Arabier – eine edler Vogel aus Flandern

ara-im-glasDas Ara Bier bekam ich von Tom, ich berichtete schon, daß die Drogenpolitik einmal mit proBierchen richtiges Bier austauschte. Das Realweltpäckchen enthielt auch diese höchst interessante, belgische Spezialität. Da seit dem auch schon wieder einige Monate ins Land gegangen sind und die Biere immer noch ungeöffnet in meinem Schrank herumstanden, bekam ich langsam ein schlechtes Gewissen. Also öffnete ich eines schönen Abends dann die Flasche mit dem Papagei. Beim Eingießen bildete sich, höchst auffällig, eine enorme Menge Schaum, der einem aber nicht schon aus der Flasche entgegensprudelt, wie das bei manchen belgischen Bieren der Fall ist, sondern als sauberer Zylinder erst im Glas wächst. Die Schaumbildung weist auf starke Aktivität in der Flasche hin und schon bekam ich wieder ein schlechtes Gewissen: Hätte ich die Flasche nicht lieber noch länger nachgären lassen sollen? Es hätte laut Etikett noch mindestens bis Mai liegen können, denn bei den Belgiern ist das MHD mitunter ja eher der Zeitpunkt, ab welchem eine vernünftige Nachreifung beginnt. Aber letztlich sind die Biere ja zum Trinken da. Ich vermute hinter dem Schaumeffekt das refermentierte Bier, das auf dem Etikett als Inhaltstoff ausgewiesen ist. Nach dem sich im Glas die trinkbare Flüssigkeit nun konsolidiert hatte, wollte ich schon wissen, wie es schmeckt. Denn riechen tat es kaum. Beim ersten Schluck breitet sich ein durchaus voller Körper aus, beim zweiten Schluck kommt etwas schärflicher Alkohol durch. Dann herrscht nur noch Bitterkeit, wie von einem sehr trockenen Sekt. Der bunte Vogel auf dem Etikett täuscht, denn er ließ schon an exotische Früchte denken. Das Bier aber ist durchgehend pulvrig herb, wie ein indisches Curry mit viel Kurkuma, aber ohne alle blumigen Aromen. Im flämischen Wikipedia-Artikel steht, die Bitterkeit kommt von der Trockenhopfung. Wenn ich die verwandte, germanische Sprache richtig entziffere, hätte ich mir um die Lagerung keine Sorgen machen müssen, da Arabier nicht nachreift. Auch die Geschichte des Papageienvogels scheint da kurz erklärt, die erschließt sich mir aber mangels Flämischkenntnissen nun aber nicht.

Wenn das Getränk im Glas ein wenig wärmer wird, zeigt sich ein wohlgeformter Körper in einem eleganten, spröden Gewand ohne alle Schnörkel. Ein staubtrockenes, helles Bier, ich vermute, für den herben Geschmack ist auch die Gerste als einziges Getreide verantwortlich, das nicht, wie bei einem Tripel, von Weizen abgerundet wurde. Den beigefügten Zucker setzten wohl die emsigen Hefen komplett um, die mussten ja schließlich die 8 % Alkohol produzieren. Aber anders als manch süffige, dunkle Starkbiere, die zum Schnelltrinken verführen, ist der Ara nicht so ein euphorisches Rauschmittel, sondern eher ein edler, belgischer  Getreidewein, von dem auch nur ein kleines Fläschchen als genußvolle Begleitung für ein deftiges Essen reichen kann.

Voyage avec Alice

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Meine Erfahrungen mit LSD (genauer: 1P-LSD) zu resümieren, wäre in etwa so, als würde ich die Unendlichkeit des Universums beweisen und erklären wollen.

Ich stehe erst am Anfang meiner Psychonautenkarriere. Daher kann jedes Resümee meiner psychedelischen Reisen immer nur der Versuch eines Resümees bleiben. Dennoch will ich es, getreu meiner Lebenseinstellung, nicht unversucht lassen.

Vor einem halben Jahr habe ich gewagt, was ich nicht so schnell zu wagen träumte. Ich legte mir diesen winzigen Papierschnipsel unter die Zunge, begab mich in die Höhle des Löwen und fand heraus, dass es gar keine Höhle war, sondern das Tor zu einer ganz neuen Wahrnehmung der Welt und meiner Selbst. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es für mich zwei Grundgefühle: Wach sein und träumen. Wie zwei Welten zwischen denen ich pendle. Mit dem Eintritt in die psychedelische Welt erkannte ich ein drittes Grundgefühl, was sich für mich so unbeschreiblich angefühlt hat, dass keine Metapher es verdeutlichen könnte.

Dieser Tag hat mein Leben verändert. Ich esse nur noch gesunde Sachen, habe 20 Kilo abgenommen, bin glücklich mit meinem neuen Job und habe alle Problemfelder meines Lebens bearbeiten können. Bullshit.

LSD hat mein Leben verändert, ja. Aber nicht so drastisch, wie man es sich vorstellt, wenn jemand sagt, „LSD hat mein leben verändert“.

Was sich vor allem verändert hat, ist meine Sicht auf die Welt und mich selbst. Ich baue eine ganz neue, gesündere Beziehung zu meinem Körper auf. Ich lerne, mit meinem Ängsten umzugehen und sie abzubauen, beispielsweise meine Angst vorm Hängenbleiben, Psychose, Verrücktwerden. Oder meine Angst vor dem Tod

Mein Umgang mit Drogen ist ein anderer geworden. Die Reisen ins Unbewusste haben mir gezeigt wie sehr ich mich kaputtmache. Upper sind zur Seltenheit geworden und ich habe gelernt, den Rausch an sich bewusster wahrzunehmen und zu genießen.

Meine Vorstellung von Werten hat sich auch verändert. Ich packe die Dinge immer seltener in Schubladen wie gut und schlecht. Ich nehme die Dinge zunehmend so wahr, wie sie eben sind.

All diese positiven Veränderungen schreibe ich vor allem meinem Umgang mit dieser Substanz zu. Seit ich 15 bin, interessiere ich mich für diesen „ultimativen Trip“. Meine Angst vorm Hängenbleiben hat mich aber daran gehindert, mich dieser krassen Erfahrung zu früh auszusetzen. Durch die Angst habe ich mich jahrelang sehr intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und als ich wusste, dass es soweit war, habe ich den Trip extrem gut vorbereitet. Dafür wurde ich mit Erfahrungen belohnt, die mein Leben nachhaltig bereichern.

