MDMA löst keine Beziehungsprobleme

Baumgeist auf MDMA

Als ich, verhältnismäßig spät in meinem Leben, MDMA probierte, waren die Erfahrungen zwar angenehm, aber trotzdem überhaupt nicht schön.

Ich saß in einem Zelt, ein guter Freund hatte mich mitgenommen auf ein Goa-Rave, irgendwo in den Wäldern. Dort war auch eine Freundin von ihm, die ich noch nicht kannte. Wir drei hatten die selbe Menge eines weißen Pulvers geschluckt, das als reines MDMA gehandelt wurde, die Qualität war gut. Unter dem Einfluss der Droge nun besprachen die beiden ihre emotionalen Probleme, die sie miteinander pflegten. Sie hatten wohl mal eine Affäre gehabt, die war aber lange vorbei. Die Frau hatte inzwischen Probleme mit psychotischen Symptomen bekommen.

Ich glaubte, ich sähe die Emotionen zwischen ihnen

Alles berührte mich zutiefst. Was ich nun zwischen den Beiden sah, entsetzte mich, denn er behandelte sie schlecht. Unabsichtlich zwar, aber trotzdem nicht schön. Sie war in ihn verliebt oder glaubte das. Er hielt sie auf Abstand und tat gleichzeitig fürsorglich, mit der Schamanenattitüde des Drogengurus. Was er in meinen Augen unabsichtlich falsch machte, war, nicht zu beachten, was professionelle Therapeuten Abgrenzung nennen. Sie beide versuchten etwas, was unmöglich gelingen konnte.

Von dem Gebrauch von MDMA zur Psychoanalyse hatte ich da noch nie gehört. Vielleicht hatten sie sich zu so einer versuchten Psycholyse verabredet. Ich glaube aber, dann hätte er mich schon vorher informiert. Ich glaube eher, dieses Urteilen und Analysieren ist eine Dynamik, die speziell von dieser Droge und dem Umfeld stark gefördert wird. Die Wirkung hat Ähnlichkeiten mit Pilzen und LSD, aber einen deutlich eigenen Charakter. Pilze kommen viel mehr in Wellen, überwältigen, daß ich vor Schreck und Bewunderung alle Alltagsgedanken hinter mir lasse. Ein Pilztrip ist eine lange Wanderung, ein anstrengender Aufstieg und eine wilde unkontrollierte Abfahrt gleichzeitig. Das kulminiert in einer Art göttlichen oder vielmehr natürlichen, tierischen Liebe. Alle Aspekte des Lebens, Freude und Leid, Geburt und Tod werden empfunden und sind gut. LSD war ähnlich, aber umfassender, wie der gewaltige Ozean, zum Bewundern und Verschmelzen.

Auch MDMA ist sehr stark psychedelisch

Man wird mit Macht ins „andere Land“ befördert. Beim MDMA aber war es so, als würden mich ein vollklimatisierter Bus und eine moderne Kabinenseilbahn zu dem wilden schönen Ort fahren. Dort steht dann ein bequemer Tisch mit klarem Wasser und nahrhaftem Brot. Kein Zwang, kein Drang, zu tanzen, wie das von manchen Tablette mit ungewissem Inhalt kommt, keine Zappeligkeit, die ich von Ephedrakraut kenne. Nur der ruhige, klare Ort, wie geschaffen dafür, daß sich Herz, Verstand und Seele gemeinsam niederlassen, in Ruhe und der Reihe nach ihre Angelegenheiten besprechen und immer nach angemessener Zeit zu einem harmonischen Beschluss kommen.

