtes Künstlerviertel und der graue Arbeiterbezirk draußen existiere gar nicht. Denn das Bier ist gut und stark. Vier Sorten selbstgebrautes Faßbier von unterschiedlichem Charakter fließen aus den Hähnen. Wir fanden das IPA am besten. Es weckt den Geist mit fast schon stechend scharfen Kräuteraromen, hat dabei eine fruchtige Vollmundigkeit, die mit süß nur sehr unzureichend beschrieben ist. Ein rundum gelungenes Gebräu. Das Pale Ale wirkt dagegen ein wenig wie der schwächere kleine Bruder. Vom äußerst beliebten Pumpkin Ale nahmen wir eine Kostprobe. Ein gewiß gutes Brauerzeugnis, schmeckt ein wenig wie eine gelungene Kreuzung von hausgemachtem Glühwein mit süffigem Bier. Aber für unseren Geschmack doch zu weich und süß. Das Haferbier probierten wir nicht mehr. Zu sehr genossen wir das schöne, amerikanisch-berlinerische IPA: Denn im Gegensatz zu belgischen Delikatessen oder schwerem Bock ist dies mit 7-Komma-nochwas Prozent ein durchaus ernstzunehmendes Starkbier, dabei aber so frisch und spritzig, daß man den Ernst schnell vergisst und gern ein oder zwei mehr als nötig zu sich nimmt.

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Wie hier abgebildet, gingen für jedes helle Ale immer gut zwei dunkle Kürbisbiere über den Tresen. Das helle fand ich trotzdem leckerer, man muß nicht immer mit dem Bierstrom schwimmen. Es mußten ja uch nicht alle Gäste Zopf und Vollbart tragen.

Ein neuer Bierblog und drei drogenpolitisch uninteressante Biere

Als erstes möchte ich auf einen wirklich schönen Bierblog aufmerksam machen. Neulich fand ich ihn als Neuzugang in der Liste meiner Follower: thecrownjewelsblog. Der kommt sehr puristisch und formal daher. Für jedes Bier gibt es nur ein Bild des Kronenkorkens und ein paar Informationen in tabellarischer Strenge. In dem knappen Kommentar jedoch entfaltet sich mit viel Witz das Reisetagebuch eines nebenberuflichen Bierverkosters. Diese erfrischende Perspektive nahm ich zum Anlaß, ein paar Gedanken über meine eigenen Bierteskriterien niederzuschreiben.

Ich trinke zum Vergnügen, für das echte Rauschtrinken fehlen mir Jugend, Zeit und Kondition. Trotzdem werden alkoholische Getänke in erster Linie wegen ihrer Wirkung konsumiert. Deshalb hat ein drogenpolitisch hochwertiges Bier in der Regel einen erhöhten Alkoholgehalt. Da hab ich leicht einen im Tee auch wenn ich nur ein Bier vertrage. Weiterhin erwarte ich einen interessanten, charakteristischen Geschmack, der in Erinnerung bleibt. Dieser Geschmack darf ruhig wuchtig und aufdringlich daherkommen. Ich glaube, Fachleute sprechen da von „Körper“. Ich meine damit das Gegenteil von wässrig und dünn. Wenn ich das will, gehe ich in die nette Kneipe um die Ecke wo ich zum Preis eines Craft-Biers zwei Kölsch und ne Pommes kriege. Das mag ich auch, aber man braucht nichts drüber schreiben.

joe-flascheDiese Wässrigkeit nun ist für mich das Problem bei Onkel Joe Breakfast Stout. Ein durchaus interessantes Gebräu mit Konzept und Charakter, von einer Brauerei mit toller Website und interessanter Geschichte. Das Etikett erzählt, daß man die enthaltenen Kakao- und Kaffeebohnen schmecken soll und mit 6,2 % Alkohol ist es auch drogenpolitisch im interessanten Bereich. Allein, der Abgang ist dünn und wässrig und es bleibt nichts zurück. Vielleicht tatsächlich eher ein Frühstücksbier. Aber da hätte ich ja schon mein bewährtes Kölsch.