Der erste Trip stellt für mich einen Wendepunkt dar. Denn mit diesem Tag begann meine Karriere als Psychonautin. Ja, ich habe mich auch vorher bereits mit meiner Psyche und ihren Tiefen beschäftigt, vor allem durchs luzide Träumen. Doch seit LSD sind diese Forschungen auf ein neues Level gehoben worden.

LSD ist meine Lieblingsdroge geworden.

Und ich kann jedem Menschen, der vor hat, nicht blindlings durch dieses Tor zu gehen, nur den einen Tipp geben: intensive Vorbereitung und Reflektion ist alles!

Namasté

Libra schreibt sonst auf ihrem Blog Self. Konkrete LSD-Erfahrungen hat hier und hier protokolliert. Hier noch mal die Betrachtungen zum selben Thema von Leonard

Das Lob der Lehrerin – Liebster Award von Frau Müller

(Anmerkung der Redaktion: Dieser ungewöhnlich lange Artikel gliedert sich in zwei Teile. Die ersten 672 Wörter sind editorischer Natur, sie enthalten Danksagungen, Lobhudeleien und meine Nominierungen. Danach folgt das Kapitel, wo die Redaktion Frau Müllers Award-Fragen beantwortet. Info zum bequemeren Lesen für Leser, die das eine oder andere gar nicht interessiert.)

Hurra! Die drogenpolitik hat sich wieder einen Liebster-Award erbloggt. Über welchen wir uns ganz besonders freuen. Den Preis erhalten haben wir aus dem Blogspot-Universum von der faszinierenden Frau Müller. Frau Müller ist eine kluge und gutaussehende Lehrererin, die auf den Fotos, die sie von sich Postet, genauso aussieht wie ihr Logo, ein gezeichnetes Portrait mit Schmollmund und Sonnenbrille. Darüber hinaus schreibt sie sehr lesenswerten Unsinn, wie wir das bei der Drogenpolitk schätzen. Und zwar aus ihrem Alltag als Lehrerin. Das Rezept, ein Cooler Lehrer trifft auf grenzdebile Schüler, reicht ja locker für drei Kinofilme. Gute Texte auf dieser Basis scheinen in diesem Land aber immer noch etwas besonderes zu sein. Denn es gibt wohl nur sehr wenig coole Lehrer wie Frau Müller. Und falls doch, bloggen die nicht oder gehen dabei zu Respektvoll mit ihren Schülern um. Außerdem bloggt Frau Müller noch über ihre … wohlgeordneten Beziehungsverhältnisse. Für einen Gesamtüberblick sollte man auch ihre Facebook-Seite abonnieren. Da stehen Bonmots und Anekdoten, denen Frau Müller wohl keinen eigenen Blogartikel widmen wollte, die aber trotzdem lustig sind. Frau Müllers Nominierung kommt ohne lästiges Bild, ohne besondere Regeln und die drogenpolitik ist Mitglied eines besonders exklusiven Kreises von nur zwei Nominierten.

So verfahre ich bei der Weitergabe auch unkonventionell und nominiere hier nur zwei gerngelesene Blogs:

Hopfenmädchen

Schlingsite – Forschungsreisen

Auch überlasse ich es den Nominierten, wie sie mit diesem Preis weiter umgehen. Ich stelle ihnen nämlich überhaupt keine Fragen. Denn ich glaube, alles was Autoren zu ihrem Werk oder zu ihrer Person nicht freiwillig veröffentlichen, hat mich nicht zu interessieren. Darüber hinaus interessiert es mich auch wirklich nicht. In Bezug auf meinen Medienkonsum habe ich da wohl leicht autistische Züge. Ich lasse mich in Geschichten fallen und vergesse die Menschen dahinter. Ich habe ernsthaft Schwierigkeiten, auch berühmte Schauspieler in verschiedenen Filmen wiederzuerkennen. Sie müssen schon extrem markante, starre Gesichter haben, wie etwa Arnold Schwarzenegger. Und auch bei dem muß ich zweimal hinschauen, wenn er kein charakteristisches Maschinengewehr in der Hand hält.  Entweder, ein Text – oder Film – gefällt mir, dann ist es gut so oder es gefällt mir nicht, dann höre ich auf, ihn zu konsumieren. Mir gefallen:

Das Hopfenmädchen schreibt über Bier und präsentiert sich mit der perfekten Mischung aus Humor, Ernsthaftigkeit und Sachverstand als die ideale Person, mit der man gern ein oder zwei oder drei gute Biere trinken geht. Mehr will ich von ihr gar nicht wissen. Sehr neugierig bin ich allerdings auf das in ihrem Blog angekündigte Heimbrauprojekt. Deshalb habe ich einen Wunsch an sie:
Liebes Hopfenmädchen! Wenn Du Deinen ersten köstlichen Gerstensaft selbst hergestellt hast, fasse doch bitte die einzelnen Schritte dahin in einem übersichtlichen Artikel zusammen, daß ich den dann auf der drogenpolitik rebloggen kann. Oder schreib den exklusiv für mich, mit ungefähr folgenden Titel: Wie ein fauler Kiffer beim Sofakissenplattsitzen sein eigenes Spitzenbier reifen lassen kann. Da würde sich die drogenpolitische Redaktion unglaublich freuen.

Schlingsite Forschungsreisen ist ein etwas kryptischer Blog, bei dem sich Nachfragen von selbst verbieten. Man muß das einfach lesen. Die Texte schwojen frei irgendwo in einem Limbus zwischen politischer Satire und ernsthaften Lebensbetrachtungen. Es gibt verschiedene Protagonisten, Frauen und Männer, von deren Leben ein auktorialer Erzähler berichtet. Da gibt es das Personal der virtuellen Partei und immer wieder Jürgen. Durch die intimen Kenntnisse von Jürgens Taxifahrerdasein drängt sich der Verdacht auf, Schlingsite sei ein erfolgreich promovierter Geisteswissenschaftler. Wir wissen, daß wir nichts wissen. Ganz herzlich möchte ich mich vor allem bedanken, weil Schlingsite nicht nur alle meine Artikel liked, sondern sie alle tatsächlich zu lesen scheint. Wie man bei Schlingsite mit diesem Award umgeht, überlasse ich der freigeistigen Kreativität.