Mein Beschluss betraf dann meine Freundschaft zu dem Menschen. Der der musste dann noch gären. Ich wusste und hätte mir zu diesem Zeitpunkt eingestehen müssen, daß die Freundschaft zerbrochen war. Aber die Erkenntnis ließ ich nicht zu und habe es dann ziemlich ungeschickt ausklingen lassen. Es hatte wohl viel mit meinen Vorurteilen zu tun, die ich mir nur schwer eingestehen konnte. Ich mochte seine Lebenseinstellung nicht, aber habe sein Leben lange und neugierig Beobachtet. Der erste richtige Hippie, den ich kennenlernte, hauptberuflicher Kräutergärtner, nebenberuflich Schamane auf Goa-Partys.

Sicher, ich fühlte mich nicht ganz wohl auf dem Rave. Nicht meine Welt, nicht meine Menschen. Wahrscheinlich war es mein persönlicher Entschluss, daß ich mich nicht in Trance tanzen konnte. Was ich wiederum für eine Eigenschaft der Droge halte: Sie ließ meinem Willen viel mehr Freiheit als Pilze oder Aufputschmittel. Irgendwann tags zog ich mich zurück, in der Umgebung gab es einen kleinen Bach. Dort stapelte ich flache Steine zu Türmen. Sonnenstrahlen, die durch die Bäume fielen, machten daraus einen Tempel. Andere kamen von der Party, sie sahen, was ich sah und sagten mir das. Ich war ein wenig stolz, aber mit dem Darübersprechen war für mich der Zauber gebrochen.

Ich nahm nicht mehr oft Extacy

Den Zauber und die ruhige, liebevolle, aber klar urteilende Einsicht in meine Gefühlswelt erfuhr ich nicht mehr. Es war ein Werkzeug, um die Stimmung für eine durchfeierte Nacht stabil zu halten. Aber ich hatte keine Zeit und wenig Gründe mehr zum Feiern gehen. Das letzte Mal nahm ich Extacy in einem sogenannten Hedonisten-Club. Eine Party mit anregender Progressive-Musik. Eine Freundin nahm mich mit, sie ging da gern hin, weil sie da nicht komisch angemacht wird. Da saß ich also und unterhielt mich nett mit einem jungen Mann, der zwei Mädchen an der Leine führte. Die demonstrierten, daß sie keine Unterwäsche trugen. Er fragte, wie es mir in ihrem Wohnzimmer gefiele. Da merkte ich, ich bin nicht zu spießig für Drogen und nackte fremde Leute im Wohnzimmer. Ich bin aber viel zu spießig für Wohnzimmerpartys, die regelmäßig erst nach 3 Uhr morgens stattfinden. Nachts schlafe ich einfach viel zu gern.

Spiegelbild des Bauimgeistes auf MDMA

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Hängenbleiben auf LSD

50x70Mehr als nur ein paar Wochen liegt dieser Text in meiner elektrischen Schublade. Ich habe ihn nach dem ersten Lesen lange nicht mehr angesehen, aber immer wieder darüber nachgedacht.
Die Form ist ungewöhnlich, der Autor nennt es Buch, ich würde es jetzt nicht als Buch bezeichnen. Das meine ich aber auf keinen Fall abwertend, es liegt nicht an der Qualität des Textes. Der liest sich sehr flüssig und interessant, da gibt es nichts Auszusetzen. Ich empfinde es irgendwie als Rohtext, ein Art Ereignisprotokoll, die selbstgeschriebene Krankengeschichte eines jungen Mannes, der sich einen ordentlichen psychischen Schaden zugezogen hat durch zwei Jahre intensiven Gebrauch psychedelischer Drogen. Wie diese Krankheit genau heißt, ist unklar. Crys Talix hat keine übereinstimmende Diagnose bekommen. Er selbst kann das Problem ziemlich genau definieren, er hat einfach zehn Jahre auf seinem letzten LSD-Trip verbracht. Crys Talix ist also hängengeblieben, wie man zu sagen pflegt. Dies Unklarheit, das Nichtpassen in die gängigen Diagnoseschemen, ist eines der Themen des Textes.
Es klingt wie eine Leidensgeschichte, das ist sie auch, aber die Faszination schwingt mit. Crys Talix ist immer noch „drauf“ bereut nicht, genießt nicht, sondern lebt damit. Der ungefilterte Gedankenfluss ist ihm Selbstverständlich, er musste lernen, diesen Zustand zu akzeptieren, wie wir das Wetter hinnehmen, manchmal freudig, manchmal frustriert.

