Biertrinken in Antwerpen

Letzte Woche machte die Redaktion einen Tagesausflug nach Antwerpen. Es musste ein ganz phantastischer Ausflug werden, wenn man die Erwartungen niedrig hält, wird man auf jeden Fall positiv überrascht. Mein Ziel war eine Portion Fritten und ein Bier. Und mein Schatz wollte einen Blick auf den vielgelobten Antwerpener Hauptbahnhof werfen. Diese Ziele wurden übererfüllt. Ich trank zwei phantastische Biere zu zwei Portionen Fritten und Muscheln. Und den wirklich beeindruckenden, kathedralenartigen Hauptbahnhof inspizierten wir ausgiebig, von innen und außen.

Regenmaschine

Die Stadtverwaltung installierte Regenmaschinen, wie hier vor dem kathedralenartigen, UNESCO-prämierten Rathaus. Damit auch an den seltenen trockenen Tagen Feuchtigkeit von oben gewährleistet ist.

Schon auf der Hinfahrt begegnete uns eine typisch flandrische Spezialität. Der ausdauernde, trotzdem feinperlige, wohl strukturierte und samtig kühle Regen. In der Provinz Limburg zwang uns ein blickdichter Begrüßungsschauer das Tempo zu drosseln. In Belgien soll man nicht schneller als 120 km/h fahren. Denn schon bei einer Reisegeschwindigkeit von 150 hätte man das Land in wenig mehr als einer Viertelstunde durchquert und sämtliche Ortschaften verpasst. In gemächlichem Tempo spart man Benzin, findet auch bei Regen die richtige Ausfahrt und erreicht bequem mit dem Auto die beeindruckende, kryptaartige Tiefgarage unter dem Antwerpener Hauptbahnhof.

Vor dem Bahnhof, dieser Kathedrale der modernen Mobilität, erstreckt sich in alle Richtungen die verregnete, altehrwürdige Handelsstadt. Hier scheint es, wir lebten in einer friedlichen Welt ohne Kriege. Denn orthodoxe Juden in traditioneller Kleidung prägen das Straßenbild. In diesem sogenannten Diamantenviertel hätte ich meinem Schatz gerne eine Portion Fritten spendiert. Sie wollte lieber einen Diamanten im Frittenbudenviertel spendiert bekommen. Wir erzielten darüber keine Einigung und verschoben den Punkt.

Frituur

Diese Frittenbude an der Schelde öffnet nur im Winter, erst ab Windstärke 7 und mehr als 200 l/qm Regen entfalten Outdoor-Fritten ihren vollen Geschmack.

Vom Hauptbahnhof nach Westen zum Grote Markt bietet die Altstadt prächtige, kathedralenartige Gebäude, teure Geschäfte, edel gekleidete Bürger und viele Touristen. Wem der Regen in der Innenstadt zu lasch ist, kann ein kurzes Stück weiter an die Schelde, die offene Weite der Flußmündung verleiht dem Niederschlag das entscheidende Quäntchen Intensität. Wer normale Menschen sehen will, sollte vom Hauptbahnhof Richtung Nordosten spazieren. Da sind die Häuser klein, der Regen verkommt zu leichtem Nieseln, die Einwohner sind entweder betrunken oder dunkelhaarig.

Kleine Karte

Mit nur 15 Flaschenbieren ist das Angebot in der kathedralenartigen Einkaufspassage Staadsfeestzaal eher mickrig. Deshalb speisten wir da nur Waffel und Schokomilchshake.