Alsdann stehen auf der Liste noch zwei durchaus erwähnenswerte Produkte von Fuller’s. Mit normalem Alkoholgehalt fanden die nur wegen des reduzierten Preises den Weg in die Redaktion. Sie starten also mit Handicap, aber verdienen doch eine Erwähnung.

fullers-aleFuller’s ESB Ale
Das Extra Special Bitter Champion Ale ist sehr britisch. Rot wie Prinz Harry und praktisch ohne Kohlensäure schmeckt es erst doch etwas muffig und schal. Aber schon bei Asterix lernten wir ja, die Briten mögen ihre Cervisia lauwarm. Und wenn das preisgekrönte Ale dann ein wenig bei Zimmertemperatur gestanden hat, kommt der würzige Hopfen zur Geltung. Dann wird es rund und durchaus trinkbar. Aber insgesamt eher zahm und unspektakulär.

Fuller’s Black Cab Stout
Diese zurückhaltende Milde zeigt auch das Stout des schwarzen Taxis. Das bekommt ihm aber erstaunlich gut. Es ist seidig und nicht so scharf und kantig wie etwa ein Guinness. Aber alle Aromen eines schönen Stout-Biers sind da, Kaffee und Schokolade, auch dieses typische Pumpernickel, was einen so schön satt macht. Wie wenn der Brite im mondänen Großstadtpub in einem Bildband über die wilde Atlantikküste blättert, bevor er sich wieder den Immobilienpreisen zuwendet. Und dann im butterweich gefederten, schwarzen Taxi zur nächsten Kneipe kutschiert wird.black-cab

Das beste Bier der Welt – St. Bernardus Abt 12

Bei meinem belgischen Erweckungserlebnis wurde mir St. Bernardus Abt 12 Empfohlen. Ich merkte mir das, aber rechnete nicht wirklich damit, bald eins zu bekommen. Ein günstiger Zufall jedoch führte mich ins total durchgentrifizierte, aber immer noch rotzedreckige Grenzgebiet von Mitte und Prenzlauerberg. Dank Gentrifizierung macht da an jeder Ecke ein Dealer auf, um die Billigpilssäufer vom Späti zu vergraulen. Da finde ich unverhofft St. Bernardus Abt 12 in der 0.7 l-Champagner-Flasche. Schön und gut. Aber so eine Menge Stoff mit 10% Alkohol kann ich alleine schwer bewältigen. Ich bin froh, wenn ich hier, mit einer Nicht-Konsumentin in partnerschaftsähnlichem Eheverhältnis lebend, Drogenpolitik betreiben darf. Da will ich eigentlich nicht völlig betrunken durch die Wohnung torkeln. Auch wenn Leser anderes von mir erwarten, bin ich nur noch bedingt trinkfest. Aber ich wollte auch nicht auf Besuch warten, mit dem man belgische Brauspezialitäten verkosten kann. Deshalb schuf ich mir die Gelegenheit kurzerhand selbst.
Ich schloss mich zunächst in der Küche ein, mit ’nem großen Stück Rindfleisch, Kartoffeln und Tierfett und machte Steak mit Pommes. Steak kommt gut an bei uns. Und beim Kochen braucht es natürlich ein Glas Bier.

Das schmeckt vom ersten Schluck an fantastisch. Könnte das beste Dunkelbier der Welt sein. Die Zungenspitze fragt zaghaft: Ist das nicht bißchen süß? Aber der restliche Mund, nein, der ganze Körper jubiliert. Ein volles Getränk, so perfekt komponiert, dass einzelne Geschmacksnoten nur schwer herausstechen. Gleichzeitig sauer, und herb. Dabei weich, rund und bitter wie Kakao. Über allem dieser typische Duft von belgischer Hefe, nicht aufdringlich, sondern fein, ein zarter Sopran vor gutturalem Männerchor. Mit derselben sanften Harmonie breitet sich der Alkohol im Körper aus. Bewußt nehme ich wahr, wie sich die differenzierenden Geschmacksnerven verabschieden. Übrig bleiben nur Heiterkeit und Wohlgeschmack. Ein guter Schluck wandert zur Abrundung in die Soße, was mir kritische Bemerkungen wegen der Bitterkeit einbringt. Für mich schmeckte zu diesem Zeitpunkt alles nur noch gut. Das Steak wurde trotzdem restlos vertilgt, so schlimm bitter kann’s nicht gewesen sein.