Hier nun ein stark gekürzter Auszug aus:
LSD-Trip in die Ewigkeit – Gedanken eines Hängengebliebenen von Crys Talix
im Selbstverlag auf Amazon erschienen.

Damals legte ich in meinem Kopf den Grundstein für ein Leben am Rande des Wahnsinns

Man kann wohl nicht einfach in der Jugend unendlich viele psychedelische Reisen unternehmen und später dann ein normales Leben führen. Das funktioniert gut, wenn man in Maßen konsumiert und achtsam mit sich ist. Dieses ganze Leben ging erstaunlich lange gut. Aber klar, ich war jung und da kann man schon einiges aushalten. Nach so vielen Monaten des Exzesses kommt aber irgendwie auch die Erkenntnis, dass man genug davon hat, dass die Nerven überbelastet sind. Ich hatte unzählige Male Pilze, Ecstasy und LSD genommen, die Nächte durchgemacht, ständig dazu gekifft. Und ich war immer eine treibende Kraft, habe die anderen Freunde dazu animiert, auch was zu nehmen und auf das Normalsein zu pfeifen. Ich habe beeindruckende Sachen erlebt und mich in komplett anderen Sphären aufgehalten. Ich habe immer weiter versucht, mich in das Universum hineinzudenken und mir auf Pilzen stundenlang den Kopf zerbrochen, wie das Leben denn nun funktioniert. Ich habe täglich mehr als 25 Köpfe (Portionen) Haschisch geraucht und dazu noch Zigaretten und habe kaum noch gegessen – und wenn, dann nur ungesundes Zeug. Ich habe nachts aus dem Fenster gewinkt, da ich vermutete, dort sei die Polizei und beobachtet mich. Oft war ich auf Partys, die mehrere Tage gingen, und während man feierte, wurde es plötzlich dunkel. Das bemerkte man zwar, jedoch war einem gar nicht klar, welcher Tag nun war, wie lange man schon auf der Party war oder das wie vielte Mal es jetzt dunkel wurde. Es wurde dunkel, das war klar, aber man konnte es nicht zuordnen. Und irgendwann wurde es wieder hell – das war sinnbildlich dafür, wie sehr ich aus dem normalen Rhythmus des Lebens ausgestiegen war. Ich hatte den Kompass verloren, die Richtung war nicht mehr klar. So wie ich auf den Partys nicht kapierte, warum es jetzt dunkel wurde und welcher Tag nun gerade anbricht oder endet, so konnte ich in meinem Kopf nicht mehr deuten, was ich eigentlich fühlte. Von außen kamen die besorgten Mitmenschen, aus meinem Blut kamen die künstlichen Glücksgefühle in mein Gehirn und mein Denken hatte ich über die Jahre so stark in eine psychedelische Richtung gelenkt, dass der Crash kommen musste. Und er kam – mit voller Wucht.
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Therapie?

Ein Schock für mich, aber es war der einzige Weg, mein psychedelisches Leben wieder in die Gesellschaft einzufügen. Am nächsten Morgen, bereits um 9 Uhr begab ich mich in die Sprechstunde zu meinem Hausarzt: „Sie schaffen dass, ich bin mir da ganz sicher bei Ihnen!“, sagte er. Der Arzt leitete die nötigen Schritte ein, um für mich einen Therapieplatz zu bekommen.
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Ich fiel in eine Art LSD-Halbschlaf und merkte, wie sich der Trip fest in meine Denkweise einbrannte. Ich hatte keine Schmerzen oder dergleichen, aber ich spürte, dass etwas nicht normal ablief, wie ich es in den unzähligen anderen Trips erlebt hatte. Alle meine Freundschaften, meine gehobene Position, all das sollte ich hinter mir lassen und einen Neustart machen. Ich war ehrlich gesagt überfordert mit der Situation. Und dann war da aber noch das Glücksgefühl, das zwar durch das Kiffen unterdrückt wurde, aber ich spürte, dass irgendwas in meinem Gehirn vor sich ging, etwas Mächtiges wollte nach oben. Dass es der Trip war, der mit aller Kraft und voller Wucht dauerhaftmein zukünftiges Leben bestimmen würde, konnte ich damals nicht ahnen.
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Ich fühlte mich zu gut, viel zu gut