Nun aber ans Eingemachte, alle Fragen versuchte ich so ehrlich wie möglich zu beantworten, ohne dabei zuviel von meiner Privatheit preiszugeben:

Frau Müller fragte, Bernadette Botox antwortet für Alice Wunder

1. Warum hast du angefangen zu bloggen?

Ablenkung bei einem Naturwissenschaftsprojekt, das dann kläglich im Sande verlaufen ist. Verarbeitung traumatischer Erlebnisse in einer Print-Redaktion.

2. Wo möchtest du mit deinem Blog hin? Hast du Ziele? Welchen Stellenwert hat dein Blog für dich?

Mindestens einmal die Woche einen Artikel raushauen. Und mit dem Döschen Eßhanf irgendwas sinnvolles anstellen und davon schreiben. Einen Mezcal-Test schreiben und den zusammen mit einer Buchbesprechung in einen Artikel packen. Das liegt schon seit Beginn des Blogs im Entwürfestapel, ist aber auf einem guten Weg. Ein Schluck Mezcal steht seit Samstag im Schnapsschrank.

3. Was würdest du gerne besser machen als Blogger? Gibt es etwas worum du andere Blogger beneidest?

Bessere, authentischere Reportagen, beruhend auf Selbsttests vieler interessanter Substanzen. Ich beneide Frau Müller um ihre … wohlgeordneten Beziehungsverhältnisse.

4. Du musst dich entscheiden: Essen oder Sex? Auf was würdest du eher für den Rest deines Lebens verzichten?

Sex. Essen ist wichtiger. Abgesehen davon, daß man ohne Essen nicht mehr sehr lange Sex machen kann, sollte man mit niemandem ins Bett, mit dem man nicht auch genußvoll Essen kann.

5. Fürs Gucken und Mögen welcher TV-Serie/Show oder welchen Films schämst du dich (ein bisschen)?

Sponge Bob. Nee, da schäm ich mich eigentlich gar nicht für.

6.  Beschreibe deine Schulzeit mit höchstens 10 Worten.

Immer gute Noten ohne Arbeit, ab der 10. bekifft. Lehrerkind.

7.  Hattest du einen Lieblingslehrer (Frau Müller steht NICHT zur Wahl ;-))? Wenn ja, warum war er/sie dein Favorit?

Nein. Ein Deutschlehrer sagte mir mal in der 11. oder 12. auf den Kopf zu, ich sei ein fauler Hund und würde es an der Uni schwer haben. Der war völlig fassungslos, als ich bei ner blöden Barockgedichtbesprechung – so Gryphius oder so – ne Eins aus dem Handgelenk geschüttelt hab, nur weil ich am Vortag zufällig anhand genau diesen Gedichtes das Schema F im Kopf durchgespielt hatte. Da hat der mich wohl näher beobachtet. Diese Art Aufmerksamkeit hat mich schon ein wenig beeindruckt. Da war ich aber schon nicht mehr erreichbar und hatte mir, dank NRW-Wahlsystem, mein Einserabi schon fertig gebastelt.

8.  Was war dein Lieblings- und dein Hassfach? Warum?

Geschichte hat mir Spaß gemacht. Orchestermusik konnte man einfließen lassen. Und Sport habe ich nicht mehr gehasst, seit wir in der Oberstufe kiffen gehen konnten, und für Nichtstören der Engagierten ne Drei kriegten.

9.  Was würden deine Lehrer über deinen heutigen Werdegang sagen?

Schwierig, vor allem weil ich nach abgeschlossenem Geisteswissenschaftsstudium noch nicht mal eine feste Stelle als Taxifahrer habe. Manche wären vielleicht froh, daß ich nicht den bürgerlichen Karriereweg gegangen bin. Aber es fällt mir wirklich schwer, diese Frage zu beantworten, weil neun von zehn meiner Lehrer uralt waren und – ohne ihre Leistung herabzuwürdigen – beim Thema Zukunft und Werdegang scheinbar nur noch die eigene Pensionierung im Kopf hatten.

10.  Dreieck: Eltern – Schule – Kind. Du bist das Kind. Wie stand es mit den Verbindungen in deiner Schulzeit? Waren deine Eltern zu Gast auf jedem Elternabend? Vielleicht sogar Elternsprecher. Zu wem haben deine Lehrer gehalten: zu dir oder zum Lehrer? Wie ging es dir damit?

Lehrerkind. Meine Lehrerinmutter, damals schon lange Hausfrau, hat in der Grundschule mal eine Lehrerin weggemobbt. Dank guter Noten gab es sonst keine Einmischung. Freimachen, wenn der Stundenplan sich nicht in den Familienalltag einfügen will, war hochwillkommen.

11.Klassiker „Endzeit-Szenario“: Du gehörst zu 1000 Menschen, die nach dem Weltuntergang eine neue Zivilisation auf einem entfernten Planeten gründen dürfen. Weil du so genial bist, wirst du in ein Gremium berufen, dass die neue Verfassung für diese Welt erarbeitet. Welche Vorschläge würdest du einbringen?

Ich les grad mal wieder den Machiavelli. Demnach gibt es immer drei verschiedene Schichten. In einem guten Staat müssen deren Interessen ausgeglichen sein. Das monarchische Element, wir würden wohl heute sagen, die Exekutive, darf nicht erblich sein. Am besten muß man die Konkurrenz der herrschenden Familien für ein geschicktes Wahlsystem ausnutzen. Da hilft wohl keine Revolution und erst recht keine Apokalypse gegen, die Adelsfamilien wird es immer geben und es werden immer die selben bleiben. Diese Adeligen – also die Besitzenden, heute wären das die Wirtschaftsbosse und Großaktionäre – müssen ihren Ehrgeiz zum Wohle des Staates ausleben können. Und das arbeitende Volk will in erster Linie in Ruhe gelassen werden. Ideal wäre demnach eine Art rheinischer Karnevalsmonarchie. Der König muß regelmäßig große Feiern und Paraden organisieren, wo der Adel sich entsprechend seiner Hochwohlgeborenheit bejubeln lassen kann. Der Adel muß dabei der Jubelmenge genug Schnaps spendieren und das alles so einrichten, daß vom arbeitenden Volk keiner wegen irgendwelcher Straßensperren abends nicht rechtzeitig zur Sportschau nach Hause kommt. Dann läuft es Rund im Staat.