Heutzutage möchten Reisende in belgischen Metropolen auch Terrorgefahr erleben. Die ist jedoch als abstrakte Bedrohung nicht so ohne weiteres zu besichtigen. Zur Konkretisierung postiert der Staat gut sichtbar bewaffnete Einsatzkräfte. Zum Beispiel Armeeangehörige, die aussehen wie Fallschirmjäger, eher klein und drahtig mit schwerem Gepäck und lässig umgehängtem Sturmgewehr belgischen Fabrikats. Im Tarnanzug, rötlich-braun wie Schlamm eines zentralafrikanischen Diamantentagebaus, wirken sie, als könnten sie sehr routiniert auf dunkelhäutige Menschen zielen. Die Soldaten produzieren Sicherheit von sehr hoher Qualität. Beängstigend dagegen die Polizisten in der Innenstadt, die krampfhaft deutsche Maschinenpistolen umklammern. Teure deutsche Industrieprodukte wie Autos oder Waffen kompensieren bekanntlich Potenzschwäche und andere psychologische Probleme. Da sitzen dann also gestörte Politiker und Verwaltungsbeamte, die zum Beschaffen deutscher Maschinenpistolen Formulare in allen bekannten Amtssprachen ausfüllen. Neueste Schätzungen gehen von 34 bis zu 7254 gültigen belgischen Amtssprachen aus. Das verursacht viel überflüssigen Papiermüll, den muß am Ende die arabische Putzfrau wegmachen. Auf allen Ebenen staut sich Frust an, der sich irgendwann explosiv entladen muss.

Bierladen

Ein typisch belgisches Souveniergeschäft mit eher mittelmäßiger Auswahl.

Wir störten uns nicht weiter dran. Denn wir wollten nicht das Land reformieren, sondern suchten noch Bier und Fritten. Als Fremder in der Antwerpener Innenstadt ist man zunächst etwas überfordert von den vielen Lokalen. In Belgien sollte es eine Brasserie sein, eine Mischung aus französischem Bistro und britischem Pub. Da gibt es deftiges Essen und viele Biersorten. Gegen Mittag verirrten wir uns ins „Elfde Gebod“, ein kathedralenartiger Biertempel direkt neben der kathedralenartigen Liebfrauen-Kathedrale. Die Krabbensuppe schmeckte stark nach Krabben, die Muscheln mild und fleischig, die Fritten innen zart und außen knusprig. Die Wartezeit zwischen Suppe und Muscheln mit Fritten wurde mit einer kostenlosen Portion Fritten überbrückt. Draußen hatte mir der rasensprengerartige Regen einen ordentlichen Bierdurst verursacht. Da kam das hauseigene Bruin vom Faß einer Offenbahrung gleich. Ein dunkles Bier, das alles bot, was wir an dunklem Bier lieben: Ein wenig malzige Süße vom Bock, das seidig-samtige Geschmackserlebnis eines dunklen tschechischen Biers mit feiner Kohlensäure gleich flandrischem Sprühregen. Aber auch das herbe Bittere eines britischen Stouts. Und die Säure von Trappisten-Bieren. Das alles gleichzeitig, in der richtigen Intensität zuverlässig bis zum letzten Schluck. Ich kommunizierte dem Kellner meine Begeisterung, der freute sich und suchte mir als nächstes eine Flasche Carolus aus. Vom Charakter ähnlich, aber die einzelnen Geschmäcker waren mir nicht mehr identifizierbar, sondern zu einem einzigen Wohlgeschmack vereinigt. Die 8% Alkohol machten sich nun auch bemerkbar, ich konnte nur noch stammeln, Carolus sei perfekter als das Hausbier. Der bierselige Kellner soufflierte mir dann, sein persönlicher Traum wäre ein Carolus nicht aus der Flasche, sondern vom Faß. Zur Belohnung erzählte er noch von seinem Lieblingsladen, wo es Spezialerzeugnisse der Carolus-Brauerei besonders günstig gäbe. Die genaue Adresse sagte er nicht, er zeigte in irgendeine Richtung. Aber er schrieb mir die Biere auf, die ich unbedingt probieren sollte, Cuvee van de Keizer und St. Bernardus Abt 12. Ich habe eine Aufgabe.

Carolus

Das Ziel der Reise

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Frohe Ostern und Prost im voraus!