Beim zweiten, unter voller Alkoholwirkung genossenen Glas konnte ich die Braukunst nicht mehr würdigen. Gleichwohl stellten sich erstaunliche Geschmackshalluzinationen ein. Mal glaubte ich, ein fruchtiges Weizen zu trinken. Der nächste schluck schmeckte prickelnd erfrischend wie Pils, nur ohne den wässrigen Abgang.

Am nächsten Tag blieb ein hefig-aufgeschwemmter Bierkater. Aber mit so einer positiven Erinnerung, daß ich sogleich zu einem Dealer ging, um Nachschub zu besorgen. Im Verkaufsgespräch bestätigte der Rauschmittelfachverkäufer, Abt 12 sei wirklich das beste Bier der Welt, mit 100 Punkten als perfektes Bier gelistet. Ich frag mich zwar, wer das listet, die Biertrinkergewerkschaft? Die einzig wahren, aussagekräftigen Biertests gibt es doch nur in Blogs. Als Blogger sage ich nun aber: Das ist wirklich eines der besten Biere der Welt.

In der drogenpolitischen Bewertung muss ich kleine Abstriche hinsichtlich des Suchtpotentials machen. Hätte ich ein großes Faß davon, würde ich ab jetzt jeden Tag mit einem Abt 12 beginnen. Aber es kommt in Flaschen. Und da reift es nach. Immer, wenn man am Kühlschrank vorbeikommt und zugreifen will, mahnt das Genießer-Gewissen: Mit jedem Tag, den Du wartest, wird es leckerer! Und so eine eingebaute Mäßigungsfalle ist für eine ordentliche Rauschdroge nun wirklich unpassend.

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Weiterer Minuspunkt ist die irreführende Werbung auf dem Etikett: Beim Anblick eines katholischen Geistlichen aus Belgien, debil grinsend mit Rauschtrank in der Hand, denkt man an pappsüße Plörre, die Minderjährige willenlos macht. Abt 12 ist aber ein total erwachsenes, richtig bitteres Bier, nur für Leute, die echtes Bier mögen.

Fire Rock Pale Ale und Castaway IPA von Kona: Bierbesprechung mit Termindruck und Links zu Mitbloggern

Sehr gerne lese ich hier auf WordPress von schlimmerdurst, der geschickt und unterhaltsam Alkoholhaltige Getränke rezensiert und dazu immer ein passendes Cocktailrezept ausprobiert. Heute Morgen besprach er das Island Lager der amerikanischen Brauerei Kona. Und kündigte zu meinem Erschrecken an, das Fire Rock Pale Ale der selben Marke demnächst verkosten zu wollen. Da muß ich schneller sein und direkt meinen Artikel in die Tasten hacken, denn genau dieses Bier habe ich erst neulich genossen. Es hat mir extrem gut gefallen und wenn ich jetzt mit meinem Artikel schneller bin, kann vielleicht zu seiner Inspiration für ein Cocktailrezept beitragen.