Langsam verlor ich den Bezug zur Realität. Ich war mir sicher, dass alle Ärzte und Leiter der Klinik auf Kokain waren. In diesen Tagen war ein Fest direkt vor der Klinik und eine Band spielte den Song „Cocaine“ von Eric Clapton . Mir wurde klar, dass wir hier in Frankfurt waren und dies ein Drogenzentrum war. Ich dachte, dass die ganze Situation in der Klinik und überhaupt auf der Welt für mich gemacht wäre. Alle Leute, die ich dort traf, waren nur wegen mir hier. Viele, verschiedene Leute, die alle nur  hier waren, um mich auszubilden zu einem Superheiler. Ich war mir sicher, dass ich bald von der Klinikleitung aufgenommen würde, um als Psychologe in der Klinik zu arbeiten. Ich würde dann natürlich eingeweiht werden in den Kreis der Klinikleitung und dürfte auch täglich auf Kokain arbeiten, wie alle anderen Therapeuten. Eine Mitpatientin hielt ich für meine zukünftige Ehefrau. Ich lief voller Euphorie durch die Klinik, habe durch lange Gespräche mit anderen Patienten immer gedacht, ich könnte andere Leute heilen.
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Ich kann aus heutiger Sicht diese psychosenahen Gedanken noch nachfühlen, es ist aber fast unmöglich, sie einem normal denkenden Menschen zu vermitteln. Ich bin mir aber immer noch sicher, dass ich in diesen Momenten einen kleinen Einblick in göttliche Sphären bekommen habe.
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Ich hatte einige Besprechungen mit verschiedenen Ärzten und wurde ständig ermutigt, meinen Drogenkonsum zuzugeben, dabei hatte ich nichts genommen. Mir wurde später klar, dass der letzte Trip, den ich genommen hatte, hier wieder mit voller Wucht zurück in mein Bewusstsein kam. Ich hatte ja bereits sofort am Tag nach dem Trip dieses Glücksgefühl, das immer stärker wurde. Heute weiß ich, dass ich auf diesem Trip hängengeblieben bin, der mein Abschied aus dem Drogenleben hätte sein sollen. Es waren zu diesem Zeitpunkt etwa fünf Wochen vergangen, seit ich den Trip genommen hatte.
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„Die Interaktion zum jungen, stets freundlichen, jedoch eher passiv und meist wenig emotional berührt erscheinenden Patienten war insbesondere geprägt durch das Auftreten unerwarteter und bizarrer Geschehnisse im Behandlungsverlauf, die bis zuletzt auch für uns nicht klar einzuordnen waren.“ „Innerhalb von zwei Wochen schien sein Stimmungszustand nicht mehr nur subeuphorisch, sondern ins präpsychotische gehend. Innere Anspannung sowie einer Art Wahnstimmung mit Ich-Störungen (dass etwas vorgehe um ihn; er sich verändert fühle), bizarre Denkinhalte und ansatzweise Größenideen (dass sich nun alles füge, er Klarheit über alles habe, auch wisse, was in anderen Mitpatienten vorgehe, und er das gelungene Experiment seiner Eltern darstelle).Daraufhin erfolgte ein erstes psychiatrisches Konsilium beim Leitenden Arzt und eine Medikation wurde verabreicht. Nachdem es bereits am Folgetag zu einer deutlichen Stabilisierung und Distanzierung des Patienten vom psychotischen Erleben gekommen war, entstand unsererseits der Verdacht auf Substanzkonsum, obwohl sämtliche Screenings negativ waren.“ „Nach dem vom Patienten gewünschten Absetzen der bislang verabreichten Medikation kam es zur Stimmungsverschlechterung, wobei er panikartige Zustände beschrieb, insbesondere die Befürchtung‚ psychotisch‘ zu werden. Er schilderte ständig neue Befürchtungen: auf Drogen hängengeblieben zu sein; einen Hirnschaden zu haben; seine Hirnstrukturen durch LSD verätzt zu haben. Damit einhergehend beklagte er weitere Antriebs- und Hoffnungslosigkeit bis hin zu Suizidgedanken, da eh alles zu spät sei; er nicht mehr lebensfähig sei. Interpersoneller Kontakt und Realitätsbezug waren jedoch stets gut herstellbar und er zeigte sich absprachefähig.“
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Von einer psychedelischen Lebensweise oder Einblicken in das Leben, die man durch Halluzinogene bekommen kann, wusste in der Klinik natürlich niemand etwas. Keiner konnte nachvollziehen, welche tiefen spirituellen Einblicke ich in das Leben und seine Vorgänge bekommen habe. Die Ärzte konnten nichts von dem nachempfinden. Sie nannten das „narzisstisch gefärbte inhaltliche Denkstörungen“, ich nannte es „tiefe Einblicke in das Universum“. Wer hatte Recht?
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Ich war nun 21 Jahre alt, lebte vorübergehend bei meiner Mutter und versuchte irgendwie klarzukommen