Bernadette Botox Portrait

Unsere geschätzte Redaktionsassistentin, Bernadette Botox, hat sich heute extra aufgebretzelt, damit sie der bezaubernden Frau Müller wenigstens ein wenig das Wasser reichen kann. Wir haben allerdings nur stilles Wasser in der Redaktion. Wer lieber was mit Kohlensäure will, muß Bier trinken.

Keine Angst im öffentlichen Nahverkehr

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Sinn aller Werbung ist, im Gespräch zu bleiben. Und da hat die BVG mit ihrer Kampagne alles richtig gemacht, wenn jetzt sogar ich auf meinem Eigenbrötlerblog davon schreibe. Natürlich kommt das Klischee der koksenden Modebranche etwas altbacken daher. Kokain ist im Mainstream angekommen, Banker berauschen sich nur noch an toxischen Papieren und die Modebranche nagt am Hungertuch. Behaupte ich jetzt einfach mal so, ohne einen Kokser, Banker oder Modedesigner zu kennen. Aber genau diese Altbackenheit paßt zu einem Betrieb der öffentlichen Hand.

Ich mag die BVG. Nach dem ich länger in Berlin lebe, sollte ich mich zwar assimiliert haben und müsste, gleich den Autochthonen, wie ein Rohrspatz über die ‚Öffentlichen‘ schimpfen. Aber das ländliche Trauma selten fahrender Linienbusse wirkt lange nach. Es begeistert mich immer noch, daß man in der Innenstadt nirgendwo länger als 10 Minuten wartet, um überall hin zu kommen. Trotzdem ist natürlich nicht alles rosig. Denn die Berliner U-Bahn ist zweifellos auch Paradebeispiel und  Konkretisierung des ominösen Begriffes Angstraum. Eine Zeitlang betrat ich die Öffentlichen nur bekifft. Im Wagen voller merkwürdiger Leute, die bedrohlich vor sich hin starren, redete ich mir ein, daß sei nur eine leichte, drogeninduzierte Beklemmung und folglich reine Einbildung. Derartige Wahrnehmung im nüchternen Zustand aber müssten jeden vernünftigen Menschen in Panik ausbrechen lassen.

Es gibt ja besonders unangenehme Verbindungen. Die U8 etwa, welche die Elendsviertel Neukölln und Wedding in grader Linie verbindet und dabei mitten durch die neue Mitte fährt. Fraglich, ob nun das Lumpenproletariat oder die Boheme abstoßender ist. Die einen ersehnen angstvoll den viel zu weit entfernten Monatsanfang. Die anderen plagt, zu den ubiquitären Geldsorgen, noch die Angst vor zu wenig Beachtung. Aber wer kann schon beurteilen, wer schlimmer dran ist: Einer, der sich vor dem Absturz von ganz unten ins Bodenlose fürchtet, oder jemand, der Angst hat, daß der Aufstieg mißlingt, auf den man sich einen Rechtsanspruch einbildet. Wer dieses Leid in der U8 nicht mehr erträgt, kann zur Ablenkung den florierenden Heroinhandel in der Bahn und entlang der Strecke beobachten.

Dann gibt es natürlich wirklich gefährliche Linien. Wochenends ab etwa 22 Uhr ist, unter anderen, die U1 Richtung Wahrschauer Straße unbedingt zu meiden. Man wird erdrückt von vorgeglühtem Feiervolk, fühlt sich im Geräuschbrei aus alkoholisiertem Spanisch und Englisch fremd in der eigenen Stadt. Und muß Partytouristen anschauen, die meinen, nur weil Berlin eine häßliche Stadt sei, dürfen sich auch Besucher auf das geschmackloseste anziehen. In den Morgenstunden wiederholt sich die Katastrophe in allen Bahnen in umgekehrter Richtung. Da kann man sich leicht im Redeschwall überdrehter Landeier eine ernstzunehmende Gehirnverrenkung zuziehen.

Fühlbar wie abgestandene Luft aber wird die Angst in jeder Bahn, wenn sich nach dem Schließen der Türen eine Stimme erhebt. Bestenfalls ist es eine Fahrscheinkontrolle, welche nach allgemeiner Schrecksekunde manchmal in ein unterhaltsames, kleines Sozialdrama mündet. Wirklich beklemmend aber sind die Bettelmonologe zwischen zwei Stationen, ohne daß der brave Bürger eine Fluchtmöglichkeit hätte. Hier muß man sich um Ignoranz bemühen, der zivilgesellschaftliche Konsens des Wegschauens wird zu einem kollektiven Kraftakt. Ich etwa gebe prinzipiell nur Musikern, gern russischen Schnulzensängern oder Zigeunerbands. Klar, die betreiben Kinderarbeit, aber damit hätten sie Mozarts Eltern auch drangekriegt. Laute Musik erfreut das Herz und vertreibt dunkle Gedanken. Die Bettler aber konfrontieren ungefragt mit den eigenen, ethischen Prinzipien. Die besten dieser Gewissensdienstleister treffen ins Mark menschlicher Gefühle. Manchmal reicht nur der Anblick, wie einer kurz durchatmet und Kraft schöpft, bevor in ausgefeilt choreografierter Liveperformance für ein paar Cent ein gescheitertes Leben zur Aufführung gebracht wird.

1-Propionyl + LSD

Wer von sich behauptet, er sei verrückt, der ist es meistens nicht. Und wenn jemand ziemlich strukturiert, aber fast überschwänglich von psychotischen Episoden schreibt, läßt das eine gehörige Portion Fachwissen vermuten. Eine göttliche Komödie des Geistes führt Leonard auf seinem Mind Comedy Blog auf, welchen ich drogenpolitisch interessierten Lesern wärmstens empfehle. Heute mit dem Reblog eines Artikels, der in dieser Mischung aus Sachlichkeit und Begeisterung eine völlig legal als Research Chemical erhältliche Variante des LSD beschreibt. Das passt mir gut, denn ein Artikel von Libra dazu liegt wahrscheinlich noch eine Weile auf meinem Schreibtisch zur Redaktion. Einziger Wermutstropfen, es fehlt ein Beitragsbild. Ich empfehle daher interessierten Lesern, die empfohlene Substanz 1-P-LSD sogleich selbst auszuprobieren, sodann ein Bild zu malen und es uns zur Begutachtung zukommen zu lassen. Dem Gewinner wird ein Artikel gewidmet.