Die Produkte der Kona Brewing Company fallen durch ihre bunten, blumig gestalteten Etiketten mit Hawaii-Motiven auf. Die waren es wohl leid, daß es auf Hawaii kein Bier gab und beschlossen einfach, selber welches zu brauen. Und die bunten Bildchen wiederum ziehen Kundschaft, nämlich mich. Neulich an einem heißen Tag ging ich nämlich zufällig beim Dealer vorbei. Eigentlich wollte ich das Fiege Sommerbier, von dem ich auf Pro-Bierchen las, wo Tom erstaunliche nüchterne Biertests zusammenstellt, katalogartig mit kurzem Test und technischen Daten. Den Fiege Sommerhopfen hatte der Dealer aber nicht. Nur die kräftigen, bunten Hawaiianer direkt auf der Theke. Da nahm ich das Pale Ale und das IPA mit. Ich trank sie an zwei Abenden hintereinander, erst das Fire Rock Pale Ale, dann das Cast Away IPA. Das erstere, Fire Rock Pale Ale hat mir wesentlich besser gefallen. Es schmeckt übertrieben nach allem, was ein leckeres Ale ausmacht. Wie wenn Walt Disney einen schreiend bunten Cartoon über einen Pubbesuch im Englandurlaub macht, mit opulenter Einrichtung, unrealistisch hübscher Bedienung und einer Versammlung von Klischees als Gästen. Das Kräuteraroma des Hopfens ist frisch und fruchtig. Die Bitterkeit rauh wie das Wetter auf der Isle of Wight, alles ruht auf einem kräftigen Malzzucker, so schmeichelnd süß, wie die satte orangene Farbe des Getränks zufrieden stimmt. Mit jedem Schluck höre ich selbstironische Statements im Akzent gebildeter Briten. Ein normaler Feierabend bei schlechtem Fernsehprogramm wird zum Fantasieurlaub.

Mit dieser hohen Erwartung ging ich direkt am nächsten Tag das Cast Away IPA an. Zuerst schien es diese noch zu übertreffen. Denn mit dem Öffnen der Flasche explodierte eine Geruchsbombe aus Zitrone und frischem Heu. Auch mein Schatz, die kein Bier mag, bemerkte überrascht: Das riecht aber gut! Beim Trinken allerdings war da nur eisige Bitterkeit. Als ob alles Aroma in die Luft verpufft wäre und für die Zunge nur eine betäubende Kälte übrig blieb, Sturmwarnung im englischen Seebad, nur die Kurverwaltung spricht noch von idealem Badewetter. Vielleicht hätte das Cast Away nicht in den Kühlschrank gehört. Und nicht zum aufpeppen eines langweiligen Feierabends mißbraucht. Das werde ich aber nicht herausfinden. Denn falls ich noch mal Kona kaufe, dann nur Fire Rock Pale Ale.

Hübsche Etiketten

Hier mit gleißender Sonne als Gegenlicht wird deutlich: Das IPA ist wesentlich heller als das Pale Ale. Und geschmacklich leider auch blasser. Dafür überzeugt der orangige Fire Rock.

Biertrinken in Antwerpen

Letzte Woche machte die Redaktion einen Tagesausflug nach Antwerpen. Es musste ein ganz phantastischer Ausflug werden, wenn man die Erwartungen niedrig hält, wird man auf jeden Fall positiv überrascht. Mein Ziel war eine Portion Fritten und ein Bier. Und mein Schatz wollte einen Blick auf den vielgelobten Antwerpener Hauptbahnhof werfen. Diese Ziele wurden übererfüllt. Ich trank zwei phantastische Biere zu zwei Portionen Fritten und Muscheln. Und den wirklich beeindruckenden, kathedralenartigen Hauptbahnhof inspizierten wir ausgiebig, von innen und außen.

Regenmaschine

Die Stadtverwaltung installierte Regenmaschinen, wie hier vor dem kathedralenartigen, UNESCO-prämierten Rathaus. Damit auch an den seltenen trockenen Tagen Feuchtigkeit von oben gewährleistet ist.

Schon auf der Hinfahrt begegnete uns eine typisch flandrische Spezialität. Der ausdauernde, trotzdem feinperlige, wohl strukturierte und samtig kühle Regen. In der Provinz Limburg zwang uns ein blickdichter Begrüßungsschauer das Tempo zu drosseln. In Belgien soll man nicht schneller als 120 km/h fahren. Denn schon bei einer Reisegeschwindigkeit von 150 hätte man das Land in wenig mehr als einer Viertelstunde durchquert und sämtliche Ortschaften verpasst. In gemächlichem Tempo spart man Benzin, findet auch bei Regen die richtige Ausfahrt und erreicht bequem mit dem Auto die beeindruckende, kryptaartige Tiefgarage unter dem Antwerpener Hauptbahnhof.

