Mittagsbier mit Stadtgeschichten

Ein neuer Monat ist angebrochen und es wird mal wieder Zeit, dass sich die Drogenpolitik meldet. Allerdings steckt die ganze neue Ausrüstung für das Drogenlabor noch in der Post und für Pflanzungen ist es viel zu kalt. Also tat ich, was wir Berliner Kreativen eben so tun, wenn uns nichts kreatives mehr einfällt. Wir gehen vor die Tür und schauen, womit sich die Nachbarschaft grade langweilt. Da springt immer mindestens eine Kolumne bei raus.

Jetzt könnte ich direkt davon anheben, wie man mit einem Kleinkind am Samstag Vormittag durch die Supermärkte streift. Das wäre aber dann doch arg kleinteilige Jammerei. Denn, kurz gesagt, das ist derart nervenaufreibend, daß man ab 12 Uhr mittags das dringende Bedürfnis nach einem kühlen Glas Bier bekommt. Natürlich macht der Alkohol überhaupt nichts besser, im Gegenteil. Man schwitzt schneller und erhöht das Risiko, sich eine unangenehme Rückenverletzung zuzuziehen, während man das Kleinkind auf den Schultern durch den Straßenverkehr wieder nach Hause schleppt. Aber die Drogen sind ja alle immer nur für den kurzen, entspannenden Moment des bewussten Konsums so schön.

Zum Glück liegt da immer die Arminius-Markthalle auf meiner Route. Die Einrichtung scheint mitten aus dem Herzen des alten Westberlins zu stammen. Nach wie vor floriert die Currywurstbude von den „Drei Damen vom Grill“, von denen ich zwar niemals eine Folge gesehen habe, deren Name mir aber ein Begriff ist. Und sie zehren wohl ganz gut vom altbundesrepublikanischen Fernsehruhm, denn die Würste und das Frittiergut sind im Vergleich zu ortsnaher Konkurrenz eher so durchschnittlich. Aber nicht wegen der Currywurst bin ich da, sondern weil man in der Halle sein Angebot von verschiedenen Gastronomen an einem Tisch verzehren kann. Konkret holte ich also ein Bier von meinem Lieblingsbrauer und wir ließen uns damit am Eisladen nieder, wo ich mit Serviette in der Hand meiner Aufsichtspflicht beim Schokoladeneisverzehr nachkam.

Kaum sitze ich, spricht man mich vom Nebentisch auf die Nahrungsmittelkombination an. Ein langhaariger, berufsjugendlicher Mittfünfziger mit kreisrunder Brecht-Brille und Jeansjacke. In einer westdeutschen Kleinstadt würde jemand mit solchem Erscheinungsbild vielleicht als Langzeitstudent oder Professor naiven Pädagogikstudentinnen nachstellen oder ein Antiquariat betreiben. Hier Berlin ist er dem wohlsituierten Establishment zuzuordnen, vielleicht ein Pädagogikprofessor oder Bibliothekar im gut bestallten öffentlichen Dienst. Auf jeden Fall erfolgt keine moralisierende Intervention, der Herr macht eher den Eindruck, als beneide er mich um mein wohlverdientes Mittagsbier. Er und seine Begleiterin empfehlen mir weitere ungewöhnliche Beigaben für Speiseeis, Rotwein etwa oder Kürbiskernöl zu Vanilleeis solle ich unbedingt versuchen. Schließlich offenbart sich, der Mann ist in der Straße aufgewachsen, in der ich jetzt wohne. Und auf dem Grundstück, auf dem heute unser Haus steht, war ein Medikamentengroßhandel, in welchem der Vater des Mannes arbeitete, immer Samstags begleitete er ihn, Kartons entsorgen auf einer Müllkippe in Wannsee, die es nicht mehr gibt. Unnützes Wissen, welches den Lokalpatriotismus stärkt und den Mythos der Stadt am Leben erhält. Ich mag meine Nachbarschaft.Reihe7 Arminius-Markthalle Berlin Moabit