Mind Comedy: Blog

1-Propionyl, eine Propionyl-Gruppe in Eheschließung mit LSD. 1P-LSD. Die wertvollste RC die mir je begegnete.

Vorwort:

Wir steigen ein in eine neue Thematik der Partial-Synthetika: LSD (25) ist uns allen bekannt, die verrückten Hippies haben das damals doch immer genommen, stimmts? Nungut, mag sein. Dann gibt es in der Moderne sogar Leute die sagen Chemie nehmen ginge garnicht, sie würden nur Natürliche Substanzen einnehmen. LSD ist ein Psychedelikum, genauso wie Psilocyn. Psilocyn ist Chemie, LSD ist Chemie. Schade Schokolade! Wir trauern alle stets um die Illegalisierung des LSD (25) und sehen kaum einen anderen Lichtblick als das verräterische „Darknet“. Lasst euch bescheißen liebe Kinder, lasst euch bescheißen. 1P-LSD könnte die Dunkelheit des Darknets erhellen und vergessen lassen… Gutes Koks ist leider immernoch auf’s Deepweb angewiesen, dieser Satz lässt mich schmunzeln.

Einstieg in die Thematik:

LSD (25) wird aus Lysergsäure hergestellt, welche tatsächlich kompliziert zu isolieren ist, wenn man sein eigenes…

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Der Blogger Glumm schreibt richtig klasse – ich wünschte, ich wär halb so gut

Das ist ja auch nicht ungefährlich, die Arbeit am Marihuanastrauch. Ein Freund von mir ist mal im Sommer mit nacktem Oberkörper in die reifen Fruchtstände gefallen, das sah nicht gut aus. Das sah krebsrot aus. Das war schlimmer als Feuer. Das war eine schwere allergische Reaktion. Von da an juckte und brannte sein Bauch, der Rücken, die Arme, sein ganzer Oberkörper leuchtete wie ein Hummer. Er wäre fast verrückt geworden, konnte aber schlecht zum Hautarzt gehen, tu mal ne Salbe rüber gegen Marihuanablütenverbrennung.
Ich mein nur.
Kommentar Glumm zu „Polen können’s besser

Mit meinem alten Kumpel Karlos pflegte ich rituell Haschisch-Tee zu trinken. Das waren besondere Erlebnisse, weil die langanhaltende Wirkung eines guten Tees mit dem Abbrennen eines Joints wenig gemein hat. Es ist eher eine Art Trip. Einmal sind wir zufällig in Remscheid in einer Sporthalle gelandet, voll auf Tee, es war Nachmittag, Roter Libanese, ich schätze 1985. Das Rollhockey-Bundesliga-Team hatte gerade Training. Wir setzten uns auf die Tribüne und verloren uns im Sound des Spielballs. Die kleine, schwarze, harte Pille sauste durch die Halle wie ein Sektkorken und klackerte uns um die Ohren dass wir dachten, die wollen uns kaputtklackern. Wir waren nie wieder irgendwo so schnell draußen.
Kommentar Glumm zu „Haschisch Essen

Diese beiden kurzen Erzählungen kommentierte der literarische Blogger Andreas Glumm unter Artikeln von mir. Da bin ich sehr stolz drauf. Einmal, weil jemand, den ich und viele andere gern lesen, meine Artikel bemerkt. Und dann, weil da ein paar Splitter eines schönes Werkes meinen Blog zieren. Denn in diesen aus dem Handgelenk getippten Kommentaren entfalten sich kleine Geschichten, die Glumms erzählerische Fähigkeiten belegen. Es ist klar, daß ich mit diesem Artikel Andreas Glumm nicht irgendwelche neue Leserschaft bescheren kann. Ich gehe mal davon aus, daß so ziemlich jeder, der anspruchsvolle Blogs liest, den Glumm kennt. Vielmehr ist das ein ziemlicher offensichtlicher Versuch des Clickbaitings meinerseits. Wenn ich seinen Namen in der Überschrift erwähne, kann ich hoffen, vielleicht den einen oder anderen Interessenten auf meine Seite zu ziehen. Aber auch inhaltlich gehört ein Glumm in der drogenpolitk erwähnt, weil seine mehrjährige, hauptamtliche Beschäftigung mit Opiaten einen nicht unwesentlichen Teil seines Werkes ausmacht. Und dann versuche ich natürlich in so einer Laudatio herauszufinden, was es ist, das gute Schreiben.

 Bei Glumm ist es eine scheinbar ideal große Portion Selbstvertrauen, gespeist von einer scharfen Beobachtungsgabe und Empathie. Er hat keine Probleme sich selbst in einer Geschichte die Hauptrolle zu geben. Gleichzeitig sind die anderen Rollen handwerklich fein und liebevoll ausgeschrieben. Und er gibt freiwillig Raum, wenn ein noch größerer Selbstdarsteller auftritt. Ein narzistischer Stolz auf die eigene Menschenliebe, könnte eine glummsche Formel für gehaltvolles Schreiben lauten.

Neben dem Unterhaltungswert ist auch die Form seiner Veröffentlichungen hochinteressant und Lehrreich. Denn er meint es richtig ernst mit dem Schreiben. In seinen beiden Publikationen, 500 Beine und dem Studio Glumm – locker machen für die Hölle begegnen dem aufmerksamen Leser immer wieder die selben Figuren, Situationen und Motive, die aber kontinuierlich bearbeitet, umgeschmiedet und verbessert werden. Und genau das liebe ich am Bloglesen so, daß man mitunter einem Künstler bei der Arbeit zusehen kann. Es wird im Schaffen öffentlich, was früher vielleicht zufällig als Zettelsammlung in einem Nachlaß gefunden wurde.