Vor dem Bahnhof, dieser Kathedrale der modernen Mobilität, erstreckt sich in alle Richtungen die verregnete, altehrwürdige Handelsstadt. Hier scheint es, wir lebten in einer friedlichen Welt ohne Kriege. Denn orthodoxe Juden in traditioneller Kleidung prägen das Straßenbild. In diesem sogenannten Diamantenviertel hätte ich meinem Schatz gerne eine Portion Fritten spendiert. Sie wollte lieber einen Diamanten im Frittenbudenviertel spendiert bekommen. Wir erzielten darüber keine Einigung und verschoben den Punkt.

Frituur

Diese Frittenbude an der Schelde öffnet nur im Winter, erst ab Windstärke 7 und mehr als 200 l/qm Regen entfalten Outdoor-Fritten ihren vollen Geschmack.

Vom Hauptbahnhof nach Westen zum Grote Markt bietet die Altstadt prächtige, kathedralenartige Gebäude, teure Geschäfte, edel gekleidete Bürger und viele Touristen. Wem der Regen in der Innenstadt zu lasch ist, kann ein kurzes Stück weiter an die Schelde, die offene Weite der Flußmündung verleiht dem Niederschlag das entscheidende Quäntchen Intensität. Wer normale Menschen sehen will, sollte vom Hauptbahnhof Richtung Nordosten spazieren. Da sind die Häuser klein, der Regen verkommt zu leichtem Nieseln, die Einwohner sind entweder betrunken oder dunkelhaarig.

Kleine Karte

Mit nur 15 Flaschenbieren ist das Angebot in der kathedralenartigen Einkaufspassage Staadsfeestzaal eher mickrig. Deshalb speisten wir da nur Waffel und Schokomilchshake.

Heutzutage möchten Reisende in belgischen Metropolen auch Terrorgefahr erleben. Die ist jedoch als abstrakte Bedrohung nicht so ohne weiteres zu besichtigen. Zur Konkretisierung postiert der Staat gut sichtbar bewaffnete Einsatzkräfte. Zum Beispiel Armeeangehörige, die aussehen wie Fallschirmjäger, eher klein und drahtig mit schwerem Gepäck und lässig umgehängtem Sturmgewehr belgischen Fabrikats. Im Tarnanzug, rötlich-braun wie Schlamm eines zentralafrikanischen Diamantentagebaus, wirken sie, als könnten sie sehr routiniert auf dunkelhäutige Menschen zielen. Die Soldaten produzieren Sicherheit von sehr hoher Qualität. Beängstigend dagegen die Polizisten in der Innenstadt, die krampfhaft deutsche Maschinenpistolen umklammern. Teure deutsche Industrieprodukte wie Autos oder Waffen kompensieren bekanntlich Potenzschwäche und andere psychologische Probleme. Da sitzen dann also gestörte Politiker und Verwaltungsbeamte, die zum Beschaffen deutscher Maschinenpistolen Formulare in allen bekannten Amtssprachen ausfüllen. Neueste Schätzungen gehen von 34 bis zu 7254 gültigen belgischen Amtssprachen aus. Das verursacht viel überflüssigen Papiermüll, den muß am Ende die arabische Putzfrau wegmachen. Auf allen Ebenen staut sich Frust an, der sich irgendwann explosiv entladen muss.

Bierladen

Ein typisch belgisches Souveniergeschäft mit eher mittelmäßiger Auswahl.