Ich schaute viel fern, ging spazieren, wirklich depressiv war ich nicht mehr. Der Trip war noch da, aber er beruhigte sich, ich beruhigte mich auch. Ich habe dann aber ein ganzes Jahr abwarten müssen, bis ich mich wieder einigermaßen normal fühlte.
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Meine Mutter machte Druck, mir eine Arbeitsstelle zu suchen. Ich schrieb einige Bewerbungen und fand einen Job direkt vor meiner Haustür. In diesem Dorf kannte jeder jeden und so wurde ich in einer kleinen Metallfabrik als Hilfsarbeiter eingestellt. 4,5 Stunden arbeitete ich jeden Morgen, obwohl ich immer noch total auf dem LSD-Trip war. Ich hatte Probleme, den Erklärungen meines Meisters zu folgen, musste Dinge oft zweimal nachfragen und es fiel mir auch nicht leicht, mit den anderen Arbeitern der Fabrik Kontakt aufzunehmen.
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Ein Meister, der schon älter war und mit seinem Bruder die Firma leitete, kam zu Beginn zu meinem Arbeitsplatz und fragte, was ich so genommen hätte. Ich meinte, dass ich viel gekifft und ab und zu Ecstasy und Kokain und Ähnliches genommen habe. Er schaute mich entgeistert an und meinte: „Häsch du gschprizet?“ (Hast dugespritzt?), und machte eine Bewegung mit der Hand, als ob er sich eine Spritze in den Arm stechen würde. Ich sagte:„Nein, nein, das nicht.“, und er rief: „Ah okay, häsch nu kifft oder?“. Ich sagte: „Ja“.
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Auf Verlangen meiner Mutter besuchte ich eine Ärztin, die meinte, sie würde mir ansehen und anmerken, noch psychotisch zu sein, und das Zyprexa auf 20 mg erhöhte. Nach einigen Wochen sagte sie mir, sie wolle mich auf ein neues Medikament einstellen, das aktivierend wirken und trotzdem meine psychotischen Anteile unter Kontrolle halten würde: Abilify.
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„Mit diesem Medikament kann ich mein Leben wieder in den Griff bekommen.“