Brennend interessiert schließlich der Unterschied zwischen gutem und wirtschaftlich erfolgreichem Schreiben. Auch da weiß Glumm überaus unterhaltsame Antworten. Regelmäßig nämlich kommen Menschen auf ihn zu, die ihm bereitwillig die Hand entgegenstrecken um ihn in den Olymp der Berufsschriftsteller zu hieven. Doch anstatt diese Hände zu ergreifen, verfaßt er lieber lebensechte, skurrile Berichte über diese Begegnungen. Ein jüngstes Glanzstück seiner Prosa ist etwa, wie er mal einen Literaturpreis gewann und die 2000 Mark Preisgeld konsequent schnellstmöglich versoff.
Man möchte beim nächsten Heimatbesuch einen Abstecher machen Richtung Solingen, sich einreihen in die lange Schlange der Mahner und Bessermeiner und dem Glumm ein paar Nackenschläge verpassen, daß er doch den Verlagsfritzen wenigstens ein bißchen entgegenkommen möge, einfach weil er es so gut könnte. Und dann wird man nach Hause fahren und gespannt warten, was für eine unverkäufliche, aber brillante Anekdote über diese Begegnung der große Glumm völlig kostenfrei zu unser aller Vergnügen in die Blogosphäre postet.

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Das offizielle Pressefoto, freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Studio Glumm, zeigt den Künstler in seiner natürlichen Umgebung. Der Bergische Heimatschriftsteller ist inzwischen alt genug für mindestens zwei eigene Blogs und Besuche beim Kardiologen seines Vertrauens.

Asoziales Dreckspack aus dem Bilderbuch – Hexe Total 2

Gleich zu Beginn dieses Artikels muß ich zu meiner Schande offenlegen, daß ich das besprochene Buch selbst gekauft und von eigenem Geld bezahlt habe. Obwohl viele Arbeiten des tasmanischen Comiczeichners Simon Hanselmann frei im Internet zugänglich sind. Zufällig bin ich in einem Comicbuchladen mit klischeehaft brummigem Besitzer gestrandet. Da merkte ich schon beim durchblättern, daß ich zwar die meisten Geschichten kannte, aber eben nicht alle. Belohnt wurde ich mit 176 Seiten Comiclesevergnügen auf dickem Kartonpapier in angenehmen Pastelltönen. Das Geld gönne ich Hanselmann durchaus. Ich halte ihn für einen großartigen Künstler, schon seine Lehrer glaubten an ihn, wie diese Zeugnisse aus der Schulzeit beweisen. Der Zeichenstil ist minimalistisch, aber die Charaktere sind Extrem plastisch, durch langjährige Aktivität haben sie alle eine Biografie, umfangreicher als die Schulakte eines Problemkindes. Wahrscheinlich beruhen sie sogar auf echten Menschen. Und zwar einem Haufen beklemmend gemeiner und verkommener Subjekte. Sie sind nicht etwa bösartig, sondern, viel schlimmer, völlig abgestumpft und gleichgültig. Sie amüsieren sich, wenn sie sich gegenseitig in ihren Sumpf herunterziehen und festhalten können.

vollpfosten

Grade bei einfacher Sprache und guten Englischkenntnissen muß man eine Deutsche Übersetzung kritisch betrachten. Aber einen ‚Fuckstick‘ als ‚Vollpfosten‘ zu bezeichnen, ist eine gelungene Übertragung dieser lauschigen Lagerfeuerszene.

Die Geschichten drehen sich um eine kleine Hausgemeinschaft und ihren Freundeskreis. Meistens spielen sie im verwahrlosten Wohnzimmer, vor immer gleicher Kulisse von Bong, Eimer und Pizzakartons. Mein Australienkorrespondent, der bisher wegen ausgiebiger Recherche noch keine Artikel abliefern konnte, bestätigte mir die Authentizität der Wohnsituation. In Sidney teilen sich viele junge Leute ein eingeschossiges Haus zur Miete, die Häuser haben, wie im Comic, alle ein kleines Stück Rasen, umgeben von braunem Lattenzaun. Sozusagen englische Arbeiterreihenhäuschen in der Billigvariante aus Presspanholz.

Die Hexe Megg ist die Femme Fatale im Zentrum. Sie wohnt zusammen mit ihrem festen Freund, dem Kater Mogg und dem nicht ganz so heimlichen, aber chancenlosen Verehrer Eule. Ständiger Gast ist Werwolf Jones, Meggs heroinaffiner Exfreund aus Schulzeiten und Drogendealer. Die Konstellation könnte hochexplosiv sein, würden die Beteiligten ihre Emotionen nicht konsequent im Rausch ersticken. Megg versucht die Nebenwirkungen ihrer vielen Psychopharmaka mit Gras und Alkohol zu kontrollieren. Ihr Freund Mogg macht jeden Unsinn mit, bleibt aber etwas undurchsichtig. Als Kater zeigt er sich arttypisch klug, faul und opportunistisch. Gelegentlich stiftet er seine Freunde zu grausamen und demütigenden Streichen an, wenn denen selbst keine mehr einfallen. Die gehen natürlich ausschließlich zulasten von Eule, der fast wie im Stockholmsyndrom in der freiwilligen Gefangenschaft der Hausgemeinschaft ausharrt. Denn er leidet unter Einsamkeit und sehnt sich nach Anerkennung. Sein latentes Alkoholproblem hat er durch Dauerkiffen ganz gut im Griff. Er wird völlig zurecht gemobbt, denn er will sich partout nicht an die harmonische Gemeinschaft der Sozialhilfeempfänger anpassen. Er hat einen Job und will sogar weiterkommen. Auch macht er sich verhaßt, weil er oft vorsätzlich versucht, nachts zu schlafen und tagsüber sinnvolle Dinge zu tun.

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Megg ist nie um Antworten verlegen.

Wie alle Kifferbuden ist auch diese Truppe aus Down Under ein Paradies für alle, die dort Urlaub von ihrem richtigen Zuhause machen können und die Hölle auf Erden für diejenigen, die dort leben müssen. Wer sich für Megg und ihre verwahrlosten Haustiere interessiert, sollte sich auf Hanselmanns Tumblr Girl Mountain ausgiebig einlesen. Die älteren Beiträge aus dem Archiv enthalten nicht nur Fortos von Hanselmann in Frauenkleidern, sondern auch recht lange Comicgeschichten. Wem das gefällt, der sollte die 25 Euro, die ein Buch kostet, sinnvoll in Gras oder eine Flasche Schnaps investieren und weiter im Internet Recherchieren.