Wir störten uns nicht weiter dran. Denn wir wollten nicht das Land reformieren, sondern suchten noch Bier und Fritten. Als Fremder in der Antwerpener Innenstadt ist man zunächst etwas überfordert von den vielen Lokalen. In Belgien sollte es eine Brasserie sein, eine Mischung aus französischem Bistro und britischem Pub. Da gibt es deftiges Essen und viele Biersorten. Gegen Mittag verirrten wir uns ins „Elfde Gebod“, ein kathedralenartiger Biertempel direkt neben der kathedralenartigen Liebfrauen-Kathedrale. Die Krabbensuppe schmeckte stark nach Krabben, die Muscheln mild und fleischig, die Fritten innen zart und außen knusprig. Die Wartezeit zwischen Suppe und Muscheln mit Fritten wurde mit einer kostenlosen Portion Fritten überbrückt. Draußen hatte mir der rasensprengerartige Regen einen ordentlichen Bierdurst verursacht. Da kam das hauseigene Bruin vom Faß einer Offenbahrung gleich. Ein dunkles Bier, das alles bot, was wir an dunklem Bier lieben: Ein wenig malzige Süße vom Bock, das seidig-samtige Geschmackserlebnis eines dunklen tschechischen Biers mit feiner Kohlensäure gleich flandrischem Sprühregen. Aber auch das herbe Bittere eines britischen Stouts. Und die Säure von Trappisten-Bieren. Das alles gleichzeitig, in der richtigen Intensität zuverlässig bis zum letzten Schluck. Ich kommunizierte dem Kellner meine Begeisterung, der freute sich und suchte mir als nächstes eine Flasche Carolus aus. Vom Charakter ähnlich, aber die einzelnen Geschmäcker waren mir nicht mehr identifizierbar, sondern zu einem einzigen Wohlgeschmack vereinigt. Die 8% Alkohol machten sich nun auch bemerkbar, ich konnte nur noch stammeln, Carolus sei perfekter als das Hausbier. Der bierselige Kellner soufflierte mir dann, sein persönlicher Traum wäre ein Carolus nicht aus der Flasche, sondern vom Faß. Zur Belohnung erzählte er noch von seinem Lieblingsladen, wo es Spezialerzeugnisse der Carolus-Brauerei besonders günstig gäbe. Die genaue Adresse sagte er nicht, er zeigte in irgendeine Richtung. Aber er schrieb mir die Biere auf, die ich unbedingt probieren sollte, Cuvee van de Keizer und St. Bernardus Abt 12. Ich habe eine Aufgabe.

Carolus

Das Ziel der Reise

Double IPA hilft bei Filmbesprechung

Etikett

Wenn man einen amerikanischer Film mit irischer Geschichte schaut und dabei ein berliner Bier, gebraut nach britischem Rezept in amerikanischer Tradition trinkt, ist das dann schon Globalisierung?

Heute erzähle ich von einem komplizierten Bier und wie mir der unkomplizierte Film „Brooklyn“ half, es zu verstehen. Nun fragt sich der aufmerksame Leser, wieso soll man Bier verstehen? Es handelt sich dabei um das  Berliner art Double IPA von Brewbaker. Nach handwerklicher Brautradition sind auf dem Etikett die Bittereinheiten in IBU angegeben. Das Double IPA wartet mit 120 davon auf. Auch wenn es heftigere Biere gibt, gilt 120 IBU wohl als das bitterste, was ein Mensch schmecken kann. Und das ist ziemlich heftig, etwa so prickelnd wie ein Sturm, der Eisregen ins Gesicht peitscht. Wenn die Temperatur des gekühlten Getränks steigt, tritt die Bitterkeit zurück und macht schwerem, pappigem Malzzucker Platz. Am Ausschank von Brewbaker unterhielt ich mich mal mit Gästen und einer meinte, er verstehe das Double IPA nicht. Es handelt sich also um einen intellektuellen Prozeß. Damit hätte ich es belassen können. Und falls Ihr meine geschätzten Leser aufmerksam geblieben seid dürft Ihr Euch sicherlich fragen, wie bekifft ist denn bitteschön die Redaktion der drogenpolitik, wenn sie sich ein untrinkbares – oder unverständliches – Gebräu wiederholt ins Haus trägt? Zu Eurer Beruhigung: Ich bin meist ziemlich bekifft, auch beim Einkaufen. Aber wenn ich beim Dealer wahllos Produkte von Brewbaker einpacke, handele ich durchaus rational. Denn der handwerkliche Brauer unterscheidet sich von der Großindustrie auch durch geringen Ausstoß und geringe Liefertreue. Wenn also wieder eine Palette den Weg in den Laden fand, tut man gut daran, sich ein paar Fläschchen zu sichern. So kam es, daß ein Berliner art da war, als wir beschlossen, Brooklyn anzusehen.