dachte ich. Nach genau zweieinhalb Wochen war ich abends in einem Biergarten mit einer Freundin verabredet. Ich saß in meinem Zimmer am Computer, als plötzlich in meinem Kopf ein Schalter umgelegt wurde, der den ganzen Trip und alle Ängste, Verzweiflung, Paranoia von der einen auf die andere Sekunde explodieren ließ! Ich lief durch das Haus meiner Mutter und konnte nicht fassen, wie drauf ich plötzlich war. Ich nahm eine Beruhigungspille, die jedoch nichts half.
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Nach vier endlos erscheinenden Monaten des Wartens wurde ich 2009 in eine Klinik in der Nähe von Karlsruhe aufgenommen. Ich verbrachte wieder vier Monate in der Klinik, wo es mir von Tag zu Tag besser ging. Was nun aber anstand, war eine genaue Diagnose meiner Erkrankung. Die Oberärztin war sich sicher, dass ich an einer Schizophrenie litt. Die Psychologin sah dafür keine Anzeichen. Allgemein wurde mir gesagt, dass ich wie ein ganz normaler junger Mann wirke, aber ich natürlich schon große Probleme hätte. Ab dem Moment, als ich von dem Höhenflug runtergekommen war, waren mein Intellekt und mein Wesen bzw. ein bestimmter Teil von mir von allem unberührt, ich wirkte immer noch wie ein ganz normaler junger Mann. Auf den ersten Blick.
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Ich bekam die Diagnose „undifferenzierte Schizophrenie“ und „soziale Phobie“. Diesen zweiten Klinikbericht habe ich am Ende des Buchs komplett veröffentlicht. Die Ärzte schreiben in diesem Bericht nur wenig über LSD oder das Hängenbleiben, da sie sich damit nicht auskennen und alles nur durch ihnen bekannte Störungen und Symptome erklären wollen und die Diagnose ja auch anhand ihrer Bücher stellen müssen.
Ich litt in dieser Zeit noch unter starken Reizüberflutungszuständen und es ging wirklich nur sehr langsam aufwärts, aber ich hab mich Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückgekämpft. Ich habe in monatelanger Abdosierug fast alle Medikamente abgesetzt und dadurch ging es mir auch besser. Was ich ganz wichtig finde: Wer eine Konsumzeit hinter sich hat und eventuell mit leichten oder auch schwereren Folgen zu kämpfen hat, der darf niemals den Fehler machen und die Konsumzeit verfluchen oder das Feiern als Fehler seines Lebens bezeichnen. Denn dadurch lehnt man etwas ab, was Teil des eigenen Daseins geworden ist und kommt so in einen Konflikt mit sich selbst. Der Trip ist zu meinem Freund geworden, ich habe mich mit ihm versöhnt, habe mich mit ihm verbündet. Was anderes blieb mir gar nicht übrig. Es hat aber Jahre gedauert, bis ich das erkannt habe.

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Alle Bilder in diesem Artikel sind Fotografien der Werke von Tobias Keller, Acryl auf Leinwand. Die Originale sind vom Künstler zu erwerben, Kontakt über seine Facebookseite. Tobias Keller hat sonst nichts mit der Geschichte von Crys Talix zu tun, die Zusammenstellung der Bilder erfolgte durch die Redaktion von meinedrogenpolitik.

Und Ende

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Der Sound zum Text (Warnhinweis: Menschen, die gegen elektronische Musik eine angeborene Abneigung empfinden oder erworbene Vorurteile pflegen, sollten das verlinkte Musikstück auf gar keinen Fall anklicken.) 