Drogenszene to go

gelbe-wartehauschenDer kleine Tiergarten liegt mitten in Moabit. Das ist nicht wirklich ein Park, eher ein länglicher Streifen Grün zwischen den parallel verlaufenden Verkehrsadern Turmstraße und Alt Moabit. Lange Zeit war das ein ziemlich versumpftes und verkommenes Stück Erde. Und zwar ziemlich wortwörtlich, denn Wildwuchs von uralten Bäumen und Buschwerk bildete ein modriges, unübersichtliches Dickicht. Da konnten sich Menschen verstecken, die keine bessere Bleibe fanden, aber auch nicht unbedingt die komplette Existenz ungeschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit ausbreiten wollten. Alteingesessen war die Trinkerszene, die sich praktischerweise im gegenüberliegenden Netto versorgte. Da die Pfandflaschen hier noch nicht von einem Automaten, sondern von Mitarbeitern persönlich entgegengenommen und handschriftlich quittiert werden, ist auch für zwischenmenschlichen Kontakt ausreichend gesorgt. So hätte der kleine Tiergarten in schattiger Harmonie friedlich weiterexistieren können.
Dann aber kam irgendwo jemand auf die Idee, das Gelände zu sanieren. Das alte Gesträuch wurde ausgedünnt, die Spielplätze renoviert und die Wege übersichtlich gestaltet, damit die Bürger wieder einen schönen Park haben. Das stieß nicht überall auf Gegenliebe. Berechtigterweise empörten sich viele über die Vernichtung des alten Baumbestandes. Gefühlte zwei Jahre klebten wütende Protestbriefe entsprechender Initiativen im ganzen Viertel, vorzugsweise natürlich an den gefährdeten Bäumen. Auch die Riesenkiesel waren einen Aufreger wert, rundlich flache Betongebilde, die als völlig unnützer Landschaftsschmuck den Steuerzahler ein erkleckliches Sümmchen kosteten. Manch leisere Stimme sorgte sich auch um die offensichtlich geplante Vertreibung der Marginalisierten. Diese Sorge war aber völlig unbegründet. Die vormals von Büschen verdeckte Trinkerszene entwickelte sich weiter, nach Entfernung der Sichthindernisse eigentlich nur logisch, zur offenen Drogenszene. Mit allem dazugehörigen Ärger und Medienrummel. Die unmittelbare Nähe zum LAGetSi, republikbekannte Erstanlaufstelle für Flüchtlinge, trug nicht unbedingt zur Befriedung des Geländes bei.
Eine sinnvolle und soziale städtebauliche Maßnahme aber ist die Errichtung eines leuchtend gelben Unterstandes, der zusammen mit dem Pissoir gleicher Bauart, rechts im Bild, jetzt ein hübsches Ensemble bildet. Der Unterstand ähnelt einer Bushaltestelle, nur daß die offene Seite nicht zur Straße, sondern zum Parkgelände weist. Da finden die Nutzer bei Wind und Regen ein wenig Schutz. Wir Anwohner aber können nun dort vorbeigehen, unter den Versammelten eine unverbindliche Auswahl treffen und, falls wir noch keinen Trinker im Hause haben, direkt ohne weitere Formalitäten einen mitnehmen.

Glenmorangie Single Malt Extremely Rare 18 Years Aged

Diesen herrlichen Single Malt fand ich unter dem Weihnachtsbaum. Daß er „Extremely Rare“ ist, sei mir herzlich egal, viel wichtiger, er ist auch noch extremely lecker. Die Spirituose eignet sich vorzüglich als Einstieg für eine Karriere als Alkoholiker. Mehrere erfahrene Ärzte versicherten mir unabhängig voneinander, chronische Sauferei sei eigentlich nicht schädlich. Aber leider nur genau so lange, bis man sich keinen guten Stoff mehr leisten kann, erst mit dem Fusel kommt der Verfall. Wahrscheinlich deshalb hielten die betreffenden am wohldotierten Medizinerberuf fest. Der allerbeste Stoff aber ist nun nicht Whisky, sondern schon immer Wein und seine Konzentrate, vornehmlich französische Brände. Das erklärte mir Big T, als er mir mal beibrachte, wie man sich richtig betrinkt. 

Big T, ein großer schwarzer Mann aus Nashville, Tennessee, ist von sich aus schon ein Riese und wenn man sein Selbstbewußtsein mitrechnet, etwa 2,95 Meter groß. Als wir uns kennenlernten, war er grade dabei, für sich und sein Schatzi ein Haus in Brandenburg zu suchen. Er fand es da schön und die Nachbarn konnten ihn nicht einschüchtern. Ich glaube er hat vor gar nichts Angst. Denn er wuchs mit zehn Geschwistern im amerikanischen Süden auf. Von seinem Vater erzählte er gar nichts und von seiner Mutter, daß sie theoretisch hätte wählen dürfen, wenn man sie einen Paß hätte beantragen lassen. Er hatte auch schöne Momente, zum Beispiel Barbecues für die Nachbarschaft im Garten von Johnny Cash. Er fand sogar eine ordentliche Arbeit, bei der Armee. Da fing er sich unter anderem eine Kugel, als er im Irak Software in Panzer installierte. Wahrscheinlich Windows, die deutsche Panzerhaubitze 2000 jedenfalls läuft mit Windows XP. 

Schließlich verließ Big T aber die Armee und blieb in Berlin bei Schatzi. So verabredeten wir uns zum vorsätzlichen Betrinken. Big T erwartete mich vor dem KDW, gekleidet wie ein Bodyguard des Präsidenten, schwarzer Anzug, weißes Hemd und Sonnenbrille, nur ohne Sprechfunk im Ohr. Im Kaufhaus dann quatschten ihn hübsche, junge Mädchen an, vorgeblich weil sie ein passendes Geschenk für ihren Freund suchten, und nein, sie hielten ihn nicht für einen Angestellten. Big T wählte schließlich eine Flasche Remy Martin, der Cognac mit dem besten Preisleistungsverhältnis. Den köstlichen Nektar leerten wir gemütlich mit Pappbechern auf den Bänken eines Spielplatzes. Dabei erfuhr ich noch die Geschichte, wie amerikanische Soldaten ihre Dienstzeit in Panama traditionell mit Unmengen Marihuana absitzen. Dabei darf man sich nicht erwischen lassen, sonst wird man nie in Berlin stationiert. Da kamen nur Soldaten hin, die gut aussehen und sich benehmen können. Dann ging es in einen Club in Charlottenburg, wo die afroamerikanische Gemeinde Berlins feierte. Da war ich aber zu betrunken und die Gäste waren für mich zu alt und zu groß. Ich fuhr dann bei Sonnenaufgang mit dem Fahrrad nach Hause, merkwürdigerweise unfallfrei, obwohl mir von der Siegessäule bis zur Haustür die Erinnerung komplett fehlt. Ein schöner Abend, der eigentlich überhaupt gar nichts mit Whisky zu tun hat. 