Der Film nun erzählt das irische Einwanderer-Märchen, unterlegt mit herziger irischer Volksmusik. Es flieht aber nicht Paddy vor der Hungersnot, sondern seine strebsame Nachfahrin Eilis, welche die provinzielle Ödnis der irischen 1950er aus dem Land treibt. Die Geschichte bedient sich der Klischees, ja, es gibt die boshafte Krämerin und den moralmächtigen Pfarrer. Aber es passieren keine Dramen, wie Hollywood sie uns lehrte. Für Alpträume ist kein Platz in der kleinbürgerlichen Enge, es gibt Keine Gewalt, keinen Mißbrauch. Und absolut skandalös: Die Heldin, gespielt von Saoirse Ronan (keine Ahnung, wie man den Vornamen ausspricht) entscheidet sich gegen ihr Herz, für eine vernünftige Ehe in der neuen Welt. Denn während sie ihren amerikanischen Aufstiegstraum von der Fachverkäuferin zur Buchhalterin lebt, muß sie für eine Beerdigung wieder auf Besuch in die irische Heimat. Die ist kuschelig, gutgebaute Rugby-Spieler, die Haare rot und schwarz, manchmal blond, flirten im vertrauten, singenden Dialekt. Und trinken Bier, meistens schwarz oder rot, weniger blond. Von Kindheit an durchs Werbefernsehen konditioniert funktioniert mein Pawlowscher Reflex einwandfrei und ich gehe wie ferngesteuert zum Bierregal. Ich schüttete das naturtrübe, rötliche Getränk bei Zimmertemperatur ins Glas, wunderte mich ein wenig über den fehlenden Geruch nach Heu und trank. Keineswegs wurde ich niedergeschlagen, vielmehr verstand ich das Double IPA auf einmal. Wie die Immigranten-Liebe war es kein bißchen lieblich oder duftig. Vielmehr von eiserner Bitterkeit mit einer soliden, zukunftsfrohen Süße im Abgang. So einfach.

120 IBU

Wenn die Bierbrauer noch längere Romane auf ihre Etiketten drucken, kann ich mir hier die Bierbesprechungen bald sparen…

Frohe Ostern und Prost im voraus!

Vorderseite

Einen vernünftigen Artikel kriege ich vor dem Auferstehungsfeste nicht mehr auf die Reihe. Deshalb wünsche ich allen Lesern der Drogenpolitik rauschende Feierlichkeiten mit diesem feierlichen Bierkarton, welcher auf die Verkostung wartet. Ihr dürft Euch auf noch objektivere Biertests freuen, denn neben den vergänglichen 0,75 Litern Bier bescherte mir der Osterhase auch die abgebildeten belgischen Gläser, die mir endlich ein authentisches Geschmackserlebnis ermöglichen.