Punkt. Jetzt is‘ wohl Schluss. Immer ein trauriger Moment, man wünscht sich zurück, zur allerersten Pille, zurück zu den großen Bassboxen, zwischen die kunterbunten Menschen, zurück in die andere Welt, die vollkommen großartig ist. Naja, es gibt Schlimmeres. Eigentlich darf man sich nicht beklagen, wenn man sich den Luxus leisten kann, für 15 € Eintritt gemeinsam Musik zu zelebrieren. Und den übermäßigen Konsum gewisser Rauschmittel. Rein evolutionsbiologisch ist das alles Andere als lebensnotwendig.

Schluss mit Philosophie. Geht auch gar nicht mehr. Nur noch die harten Fakten: die Pillen. Davon habe ich mir seit Freitagabend so 5 Stück gegeben. Was sehr viel ist für mich. Das hätte ich mir vor ein, zwei Jahren nicht zugetraut. Hätte es für meinen sicheren Tod gehalten, oder zumindest die Einweisung. Aber mit regelmäßigem Konsum steigt die Toleranz. Wo anfangs ein Viertel reicht, brauch ich heute eine Ganze für denselben Effekt. Aber wenn der dann da ist, ist es einfach göttlich. Deine optische Wahrnehmung verändert sich, das Bild zittert. Du spürst, erst ganz leise, dann immer aufdringlicher dieses Gefühl in der Brust anfluten, diese vollkommen unbegründete Glückseligkeit. Alles wird dumpf, du hörst wie durch Ohrenwärmer, reagierst langsam. Und irgendwann kommt der Moment, da wird plötzlich alles bewusst, du spürst die Lähmung, wie du immer doofer wirst, das Teil haut rein. Doch bald verschwindet der Matsch in deinem Hirn. Löst sich auf in absolut klare, unmissverständliche Freude und unaufhaltsamen Tatendrang. Du beginnst, wirklich darauf zu scheißen, was andere denken. Du mußt einfach aufspringen, stürzt dich in die Musik, tanzt und tanzt und tanzt… bewegst dich nicht mehr eigenständig, lässt deinen Körper machen, was sich gut anfühlt, versinkst im weichen, harten, perfekten Bass, wirst Eins damit… driftest zwischendurch ab, führst sinnlose Gespräche, umarmst wildfremde Leute… Immer wieder wabern wohlige Schauer über den Rücken, den Nacken hinauf bis über die ganze Kopfhaut, Gänsehaut, mehr davon!
…bis so nach zwei, drei Stunden das nächste Ding geworfen wird. Alles steigert sich, dein Hirn arbeitet auf Hochtouren, pumpt auch die letzten Restchen Serotonin, Noradrenalin und Dopamin in deinen unterversorgten Körper, deine Muskeln und Gelenke leisten Schwerstarbeit und gehorchen dem Rhythmus.

Tja, und irgendwann ist halt Schluss. Serotonin ist alle. Du kommst nach der Party nach Hause, vollkommen geplättet, egal, noch ne Nase, noch n halbes Teil und ca. 568 neue Projekte anfangen, die nie fertig werden. Ziel ist mittlerweile nicht mehr die Freude, die Extase. Nein, Ziel ist jetzt nur noch, nicht runterkommen, sich irgendwie noch mehr verklatschen.

Ungefähr das ist der Status jetzt. Ich sitze auf der Couch, der Fernseher läuft, ich schreibe meinen Blogeintrag und habe noch den Rest vom letzten Teil liegen. Ich weiß, das wird mich nicht mehr euphorisieren, aber nochmal bisschen matschiger machen.

Die Tastatur fängt an sich zu bewegen. Zumindest haben wir eben was gegessen und natürlich viel getrunken, ansonsten geht’s einem richtig scheiße. Mir geht’s grad ganz gut aber ich kann kaum mehr flüssig tippen. Meine Henkersmahlzeit wartet in Form eines trügerischen Stückchens, der letzte Rest der Extase der letzten Nacht.

Schlaf gut. Ich werd’s ganz sicher!

(Dieser Text erschien zuerst hier auf Libras Blog Self im Mai 2015. Das Foto hat Libra eigenhändig aus dem Internet geklaut.)