Aber Whisky avancierte dem Vernehmen nach nur deshalb zum Edelgetränk, weil irgendwann vor mehr als hundert Jahren die Reblausplage sämtliche französischen Weingärten vernichtete und den Cognachändlern der Nachschub ausging. Schottische Kornbrenner kauften die gebrauchten Weinfässer billig und bauten ihren Sprit darin aus. Guter Whisky also will eigentlich wie der sanfteste Cognac schmecken. Und das tut der 18jährige Glenmorangie. Vor allem wenn man die leichte Schärfe mit ein paar Tropfen Wasser löscht. So lässig aus dem Handgelenk ins Glas gespritzt, wie das der whiskyliebende Sozialarbeiter in dem pädagogisch äußerst wertvollen Whiskytrinkerlehrfilm Angels‘ Share vorführt. Sonst hab ich da allerdings nicht viel gelernt, denn ich weiß immer noch nichts eloquentes über Schnäpse zu sagen. Ich lande schließlich bei Cognac wenn ich über Whisky schreiben wollte. Und ich nehm gern leckere Brände um ihrer Wirkung willen zu mir. Der Glenmorangie bewirkt bei mir eine Art psychedelische Sattheit, als hätte ich mir ein komplettes Kornfeld einverleibt, mit einer Spur von Schlauchpilzen drin. Das bleibt in Erinnerung. Denn obwohl ich allein aus Geiz sehr selten davon trinke, wache ich in letzter Zeit regelmäßig mit der Geschmackserinnerung auf und habe das Bedürfnis, den Tag mit einem Tropfen Lebenswasser zu starten.

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Der Stoff kommt in wertiger Verpackung, die in Größe und Fertigungsaufwand an einen Kindersarg erinnert. Marketingexperten und Produktdesigner hätten helle Freude daran, wäre ihr Gefühlsleben nicht schon längst berufsbedingt totgesoffen.

Duftig einen im Tee – Dank Arabella

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Unversehens nahm mich Arabella auf ihre Liste für Bloggertee. Da erhalten virtuell befreundete Menschen von der eifrigen Gärtnerin zur Adventszeit richtig realen, selbstgesammelten Kräutertee. Der ist gut, bekömmlich und lecker. Zum Dank widme ich ihrem Tee den letzten Artikel des Jahres mit vielen Links zu Arabellas schönem Gartenblog. Das paßt auch richtig gut zu meinem themengebundenen Blog, denn das Wort Droge bedeutet ja ursprünglich zum Verzehr getrocknetes Pflanzenmaterial.

Dann wollte ich schon lange die Geschichte vom chinesischen Tee erzählen, der uns Europäer nüchtern machte und zur Welteroberung und Gründung von Risikokapitalgesellschaften befähigte. Und den ersten Drogenkrieg der Geschichte entfachte, weil England sein durch Tee verursachtes Außenhandelsdefizit mit Opiumverkauf ausglich. Allerdings handelt die Geschichte nur von besser gestellten Europäern, die vor dem Tee ausschließlich Bier tranken und Alkohol für den einzig wirksamen Infektionsschutz hielten. Aber nicht jeder konnte sich unbegrenzt Bier leisten und erst recht keine Ärzte, die teure Tinkturen verschrieben. Das einfache Volk wird schon immer die heimischen Kräuter zu Heilung und Genuss verkocht haben. Also erzähle ich ein andermal vom importierten Tee und widme mich heute der Kräutermischung.

Es handelt sich um einen sogenannten Haustee, eine Mischung für den täglichen Gebrauch, mit viel Brombeerblättern als Füllstoff und wenig Heilkräutern, der deshalb bedenkenlos täglich eingenommen werden kann. Denn auch Naturmedizin ist nicht immer sanft und sollte nicht ohne Not überdosiert sein. Aber hier habe ich ein richtig gutes Genußmittel von dem ich wirklich aufs angenehmste überrascht bin. Ich hatte so meine Vorurteile gegenüber Kräutertees. Die meisten sind einzeln aufgegossen nämlich ziemlich dünn, während in der Nase ein Aroma penetrant dominiert. Paradebeispiel sind Kamillenteebeutel, mit denen gern wehrlose, kranke Kinder gequält werden. Arabella aber hat die Kräuter fein aufeinander abgestimmt. Im Geschmack dominieren Minze und Kamille. Die anderen Kräuter runden den Tee ab, bilden ein unaufdringliches, grasiges Bett, das eigentlich nur ein gutes Mundgefühl vermittelt. Tatsächlich so, wie ich das von hochwertigen grünen oder weißen Tees kenne, heißes Wasser, das angenehm schmeckt. Eine Wirkung ist auch zu spüren, den Kreislauf beruhigend und den Verstand klärend. Der Kräutersud macht ein wenig nüchtern, aber nicht so kribbelig, wie koffeinhaltige Getränke.

Natürlich inhaliere ich die Mischung auch in meinem elektrischen Kräuterverdampfer. Da ist sie nicht sehr ergiebig, erst auf höchster Stufe, nominell 200° C, kommt etwas spürbarer Dampf. Der schmeckt hauptsächlich nach den vielen ätherischen Ölen der Minze. Auffallend ist eine samtig angenehme und beruhigende Wirkung im Rachen, wohltuend wie ein Hustenbonbon. Da lassen wohl nicht nur die Minzsorten, sondern auch das Lungenkraut Heilkräfte walten. Nach der dritten Ladung spürte ich sogar eine kurze, kleine Realitätsverschiebung, ähnlich wie bei Salvia Divinorum. Vielleicht helfen die Brombeerblätter wirklich, verborgenes zu sehen und Hexen zu entdecken. Es könnte auch der Hanf vom Vortag gewesen sein. Eine Rauschwirkung brachte die Inhalation nämlich nicht. Aber ich möchte mich schon nach der Wirkung einzelner Kräutern der Volksmedizin erkundigen. Zur Hustenbehandlung scheint mir der Vaporizer nämlich viel praktischer als das altertümlich Dampfbad mit Handtuch überm Kopf.