Bon Secours Blonde

bonSecoursBlonde

Belgische Biere bilden einen eigenen Kosmos. In meiner Jugend wurde diese Braukunst geflissentlich ignoriert. „Die tun Kirschen in’s Bier. Und Zucker. Ans Reinheitsgebot halten die sich sowieso nicht.“ Sprach der Deutsche und kippte genüsslich sein Pils. Ich will es so ausdrücken: Die deutsche Biertradition scheint mir, bei allen regionalen Unterschieden, einem gemeinsamen, hopfenbitteren Ideal zu folgen, Ziel ist ein leicht alkoholischer, erfrischender Brotersatz. Sicher, unsere Bierlandschaft reicht vom flachen, dünnen Kölsch bis zu strengem Pils oder malzig-süßem Bock. Es sind aber immer Variationen ein und desselben Themas. Auch osteuropäische und britisch-amerikanische Biere halten sich weitgehend an dieses Geschmacksideal.
Den Belgiern aber bedeutet ihr Nationalgetränk scheinbar etwas völlig anderes. Die dörfliche Brauerei ist dem Belgier, was dem Franzosen oder Süddeutschen das Weingut. Individualität durch Verfolgen noch der abseitigsten Geschmacksnuancen ist erklärtes Selbstverständnis belgischer Braumeister. Und Meister sind es, denn immer fließt ein rundes, fertiges Produkt ins Glas. Beim modernen Craft Beer amerikanischer Tradition sehe ich die jungen Wilden mit kindlicher Begeisterung Hopfensorten und Duftkräuter mischen. Bei belgischen Handwerksmeistern denke ich dagegen an alte Rezepte, viele bemühen nicht von ungefähr ihre klösterliche Historie. Die Produkte machen mich in ihrer Perfektion oft etwas sprachlos, was diese lange, pseudo-sozialwissenschaftliche Einleitung erklärt. Vieleicht hätte der eine Satz gereicht: Jedes der unglaublich vielen verschiedenen belgischen Biere ist eine ganz besondere Erfahrung für sich.
Durch die Verkostung des Bon Secours Blonde – und durch Recherche bei Wikipedia – erfahre ich also zunächst von der Existenz des Städtchens Péruwelz an der französischen Grenze. Das Bier nun riecht beim Öffnen auffällig intensiv nach Sekt oder Cidre. Dieses edle Aroma setzt sich in der Bitterkeit fort. Dazu kommt aber als Basis ein deutlicher Zuckergeschmack. Der ist als Inhaltsstoff auch auf dem Etikett angegeben. Aber erstaunlicherweise ist das Bon Secours auf der Zunge kein bißchen süß. Eher wie verbrannter Karamell, der nur noch bitter schmeckt, während in der Küche noch schwerer Süßigkeitengeruch hängt. Der Geschmack, ich sollte wohl besser sagen: Die Komposition ist mir sehr angenehm. Das Getränk behält seinen Charakter konstant bis zum letzten Schluck, trotz längeren Verweilens im Glas. Das fällt mir besonders positiv auf, weil ich zeitnah ein ähnliches Helles von Chimay probierte, das sehr viel stärker begann, aber beim Trinken kontinuierlich dünner wurde. Das Bon Secours dagegen verträgt Erwärmung gut und scheint nicht wirklich viel Kohlensäure zu verlieren. Die 8 % Alkohol schmecke ich nicht. Eine einzige Flasche reichte über ein geselliges Mittagessen, begleitet selbstbewusst deftigen Entenbraten und bewirkt allmählich die gewünschte Gelöstheit. Schön.
AW

Craft Beer auswärts

2016-01-01-19.47.23.jpg.jpeg Es gibt Menschen die haben zwischen Weihnachten und Sylvester Geburtstag. Das zwingt auch Drogenpolitiker mit gesunder Sozialphobie vor die Tür. Interessanterweise wurde in eine Craft-Beer-Bar geladen. ‚The Pier – Badeanzüge und Bier‚ in Berlin Mitte. In liebevoll arrangierter Lagerhaus-Athmosphäre serviert man 15 Biere vom Hahn. Die Bedienung reicht dem verwirrten Besucher routiniert ein kräftiges IPA, herb, bitter, krautig, mit vielen Geschmacksnuancen. Ein phantastisches Bier, zweifellos. Aber nach der Hälfte wird mir vor Bitterkeit die Zunge taub. Ich kann mich nicht gleichzeitig auf das anspruchsvolle Getränk und auf die heitere Gesellschaft konzentrieren. So halte mich den Rest des Abends an kräftiges Stout. Auch das ein Geschmackshammer, aber nicht so filigran, mehr erdig. Und dank des hohen Alkoholgehalts wirken wenige Gläser mehr, als die Vernunft erlaubt. Bei so viel Fröhlichkeit kann ich aber nicht mehr sagen, was ich da genau trank. Wenn ich mir die Rezensionen zum Pier bei Google ansehe, war ich wohl nicht der einzige: Niemand erinnert sich an die Biere. Liegt vielleicht auch am leckeren Bourbon…

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15 frisch gezapfte, eine genaue Bezeichnung bleibt leider verschwommen…

Text: AW
Fotos: AW, Dillinger