Vorderseite

Einen vernünftigen Artikel kriege ich vor dem Auferstehungsfeste nicht mehr auf die Reihe. Deshalb wünsche ich allen Lesern der Drogenpolitik rauschende Feierlichkeiten mit diesem feierlichen Bierkarton, welcher auf die Verkostung wartet. Ihr dürft Euch auf noch objektivere Biertests freuen, denn neben den vergänglichen 0,75 Litern Bier bescherte mir der Osterhase auch die abgebildeten belgischen Gläser, die mir endlich ein authentisches Geschmackserlebnis ermöglichen.

Bon Secours Blonde

bonSecoursBlonde

Belgische Biere bilden einen eigenen Kosmos. In meiner Jugend wurde diese Braukunst geflissentlich ignoriert. „Die tun Kirschen in’s Bier. Und Zucker. Ans Reinheitsgebot halten die sich sowieso nicht.“ Sprach der Deutsche und kippte genüsslich sein Pils. Ich will es so ausdrücken: Die deutsche Biertradition scheint mir, bei allen regionalen Unterschieden, einem gemeinsamen, hopfenbitteren Ideal zu folgen, Ziel ist ein leicht alkoholischer, erfrischender Brotersatz. Sicher, unsere Bierlandschaft reicht vom flachen, dünnen Kölsch bis zu strengem Pils oder malzig-süßem Bock. Es sind aber immer Variationen ein und desselben Themas. Auch osteuropäische und britisch-amerikanische Biere halten sich weitgehend an dieses Geschmacksideal.
Den Belgiern aber bedeutet ihr Nationalgetränk scheinbar etwas völlig anderes. Die dörfliche Brauerei ist dem Belgier, was dem Franzosen oder Süddeutschen das Weingut. Individualität durch Verfolgen noch der abseitigsten Geschmacksnuancen ist erklärtes Selbstverständnis belgischer Braumeister. Und Meister sind es, denn immer fließt ein rundes, fertiges Produkt ins Glas. Beim modernen Craft Beer amerikanischer Tradition sehe ich die jungen Wilden mit kindlicher Begeisterung Hopfensorten und Duftkräuter mischen. Bei belgischen Handwerksmeistern denke ich dagegen an alte Rezepte, viele bemühen nicht von ungefähr ihre klösterliche Historie. Die Produkte machen mich in ihrer Perfektion oft etwas sprachlos, was diese lange, pseudo-sozialwissenschaftliche Einleitung erklärt. Vieleicht hätte der eine Satz gereicht: Jedes der unglaublich vielen verschiedenen belgischen Biere ist eine ganz besondere Erfahrung für sich.
Durch die Verkostung des Bon Secours Blonde – und durch Recherche bei Wikipedia – erfahre ich also zunächst von der Existenz des Städtchens Péruwelz an der französischen Grenze. Das Bier nun riecht beim Öffnen auffällig intensiv nach Sekt oder Cidre. Dieses edle Aroma setzt sich in der Bitterkeit fort. Dazu kommt aber als Basis ein deutlicher Zuckergeschmack. Der ist als Inhaltsstoff auch auf dem Etikett angegeben. Aber erstaunlicherweise ist das Bon Secours auf der Zunge kein bißchen süß. Eher wie verbrannter Karamell, der nur noch bitter schmeckt, während in der Küche noch schwerer Süßigkeitengeruch hängt. Der Geschmack, ich sollte wohl besser sagen: Die Komposition ist mir sehr angenehm. Das Getränk behält seinen Charakter konstant bis zum letzten Schluck, trotz längeren Verweilens im Glas. Das fällt mir besonders positiv auf, weil ich zeitnah ein ähnliches Helles von Chimay probierte, das sehr viel stärker begann, aber beim Trinken kontinuierlich dünner wurde. Das Bon Secours dagegen verträgt Erwärmung gut und scheint nicht wirklich viel Kohlensäure zu verlieren. Die 8 % Alkohol schmecke ich nicht. Eine einzige Flasche reichte über ein geselliges Mittagessen, begleitet selbstbewusst deftigen Entenbraten und bewirkt allmählich die gewünschte Gelöstheit. Schön.
AW