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Drogenszene to go

gelbe-wartehauschenDer kleine Tiergarten liegt mitten in Moabit. Das ist nicht wirklich ein Park, eher ein länglicher Streifen Grün zwischen den parallel verlaufenden Verkehrsadern Turmstraße und Alt Moabit. Lange Zeit war das ein ziemlich versumpftes und verkommenes Stück Erde. Und zwar ziemlich wortwörtlich, denn Wildwuchs von uralten Bäumen und Buschwerk bildete ein modriges, unübersichtliches Dickicht. Da konnten sich Menschen verstecken, die keine bessere Bleibe fanden, aber auch nicht unbedingt die komplette Existenz ungeschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit ausbreiten wollten. Alteingesessen war die Trinkerszene, die sich praktischerweise im gegenüberliegenden Netto versorgte. Da die Pfandflaschen hier noch nicht von einem Automaten, sondern von Mitarbeitern persönlich entgegengenommen und handschriftlich quittiert werden, ist auch für zwischenmenschlichen Kontakt ausreichend gesorgt. So hätte der kleine Tiergarten in schattiger Harmonie friedlich weiterexistieren können.
Dann aber kam irgendwo jemand auf die Idee, das Gelände zu sanieren. Das alte Gesträuch wurde ausgedünnt, die Spielplätze renoviert und die Wege übersichtlich gestaltet, damit die Bürger wieder einen schönen Park haben. Das stieß nicht überall auf Gegenliebe. Berechtigterweise empörten sich viele über die Vernichtung des alten Baumbestandes. Gefühlte zwei Jahre klebten wütende Protestbriefe entsprechender Initiativen im ganzen Viertel, vorzugsweise natürlich an den gefährdeten Bäumen. Auch die Riesenkiesel waren einen Aufreger wert, rundlich flache Betongebilde, die als völlig unnützer Landschaftsschmuck den Steuerzahler ein erkleckliches Sümmchen kosteten. Manch leisere Stimme sorgte sich auch um die offensichtlich geplante Vertreibung der Marginalisierten. Diese Sorge war aber völlig unbegründet. Die vormals von Büschen verdeckte Trinkerszene entwickelte sich weiter, nach Entfernung der Sichthindernisse eigentlich nur logisch, zur offenen Drogenszene. Mit allem dazugehörigen Ärger und Medienrummel. Die unmittelbare Nähe zum LAGetSi, republikbekannte Erstanlaufstelle für Flüchtlinge, trug nicht unbedingt zur Befriedung des Geländes bei.
Eine sinnvolle und soziale städtebauliche Maßnahme aber ist die Errichtung eines leuchtend gelben Unterstandes, der zusammen mit dem Pissoir gleicher Bauart, rechts im Bild, jetzt ein hübsches Ensemble bildet. Der Unterstand ähnelt einer Bushaltestelle, nur daß die offene Seite nicht zur Straße, sondern zum Parkgelände weist. Da finden die Nutzer bei Wind und Regen ein wenig Schutz. Wir Anwohner aber können nun dort vorbeigehen, unter den Versammelten eine unverbindliche Auswahl treffen und, falls wir noch keinen Trinker im Hause haben, direkt ohne weitere Formalitäten einen mitnehmen.

Restaurantkritik – McDarwich’s Crispy Dinner Station

Tatsächlich hatte ich Skrupel vor einer Restaurantkritik. Ich hätte Verständnis, wenn ein Gastronom nicht in einem Blog namens „Drogenpolitik“ erwähnt werden will. Aber jedes Imbisslokal muss mit bekiffter Kundschaft rechnen und kalkulieren. Denn Kiffer und anders intoxikierte suchen gerne Fastfood-Restaurants auf. Drogeninduzierte Verpeiltheit ist ein Zustand zwischen ‚Keine Lust auf Menschen‘ und akuter Sozialphobie. Ein Fressflash bei leerem Kühlschrank jedoch treibt den lahmsten Stoner raus. Supermarkt kommt nicht in Frage, grelle Beleuchtung und Kassiererinnen machen Angst. Auch Ladenschluss&Sonntagsruhe verhindern viele Einkäufe. Der Schnellimbiss bietet zuverlässig angenehmes Licht, wenig einschüchterndes Personal und die Theke garantiert Sicherheitsabstand. Auch darf man lange ohne Kommunikationszwang die Menütafel bestaunen.

In der Turmstraße in Berlin eröffnete ein neues Imbisslokal, die Mc Darwich’s Crispy Dinner Station. Der Name entstammt wohl dem arabischen Sprachraum. Das wäre keine Meldung wert, aber der Neue zeigte Auffälligkeiten: Während extrem langer Vorlaufzeit von gefühlt einem halben Jahr blieb der komplett eingerichtete Laden geschlossen und machte neugierig. Seit Eröffnung nun ist das Restaurant außergewöhnliches Beispiel für gelungene Integration. Integriert wurden nämlich meisterlich die Konzepte von McDonalds, Burger King und KFC. Die rot gepolsterte 50er-Jahre-Diner-Bestuhlung kommt scheinbar direkt aus einer Burger King Filiale. Viele Gerichte heißen allerdings Mc mit Vornamen und die braun gehaltene Café-Ecke ist von McDonalds mehr als nur inspiriert. Schließlich enthält das Angebot frittierte Hähnchenteile im runden, roten Pappbecher wie ihn einst der Colonel aus Kentucky faltete. Der entscheidende Unterschied: Die Produkte schmecken besser als bei den Vorbildern. Das ist keine große Kunst, sollte in einer Gastro-Kritik aber erwähnt sein.

Der aufgeklappte Burger sieht zwar gewohnt unästhetisch aus, aber man erkennt Sachen, die auch im eigenen Kühlschrank vorkommen. Die Pattys schmecken tatsächlich nach angeröstetem Rindfleisch, Zwiebeln sind scharf und Gurken kühl. Insgesamt sind die Burger nicht so weich, zuckrig und pampig wie bei der mächtigen Übersee-Konkurrenz. Und sie machen sogar satt! Die Hähnchenteile kommen frisch mit knusprig-scharfer Panade. Mein Schatz mag sie, also sind sie mir gut genug. Positiv vermerke ich Hummus im Angebot. Der ist zwar nicht überragend, eher säuerlich und fest während ich ihn lieber fluffig-nussig mag. Aber Hummus ist Wert an sich, also Pluspunkt.
Großes Minus: Die Milchshake- und Softeismaschine funktioniert nicht. Das ist schade, weil ich glaube, Hamburger ohne Erdbeermilchshake gehören gesetzlich verboten.
Insgesamt ist mein Fazit positiv, man kann durchaus zu McDarwich’s gehen und bei schmackhaftem Burger eine Portion absurde Realität genießen.
AW

Nicht-Berliner die lustige Schnellimbiss-Kritiken lesen wollen, sollten unbedingt bei Silagmustafa und seinem Blog Langenfeldisst vorbeischauen.

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Die Ladenfront ist extra breit, damit der volle Name und das gesamte Speisenangebot drauf passen.